(237) So was muss man selbst erlebt haben.

von Alain Fux

So was muss man selbst erlebt haben. Das war das Motto von Johnny Nebel, dem er die ganzen Jahre seiner Seemannskarriere treu blieb. Wenn er an Bord arbeitete, gab es nichts, das ihn ablenkte konnte. Aber wenn er freihatte oder bei Landgängen, ließ er nichts aus. Nein zu sagen entsprach nicht seiner Natur. Auch wenn er Unfug anstellte – es ging immer gut.

Er überstand unzählige Schlägereien in Hafenkneipen und bei einigen war er der Auslöser gewesen. Manche davon hatte er sogar absichtlich angezettelt. Elf Mal musste er infolge dieser Ereignisse in Krankenhäusern versorgt werden, sieben Mal verbrachte er die Nacht in Arrestzellen. Er hatte Diskussionen mit Prostituierten wegen der Bezahlung, manchmal auch mit ihren Zuhältern. Zweimal wurde er von Zuhältern zusammengeschlagen, einmal mit einem fiesen Totschläger. Mehrmals ging er mit Frauen nach Hause, die von einem Matrosen auf Landgang angeregt wurden. Einmal war der Ehemann dabei und schaute zu. Er hatte Männer getroffen, die einem Matrosen gerne einen Drink und mehr spendierten. Nächte hatte er in dreckigen Ecken unter Brücken verbracht und hatte sich schmutziges Hafenwasser über den Kopf gegossen, um wieder klar zu werden. Ein Rikschafahrer hatte ihn im Streit in einen Kanal gekippt, aus dem er mit Dutzenden Blutegeln am Körper wieder entstieg. Mehrmals wurde ihm in Bordellen die Brieftasche mit der letzten Heuer geklaut. Die Polizei hatte ihn verwarnt, weil er unter dem Fenster einer jungen Frau mit einem anderen Matrosen Shantys sang. In mehreren Häfen hatte er Frauen geschwängert und nie auf ihre Briefe geantwortet.

All das gehörte zu seinem Seemannsleben und es hätte noch lange so weiter gehen können. Aber dann kam eine Nacht, in der Johnny Wache hatte. Das Schiff lag im Hafen von Durban und sollte am nächsten Tag fertig beladen werden. Johnny ging an Deck umher und glaubte plötzlich hinter einer Ladeluke einen Schatten gesehen zu haben. Er trat näher und leuchtete mit seiner Taschenlampe. Da war aber niemand. Allerdings stand die Ladeluke einen Spalt weit offen. Es war nicht ausgeschlossen, dass sich ein blinder Passagier darin versteckt hatte. Das war schon mehrmals passiert. Er beugte sich über die offene Luke und leuchtete mit seiner Lampe hinunter. Dabei verlor er das Gleichgewicht und fiel ausgerechnet in den Teil des Laderaums, den die Schauerleute noch nicht befüllt hatten. Acht Meter tief fiel er. Er kam zwar umgehend ins Krankenhaus, aber seine Wirbelsäulenverletzung beendete die Matrosenkarriere. Er kehrte zu seiner Mutter zurück, die in einem kleinen Bauerndorf fünfzig Kilometer entfernt von der Küste wohnte. Es war Johnnys Heimatort und für ihn war die Rückkehr die höchste aller Strafen. Als er nach Hause kam, saß seine alte Mutter in der Küche und fütterte die Hühner, die ihr überall hin folgten. Sie erkannte ihren Sohn nicht.

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