(243) „Wo fahren wir hin?“, hatte Bob Kempe gefragt, als er eingestiegen war.

von Alain Fux

„Wo fahren wir hin?“, hatte Bob Kempe gefragt, als er eingestiegen war. „Nach Norden.“ Bob hatte nur genickt und das Radio eingeschaltet. Nach einiger Diskussion hatten sie sich auf einen Radiosender geeinigt, der klassischen Hardrock sendete. Bastian Steiger saß hinter dem Steuer und Bob daneben auf dem Beifahrersitz, stets bereit bei entsprechenden Passagen etwas Headbangen einzustreuen. Sie fuhren auf der alten Route direkt am Meer entlang. Auf der linken Seite wechselten Felswände mit dichten Fichtenwäldern ab. Auf der rechten Seite das glitzernde Meer, manchmal tief unter ihnen, manchmal direkt daneben.

Für einen zufälligen Beobachter wirkten sie bestimmt nicht wie zwei normale Urlauber, dachte Bastian. Bob mit seinem schwarzen Jag Panzer-T-Shirt und seinen langen flusigen Haaren. Bastian in Jeans und Superman-T-Shirt. Beide mit bleicher Haut unterwegs in einem betagten Mercedes mit Led Zeppelin im Radio und keinem nennenswerten Gepäck im Kofferraum. Auf dem Weg in den unbestimmten Norden.

Dann ertönte im Radio der Eingangsriff von ‚Smoke on the Water‘. „Das kannst du volle Kanne aufdrehen“, sagte Bastian und Bob ließ sich das nicht zwei Mal sagen. Die Fensterscheiben dröhnten und als die Vocals einsetzten, grölten beide bereits aus voller Kehle mit. „We all came out to Montreux on the Lake Geneva shoreline.“ Der blaue Himmel, das nahe Meer, die laute Musik und der hemmungslose Gesang – Bastian hatte das Gefühl, dass der Ratschlag seines Chefredakteurs genau richtig war. Bastian drückte auf das Gaspedal und brachte das Auto an seine Grenzen. Bei der zweiten Wiederholung des Refrains hatte er den Eindruck, dass er wirklich Rauch sehen konnte, tat es aber als Einbildung ab. Als sie zum dritten Mal „Smoke on the water, a fire in the sky“ sangen, gab es kein Leugnen mehr. Von der Motorhaube stieg in der Tat dichter Rauch auf und verwirbelte an der Windschutzscheibe. Dann fiel Bastian ein, dass er den Wasserstand im Kühler noch hatte überprüfen wollen. Das hatte er wohl vergessen. Er fuhr das Auto an den Straßenrand und machte den Motor aus. Es roch nach verbranntem Gummi. „Gerade als es so schön war, sagte Bob. Bastian öffnete die Motorhaube mit einer alten Zeitung als Schutz vor dem heißen Metall. Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte und rief den Notruf an. Nach mehreren Weiterleitungen sagte man ihm, dass ein Mechaniker vom Automobilklub zu ihm unterwegs sei. Als Bastian sich wieder zu Bob ins Auto setzte, lief Death Metal. „Jetzt nicht“, sagte Bastian und wählte einen anderen Sender, einen Kulturkanal auf dem gerade Klaviermusik lief. Bob zog eine Fratze, aber Bastian meinte, er brauchte jetzt etwas Ruhe. Die Klaviermusik endete und eine sonore Männerstimme sagte: „Sie hörten das 1. Klavierkonzert von, und das ist kein Scherz, Richard Nixon, selber gespielt von dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten.“

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