(232) Bisher hatte Viktor Klee noch kein freundliches Wort zu ihr gesagt.

von Alain Fux

Bisher hatte Viktor Klee noch kein freundliches Wort zu ihr gesagt. Sonja Holbeins Sous Chef machte keinen Hehl daraus, dass er seine Chefin nicht schätzte. Mit den anderen Köchen würde sie keine Probleme haben, schätzte sie, aber an dem Sous Chef kam sie nicht vorbei. Sie war zwar die Küchenchefin, aber Viktor managte die Küche.

Es war nicht so, dass er sich widersetzte oder offensichtlich respektlos verhielt. Es war die Art, wie er sie anstarrte, seine ablehnende Körperhaltung oder sein süffisantes Nicken oder Kopfschütteln. Selbst kleinere Änderungen in der Küche hatte er abgelehnt. Sie hatte zum Beispiel angeregt, die Mise en Place jeweils auf die Erfahrungen und Bestellungen der vergangenen Tage abzustellen anstatt sie von rigiden Vorgaben abhängig zu machen. Viktor hatte nur den Kopf geschüttelt und war weggegangen. Oder als sie den Kombidämpfer näher zum Entremetier schieben wollte, der ihn hauptsächlich benutzte. Viktor hatte wieder abgelehnt.

Das restliche Küchenteam schien abzuwarten, wie dieses Kräftemessen zwischen Küchenmeisterin und Sous Chef enden würde. Allerdings hatte alle Angst vor Viktor und waren deshalb Sonja gegenüber reserviert.

Alle außer Beppo, dem Abwäscher. Er hatte die niedrigste Stellung in der Küche und war länger da, als alle anderen. Er war immer da und Sonja hatte schon den Verdacht, dass er in der Küche lebte.

Eines Morgens, bevor alle anderen zur Arbeit kamen, saß sie verzweifelt in ihrem Büro und überlegte ernsthaft, ob sie den Job hinschmeißen sollte. Dann klopfte es an der Tür und Beppo kam herein. Er war bestimmt weit über 60 und hatte ein derart runzliges Gesicht, dass die Falten fast wie Maori-Tätowierungen aussahen. „Sie dürfen nicht aufgeben.“ Sonja schnaubte abwehrend. „Lassen Sie es mich anders sagen: Sie brauchen nicht aufzugeben.“ Beppo erklärte ihr, dass Viktor, seit er im Klinger’s arbeitete, ihm das Leben erschwerte. Viktor stand unter dem Schutz des vorherigen Kochs und Beppo konnte sich nicht wehren. „Und in meinem Alter findet man keine andere Stelle.“

Beppo erklärte ihr, dass Viktor ein Drogenproblem habe. „Er nimmt Kokain und dann trinkt er auch noch. Wenn er richtig drauf ist, sollte man ihm nicht dumm kommen.“ Um seinen Drogenkonsum zu finanzieren, betrog Viktor bei der Fleischabrechnung. Den Gewinn daraus teilte er mit dem Fleischlieferanten. „Mit dem Fleisch was hier abgerechnet wird, könnte man locker zwei Restaurants führen. Deshalb musste auch Niemann gehen. Er hatte den ganzen Papierkram an Viktor übertragen und seine Kosten nicht im Griff. Klinger reagierte zwar, erwischte aber den Falschen.“ Sonja schaute Beppo prüfend an. „Warum haben Sie das Klinger nicht gesagt?“ – „Ich bin hier nur der Plongeur, der letzte Mann. Auf mich hört keiner. Legen Sie Viktor das Handwerk. Egal, was Sie mit ihm tun, er hat es verdient.“

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