(238) Jedes Mal wenn Frau Nebel ihren Sohn sah, fragte sie ihn, wer er denn sei.

von Alain Fux

Jedes Mal wenn Frau Nebel ihren Sohn sah, fragte sie ihn, wer er denn sei. Manche Tätigkeiten erledigte sie noch aus Automatismus, aber vieles schaffte sie nicht mehr. Sogar die Hühner waren völlig panisch und nicht mehr in der Lage, Eier zu legen.

Der Grund für den Zustand seiner Mutter und den der Hühner war das Tiefflugtestgebiet für Kampfhubschrauber, das die Luftwaffe direkt an das Dorf heran angelegt hatte. An jedem Tag der Woche übten dort Piloten ihre Flugkünste und es war ein Wettbewerb zwischen ihnen, wer am tiefsten über die Bauernhöfe und Straßen fliegen konnte. Nicht nur war der Lärm unerträglich, es war auch der ständige Druck, dass plötzlich ein Kampfhubschrauber direkt hinter einem auftauchen konnte, der Mensch und Vieh zutiefst verstörte. Das hatte dazu geführt, dass alle, die es irgendwie arrangieren konnten, das Dorf verließen und nur noch die Alten und Gebrechlichen zurückblieben. Viele der restlichen Einwohner der Stadt waren in einem ähnlich katatonischen Zustand wie Frau Nebel. Das Dorf war in Auflösung begriffen. Einmal in der Woche kam eine Sozialarbeiterin vorbei, um zu sehen, wer zwischenzeitlich gestorben war und um die Feuerwehr zu rufen, damit sie Häuser öffneten und Leichen offiziell auffinden konnten. Sie konnte Johnny nur sagen, dass sie keine Ahnung hatte, an wen er sich wenden konnte. Für sie war es nur ein Job, ließ sie ihn wissen. Sie fügte hinzu, dass sie nur einen befristeten Arbeitsvertrag erhalten hatte. Anscheinen dachte man, das Problem innerhalb der nächsten elf Monate zu lösen.

Johnny telefonierte mit einem alten Schulfreund, der schon längst weggezogen war. „Du musst ins Kreiskrankenhaus zu Dr. Heppner gehen. Dr. Heppner ist Internist und stellt Atteste aus, die den Zustand deiner Mutter beschreiben. Damit kannst du gegen die Luftwaffe klagen und dann werden sie dir Geld für die Umsiedlung geben. Es ist der einzige Ausweg, Johnny. Du musst deine Mutter da rausholen, weil sonst…“. Dann war die Leitung tot, denn ein Huhn hatte das Kabel durchgepickt.

Johnny erklärte seiner Mutter, was er vorhatte. Sie schaute ihn nur verständnislos an und dabei klappte ihr der Mund offen. Johnny schob ihn wieder zu.

In der Scheune stand der Trecker. Es war immer noch das gleiche Gefährt, mit dem sein Vater sich in einem Hang beim Heumähen überschlagen hatte. Es gab immer noch keinen Überrollschutz, aber Johnny hatte auch keine Absicht, in einen Hang zu fahren. Er machte den Trecker startklar und half seiner Mutter auf einen der Seitensitze auf den Kotflügeln des Treckers. Er band sie mit einem Strohballenseil fest an den Sitz. Beim Herausfahren vom Hof überfuhr er ein Huhn, das planlos herumgelaufen war. Johnny blieb kurz stehen und starrte zurück auf das rotgefärbte Bündel, der sich neben der schon längst ausgetrockneten Mistgrube befand. Er fuhr schnell weiter, bevor seine Mutter etwas von dem Unfall mitbekam. Sein Ziel war das Kreiskrankenhaus und dort ganz speziell Dr. Heppner, der Mann, der alle erlösen konnte.

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