(266) Wie konnte Howard Sie dann aus Deutschland herausschmuggeln?

von Alain Fux

„Wie konnte Howard Sie dann aus Deutschland herausschmuggeln? Es gab ja keine diplomatische Immunität mehr.“ Jennifer Naylor blickte von ihrem Schreibblock auf, den Bleistift zwei Zentimeter über dem Papier und schaute Jessy Lewis geborene Gisela Jung fragend an.

Jessy saß ihr gegenüber im Lehnsessel und nippte an ihrem Tee. „Das war eigentlich gar nicht so schwer. 1939 war die Stimmung eher exaltiert. Die spätere Paranoia hätte es viel schwieriger gemacht. So fuhren wir quer durch Deutschland in einem Wagen, den Howard besorgt hatte. Er hatte mir auch einen britischen Pass ausstellen lassen, der mich als Jessy Lewis auswies. Wir waren offiziell verheiratet, bevor er mir den Antrag machte. Lustig nicht?“ – „Ja schon, aber hatten Sie nicht Angst entdeckt zu werden?“ – „Schon, ja. Aber wie gesagt, das Schlimmste, was uns passierte, waren Hohn und Spott oder dumme Sprüche gegen Chamberlain. Wir waren die britischen Loser, die mit eingekniffenem Schwanz nach Hause reisten. Good riddance!“

Jennifer nickte. Sie war Historikerin am Balliol College in Oxford und arbeitete an einer Übersicht der MI5-Aktivitäten in Berlin zwischen den beiden Weltkriegen. Eigentlich hätte sie mit Howard Lewis sprechen wollen, aber dafür kam sie drei Jahre zu spät. Er hatte bei einer Wanderung einen Schlaganfall erlitten und war gestorben. Vom Salon Kitty hatte Jennifer vorher nichts gewusst und es war eigentlich nur ein glücklicher Zufall gewesen, dass sie erfahren hatte, dass Jessy selbst aus Berlin stammte und einiges zu ihrer Arbeit beitragen konnte. Eigentlich hatte sie am Telefon, nachdem Jessy ihr eröffnet hatte, dass Howard tot war, nur etwas Konversation machen wollen, um die unangenehme Stimmung zu verdrängen. Dabei hatte sie Jessy gefragt, wie sie Howard kennengelernt hatte. Danach hatte Jennifer sich auf den Weg in den Lake District gemacht, um die alte Dame zu interviewen.

„Und was passierte danach?“ – „Eigentlich dachte ich, dass ich danach ein ruhiges Leben mit Howard führen könnte. Aber Pustekuchen, wie wir in Deutschland sagen. Ich kam zuerst ganz alleine in ein Camp irgendwo in Wales und wurde von allen möglichen Leuten verhört. Man wollte wohl sicher gehen, dass ich keine Dreifachagentin war. Haha. Das habe ich natürlich erst später begriffen, als Howard es mir erklärte. Ich glaube, er wollte auch sicher sein. Aber danach vertraute er mir komplett. Als ich rauskam, verlebten wir ein paar schöne Wochen in London. Howard musste aber schnell wieder ins Ausland. Nach Nordafrika. Ich habe nie genau erfahren, was er dort machte. Ich hoffe ja immer noch, dass er nicht wieder in Bordellen arbeiten musste. Nach dem Krieg zogen wir hierher nach Grasmere. Howard war öfters unterwegs, allerdings immer nur für ein paar Wochen hier oder da. Auch da habe ich keine Ahnung, wo er war und was er tat. Wir vertrauten einander. Naja, ich hätte hier oben auch wenig anstellen können. Es gibt ja mehr Schafe hier als Menschen. Aber ich muss jetzt sehr unhöflich sein und unser Gespräch hier unterbrechen. Ich habe versprochen bei der Hängung der Lake Artists dabei zu sein und ich halte meine Versprechen.“ Jessy stand auf, Jennifer packte ihre Sachen in ihre Umhängetasche aus Wolle. „Kann ich morgen wiederkommen?“ – „Gerne, mein Kind. Aber erst gegen zwölf. Ich schlafe immer noch gerne lange. Wenn Sie kommen, mache ich uns Gurkensandwiches.“

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