(263) Als die Polizei Gisela Jung aufgriff, gab sie vor, eine Prostituierte zu sein.

von Alain Fux

Als die Polizei Gisela Jung aufgriff, gab sie vor, eine Prostituierte zu sein. Das war im Berlin des Septembers 1939 besser, als dass herauskam, dass sie eine Halbjüdin war, die gerade einen Fluchtweg nach Holland suchte. Ihre Eltern und der große Teil der Familie waren schon seit einem Jahr ausgewandert, aber Gisela wollte ihre gerade beginnende Schauspielkarriere nicht gleich wieder beenden. Aber als der Krieg in Polen ausbrach, wollte sie auch nur weg. Der Polizei war sie bei einer Razzia in die Hände geraten, als sie in einer üblen Spelunke nach eine Mitfahrgelegenheit nach Westen suchte. Sie hatte ein recht offenes Dekolleté und Bargeld dabei. Beides hatte sie einsetzen wollen, um einen Kraftfahrer zu überzeugen, sie mitzunehmen. Als sie auf der Polizeiwache saß, fragte der Polizist, ob sie eine Prostituierte sei. Sie schaltete schnell und sagte ja. Dann fragte er, was sie vom Führer hielt. Natürlich lobte sie ihn und sprach davon, dass man die Provokationen nicht länger hinnehmen konnte und die deutsche Minderheit in Polen schützen müsse. Danach kam sie wieder in eine Einzelzelle und sie dachte, dass man sie bestimmt bald in ein Lager abschieben würde. Aber dann wurde sie in ein Haus in Berlin gebracht, wo man ihr beibrachte, wie sie als Prostituierte Männer aushorchen sollte. Als sie verstand, dass die SS das Bordell führte, war sie fast zusammengebrochen. Sie fürchtete, dass die Bordellmutter sie durchschaute und sofort merkte, dass sie keine Erfahrung als Dirne hatte. Kitty Schmidt sagte aber nichts. Mit Gisela in der Schulung waren noch etwa 19 weitere Mädchen, die tatsächlich aus der Branche kamen. Als Schellenberg, der SS-Mann, der alles leitete, den Eindruck hatte, dass die Mädchen bereit waren, wurde das Bordell wiedereröffnet. Am Anfang waren auch einige Parteigrößen dabei, die sich einen Überblick verschaffen wollten, hauptsächlich aber auf Sex aus waren. Gisela, die sich jetzt Jessy nannte, kannte keinen davon und nach ein paar Tagen hatte sie sich so weit im Griff, dass sie bestimmt nicht besser oder schlechter als ihre Kolleginnen war. Fürs Erste war sie sicher, aber natürlich wollte sie immer noch flüchten.

Kurze Zeit darauf hatte sie ihren ersten Einsatz bei einem Mann, den sie aushorchen sollte. Schellenberg hatte sie gewählt, weil sie gut Englisch sprach. Der Mann arbeitete bei der englischen Botschaft und war sehr höflich. Er stellte sich als Howard Lewis vor. Er war Mitte Dreissig, vielleicht zehn Jahre älter als Jessy. Sie hörte seiner Stimme gerne zu und er redete viel über seine Arbeit. Ob etwas Brauchbares dabei war, wusste sie nicht, aber Schellenberg schien zufrieden. Bei seinem dritten Besuch erzählte er ihr von seiner Heimat, dem Lake District im Norden von England. Während er erzählte, schrieb sie auf einen Zettel, dass er vorsichtig sein sollte, denn man höre sie ab. Er erzählte ungerührt weiter von langen Wanderungen im Borrowdale, griff nach dem Stift und schrieb währenddessen hinter ihre Warnung nur ‚I know‘.

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