(245) Guten Tag, Herr Hahn.

von Alain Fux

„Guten Tag, Herr Hahn. Sie kommen heute aber früh von der Arbeit zurück.“ Luise Mencke setzte ihr bestes Lächeln auf, um ihren Nachbarn zu begrüßen. „Sag Herrn Hahn Hallo, Maxine“, ermahnte sie ihre Tochter, die rot anlief und nur scheu hinüberwinkte. In seinem dunklen Anzug sah Richard Hahn wieder aus, wie aus dem Ei gepellt. „Guten Tag, Frau Mencke. Ich habe nachher noch etwas vor. Schönen Abend Ihnen.“ Dann ging er ins Haus, von Frau Menckes Blicken gefolgt. „Mama, kommst du jetzt endlich?“ Maxine stand schon mit den Einkäufen an der Haustür. Schnell schaute Frau Mencke noch zum Haus gegenüber und grüßte den überaus neugierigen Herrn Ziegelschmidt, der genau beobachtete, was so in der Nachbarschaft passierte. Dann ging sie mit Maxine ins Haus.

Wie gerne hätte sie auch noch etwas vorgehabt am Abend. Aber so würde sie Maxine bei den Hausaufgaben helfen, Abendessen zubereiten, essen und abwaschen. Danach irgendwelche Serien im Fernsehen schauen, sich mit Maxine streiten, damit das Mädchen endlich ins Bett ging und dann würde sie weiter fernsehen, bis sie vor der Kiste eingeschlafen war. So war es an jedem Abend, seit sie von Mirko geschieden war.

Würde es immer so weitergehen?, fragte sie sich, während sie die Einkäufe in der Küche verstaute. Als Richard Hahn nebenan einzog, hatte sie gedacht, dass sich daraus etwas ergeben könnte. Er hatte alle Kriterien erfüllt, die sie einmal in einer Liste zusammengestellt hatte. Es war ein Ratschlag in irgendeiner Zeitschrift. Eine Liste machen, damit man überhaupt wusste, wonach man suchte. Und Richard Hahn hatte alles erfüllt. Er war groß und schlank. Nicht zu athletisch, aber jemand, der sich bemühte, gut auszusehen. Er hatte Geschmack bei der Auswahl von Kleidung. Niemand, der ihm Krawatten herauslegen musste, damit alles passte. Er konnte sich ausdrücken, bildete vollständige Sätze und lächelte sehr viel. Sehr subtil war er. Unterschwellig wurde ihr immer heiß, wenn sie näher an ihm stand und sich mit ihm unterhielt. Sex mit diesem Mann musste eine Offenbarung sein. Aber er war kein Hallodri. Kein Mann, der ständig mehrere Affären laufen hatte und es brauchte, um ein ganzer Mann zu sein. Nein, er würde sich auf eine Frau konzentrieren können. Seriöse auch. Bestimmt ein guter, verständnisvoller Vater für Maxine. Jemand, der einen Teil der Last übernehmen würde. Sich einen Tag keine Gedanken um Maxine machen zu müssen, wäre schon eine Erlösung. Und vor allem war er wohlhabend. So ein Werbefachmann, wie er, verantwortete Riesenbudgets. Erst vor Kurzem hatte er ihr erzählt, dass er diese Werbespots für Schokoriegel drehte. Jemand, der so viel Verantwortung trug, musste einfach jede Menge Geld verdienen. Es wäre eine Wohltat, sich keine Gedanken mehr darüber machen zu müssen, ob sie genug Geld für die Miete und das Kleid haben würde. Oder nur für das Kleid. Nein, dann würde sie das Kleid nehmen und auch noch das Parfüm, die Schuhe und die Handtasche. Sie würde damit in die Oper gehen können, anstatt zu Hause zu versauern. Ja, Richard Hahn war unter allen Aspekten genau der richtige Mann für Luise Mencke. Er hatte nur einen Nachteil: Er schien sich nicht die Bohne für sie zu interessieren. Höflicher Smalltalk, aber er kam zu keiner Essenseinladung oder zu den Nachbarschaftstreffen… Ob Hahn sich auch eine Checkliste angelegt hatte und sie darauf bewertet und für ungenügend befunden hatte? Wollte sie es wirklich wissen?

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