(240) Liebe Kolleginnen und Kollegen, nachdem ich Sie mit Erkenntnissen aus der wunderbaren Welt der Kolektomie unterhalten durfte…

von Alain Fux

„Liebe Kolleginnen und Kollegen, nachdem ich Sie mit Erkenntnissen aus der wunderbaren Welt der Kolektomie unterhalten durfte, wollte ich meinen Vortrag mit einem anderen denkwürdigen Eingriff abschließen.“ Dr. Konstantin Paulsen, der renommierte Darmchirurg, legte eine Folie mit einer Röntgenaufnahme auf den Projektor. „Patient ist männlich, 40 Jahre, keine Vorerkrankungen, Nichtraucher, kein Alkohol, leicht übergewichtig. Kam ins Krankenhaus zu einem Kollegen und sagte, dass er sich einen Aal ins Rektum eingeführt habe. Bei der Palpation des Abdomens fiel eine interne Bewegung im Dünndarm auf. Was Sie hier sehen, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist das Röntgenbild, das daraufhin angefertigt wurde. Ich möchte betonen, dass das keine Fotomontage ist. Diese ‚Perlenkette‘ sind die Wirbel des Aals, die in dieser Richtung dicker werden und dann in diesem schlangenähnlichen Kopf endeten. Das war auch das Bild, das ich erhielt, als der Patient bei mir auf dem OP-Tisch lag. Die Herausforderung war, herauszufinden, wo ich schneiden musste. Ich bin kein Biologe, habe aber nachher recherchiert, dass diese Aale eine Zeit lang ohne Sauerstoff auskommen können und sich bei Gefahr oder Stress in den schlammigen Untergrund wühlen. Auch zur Aalpsychologie kann ich wenig beitragen, allerdings erscheint es mir für einen Aal bestimmt ein Stressfaktor zu sein, in ein zwar faszinierendes, aber dennoch so enges Umfeld wie einen menschlichen Darm eingeführt zu werden. Der Aal wühlte sich also durch den ‚Schlamm‘ weiter in den Dickdarm hinein und endete im Dünndarm. Der Aal hat eine Vielzahl spitzer Zähne und als das natürliche Fortkommen durch die Palpationen unterbrochen war, bohrte er sich mithilfe seiner spitzen Zähne durch den Dünndarm.

Die Radioskopie, die ich also vor mir hatte, war nur eine Momentaufnahme von vorher. Der Aal konnte mittlerweile woanders sein. Ich musste mich auf meinen Instinkt und Tastgefühl verlassen. Ich will Ihnen die Details der OP ersparen, aber lassen Sie es mich so sagen: Es war eine Schnitzeljagd quer durch den Verdauungstrakt des Patienten. Wenn Aale Chirurgie studieren könnten, gäbe es für uns Menschen bald nichts mehr zu tun. Am Ende hatte ich den Racker erwischt, bevor der Blutverlust des Patienten zu groß wurde. Allerdings dauerte das Zusammenflicken nachher länger als alles andere.

Für die Tierfreunde unter Ihnen: Der Aal lebte zwar noch, als wir ihn herauszogen, verstarb aber kurz darauf. Der Patient konnte nach vier Tagen aus dem Krankenhaus entlassen werden. Keine weiteren Komplikationen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.“

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