(233) In den nächsten Tagen schaute Sonja sich die Fleischrechnungen genau an.

von Alain Fux

In den nächsten Tagen schaute Sonja sich die Fleischrechnungen genau an. Beppo hatte recht, es war unmöglich, dass derart viel Fleisch im Restaurant verbraucht wurde. Beim nächsten Mal überprüfte sie den Lieferschein mit der angelieferten Menge. Der Lieferschein erhielt doppelt so viel Filet wie tatsächlich angekommen. Zur Sicherheit wollte sie auch noch die nächste Lieferung abwarten. Gleichzeitig rechnete sie anhand der Bons der letzten drei Monate hoch, wie viel Fleisch an die Gäste verkauft worden war und verglich mit den eingekauften Mengen. Auch diese Zahlen zeigten, dass Beppo richtig lag.

An einem frühen Morgen durchsuchte sie Viktors Spind und fand darin einen aufgefalteten Origami-Zettel, in dessen Falzen noch weiße Pulverreste hingen. Darin stand auch eine angebrochene und zwei volle Flaschen Wodka. Dem Stempel nach stammten sie aus dem Bestand des Restaurants.

Nach der nächsten Fleischlieferung, die ähnlich ablief wie die davor, hatte Sonja genügend Fakten. Sie überlegte, ob sie zuerst mit Klinger sprechen sollte, entschied sich aber dagegen. Der Eigentümer kam kaum mehr ins Restaurant und kümmerte sich fast ausschließlich um den Mordprozess gegen seinen Sohn. Sie würde es alleine durchziehen müssen.

Sie bestellte Viktor in ihr Büro. Zur Sicherheit hatte sie Beppo gebeten, draußen vor der Tür zu warten, für den Fall, dass Viktor gewalttätig werden würde.

Viktor fläzte sich vor sie hin in den Besucherstuhl. „Haben Sie noch ein paar Verbesserungsvorschläge für den Arbeitsablauf?“, fragte er höhnisch. Sonja hielt den in ihr aufsteigenden Zorn zurück und sagte nur: „Ich habe ein paar Fragen, Herr Klee.“ Sie nahm einen Stapel Papier und bereitete die ersten Blätter vor sich auf dem Schreibtisch aus. „Es betrifft die Fleischlieferungen.“

Viktor schaute gelangweilt auf die Papiere und sagte nur: „Das brauchen Sie nicht zu tun. Das ist mein Job. Es ist alles in Ordnung.“ – „Den Eindruck habe ich nicht, Herr Klee. Ich habe den Fleischverbrauch der letzten Wochen überprüft und gesehen, dass wir mehr einkaufen, als wir verbrauchen.“ Klee sagte nichts, schob nur seinen Unterkiefer noch vorne und zurück. „Außerdem scheinen die Lieferscheine für die Fleischlieferungen falsch zu sein.“ – „Was wollen Sie damit sagen?“ – „Auf den Lieferscheinen ist Ihre Unterschrift, Herr Klee. Das wirft Fragen auf.“

Klee setzte sich aufrecht in den Sessel und legte seine großen Hände zusammen. „Jetzt hören Sie mal gut zu, Chefin. Die Küche führe ich. Um die Lieferungen kümmere ich mich. Das geht Sie alles nichts an. Wenn Ihnen das nicht passt, dann gehen Sie doch wieder.“ – „Irrtum, Herr Klee. Ich werde Herrn Klinger über diese Betrügereien berichten, die Sie anstellen, um Ihren Kokainkonsum zu finanzieren. Dann werden wir ja sehen, was dann kommt.“ Mit einem Schrei sprang Klee auf und lief um den Schreibtisch herum. Bevor Sonja um Hilfe rufen konnte, hatte er sie an der Gurgel gepackt und drückte zu. Mit zusammengepressten Zähnen zischte er „Du machst mich nicht fertig, du Imbissschlampe!“.

Doch dann kam Beppo ins Büro und schlug Klee mit einem Plattiereisen nieder. „So mag ich mein Schnitzel“, sagte Beppo zufrieden.

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