Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: November, 2014

(275) Während Frau Bachmann gedankenversonnen vor dem im Leerlauf tuckernden Rasenmäher stand…

Während Frau Bachmann gedankenversonnen vor dem im Leerlauf tuckernden Rasenmäher stand, wurde ihr nach und nach bewusst, dass ein anderes Motorengeräusch immer lauter wurde. Als sie sich umwandte, sah sie ein schweres sportliches Motorrad die Straße heraufkommen. Das Motorrad war knallrot, der Lenker (in ihren Gedanken gab es nie einen Zweifel, dass dies ein Mann sein müsste) trug eine schwarze Lederkombi und einen Helm in der gleichen Farbe wie das Motorrad. Er blieb auf gleicher Höhe zu ihr stehen. Dazwischen lag nur eine niedrige Hecke aus Buchensträuchern, die Frau Bachmann in den nächsten Tagen zurechtstutzen wollte. Der Motorradfahrer hatte aber keinen Blick für wuchernde Hecken. Er stellte den Motor ab und stieg aus dem Sattel. Frau Bachmann konnte ihre Augen nicht abwenden. Irgendwie erinnerte sie der Mann auf dem Motorrad an einen Studienkommilitonen, der natürlich auch ein Motorrad besessen hatte und mit dem sie sehr oft Ausflüge in die nähere Umgebung gemacht hatte. Dann hatte sie Nikolaus kennengelernt und den Motorradbesitzer verdrängt. Aber sie wischte auch diesen Gedanken weg.

Der Fremde trat an die Hecke und klappte das Visier seines Helms hoch. Darunter trug er eine verspiegelte Pilotenbrille. Obwohl oder gerade weil Frau Bachmann seine Augen nicht sehen konnte, fühlte sie sich ihnen ausgesetzt. Der Mann zog den Reißverschluss der Lederkombi auf und zeigte seine unbehaarte, muskulöse Brust. Frau Bachmann schluckte. Dann zog der Mann sich den Helm vom Kopf. Sie hielt den Atem an. Unter dem Helm kam eine dunkelbraune Haarmähne zum Vorschein, die ein schmales Gesicht und die Sonnenbrille umrandete. Er stellte den Helm, der vorne die Zahl ‚251‘ trug, auf die Hecke. Aus einer Satteltasche des Motorrads nahm er einen zweiten Helm heraus, auch er rot und mit der Aufschrift ‚271‘. Er stellte diesen neben den ersten. Frau Bachmann wagte es nicht, sich von der Stelle zu rühren. Dann nahm er seine Sonnenbrille ab. Er hatte Augen, grün wie Smaragde, sagte sie sich. Er steckte die Brille in die Brusttasche seiner Kombi.

So standen sie sich gegenüber, untermalt vom weitertuckernden Rasenmäher. „Frau Bachmann?“, fragte der Mann. Sie nickte begierig. Er hielt ihr den zweiten Helm hin. Sie ging zur Hecke und der Mann hob sie anscheinend mühelos über die Hecke an seine Seite. Schnell setzte sie den Helm auf und schwang sich hinter dem Mann in der Lederkombi auf den Sozius.

Das Motorrad fuhr mit unbeschreiblichem Getöse los. Frau Bachmann dachte noch kurz daran, dass sie vergessen hatte, den Motor des Rasenmähers abzuschalten, aber jetzt konnte sie darüber nur noch lachen.

Sie fuhren zuerst am Ufer des Sees entlang und an einer Abzweigung bogen sie in einen Waldpfad ein. „Wohin mag er mich wohl entführen?“, dachte sie. Doch dann wurde es immer dunkler, je länger sie in den Wald hineinfuhren. Und dann waren sie im dunklen Herz eines Fichtenwaldes, durch den kein Sonnenstrahl drang. Der Fahrer hielt das Motorrad an und vor ihnen, eingelassen im Waldboden, sah Frau Bachmann eine Grube von zwei Metern Länge.

(274) Ganz toll, der Super-Professor.

Ganz toll, der Super-Professor. Im Institut schwang er ein Skalpell von der Größe eines Buschmessers und führte die Autopsie eines Elefanten durch. Ha! Der große Prof. Nikolaus Bachmann, der sich mit einem ganzen Arm voller Elefantendarmschlingen fotografieren ließ. Der Akademiker, der sich nicht davor scheute, seine Hände schmutzig zu machen. Ha!

Marina Bachmann war gerade nicht gut auf ihren Ehegatten zu sprechen. Wie oft hatte er ihr schon versprochen, einmal im Monat den Rasen zu mähen. Nein, der feine Herr. Dafür hatte er immer eine Ausrede. Und an wem blieb es hängen? Natürlich an ihr. Sollte er sich doch mal dabei fotografieren lassen. Der feine Herr Professor mit einem Arm voller frisch gemähten Grases.

Frau Bachmann war am Ende des Gartens angekommen und wendete mit Mühe den schweren Benzinrasenmäher. Wenigstens hatte das Gerät einen eigenen Antrieb und musste nur mit Kraft gewendet werden. Wenn es denn einmal geradeaus ging, war es nicht mehr so anstrengend.

Der Professor hatte ja mal wieder kurzfristig ins Institut gemusst, weil ein Kamel eine Kolik hatte und unbedingt, die heilenden Hände des großen Tiermediziners benötigte.

Sie überlegte es sich, ob sie nach dem Mähen einfach mal im Institut vorbeischauen sollte, ob es das Kamel wirklich gab. Oder ob damit vielleicht sie gemeint war. Marina das Kamel. Die ohne Murren den Rasen mähte und auch sonst alles tat, was notwendig war. So war das nicht geplant gewesen. Sie war jetzt 53 Jahre alt und was hatte sie vorzuweisen? Ein Sohn, der Kunstgeschichte studierte und einen gemähten Rasen. Alle Träume von Biologieforschung waren nach einem Jahr zusammen mit Nikolaus in der Serengeti abgehakt. Sie war schwanger und musste, meinte Nikolaus, unbedingt nach Hause. Er forschte noch drei Jahre weiter, kam zurück und bekam die Stelle am Institut, später die Leitung. Komfortabel für ihn. Er hatte einen Namen, veröffentlichte Artikel und suhlte sich in seinem Ruhm. Der jeden banalen Fakt aufbauschen konnte. Wie die Erzählung, dass er in den Dickdarm des Elefanten hinein pikste, dieser ein unglaublich fies stinkendes Gascocktail verpfiff, der alle außer dem Professor aus dem OP-Raum vertrieb. Diese Geschichte erzählte er momentan jedem, der sich nicht vorher verdrückt hatte.

Wieder musste sie den Rasenmäher in eine andere Richtung wuchten. Noch drei Bahnen und sie war fertig. Dann duschen. Sollte sie ins Institut fahren? Besser nicht. Sie würde ihn nachher fragen, wie es dem Kamel ging. Dabei fiel ihr ein Witz ein. Ein Elefant sah ein Kamel und sagte: „Warum trägst du eigentlich deine Brüste auf dem Rücken?“ Darauf antwortete das Kamel: „Wenn ich einen Penis im Gesicht hätte, würde ich mal die Klappe halten.“ Genau, dachte sie und lächelte für sich selbst.

(273) Hofmüller, der Mitarbeiter in der Tierärztlichen Fakultät hatte Kröpp zuerst den aufgeschlitzten Elefantenkadaver gezeigt.

Hofmüller, der Mitarbeiter in der Tierärztlichen Fakultät hatte Kröpp zuerst den aufgeschlitzten Elefantenkadaver gezeigt. Das Tier lag da wie ein Berg und daneben war ein weiterer Berg, das waren die Därme. „Das ist wie beim Kofferpacken“, meinte Hofmüller. „Wenn man wegfährt, passt alles problemlos in den Koffer, aber wenn man zurückkommt, dann kriegt man den Koffer mit der schmutzigen Wäsche nicht mehr zu. Warum, ist ein Rätsel.“ Kröpp nickte überwältigt und ließ sich den Nebenraum zeigen, in dem er Mavinda zerteilen konnte. Wenigstens gab es einen fahrbaren Flaschenzug, mit dem er den Kadaver herüber schaffen konnte. „Womit werden Sie arbeiten?“, fragte Hofmüller. „Ich habe eine Kettensäge und ein paar mechanische Sägen dabei. Und natürlich Messer und Äxte.“ Hofmüller nickte. „Ja, bei Ihnen kommt es ja auf das Ergebnis an, da braucht man nicht mit dem Skalpell zu arbeiten.“ – „Nee“, sagte Kröpp. „Das kommt alles eh in den Fleischwolf. Da braucht man keine Rücksicht zu nehmen.“ – „Bewundernswert.“ Zusammen hievten Sie den Elefanten an den Flaschenzug und brachten ihn ins weiß gekachelte Zimmer. „Die Därme mache ich zum Schluss. Die stopf ich in ein Fass bis es voll ist, schneide ab und mache mit dem nächsten Fass weiter“, erklärte Kröpp. „Gut. Ich lasse Sie dann arbeiten. Sagen Sie Bescheid, wenn Sie Hilfe brauchen.“

Dann war Kröpp mit dem ausgeweideten Elefanten alleine. Er zog einen weißen Einweg-Schutzoverall an, die orangefarbenen Gummistiefel und setzte sich den Gesichtsschutz aus Plexiglas auf. Dann noch die stichfesten Handschuhe und er war bereit. Er schloss die Tür des Raumes. Er ging um die Elefantenleiche herum und überlegte sich, wie er sie am günstigsten zerteilen konnte. Nachdem er eine relativ klare Vorstellung von den notwendigen Schnitten hatte, startete er mit einem Ruck die Motorsäge. Er fing mit einem Bein an. Schon als er den Schnitt ansetzte, war ihm klar, dass das Sägeschwert von 43 Zentimetern eigentlich zu kurz war. So musste er um das Bein herum schneiden, anstatt einmal von einer Seite durchzusägen. Das Blut war an manchen Stellen noch flüssig und spritzte aus dem Schnitt heraus gegen die Kachelwand. Einmal, als Kröpp die Säge anders ansetzte, traf ihn ein ganzer Schwall ins Gesicht und er war froh, den durchsichtigen Gesichtsschutz zu tragen. Es war sehr anstrengend und er begriff nach kurzer Zeit, warum ein Elefant auch Dickhäuter genannt wurde. Es war sein Ziel, den Elefant in solche Stücke zu zerteilen, dass sie in eines seiner blauen Plastikfässer hineinpassten. Als er mit dem ersten Bein fertig war, schaltete er die Säge aus und fing an, das größte Beinstück in eines der Fässer zu stopfen. Dabei stellte er fest, dass die Stücke, die er geschnitten hatte, immer noch zu groß waren. Eigentlich hatte er sich vorgestellt, die Elefantensache alleine zu regeln. Aber er sah ein, dass er seine Mitarbeiter einbeziehen musste. Sonst würde der Elefant schon stinken, bevor er mit dem Abtransport fertig war.

(272) Kröpp hatte eigentlich gedacht, dass er sein Glück nicht noch steigern könnte.

Kröpp hatte eigentlich gedacht, dass er sein Glück nicht noch steigern könnte. Er hatte sich geirrt. Am nächsten Tag erhielt er einen Anruf von der Tierärztlichen Fakultät. Im Zoo war die Elefantendame Mavinda gestorben und sollte in der Uni obduziert werden. Der Assistent des Professors, ein Mann namens Melchior Hofmüller, fragte Kröpp, ob er Interesse daran habe, die Karkasse von Mavinda nach der Obduktion zu übernehmen. Es war für die Uni eine Frage der Kosten, denn der Container für tierpathologische Abfälle war nicht ausreichend groß für einen Elefanten, auch nicht für einen indischen, die ja bekanntlich kleiner waren als die afrikanischen. Die Weibchen sowieso. Kröpp war zwar gleich Feuer und Flamme, gab sich aber zuerst vorsichtig. Er hatte zwei Fragen: 1. War das Fleisch von Mavinda gesund? 2. Wie viel kostete es?

Hofmüller versicherte ihm, dass Mavinda keine Krankheiten hatte, sondern bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Falls ein anderer Befund bei der Obduktion herauskäme, wäre die Uni sowieso nicht in der Lage, Kröpp das Fleisch zu geben – es müsste dann verbrannt werden. „Wir wissen zwar nicht, wie wir das machen würden – aber diese Brücke überqueren wir, wenn wir dahin kommen“, sagte der Assistent, der längere Zeit an der Berkeley Universität in Kalifornien gearbeitet hatte. „Wir wollen kein Geld für die Überreste, denn ein Entsorgen kostet uns mehr. Aber Sie müssten Mavinda, oder was davon übrig bleibt, selbst abholen. Und nur damit Sie sich nicht wundern: Es werden ein paar Steaks fehlen, wir haben noch ein institutseigenes BBQ am Tag danach.“ Kröpp sagte, dass das kein Thema sei, bat aber um eine Abschätzung des Volumens, damit er für den Transport ausreichend Fässer mitbringen würde. Hofmüller rechnete laut vor sich hin: „Das haben wir gleich. Nehmen wir an, der Elefant wäre ein Prisma mit Kantenlänge 3x3x2 Meter, dann hätten wir ein Volumen von 18 Kubikmetern, sagen wir 12, da es kein Prisma ist. Gewicht sagen wir 4-4,5 Tonnen.“ – „Oh je“, sagte Kröpp, „da muss ich ja mehrmals fahren, so viel kriege ich nicht in den Transporter. Und ich brauche mehr Fässer…“ – „Wollen Sie Mavinda nicht?“ – „Doch! Natürlich. Ich muss nur überlegen, wie ich das mache. Hat der Elefant Stoßzähne?“ – „Negativ.“ – „Und wie groß werden die Teile sein, die ich abhole?“ – „Na ja, das werden schon größere Teile sein. Wir werden dem Tier nur den Bauch aufschlitzen und die Innereien anschauen. Ich schätze, mein Chef wird auch noch den Rüssel aufschlitzen, denn Elefanten haben wir selten auf dem Tisch. Aber ich sage Ihnen was: Wenn Sie schweres Gerät mitbringen, dann stelle ich ihnen einen Raum zur Verfügung, in dem Sie die Teile auf Fassgröße zerteilen können. Sie müssten nachher nur mit dem Hochdruckreiniger den Raum wieder säubern.“ – „Das ist sehr freundlich, Herr Hofmüller“, sagte Kröpp. „Ich mache es auf jeden Fall. Wann sind Sie mit der Obduktion fertig?“

(271) Schlarrk! Jonathan Kröpp hieb mit dem Fleischerbeil auf die Gelenke…

Schlarrk! Jonathan Kröpp hieb mit dem Fleischerbeil auf die Gelenke und die Knorpelmasse spritzte über die Papierbögen, die er als Unterlage benutzte, damit er nachher die Schlachtbank nicht mühsam putzen musste. Auf dem Papier aufgedruckt war das Bild einer nackten Frau, die in einem Wäschetrockner saß und Bandoneon spielte. Die Papierbögen waren Ausschuss aus einer Druckerei für Kunstkataloge. Kröpp hatte keine Augen für die Frau. Wenn überhaupt, hätte er nur gesagt, dass er sich nicht vorstellen könnte, dass jemand so viel Geld für ein Bild bezahlte, bei dem nicht einmal die Nippel der Frau zu sehen waren.

Mit dem Knochenkratzer fuhr er an dem Oberschenkelknochen entlang. Es war immer wieder erstaunlich, wie viel Fleisch der Metzger noch an so einer Kalbskarkasse ließ. Umso besser für Kröpps Geschäft. Er kaufte Abfälle von Metzgereien, Fleisch- und Pizzafabriken und machte aus den Resten Hundefutter. Von montags bis freitags hatte er zehn Mitarbeiter, die sich mit der Aufbereitung des Fleisches beschäftigten. Kröpp war der Eigentümer des Unternehmens und er selbst kümmerte sich um Einkauf, Vertrieb und Verwaltung. Noch vor zwei Jahren hatte er als Kopfschlächter im Schlachthof gearbeitet und bei der Arbeit war ihm die Idee gekommen, handwerkliches Hundefutter anzubieten. Seine liebste Tätigkeit war immer noch das eigenhändige Entbeinen oder das Herauslösen der letzten Fleischreste von den Knochen. An Wochenende hatte er manchmal Lust, noch einmal die alten Zeiten aufleben zu lassen, als er mit dem Geschäft anfing. Dann ging er in die Firma, nahm sich eine Tonne mit Fleisch aus dem Eingangskühlraum und machte sich ans Werk.

Der Vorteil bei der Herstellung von Hundefutter war, dass die hygienischen Anforderungen viel geringer waren. Daher konnte er auch die stinkenden Abfälle der Pizzafabrik verarbeiten. Am Ende gab es immer die Möglichkeit alle Reste in einen großen Fleischwolf zu geben und sie mit besseren Abfällen zu vermischen. Auch Knorpel war gut, denn er gab den Hunden Ballaststoffe, auf die Kröpp in seinen Werbeunterlagen speziell hinwies.

An einem friedlichen Sonntagnachmittag für sich alleine eine komplette Kalbskarkasse zu verarbeiten war für Kröpp das größte Vergnügen schlechthin. Während er die Fleischreste vom Kalbsschädel herunterkratzte, dachte er, dass er ein Glückspilz war. Sein Geschäftsmodell war zukunftssicher, denn es würde immer Hunde geben und es würden auch immer Fleischabfälle zur Verfügung stehen, die er für wenig Geld einkaufen konnte. Er hatte nicht mehr den Stress der Akkordarbeit im Rücken, wie im Schlachthof, sondern er konnte seine Arbeit so organisieren, wie er wollte. Und wenn er Lust darauf hatte, am heiligen Sonntag eine Kalbskarkasse zu verarbeiten, dann gab es niemand, der ihn daran hindern konnte. Was konnte besser sein als das?

(270) Katalognummer 199: Aus dem Nachlass des Malers Eamonn Mellors…

Katalognummer 199: Aus dem Nachlass des Malers Eamonn Mellors bieten wir bei unserer 89. Kunstauktion ein Gemälde, Öl auf Leinwand, 50x48cm an. Ohne Titel. Das Werk ist eigenhändig von Eamonn Mellors in der unteren rechten Ecke signiert. Echtheitsgutachten von Prof. Klöterjahn.

Das Werk zeigt eine Frau von etwa vierzig Jahren, die mit ihrem Hinterteil im Innenraum eines Wäschetrockners sitzt. Die Öffnung des Wäschetrockners reicht oben bis fast zu den Schultern, am unteren Ende etwa bis zu den Knien. Die Frau trägt in ihren Händen ein Bandoneon. Es ist anzunehmen, dass sie darauf spielt. Die Frau ist wahrscheinlich identisch mit der Frau, die in einem anderen Gemälde o.T. aus dem Nachlass von Eamonn Mellors (Katalognummer 197), durch ein Farnfeld läuft. Diese Werke sowie das Werk ‚William Wordsworth will im Easedale Tarn baden und sieht nach, ob er alleine ist‘ stellen nach Auffassung von Prof. Klöterjahn die letzten Werke aus Eamonn Mellors Schaffen dar. Der Künstler hatte die drei Werke in Grasmere (Lake District, Vereinigtes Königreich) geschaffen, nachdem er zuvor aus London dorthin gezogen war. Die Gesamtheit seiner davor geschaffenen Werke ist nach Auffassung der Kunstkritiker zwar zahlenmäßig überaus reich, aber vom Gehalt her vernachlässigbar. Prof. Klöterjahn spricht vom Ausstoß eines self-taught Malers, der bestenfalls als talentierter Amateur bezeichnet werden könnte. Zwei Einzelausstellungen Mellors waren von der Kunstszene weitgehend ignoriert worden. Umso erstaunlicher, diese völlig herausgehobenen drei Werke, die fulminant das Ende seiner Schaffensperiode markieren. „Mellors finales Werketrio ist ein exquisites Fanal im Oeuvre eines ansonsten durchschnittlichen Künstlers“, so Prof. Klöterjahn. „Es fühlt sich an wie das letzte Aufbäumen einer geschundenen Seele, die ihre gesamte, bisher kaum genutzte kreative Essenz, zu drei ungeheuer reichhaltigen Tropfen zusammenpresst und der Welt diese entgegenschleudert. Ein Memento Mori, das der Künstler seinen Kritikern entgegenhält. Bedenket des Todes, denn Ihr seid nicht besser als ich. Ich würde “William Wordsworth will im Easedale Tarn baden und sieht nach, ob er alleine ist‘ nach den beiden Frauenbildern ansiedeln. Ich kann es nicht begründen, aber es scheint mir einleuchtend, dass Mellors erst mit der Frau im Farn rummacht, dann mit ihr in der Waschküche musiziert, womöglich wegen der besseren Akustik. Er merkt, dass auch die Wollust in einem Wäschetrockner nicht die Todesangst von ihm zu nehmen weiß. Danach ist er ein nackter Mann hinter einem Gebüsch, der den letzten Weg alleine geht und sicher sein will, dass ihn dabei niemand sieht. Die Diskrepanz des explizit zur Schau gestellten Nichtgesehenseinwollens bringt die Schaffenskraft wie ein Blitzeinschlag zum Erliegen. Danach hat Mellors, soweit wir wissen, niemals wieder einen Pinsel angefasst. Für mich ist Mellors ein erstklassiger Künstler, der aber erst in die Provinz gehen musste, um hier in der geistigen Aridität seine Rose von Jericho zum Erblühen zu bringen.“

(269) Einen Vormittag hatte Connie für Eamonn nackt im Farn gestanden.

Einen Vormittag hatte Connie für Eamonn nackt im Farn gestanden. Die meiste Zeit aber, in der sie für ihn Modell stand, waren sie in seinem Atelier gewesen. Es war anstrengend, auf einem Bein so dazustehen, als ob sie durch den Farn lief. Zur Entlastung hatte er ihr einen Schemel mit einem Kissen unter den Unterschenkel des anderen Beins geschoben. Aber an jedem Tag war sie froh, wenn er sie in die Arme nahm und sie auf der Couch im Atelier Sex hatten. Es entspannte sie jedes Mal vollends. Sie kannte Eamonn erst seit einem Monat, aber er war für sie der wichtigste Mensch in ihrem Leben geworden.

„Übrigens“, hatte Connie Amber beiläufig gesagt, als sie das geänderte Bild zurückgebracht hatte, „sein Ding ist wirklich so groß.“ Und als Amber der Mund offen stehen blieb, fügte sie hinzu: „Und das Bild heißt jetzt ‚William Wordsworth will im Easedale Tarn baden und sieht nach, ob er alleine ist‘.“

Der neue Titel war von Connie. Eamonn fand ihn klasse und das Bild wurde auch wirklich so bei der Schau der Lake Artists ausgestellt. Ein reicher Sammler aus London, der in Windermere eine Ferienvilla hatte, kaufte es für den geforderten Preis und wollte weitere Gemälde von Eamonn Mellors erwerben. Als er sich aber Mellors Vorproduktion anschaute, änderte er seine Meinung. Das kränkte Eamonn aber nicht, denn er wusste, dass mit Connie für ihn ein neues Leben angefangen hatte. Er nannte sie fortan nur noch seine Muse und hatte sie gefragt, ob sie für ihn nackt im Farn posieren wolle. Da Connie wegen ihrer Erbschaft nicht arbeiten musste, hatte sie nichts Besseres zu tun und sagte zu. Allerdings, wie gesagt, sie wollte nicht tagelang ohne einen Fetzen Kleidung im Farn stehen. Eamonn äußerte Verständnis. Außerdem wollte sie, dass dieses Bild nicht ausgestellt werden würde. „Dieses Bild wird nur für uns sein“, sagte Eamonn und küsste sie. Als er die letzten Schatten fertig hatte, standen sie gemeinsam vor der Staffelei im Atelier und schauten sich das Gemälde an. „Sind meine Brüste wirklich so groß?“, fragte Connie. „Ich denke schon“, antwortete Eamonn, „sonst hätte ich sie bestimmt kleiner gemalt. Mein Pinsel lügt nicht.“ Zur Sicherheit stellte er sie neben die Leinwand und verglich die Größe. „Das sieht sehr naturgetreu aus“, bestätigte er. „Es erinnert mich an Keats‘ Gedicht ‚To Autumn‘: ‚Season of mists and mellow fruitfulness/ Close bosom-friend of the maturing sun/ Conspiring with him how to load and bless/ With fruit the vines that round the thatch-eaves run“.

Connie musste lachen. „Du bist ein Spinner, Eamonn Mellors. Und ich liebe dich.“ Sie drückte ihn auf das Sofa und knöpfte ihm die Hose auf     . „Dich und dein Ding“, fügte sie gierig hinzu. Eamonn grinste.

(268) Mellors lebte in einem kleinen Schieferhaus, das abgeschieden außerhalb von Ambleside stand.

Mellors lebte in einem kleinen Schieferhaus, das abgeschieden außerhalb von Ambleside stand. Das Haus trug den Namen ‚Three Singing Pines‘. Als Connie Dormouse an die Tür klopfte, wusste sie nicht, was sie erwartete. Sie war aufgeregt. Es passierte nichts und sie klopfte noch einmal, etwas lauter diesmal. Dann wurde die Tür geöffnet. Ein Mann, etwas kleiner als sie, ungefähr gleichalt, aber mit mehr Runzeln und ausgeprägten Geheimratsecken im angegrauten Haar, schaute sie fragend über seine Halbbrille an. „Ich möchte Herrn Mellors sprechen“, sagte Connie tapfer. „Guten Tag“, antwortete der Mann. „Kommen Sie herein.“ Er führte sie durch den dunklen Flur in ein hohes helles Zimmer im hinteren Teil des Hauses. Der Raum ging bis unter das Dach und das Dach selbst bestand zu einem guten Teil aus Glas. In der Mitte stand eine Staffelei mit einer Leinwand. „Sie… sind Eamonn Mellors?“, fragte Connie. „Zu Diensten, Miss…?“ – „Connie Dormouse.“ Seine Hände waren weich und warm. „Ich komme von der Lake Artists Association. Wegen ‚Easedale Tarn‘.“ – „Ach ja, das hatte ich ganz vergessen. Ist es zu langweilig? Man hat mir in London immer vorgeworfen, zu banal zu malen. Ich hatte bei dem Bild versucht, etwas provokant zu sein, aber ich war mir nicht sicher. Was meinen Sie?“ – „Oh, es ist für uns ausreichend provokant…“ – „Ah schön, das freut mich.“ – „Vielleicht eine Spur zu viel…“ – „Zu viel Landschaft?“ – „Nein…“ – „Himmel?“ – „Auch nicht…“ Mellors schaute fragend. „Connie fasste sich ein Herz. „Zuviel Penis, Mr Mellors.“ – „Tatsächlich, Miss Dormouse?“ – „Ja. Nennen Sie mich Connie.“ – „Eamonn.“ Es war still. Er bot ihr einen Sitz an und setzte Tee auf. Sie ging umher und sah, dass die Leinwand auf der Staffelei leer war. Sie hatte etwas ganz anderes erwartet. Zum ersten Mal dachte sie nach, was sie eigentlich erwartet hatte. Einen selbstbewussten Sexprotz, um es auf den Punkt zu bringen. Und jetzt war sie im Atelier eines schüchternen Mannes, mit dem sie eine Seelenverwandtschaft verspürte. Technisch war Connie zwar keine Jungfrau mehr, aber wirklich viel Erfahrung hatte sie nicht mit Dingen ‚da unten‘. Männer machten ihr meistens Angst. Bei Eamonn war es ganz anders.

Als sie bei der zweiten Tasse Tee waren, fragte er sie, was sie denn wegen dem Bild vorschlage. Es schien, als ob er wirklich an ihrer Meinung interessiert sei. Sie meinte, dass er vielleicht ein hüfthohes Gestrüpp vor den Mann pflanzen könnte. „Wird das nicht zu bieder dann?“, fragte Eamonn, denn er war in London ganz anderes gewohnt. Dort hätte man wahrscheinlich eher von ihm verlangt, das Ding des Mannes zu verlängern und es ihm selbst ins Ohr zu stecken. „Nein“, meinte Connie, „das wäre perfekt.“ – „Kein Problem“, sagte Eamonn und wollte das Bild noch am gleichen Abend wieder abholen lassen. Connie war berauscht von dem Gefühl, dass ein Mann wirklich tat, was sie von ihm wollte. Sie schlug vor, gleich zusammen das Bild holen zu fahren, ihr Wagen stehe vor der Tür und das Bild passe hinein.

Als sie wieder zurück in den Three Singing Pines waren, fragte sie Eamonn, ob er Whisky habe. Nachdem sie sich Mut angetrunken hatte, fiel sie über den Maler her. Sie war wie eine Naturgewalt und Eamonn konnte und wollte sich nicht widersetzen.

(267) Connie Dormouse hatte das Gemälde ausgepackt und gegen die Wand gestellt, bevor sie es sich anschaute.

Connie Dormouse hatte das Gemälde ausgepackt und gegen die Wand gestellt, bevor sie es sich anschaute. Es verschlug ihr die Sprache. „Am… Am…“ – „Was ist los, Connie?“ Amber Hines, die Präsidentin der Lake Artists Association kam und blickte auf das Bild. „Oh“, sagte sie nur. Dann öffnete sich die Tür der Galerie und Jessy Lewis kam herein. „Komm mal her, Jessy“, sagte Amber. Dann starrten die drei Frauen gemeinsam auf das Bild vor ihnen. Darauf sah man eine Berglandschaft mit See und davor einen nackten Mann mit recht prominent gemaltem und sehr großem Genital. „Von wem ist es?“, fragte Amber. „Eamonn Mellors“, Connie brauchte nicht auf den Begleitzettel zu schauen. „Ich ahnte es. Der Mann bringt uns nur Ärger.“ – „Es heißt ‚Easedale Tarn'“, fügte Connie hinzu. „Ha“, schnaubte Amber, „und das soll wohl auch Wordsworth sein, davor?“ – „Nein, der genaue Titel lautet ‚Easedale Tarn – ein Selbstporträt'“ – „In seinen Träumen“, murmelte Amber. „Was machen wir damit?“, fragte Jessy. „Wir können das auf keinen Fall ausstellen“, beschied Amber. „Man würde uns teeren und federn in Grasmere. Meine Damen, das ist eine Provokation und die hat in einer Kunstschau nichts verloren.“ – „Wie sollen wir es begründen, wenn wir es nicht ausstellen?“, fragte Connie. „Wir sagen, dass er noch nicht lange genug hier lebt, um zu den Lake Artists zu zählen. Und im nächsten Jahr finden wir etwas anderes.“ Jessy schüttelte den Kopf. „Das hieße aber konsequenterweise auch, dass wir Gladys ablehnen müssen, denn sie wohnt in Newcastle.“ Die drei Frauen schauten hinüber zu den lieblichen Blumenbildern, die eine ganze Wand der Ausstellung bestückten. „Nein, das geht nicht“, sagte Amber. „Auf Gladys können wir auf keinen Fall verzichten. Es muss einen anderen Weg geben.“ Sie starrten wieder auf den Mann vor dem Bergsee. „Der Easedale Tarn ist eigentlich ganz gut geraten“, bemerkte Jessy. „Willst du den Mann überkleben?“ – „Wäre eine Lösung… Aber nein, das war ein Scherz.“ – „Und wenn wir ihn in das Lager hängen, den Raum faktisch zur Ausstellungsfläche hinzuzählen, ihn aber nie öffnen?“ Sie dachten nach und sagten zur gleichen Zeit: „Nein, das geht nicht.“ Schließlich sagte Connie: „Ich besuche ihn mal und frage ihn, ob er das Bild nicht auch ohne Mann hat. Vielleicht ist Reden ja besser…“ Jessy und Amber waren erstaunt. Connie war sonst eher schüchtern und wollte nie alleine mit irgendeiner Person ein ernstes Gespräch führen. „Warum starrt Ihr mich so an? Traut Ihr mir das nicht zu?“

Amber dachte kurz nach, bevor sie antwortete. „Doch, natürlich. Ich freue mich darüber. Nur… Lass dich nicht von dem einwickeln. Jemand, der sich selbst mit so einem… Ding malt, hat bestimmt vor nichts Angst.“ – „Vielleicht hat er ja so ein Ding“, sagte Jessy. Amber starrte sie an. „Jetzt sei mal nicht lächerlich, Jessy. So ein Ding gibt es nicht. Zumindest nicht bei Menschen.“ Connie konnte ihren Blick nicht von der Leinwand lösen.

(266) Wie konnte Howard Sie dann aus Deutschland herausschmuggeln?

„Wie konnte Howard Sie dann aus Deutschland herausschmuggeln? Es gab ja keine diplomatische Immunität mehr.“ Jennifer Naylor blickte von ihrem Schreibblock auf, den Bleistift zwei Zentimeter über dem Papier und schaute Jessy Lewis geborene Gisela Jung fragend an.

Jessy saß ihr gegenüber im Lehnsessel und nippte an ihrem Tee. „Das war eigentlich gar nicht so schwer. 1939 war die Stimmung eher exaltiert. Die spätere Paranoia hätte es viel schwieriger gemacht. So fuhren wir quer durch Deutschland in einem Wagen, den Howard besorgt hatte. Er hatte mir auch einen britischen Pass ausstellen lassen, der mich als Jessy Lewis auswies. Wir waren offiziell verheiratet, bevor er mir den Antrag machte. Lustig nicht?“ – „Ja schon, aber hatten Sie nicht Angst entdeckt zu werden?“ – „Schon, ja. Aber wie gesagt, das Schlimmste, was uns passierte, waren Hohn und Spott oder dumme Sprüche gegen Chamberlain. Wir waren die britischen Loser, die mit eingekniffenem Schwanz nach Hause reisten. Good riddance!“

Jennifer nickte. Sie war Historikerin am Balliol College in Oxford und arbeitete an einer Übersicht der MI5-Aktivitäten in Berlin zwischen den beiden Weltkriegen. Eigentlich hätte sie mit Howard Lewis sprechen wollen, aber dafür kam sie drei Jahre zu spät. Er hatte bei einer Wanderung einen Schlaganfall erlitten und war gestorben. Vom Salon Kitty hatte Jennifer vorher nichts gewusst und es war eigentlich nur ein glücklicher Zufall gewesen, dass sie erfahren hatte, dass Jessy selbst aus Berlin stammte und einiges zu ihrer Arbeit beitragen konnte. Eigentlich hatte sie am Telefon, nachdem Jessy ihr eröffnet hatte, dass Howard tot war, nur etwas Konversation machen wollen, um die unangenehme Stimmung zu verdrängen. Dabei hatte sie Jessy gefragt, wie sie Howard kennengelernt hatte. Danach hatte Jennifer sich auf den Weg in den Lake District gemacht, um die alte Dame zu interviewen.

„Und was passierte danach?“ – „Eigentlich dachte ich, dass ich danach ein ruhiges Leben mit Howard führen könnte. Aber Pustekuchen, wie wir in Deutschland sagen. Ich kam zuerst ganz alleine in ein Camp irgendwo in Wales und wurde von allen möglichen Leuten verhört. Man wollte wohl sicher gehen, dass ich keine Dreifachagentin war. Haha. Das habe ich natürlich erst später begriffen, als Howard es mir erklärte. Ich glaube, er wollte auch sicher sein. Aber danach vertraute er mir komplett. Als ich rauskam, verlebten wir ein paar schöne Wochen in London. Howard musste aber schnell wieder ins Ausland. Nach Nordafrika. Ich habe nie genau erfahren, was er dort machte. Ich hoffe ja immer noch, dass er nicht wieder in Bordellen arbeiten musste. Nach dem Krieg zogen wir hierher nach Grasmere. Howard war öfters unterwegs, allerdings immer nur für ein paar Wochen hier oder da. Auch da habe ich keine Ahnung, wo er war und was er tat. Wir vertrauten einander. Naja, ich hätte hier oben auch wenig anstellen können. Es gibt ja mehr Schafe hier als Menschen. Aber ich muss jetzt sehr unhöflich sein und unser Gespräch hier unterbrechen. Ich habe versprochen bei der Hängung der Lake Artists dabei zu sein und ich halte meine Versprechen.“ Jessy stand auf, Jennifer packte ihre Sachen in ihre Umhängetasche aus Wolle. „Kann ich morgen wiederkommen?“ – „Gerne, mein Kind. Aber erst gegen zwölf. Ich schlafe immer noch gerne lange. Wenn Sie kommen, mache ich uns Gurkensandwiches.“