(267) Connie Dormouse hatte das Gemälde ausgepackt und gegen die Wand gestellt, bevor sie es sich anschaute.

von Alain Fux

Connie Dormouse hatte das Gemälde ausgepackt und gegen die Wand gestellt, bevor sie es sich anschaute. Es verschlug ihr die Sprache. „Am… Am…“ – „Was ist los, Connie?“ Amber Hines, die Präsidentin der Lake Artists Association kam und blickte auf das Bild. „Oh“, sagte sie nur. Dann öffnete sich die Tür der Galerie und Jessy Lewis kam herein. „Komm mal her, Jessy“, sagte Amber. Dann starrten die drei Frauen gemeinsam auf das Bild vor ihnen. Darauf sah man eine Berglandschaft mit See und davor einen nackten Mann mit recht prominent gemaltem und sehr großem Genital. „Von wem ist es?“, fragte Amber. „Eamonn Mellors“, Connie brauchte nicht auf den Begleitzettel zu schauen. „Ich ahnte es. Der Mann bringt uns nur Ärger.“ – „Es heißt ‚Easedale Tarn'“, fügte Connie hinzu. „Ha“, schnaubte Amber, „und das soll wohl auch Wordsworth sein, davor?“ – „Nein, der genaue Titel lautet ‚Easedale Tarn – ein Selbstporträt'“ – „In seinen Träumen“, murmelte Amber. „Was machen wir damit?“, fragte Jessy. „Wir können das auf keinen Fall ausstellen“, beschied Amber. „Man würde uns teeren und federn in Grasmere. Meine Damen, das ist eine Provokation und die hat in einer Kunstschau nichts verloren.“ – „Wie sollen wir es begründen, wenn wir es nicht ausstellen?“, fragte Connie. „Wir sagen, dass er noch nicht lange genug hier lebt, um zu den Lake Artists zu zählen. Und im nächsten Jahr finden wir etwas anderes.“ Jessy schüttelte den Kopf. „Das hieße aber konsequenterweise auch, dass wir Gladys ablehnen müssen, denn sie wohnt in Newcastle.“ Die drei Frauen schauten hinüber zu den lieblichen Blumenbildern, die eine ganze Wand der Ausstellung bestückten. „Nein, das geht nicht“, sagte Amber. „Auf Gladys können wir auf keinen Fall verzichten. Es muss einen anderen Weg geben.“ Sie starrten wieder auf den Mann vor dem Bergsee. „Der Easedale Tarn ist eigentlich ganz gut geraten“, bemerkte Jessy. „Willst du den Mann überkleben?“ – „Wäre eine Lösung… Aber nein, das war ein Scherz.“ – „Und wenn wir ihn in das Lager hängen, den Raum faktisch zur Ausstellungsfläche hinzuzählen, ihn aber nie öffnen?“ Sie dachten nach und sagten zur gleichen Zeit: „Nein, das geht nicht.“ Schließlich sagte Connie: „Ich besuche ihn mal und frage ihn, ob er das Bild nicht auch ohne Mann hat. Vielleicht ist Reden ja besser…“ Jessy und Amber waren erstaunt. Connie war sonst eher schüchtern und wollte nie alleine mit irgendeiner Person ein ernstes Gespräch führen. „Warum starrt Ihr mich so an? Traut Ihr mir das nicht zu?“

Amber dachte kurz nach, bevor sie antwortete. „Doch, natürlich. Ich freue mich darüber. Nur… Lass dich nicht von dem einwickeln. Jemand, der sich selbst mit so einem… Ding malt, hat bestimmt vor nichts Angst.“ – „Vielleicht hat er ja so ein Ding“, sagte Jessy. Amber starrte sie an. „Jetzt sei mal nicht lächerlich, Jessy. So ein Ding gibt es nicht. Zumindest nicht bei Menschen.“ Connie konnte ihren Blick nicht von der Leinwand lösen.

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