(236) Trotz oder gerade wegen der Pleite mit dem Boot wurde es doch ein unvergesslicher Abend für Felix.

von Alain Fux

Trotz oder gerade wegen der Pleite mit dem Boot wurde es doch ein unvergesslicher Abend für Felix. Der Großvater schoss in der Abenddämmerung noch eine Ente, die er ausnahm und am Lagerfeuer briet. Noch nie hatte eine Ente so gut geschmeckt. Nach dem Essen saßen sie weiter am Feuer und erzählten sich Geschichten. Vor allem Großvater Max, denn er hatte natürlich viel mehr erlebt als Felix.

Als junger Mann war Max Klinger zur See gefahren. Als Matrose auf Frachtschiffen kam er viel herum auf allen Weltmeeren. Er sagte immer, dass es das Leben auf See war, das ihn dazu gemacht hatte, was er war.

„Aber es war nicht immer alles toll. Viele Erfahrungen, die du machst, sind erst mal schmerzhaft und erst später weißt du, dass du etwas daraus gelernt hast. Das wird dir auch so gehen, Felix. Aber man kann natürlich auch aus den Fehlern von anderen lernen. Soll ich dir mal eine solche Geschichte erzählen?“ Felix sagte ja, das würde er sehr gerne hören.

Großvater Max fuhr dann fort: „Einmal legten wir in Veracruz, Mexiko, an. Damals hatte man als Matrose noch Zeit, die Stadt anzuschauen. Heute geht das nicht mehr, weil die Schiffe ruckzuck be- und entladen werden. Damals wurde jeder Sack, jede Kiste noch einzeln getragen und dafür brauchten die Schauerleute ein paar Tage. Ich machte mich also auf, um mit Johnny Nebel, einem anderen Matrosen, die Stadt zu erkunden. Johnny war ein guter Kerl, aber nicht besonders hell in der Birne. Ohne mich wäre er wahrscheinlich gar nicht aus dem Hafenbezirk rausgekommen. Er wäre am liebsten in irgendein Sündenlokal hineingegangen und hätte die Heuer verprasst, aber ich wollte nicht.“

Großvater Max legte noch einen Ast in die Glut des Lagerfeuers und fuhr fort: „Als wir so daherkamen, sah ich ein Plakat für ein Baseballspiel der Roten Adler von Veracruz gegen die Tiger von Mexiko City. Baseball war für uns damals ja fast völlig unbekannt – da wollte ich hin. Johnny war natürlich einverstanden. Als wir in den Rängen saßen und versuchten, das Spiel zu verstehen, saß neben uns ein freundlicher US-Amerikaner, der uns alles erklärte. Nach dem Spiel wollte er uns zum Essen einladen und gerade als wir mit dem Taxi vor dem Restaurant vorfuhren, fiel ihm ein, dass er sein Geld vergessen hatte. Dann lud er uns zu sich nach Hause ein. Ich war schon skeptisch, aber Johnny fand das alles Klasse. Der Mann hatte auch ein sehr schönes Apartment. Die Adresse weiß ich heute noch, Boulevard Camacho 347. Aber er wollte nicht mit uns essen, sondern Dinge machen, die Männer nicht tun sollten. Du bist noch zu jung für so etwas, Felix. Aber es gibt Männer, die versuchen, Dinge mit Männern zu tun, die Männer nicht mit anderen Männern tun dürfen. Das ist eine große Sünde. Sei auf der Hut vor solchen Männern!“ Felix versprach, dass er sich die Worte von Großvater Max merken würde.

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