(235) Sero war bestimmt der dümmste Jagdhund, den es gab.

von Alain Fux

Sero war bestimmt der dümmste Jagdhund, den es gab. Max Klinger hatte keine Idee, mit welchem Rüden Minna sich gepaart hatte, aber das väterliche Erbgut musste jämmerlich gewesen sein. Sero war klein, hatte einen markanten Überbiss und schien ausschließlich von seiner Fressgier geleitet zu werden. Klinger hatte schon gedacht, Sero einfach zu erschießen, aber solange Minna noch lebte, wollte er ihr das nicht antun. So nahm er immer beide Hunde mit auf die Entenjagd. Minna holte die abgeschossenen Tiere und Sero lag rum und döste solange, bis ihm die Schüsse Angst machten.

Klinger war froh, dass sein Enkel Felix die Entenjagd mochte. Anders als sein Vater, der zwar ein Restaurant betrieb, aber nichts davon wissen wollte, wo das Fleisch denn herkam. In Klingers Augen ein Weichei. Felix sollte anders werden. Zupackend und bereit, den Problemen in die Augen zu sehen.

„Hast Du das Boot schon vorbereitet?“, fragte Klinger seinen Enkel, als sie Abendbrot aßen. „Alles bereit, wir können morgen gleich los.“ Und das taten sie auch. Bevor es hell wurde, standen sie auf und ruderten mit dem Boot am Ufer entlang. Da der See von einem Fluss durchzogen wurde, gab es starke Strömungen und man musste genau aufpassen, wie man fuhr. Mit im Boot Minna, die wachsam am Bug stand wie eine Galionsfigur und Sero, der auf einer Decke pennte.

Großvater und Enkel erreichten eine gute Entenstelle auf einer Insel im Strom und gingen an Land. Das Boot vertäuten sie und dann legten sie sich in die schilfgepolsterte Grube, um auf die Enten zu warten. Minna hielt sich sprungbereit, Sero pennte weiter. Zufrieden beobachtete Klinger, wie Felix fachmännisch sein eigenes, kleines Gewehr überprüfte, lud und auf den Grubenrand legte.

Als sie wieder aufbrachen, sagte sich Klinger, dass es ein guter Tag gewesen war. Er selbst hatte 6 Enten geschossen, Felix fünf. Eine davon hatte Minna nicht gefunden. Felix legte die zehn Enten sorgfältig in das Boot und kam zurück, um die Decken einzusammeln. Klinger stand daneben und beobachtete ihn mit Vergnügen. Dann ging Felix noch einmal zurück, um die Flinten zu holen. Klinger löste das Tau und warf es in das Ruderboot. In dem Augenblick kam Sero aus der Grube geschossen, denn nichts war ihm lieber, als nach Hause zu fahren. Er sprang in das Boot, das dadurch in Bewegung geriet und vom Land abstieß. Klinger bemerkte es nicht sofort, weil er zu Felix schaute und als er es sah, trieb das Boot bereits in der Strömung. Minna sprang ins Wasser, aber es war aussichtslos – Klinger rief sie zurück. Auf der Bank im Boot stand Sero und heulte erschrocken. Schnell wurde das Boot abgetrieben und verschwand hinter einem Schilfgürtel. „Das ist jetzt blöd“, meinte Klinger. „Wir werden die Nacht hier verbringen müssen.“

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