(230) Bevor ich zusage, wollte ich mir meinen Arbeitsplatz ansehen.

von Alain Fux

„Bevor ich zusage, wollte ich mir meinen Arbeitsplatz ansehen.“ Sonja Holbein schaute sich in der Küche des ‚Klinger’s‘ um. Der Arbeitsbereich war sehr großzügig ausgelegt und optimal zum Gastraum gelegen. Joachim Klinger stand am Eingang und beobachtete, wie sie zwischen den Stationen umherging. Das Klinger’s hatte einen guten Ruf, weniger für die Küche als für die Mischung der meist prominenten Gäste. Es war angesagt. Sonja arbeitete momentan in einem viel kleineren Restaurant und es war bereits ein Aufstieg für sie, dass Klinger ihr den Job angeboten hatte. „Was ist mit Udo Niemann?“, fragte sie und schaute in den großen Kombidämpfer hinein. Klinger räusperte sich und erklärte, dass er mit Niemann sprechen wollte, sobald Sonja zugesagt hatte. Klinger blieb an der Tür stehen, als ob er sich nicht traute, in die Küche zu kommen. Dabei war er groß und selbstsicher. Umso besser, dachte sie. Je weniger der Eigentümer in der Küche war, desto unabhängiger konnte sie das Team leiten. Klinger hatte ihr gesagt, dass sie die Speisekarte weiterentwickeln durfte, aber er wollte bei dem gehobenen Brasserie-Stil bleiben. Das war in Ordnung. Zuerst einmal musste sie lernen, das viel größere Team in den Griff zu bekommen. Gastronomische Experimente standen da nicht auf der Tagesordnung. Zudem waren die anderen Köche schon lange im Klinger’s und viele waren von Niemann eingestellt worden. Nicht auszuschließen, dass es zu einem offenen Machtkampf kommen könnte. Da war es wichtig, sich erst einmal nicht in Stildiskussionen zu verlieren. Sie würde seine Unterstützung brauchen. „Warum wollen Sie eine andere Küchenleitung?“ Diese Frage sollte sie unbedingt stellen, hatte ihr Freund ihr eingeschärft. Klinger räusperte sich und wollte gerade antworten, als sein Telefon klingelte. Er zuckte bedauernd mit den Schultern und ging ran. „Klinger.“

Es war die Polizei. Sie fragten ihn, ob er der Vater von Felix Klinger sei. „Ja. Was ist mit ihm los? Ist ihm etwas zugestoßen?“ Plötzlich hatte er eine düstere Vorahnung. Er spürte, wie er an der Oberlippe zu Schwitzen anfing. „Ihr Sohn ist unversehrt, Herr Klinger. Allerdings ist er in einen Fall von schwerer Körperverletzung verwickelt und es sieht unserer Meinung nach so aus, dass er angefangen hat. Wollen Sie mit ihrem Sohn sprechen?“ Klinger wischte mit der Hand über die Lippe. „Ja, natürlich.“ Es raschelte, dann war sein Sohn dran. „Papa?“ – „Du hältst jetzt die Klappe. Kein Wort über irgendetwas. Ist das klar?“ – „Ja, kommst du hierher?“ – „Ich schicke dir einen Anwalt. Der wird dich rausholen. Du sagst ab jetzt kein Wort mehr, bis der Anwalt dir sagt, was zu tun ist. Ist das klar?“ – „Ja.“ Klinger ließ sich noch die Adresse des Polizeireviers geben und legte auf. Er dachte kurz nach, dann spürte er, dass Sonja Holbein ihn beobachtete. „Ich brauche noch einen Augenblick. Muss noch einen Anruf erledigen. Dort in dem Regal finden Sie die aktuellen Rezepte. Schauen Sie doch da mal rein. Bin gleich wieder bei Ihnen.“

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