(262) Ja, Mumifizierung gehört natürlich zu unseren Dienstleistungen, Herr Müller.

von Alain Fux

„Ja, Mumifizierung gehört natürlich zu unseren Dienstleistungen, Herr Müller. Allerdings muss ich Sie leider vertrösten. Unser Etablissement befindet sich gerade im Umbau und eröffnet erst wieder in drei Wochen… Giesebrechtstraße 11… Sehr gerne, mein Herr.“ Katharina Zammit legte auf und wandte sich wieder SS-Brigadeführer Walter Schellenberg zu. Er hatte sich nach hinten in den Besucherstuhl gelehnt und sie aus seinen kalten Augen angeschaut. Mit seinem schmalen Raubtiergesicht sah er nicht schlecht aus und unter anderen Umständen hätte er sie vielleicht interessiert.

Schellenberg legte ihr ein Papier vor, auf dem oben ‚Geheime Reichssache‘ stand. „Das haben wir an alle Polizeistellen geschickt, damit wir die richtigen Dirnen finden.“ Katharina Zammit, die sich als Madame mit Kitty Schmidt anreden ließ und deren Bordell konsequenterweise Salon Kitty hieß, nahm das Papier und las. ‚Gesucht werden Frauen und Mädchen, die intelligent, mehrsprachig, nationalistisch gesinnt und ferner mannstoll sind.‘ Ohne das Gesicht zu verziehen, gab sie Schellenberg das Blatt zurück. Seit die Gestapo sie bei der Flucht verhaftet hatte, blieb Kitty Schmidt keine andere Wahl.

Heydrich, Schellenbergs Chef, hatte die Idee gehabt, ihr Bordell zu verwanzen und damit Regimegegner, und auch -freunde, auszuspionieren. Der Umbau bestand darin, in allen Zimmern Mikrofone zu verstecken und zu verkabeln. Auch die Mädchen sollten ausgetauscht werden. Im Keller bauten Schellenbergs Leute ein geheimes Zimmer auf, in dem alle Kabel zusammenliefen und in dem alle Gespräche protokolliert werden sollten.

„Was mache ich mit meinen Stammgästen?“, fragte sie Schellenberg. „Kein Problem, der Betrieb geht weiter wie vorher. Die Gäste, an denen wir interessiert sind, werden Ihnen ein Codewort nennen und bei denen gehen Sie strikt nach Plan vor.“ – „Ein Codewort?“ – „Ja. Sie werden sagen ‚Ich komme aus Rothenburg‘. Das werden die Männer sein, um die es geht. Haben Sie verstanden?“ Kitty nickte. „Was ändert sich sonst?“ – „Die neuen Dirnen werden von uns ausgesucht. Dann werden sie geschult. Sie sollen neben dem Üblichen auch mit den Gästen reden. Aber darum brauchen Sie sich nicht zu kümmern. Das werden wir übernehmen.“ Schellenberg stand auf und setzte sich die Schirmmütze mit dem Totenkopfemblem auf. Reflexartig stand auch sie auf, um ihn aus ihrem Büro hinauszubegleiten. Vor der Tür blieb er stehen und drehte sich zu ihr um. Sein Gesicht kam ihrem sehr nahe. Mit ruhiger Stimme sagte er: „Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, dass all dies hier streng geheim ist. Sie hatten ja bereits Kontakt mit der Gestapo. Ein zweites Mal werden Sie so schnell nicht wieder rauskommen. Haben wir uns verstanden?“ Es war nicht einfach, seinem Blick standzuhalten, aber sie schaffte es. Dann nickte sie. Er tippte mit der behandschuhten Rechten an den Schirmrand, öffnete die Tür und ging aus dem Zimmer.

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