(257) Die Affenfäuste hast du ganz toll geknotet

von Alain Fux

„Die Affenfäuste hast du ganz toll geknotet“, sagte Gene, als er Joshuas Poi-Seile überprüft hatte. Heute war Joshuas großer Tag: Er durfte ein Jonglierkunststück vorführen auf einem Kreuzfahrtschiff, das im Hafen von Auckland anlegte. Gene und die ganze Akrobatentruppe „The Spinning Pois“ hatte er kennengelernt, als sie in seiner Schule eine Vorführung gemacht hatten. Am Ende hatte Gene gefragt, ob eines der Kinder selbst einmal versuchen wollte. Joshua hatte sich gemeldet und unter Genes Anleitung hatte er die dicken Knoten an den Seilenden richtig zum Rotieren gebracht. Gene hatte ihm für den Sommer eine Art Assistenzfunktion angeboten und Joshuas Mutter war einverstanden gewesen, aber erst, nachdem Gene mit einem Blumenstrauß zum Kaffee vorbeigekommen war. In den letzten drei Wochen hatte Joshua sehr viel dazugelernt, sowohl bei den Auftritten der Gruppe als auch beim Training mit Gene. Bei den Auftritten zeigten die Akrobaten verschiedene Kunststücke, vom Jonglieren mit Bällen und Keulen, Einrad fahren, Feuerschlucken und natürlich den Poi-Kunststücken, auch mit Feuerkugeln. Meistens für Touristen und oft auf den großen Schiffen, die im Hafen anlegten. Jetzt hatte Joshua, mit Genes Hilfe, eine eigene Routine entwickelt, die daraus bestand, dass er die Knoten in verschiedenen Mustern herumwirbelte, sie überkreuzte und sich dabei um die eigene Achse drehte. Vor einem Monat hätte er nie geglaubt, dass er das selbst konnte. Auch Gene war beeindruckt und deshalb sollte Joshua zum ersten Mal seine Routine vor Publikum aufführen.

Das Kreuzfahrtschiff hieß Serendipity und war riesig. Als die Akrobaten oben auf Deck angekommen waren, schaute Joshua über die Reling nach unten. Die Mole und die Menschen darauf schienen ihm ganz klein zu sein. Schade, dass er seine Mutter nicht mitbringen konnte.

Die Touristen standen im Halbkreis um die Fläche, auf der die Akrobaten ihre Darbietungen brachten. Viele von ihnen hatten schon Rucksäcke und Jacken dabei, als ob sie gerade im Aufbruch waren. Gene begann mit einer Jongliernummer, die einfach begann und sich dann immer weiter hochschraubte. Dann kamen Jonglagen zu zweit und zu dritt. Joshua bemerkte, dass die Zuschauer zunehmend unruhig wurden und den Akrobaten nicht richtig zuschauten. Immer mehr von ihnen gingen weg. Dann kam ein Mann in einer weißen Uniform und sprach mit Gene. Er gab ihm einen Umschlag.

Kurz darauf, nach dem Feuerschlucken, war der Auftritt beendet. „Es tut mir leid, Joshua. Die Zeit war zu kurz, wir mussten leider abbrechen. Diese Regel hatten wir in deinem Unterricht noch nicht: Wir Artisten dürfen unser Publikum nie langweilen. Das nächste Mal hast du deinen Auftritt. Versprochen!“ Joshua nickte und sah etwas traurig aus. Aber irgendwie war er auch erleichtert. Beim nächsten Mal, da würde er es allen zeigen.

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