(265) Der Feueralarm kam unerwartet um sechs Uhr früh.

von Alain Fux

Der Feueralarm kam unerwartet um sechs Uhr früh. Noch schlaftrunken versammelten sie die Prostituierten des Salon Kitty in der Eingangshalle des Hauses. Wie Jessy trugen auch die anderen nur Nachthemd und hatten ihre Bademäntel umgeworfen, die sie oben am Hals zusammenhielten. Auch Kitty war dabei und sah genauso überrascht aus wie ihre Angestellten.

Es waren allerdings keine Feuerwehrleute zu sehen. Dafür stand Schellenberg da in seinem langen Ledermantel und schaute die Frauen eine nach der anderen an. Nach einiger Zeit sagte er: „Meine Damen, seien Sie beruhigt, es brennt nicht. Es war nur ein Vorwand. Sie bleiben hier. Meine Leute werden sich ihre Zimmer einmal genauer anschauen. Keine Angst, wir sind diskret.“ Aus dem Treppenhaus hörte man Stiefeltritte und Befehle, mit denen die Soldaten auf die einzelnen Stockwerke aufgeteilt wurden.

Jessys Herz schlug wie rasend. Sie setzte sich in die hinterste Ecke des Salons und sammelte sich, um ihre Panik zu kontrollieren. Es war möglicherweise nur eine Routineuntersuchung und man würde sich mit Stichproben begnügen. Oder es gab konkrete Hinweise, dass etwas nicht stimmte. Wenn Schellenberg konkret wüsste, wer hier falsch spielte, dann würde er doch keinen so großen Aufwand betreiben. Aber vielleicht ging es auch um den Showeffekt und er wollte vor den anderen Mädchen ein Exempel statuieren. Es war alles möglich. Wenn sie Jessys Zimmer durchsuchten, würden sie die Drähte finden? Man musste schon wissen, wonach man suchte, denn Howard hatte gute Arbeit geleistet. Allerdings würde man in ihren Sachen das Blatt Papier mit ihrem und Howards Liebeschwur finden. Sie würden merken, dass es eine Kommunikation zwischen ihr und Howard gab, die nicht abgehört wurde und die mit Liebe zementiert war. Das konnte ihr Todesurteil bedeuten. Vielleicht sogar gleich hier, vor den Augen der anderen. Als Abschreckung.

Die anderen Mädels um sie herum schienen sorglos zu sein, nahmen ihre Zigaretten aus den Bademanteltaschen und fingen an zu rauchen. Nur Kitty saß still da und Jessy hatte den Eindruck, von ihr beobachtet zu werden. Schellenberg war noch oben gegangen. Er wollte sich wohl vergewissern, dass die Durchsuchung gründlich durchgeführt wurde. Es war nicht klar, ob vor der Tür Posten standen.

Kitty kam herüber und setzte sich auf die Chintzsitzbank. Sie beugte sich zu Jessy und flüsterte ihr ins Ohr: „Du musst abhauen, es kommt raus.“ Erschrocken sah Jessy Kitty an, die ihr zuzwinkerte. „Ich löse jetzt den richtigen Feueralarm aus, dann kommt im Nu die Feuerwehr und in dem Tumult machst du dich auf die Socken. Draußen steht ein Fahrer, der immer dort wartet. Du sagst ihm, dass du nach Rothenburg willst und dann fährt er dich überall hin.“ – „Aber Sie“, flüsterte Jessy zurück, „man wird doch wissen, dass Sie das waren…“ – „Keine Sorge, Kind, bis die Feuerwehr hier ist, wird es brennen. Ich habe nicht umsonst eine gute Feuerversicherung.“ Und so geschah es auch. Kitty löste Feueralarm aus. Bis die Feuerwehr ankam, brannte es wirklich im Treppenhaus und alle mussten raus. Jessy fand den nagelneuen Opel Kapitän und als sie dem Fahrer sagte, sie möchte nach Rothenburg, ließ er den Motor an und sie stieg ein. Als sie das Haus von Salon Kitty hinter sich gelassen hatten, sagte sie dem Fahrer, dass er sie zum Palais Strousberg bringen sollte. Die englische Botschaft war zwar offiziell geschlossen, aber Howard hatte ihr gesagt, dass er immer noch in dem Gebäude wohnte.

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