(231) Sie musste ganz einfach scheitern.

von Alain Fux

Sie musste ganz einfach scheitern. Wieso sollte eine Frau, die bisher nur eine Kaschemme, einen besseren Imbiss geleitet hatte, in einem der besten Restaurants der Stadt Erfolg haben? Und Erfolg, das war Udo Niemann klar, würde daran gemessen werden, ob sie besser sein würde als er. Höchst unwahrscheinlich, fand er.

Er saß in dem Café gegenüber vom Klinger’s und beobachtete den Haupteingang. Er wollte Klinger abpassen und ihn dann zur Rede stellen. Es war Mittagszeit und zuerst kamen immer nur mehr Gäste an. Anzugträger, Sesselfurzer. Eigentlich hatte er die Gäste noch nie richtig gesehen. Aber es ging auch nicht um die Gäste. Es ging darum, seinen eigenen Maßstäben treu zu bleiben. Das beste Essen aufzutischen, was die Gäste erwarten konnten.

Man hatte ihn einfach so vor die Tür gesetzt. Nachdem er das ‚Klinger’s‘ erst dazu gemacht hatte, was es jetzt war: einer der beliebtesten Treffpunkte für die High Society. Welche Mühe er sich gegeben hatte, einen Stil zu entwickeln, der zwar dem traditionellen Brasserie-Stil entsprach, aber dennoch eine innovative Weiterentwicklung war. Und jetzt sollte das alles nichts wert gewesen sein?

Klinger hatte ihm die Kündigung nicht einmal selbst überbracht. Das hatte der Personalheini seiner Firmen erledigt. „Herr Klinger fand, dass Ihre und seine Pläne für die weitere Entwicklung des Restaurants nicht mehr deckungsgleich sind.“ Absurd. Schließlich ging es darum, immer besser zu werden. Natürlich, das hatte seinen Preis und die ganzen Zutaten waren auch nicht billig. Aber Herrgott noch mal, warum macht man ein Restaurant auf, wenn es nur darum gehen sollte, schnell Kohle zu machen? „Herr Niemann, Herr Klinger hat mir aufgetragen Ihnen zu sagen, dass er Ihnen alles Gute für die Zukunft wünscht.“ Ha, das konnte er sich woanders hinstecken. So schnell konnte er Niemann nicht abservieren. Der Ex-Küchenchef bestellte noch ein Glas Rotwein. Wenn er schon nicht arbeiten durfte, konnte er tagsüber wenigstens Wein trinken.

Die Mannschaft stand immer noch hinter ihm, das wusste Niemann. Allen voran Viktor Klee, der Sous Chef. Niemann hatte Klee eine Chance gegeben, nachdem er wegen Kokain seinen vorherigen Job im ‚Schwarzen Adler‘ verloren hatte. Das würde er ihm nicht vergessen. Außerdem war es kaum vorstellbar, dass Klee für eine Frau arbeitete.

Und wenn diese Sonja Holbein nicht herausgeschmissen würde, dann würde Niemann eben ein neues Restaurant aufmachen und seine Leute mitnehmen. Sie warteten doch nur darauf, dass er sie ansprach und fragte, wieder mit ihm zu arbeiten.

Die Mittagszeit war vorbei, langsam leerte sich das Restaurant. Klinger tauchte nicht auf. Er hatte wahrscheinlich immer noch beide Hände voll zu tun mit seinem Sohn, Felix. Dumme Sache, diese Mordanklage. Das war bestimmt auch einer der Gründe, warum Niemann den Job verloren hatte. Klinger hatte einfach keine Zeit, sich seine Entscheidungen zu überlegen. Ein Schuss aus der Hüfte.

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