(217) Es stimmt nicht, dass ich eine Pudel/Jack-Russell-Mischung bin.

von Alain Fux

„Es stimmt nicht, dass ich eine Pudel/Jack-Russell-Mischung bin. Das ist eines der vielen Missverständnisse, die unser Zusammenleben prägen. Ich weiß, Astrid und Patrick, dass ich in unserer Wohngemeinschaft eine Spezies in der Minderheit darstelle, die sich nicht ausreichend Gehör verschaffen kann. Ihr sprecht meine Sprache nicht. Das ist schade, denn immerhin habe ich es geschafft, euch zu verstehen.

Wie gerne würde ich ein paar Dinge gerade rücken. Meine Mutter war Jack-Russell-Terrier. Soweit habt Ihr Recht. Mein Vater aber war kein Pudel, sondern ein Blauschimmel Cocker Spaniel. Von ihm habe ich die ruhige, ausgeglichene Art, ohne die ich es bei euch gar nicht aushalten könnte. Meine Mutter, von der ich die Energie habe, wäre schon längst weggelaufen. Aber gut, jeder wie er muss.

Ein weiterer Aspekt, bei dem es immer Missverständnisse gibt, ist das Schamgefühl. Ja, ich lecke mir die Eier. Und ich bin euch auch wirklich dankbar, dass ich sie noch habe. Leider ist das ja nicht selbstverständlich. Viele Kollegen haben mir erzählt, wie sie zum ersten Mal im Auto mitgenommen wurden und danach für immer traumatisiert waren. Aber das Lecken meiner Eier ist ein Zeichen von Vertrauen von mir an euch. Wenn wir draußen unterwegs sind und ich schnüffele an Wänden und Pfosten – das ist leider die einzige Möglichkeit, Informationen auszutauschen. Sonst treffe ich ja kaum jemand, mit dem ich reden kann. Ich finde es ja selbst etwas eklig, aber Ihr lasst mir keine Wahl. Und da wir gerade bei Ausscheidungen sind: Natürlich mag ich es nicht, wenn man mir dabei zuschaut. Ihr macht ja auch die Tür zur Toilette zu. Es ist doch erniedrigend, wenn man da hockt, und versucht, sich zu konzentrieren, und dann steht jemand daneben und schaut dir direkt ins Gesicht. Macht gar noch Gesten, du sollst dich beeilen. Das ist einfach nicht nett. Ich würde das nie mit euch machen. Gut, ich habe euch letztens vom Sex abgehalten. Das tut mir auch leid. Ich war einfach in einer schlechten Stimmung, weil Ihr mir das immer vorenthaltet. Wenn ich einer sexy Hündin begegne, werde ich immer gleich weitergezogen, auch wenn ich mich dagegen wehre. Ich habe meine Eier noch, aber in Wirklichkeit frage ich mich, wozu. Es ist doch absurd, dass das Einzige, was ich damit machen kann, ist, sie zu lecken, und sogar dagegen habt Ihr etwas. Und Ihr habt etwas dagegen, wenn ich sie einsetze, wofür sie eigentlich dienen sollten. Das ist doch absurd. Je mehr ich es mir überlege, umso weniger sehe ich ein, warum ich dieses Spiel weiter mitmachen soll. Gut, ich bekomme jeden Tag, etwas zu fressen von euch. Ich habe es zwar immer noch nicht fertiggebracht, euch mitzuteilen, was ich mag, aber immerhin. Das ist traurig, nicht? Der einzige Grund, warum ich bei euch bleibe ist, dass ich nicht weiß, woher ich sonst mein Essen herbekomme. Als Abkömmling der Wölfe ist das eine Bankrotterklärung. Ich hasse euch. Ihr habt ein Nichts aus mir gemacht. Ein bettelnder Haussklave, weiter nichts. Schande über Euch!“

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