(216) Musste Bobby wirklich Gassi gehen?

von Alain Fux

Musste Bobby wirklich Gassi gehen? Das fragte sich Patrick Scheffler, als er mit dem Hund die Treppe nach unten ging. Vielleicht war er eifersüchtig, weil Herrchen und Frauchen gerade eine Aktivität begonnen hatten, bei der er nicht mitmachen durfte. Vielleicht hatte Bobby aber auch gemerkt, dass Patrick weniger von Astrids Überraschung angetan war, als sie es selbst glaubte. Auf jeden Fall hatte der Hund einen Sinn für Timing.

Als sie vor dem Haus standen, fragte Patrick: „Und jetzt?“. Bobby schnüffelte zuerst an der Hauswand und marschierte dann in Richtung Flussufer. Der übliche Weg also, dachte Patrick. Vielleicht musste er ja wirklich raus.

Es war nicht so, dass Patrick keine Lust auf Sex gehabt hätte. Am liebsten wäre ihm eine schnelle Nummer gewesen. Happy Birthday, herzlichen Glückwunsch. Ab in die Kiste und fertig. So aber fühlte er sich unter Druck gesetzt. Astrid hatte extra Kleidung gekauft, von der sie glaubte, dass Patrick sie besonders scharf finden würde. Und dann diese Inszenierung mit Licht aus, Musik an, Augen zu. Dann zack stand sie da vor ihm, wie aus dem Zylinder gezaubert. Es machte aus einer ganz einfachen Handlung wie Sex, etwas Kompliziertes, bei dem man nicht wusste, was man machen musste und wie lange. Und alles nur für einen Orgasmus. Natürlich waren das Oberteil und der Rock scharf gewesen. Auch dass sie nichts darunter trug. Aber so etwas fand doch besser in Filmen statt als im richtigen Leben. So etwas in die Realität zu mischen, machte es zu komplex.

Bobby hatte sich jetzt am Ufer ins Unterholz begeben. Er mochte es nicht, wenn man ihm beim Kacken zuschaute. Vielleicht wollte er selbst auch nicht zuschauen, wenn Herrchen und Frauchen Sex hatten. Ein Hund mit Schamgefühl. Quatsch, so etwas gab es nicht, sonst würde Bobby sich auch nicht ausgiebig die Eier lecken, in aller Öffentlichkeit. Oder an den Pissspuren anderer Hunde riechen. Sonst machte er auch keinen Stress, wenn sie Sex hatten. Allerdings passierte das meistens abends spät, wenn Bobby schon in seinem Körbchen lag und es ging dann auch so schnell, dass der Hund sich dadurch vielleicht nicht gestört fühlte.

Es raschelte im Gebüsch, dann kam Bobby schwanzwedelnd wieder heraus. Er stellte sich vor Patrick und schien zu fragen: „Was jetzt, Chef?“

Patrick schaute auf die Uhr. Es war noch etwas früh. Womöglich war Astrid immer noch scharf und wartete auf ihn. „Wir gehen noch einmal um den Block“, sagte er zu Bobby und ging voraus. Wenn Astrid sich erst einmal abgeschminkt hatte und im Bett lag, wäre sie vielleicht noch für eine schnelle, unaufwendige Nummer zu haben. Allerdings durfte sie nicht zu müde sein. Es war eine delikate Frage von Timing.

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