(241) Wir werden diesen Artikel nicht abdrucken.

von Alain Fux

„Wir werden diesen Artikel nicht abdrucken. Auf keinen Fall.“ Marius Renner gab sich Mühe, in seine Stimme eine Aura von Endgültigkeit zu legen. Er war der Chefredakteur und das sollte Bastian Steiger anerkennen. Er war nur ein Schreiber, der froh sein sollte, dass man seine Artikel überhaupt abdruckte in der kleinen aber angesehenen Kulturzeitschrift ‚Außenposten‘. Da er nichts mehr aus der Leitung hörte, fragte er nach: „Bist du noch dran, Bastian?“ – „Ja, ich höre dir zu.“ Wenigstens schien Bastian einsichtig. Marius nahm den Artikel, den Bastian geschickt hatte noch einmal zur Hand. „Das ist doch alles supereklig. Kein Erkenntnisgewinn, es wird einem nur schlecht beim Lesen. Die Verwendung von Aalen… Ich muss fast brechen, wenn ich es lese. Todesfälle in China, OPs in Neuseeland. Dann diese Röntgenaufnahme mit dem Aalskelett im Darm. Fürchterlich…“ – „Ich dachte, dass die Leute so etwas noch nicht kennen und sie wissen wollen, was so passiert in der Welt.“ – „In der Welt, ja. Im Darm anderer Leute, nein.“ Marius wollte nicht schon wieder Ärger wegen Bastian haben. Erst vor Kurzem hatte der Verleger gefragt, ob es nicht anstößig sei, wenn der Journalist Steiger seine Artikel mit –bsteiger signierte. Nach den Aalen im Anus würden Köpfe rollen.

„Das heißt, du willst meine Geschichte über Richard Gere und den Hamster auch wieder rausnehmen…“ – „Was? Die kenn ich nicht… Hast Du die etwa ins Magazin geschmuggelt?“ Renner war entsetzt. „Nein. Jetzt reg‘ dich nicht auf. Die Geschichte habe ich erst gestern Nacht geschickt. Das kam raus, als ich nach den Aalen recherchierte. Es geht darum, dass Richard Gere vielleicht in ein Krankenhaus…“ – „Hör auf. Ich will die Geschichte gar nicht hören. Hamster, Aale… Ich habe die Schnauze voll davon.“ – „Dann pass mal auf, dass sie nicht in die Tiefe steigen…“ Bastian verstummte. Er merkte selbst, dass es jetzt genug war. „Entschuldige. Ich konnte nicht widerstehen…“

Marius sammelte sich kurz und sagte dann: „Warum machst du nicht ein bisschen Urlaub? Kommst ein bisschen unter die Leute, fährst rum, setzt dich vielleicht an den Strand, lernst eine Frau kennen, so was. Und dann kommst du mit vielen neuen Ideen zurück und wir heben ein paar ganz tolle Stories ins Heft.“ – „Heißt das, du schmeißt mich raus?“

Nein“, antwortete Marius. „Es ist nur… Du bist mit diesen ganzen Geschichten in einer Einbahnstraße. Du hast Dich da reinverbissen und es geht jetzt nicht mehr weiter. Zumindest nicht so, dass dich jemand bezahlen möchte für deine Arbeit.“ – „Du meinst, ich bin so wie der Aal, der tief im Darm drinsteckt und einen Ausweg finden muss.“ – „Seltsames Bild, aber es kommt wahrscheinlich hin.“ – „Und du meinst, ich soll mich durchbeißen, neue Wege finden?“ – „Hör mal auf mit den Aalen. Ich will nur, dass du eine Auszeit nimmst. Und wenn du danach mit einer vernünftigen Geschichte kommst, verspreche ich, dass ich sie abdrucken werde. Überleg‘ dir das, Bastian. Und keine Tiere im Verdauungstrakt!“

Advertisements