(239) Dr. Heppner hat einen Patienten.

von Alain Fux

„Dr. Heppner hat einen Patienten. Es kann länger dauern. Sie hätten einen Termin anfragen sollen.“ Die geschminkte Empfangsdame im Kreiskrankenhaus klimperte Johnny mit langen Augenwimpern an. Johnny schaute zu seiner Mutter, die er im Wartebereich hingesetzt hatte. Sie war im Sitzen eingeschlafen. „Wir warten“, sagte Johnny. Die Frau zuckte mit den Schultern.

Währenddessen wartete auch Dr. Heppner ungeduldig auf das Ergebnis der Röntgenaufnahme. Er hoffte immer noch, dass sein Patient ihn verschaukeln wollte. In der Konsultation hatte Jobst Knauer nicht still sitzen können. Er hatte zuerst erzählt, dass es sich in ihm bewegte. Dr. Heppner hatte gefragt, ob er Blähungen habe. Der Patient verneinte und druckste rum, dass er glaube, ein Tier sei in ihm. Auf Heppners Frage antwortete er, dass er glaube, dass es ein Aal sei. Heppners logischer Schluss war, dass jemand, der vermutete, dass ein Aal in ihm steckte, auch wusste, wie der Aal reingekommen sei. Er fragte Knauer danach.

Schließlich sah Knauer ein, dass er reden musste, um Hilfe zu bekommen. Er erzählte dem Arzt folgende Geschichte. Im Internet hatte er einen japanischen Pornofilm gesehen, in dem das gemacht wurde und dann hatte er es selbst probieren wollen. Auf dem Fischmarkt hatte er sich einen Aal besorgt und zuhause damit rumgemacht. Leider sei der Aal sehr glitschig gewesen und der Fisch war ihm aus den Händen geglitten. „Wann war das?“, fragte Dr. Heppner. „Vor zwei Stunden.“ – „Wie groß war der Aal?“ Knauer hielt die Hände etwa 30 Zentimeter voneinander entfernt.

Heppner glaubte Knauer nicht. Er hatte schon vieles erlebt, was Männer aus sexuellem Frust mit sich anstellten, aber Aale im Rektum gehörten bisher nicht dazu. Er sagte zu Knauer, er solle sich freimachen und auf die Untersuchungsliege legen. „Ganz nackt?“, fragte Knauer?“ – „Hemd hoch, Hose runter“, sagte Heppner knapp.

Mit den Händen strich der Arzt über den Bauch des Patienten. Als er unterhalb des Querdickdarms war, spürte er, dass sich etwas unter der Bauchdecke bewegte. Erschrocken zog er die Hand weg. Ihm war gerade die Szene aus Alien durch den Kopf geschossen, in der das heranwachsende Alien durch den Brustkorb von John Hurt herausplatzte. Dr. Heppner legte die Hand wieder auf die Stelle und drückte einmal beherzt darauf. In dem Moment schrie Knauer auf und Heppner verspürte wieder eine Bewegung in Heppners Bauch. Jetzt begann er, der Geschichte seines Patienten zu glauben. Der Arzt schlug Alarm und ließ Knauer in die Röntgenabteilung bringen. Das OP stand bereit, ihn aufzuschneiden, sobald man wusste, wo das Tier genau war. Heppner hoffte, dass es nicht gerade dabei war, sich quer durch seinen Patienten durchzubeißen.

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