(258) Auckland, das hätte auch Helen gefallen.

von Alain Fux

Auckland, das hätte auch Helen gefallen. George Henderson stand an der Reling und schaute auf die Silhouette der Stadt. Er hatte keine Lust darauf, sich die Akrobaten anzuschauen, die gerade weiter hinten eine Show abzogen. Er wollte die Ruhe genießen und auf die Stadt schauen, so wie er es sonst auch mit Helen gemacht hätte. Ja, es hätte ihr gefallen. Sie hatte die Kreuzfahrt ja auch ausgesucht. 94 Tage von Los Angeles nach Bombay. Sie hatte sich sehr darauf gefreut. Sechs Monate hatte sie sich gefreut und dann vor 127 Tagen der Unfall. Sie war dann einfach weg, wie aufgelöst in einem Zeitwirbel. Die Reise hatte er komplett vergessen, natürlich. Bis er die Erinnerung mit dem Flugschein nach L.A. im Briefkasten hatte. Für eine Stornierung war es zu spät und Helen hätte ihm gesagt, dass er die Reise antreten sollte. Um ihretwegen. Das hatte er dann auch getan. Es war eine Gelegenheit, sich zu fragen, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen sollte. Mit 67 Jahren gab es nicht mehr so viele Möglichkeiten. Vielleicht würde er sie ja bald wiedersehen, irgendwo.

Die erste Woche, auf der Fahrt nach Hawaii, hatte er sich ganz gut gefühlt. Der Wind an Deck, das helle Licht… Es hatte seine Lebensgeister wieder geweckt. Nach Hawaii fühlte er sich schuldig, dass er da war und sie nicht. Sie hatte diese Reise gewollt und sie hätte sie auch verdient. Er war da nur reingerutscht. Fast per Zufall. Als die Serendipity den Äquator überquerte, gab es ein kleines Fest, bei dem Neptun, eigentlich der 1. Offizier, die Äquatortaufe vornahm, bei allen, die noch nie den Äquator überquert hatten. George hatte sich verkrümelt und war unter Deck geblieben. Helen hätte natürlich mitgemacht. Hätte sich einsauen lassen und wäre als „Glitzernder Goldfisch“ in den Pool gesprungen. Ihr zuliebe hätte er auch mitgemacht, aber so hatte es keinen Zweck. Danach war die Serendipity durch die unendliche Südsee gefahren, vorbei an dem ganzen Gekröse von französischen Inseln.

Auckland, darauf hatte Helen sich sehr gefreut. Und auf Bali, Hong Kong und Thailand. Würde er jetzt den Rest seines Lebens darauf achten, was Helen Freude gemacht hätte und sich selbst danach ausrichten? In den ersten Wochen nach dem Unfall hatte er den Eindruck, dass sie ihn von irgendwoher beobachtete, ihm zur Seite stand. Aber das war ja nicht die Wirklichkeit. Sie war einfach weg. Nach ihrem Verständnis war sie jetzt im Himmel. Saß auf einer Wolke, spielte Harfe und flatterte mit den Flügeln.

Die Darbietung der Akrobaten schien beendet. Alle strömten von Bord, um sich Auckland anzusehen. Seufzend schulterte er seinen Rucksack und ging hinüber zu den anderen Passagieren, die sich nach unten zum Ausgang bewegten.

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