(254) H. Scherbaum Postlagernd 45001 Essen.

von Alain Fux

H. Scherbaum Postlagernd 45001 Essen. Das war die Adresse, an die Hannes Scherbaum sich Post schicken ließ, die seine Frau nicht sehen sollte. Er hatte nämlich die Testausgabe einer neuen Zeitschrift bestellt: Sappho.

Er hatte gelesen, dass es eine Publikumszeitschrift gebe, die sich an lesbische Frauen wandte. Das interessierte Scherbaum ungemein. Daher die Bestellung. Den Vornamen hatte er abgekürzt, weil die Herausgeberinnen (er nahm an, dass es sich um Frauen handelte. Das musste es ja zwangsläufig sein!), vielleicht nicht an Männer verkaufen wollten. Er hatte zuerst Hannelore schreiben wollen, aber das hätte vielleicht zu Nachfragen bei der Post geführt. Bestimmt würde er nach dem Ausweis gefragt werden und Hannes ist nun mal nicht Hannelore. H. war ganz neutral.

Scherbaum fühlte eine große Verbundenheit zu Frauen. Ganz besonders zu Lesben, denn sie hatten ebenfalls eine große Verbundenheit zu Frauen. So hatten Lesben und er etwas gemeinsam. Das verband, fand er. Hätte er die Wahl, wäre er am liebsten selber gerne eine Lesbe. Er stellte sich vor, dass Lesben bestimmt oft, nein ständig Sex mit wechselnden Frauen hatten. Das fand er besonders aufregend. Seine Ehe mit Lieselotte dauerte jetzt schon ewig und aufregend war sie nicht gerade.

Auf jeden Fall freute sich Hannes Scherbaum darauf, die neue Zeitschrift in Händen zu halten. Er sagte sich, dass vier Tage nach der Bestellung die Sendung in der Post angekommen sein dürfte. Schließlich wollten die Frauen von Sappho ja ein Geschäft machen und je eher sie auslieferten, desto eher kamen die Abonnements. Hannes war sich fast sicher, dass er ein Abonnement abschließen würde. Das wäre bestimmt aufregend. Vier Tage hieß zwei Tage bis sein Brief bei Sappho angekommen war und zwei Tage für die Rücksendung. Am fünften Tag ging er zur Postfiliale in der Hachestraße 2. Das war neben dem Hauptbahnhof und dort kam er jeden Tag zweimal vorbei auf dem Weg ins Büro und zurück. Er stellte sich in die Schlange und als er dran war, legte er einen Zettel vor die Schalterbeamtin. Darauf stand ‚H. Scherbaum Postlagernd‘. „Ist etwas für mich angekommen?“, fragte er. Sie nahm den Zettel, ging zu einem Sortiertisch und schaute nach. Kopfschüttelnd kam sie zurück. Scherbaum kam jeden Tag zurück und jedes Mal das gleiche Ergebnis. Er zweifelte, ob das mit der Adressierung klappte und adressierte selbst ein Kuvert mit der gleichen Postlageradresse. Als er zwei Tage später wieder in der Hachestraße war, empfing ihn die Schalterbeamtin, die ihn mittlerweile schon gut kannte, mit einem Lächeln. „Es ist etwas für Sie angekommen, Herr Scherbaum.“ Zuerst hatte sein Herz einen Hüpfer gemacht, weil er dachte, es sei die Zeitschrift, aber dann war es wirklich nur sein eigenes Kuvert. Er bedankte sich und die Schalterbeamtin rätselte noch den ganzen Tag über, warum er sich nicht über den Brief gefreut hatte.

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