Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Oktober, 2014

(245) Guten Tag, Herr Hahn.

„Guten Tag, Herr Hahn. Sie kommen heute aber früh von der Arbeit zurück.“ Luise Mencke setzte ihr bestes Lächeln auf, um ihren Nachbarn zu begrüßen. „Sag Herrn Hahn Hallo, Maxine“, ermahnte sie ihre Tochter, die rot anlief und nur scheu hinüberwinkte. In seinem dunklen Anzug sah Richard Hahn wieder aus, wie aus dem Ei gepellt. „Guten Tag, Frau Mencke. Ich habe nachher noch etwas vor. Schönen Abend Ihnen.“ Dann ging er ins Haus, von Frau Menckes Blicken gefolgt. „Mama, kommst du jetzt endlich?“ Maxine stand schon mit den Einkäufen an der Haustür. Schnell schaute Frau Mencke noch zum Haus gegenüber und grüßte den überaus neugierigen Herrn Ziegelschmidt, der genau beobachtete, was so in der Nachbarschaft passierte. Dann ging sie mit Maxine ins Haus.

Wie gerne hätte sie auch noch etwas vorgehabt am Abend. Aber so würde sie Maxine bei den Hausaufgaben helfen, Abendessen zubereiten, essen und abwaschen. Danach irgendwelche Serien im Fernsehen schauen, sich mit Maxine streiten, damit das Mädchen endlich ins Bett ging und dann würde sie weiter fernsehen, bis sie vor der Kiste eingeschlafen war. So war es an jedem Abend, seit sie von Mirko geschieden war.

Würde es immer so weitergehen?, fragte sie sich, während sie die Einkäufe in der Küche verstaute. Als Richard Hahn nebenan einzog, hatte sie gedacht, dass sich daraus etwas ergeben könnte. Er hatte alle Kriterien erfüllt, die sie einmal in einer Liste zusammengestellt hatte. Es war ein Ratschlag in irgendeiner Zeitschrift. Eine Liste machen, damit man überhaupt wusste, wonach man suchte. Und Richard Hahn hatte alles erfüllt. Er war groß und schlank. Nicht zu athletisch, aber jemand, der sich bemühte, gut auszusehen. Er hatte Geschmack bei der Auswahl von Kleidung. Niemand, der ihm Krawatten herauslegen musste, damit alles passte. Er konnte sich ausdrücken, bildete vollständige Sätze und lächelte sehr viel. Sehr subtil war er. Unterschwellig wurde ihr immer heiß, wenn sie näher an ihm stand und sich mit ihm unterhielt. Sex mit diesem Mann musste eine Offenbarung sein. Aber er war kein Hallodri. Kein Mann, der ständig mehrere Affären laufen hatte und es brauchte, um ein ganzer Mann zu sein. Nein, er würde sich auf eine Frau konzentrieren können. Seriöse auch. Bestimmt ein guter, verständnisvoller Vater für Maxine. Jemand, der einen Teil der Last übernehmen würde. Sich einen Tag keine Gedanken um Maxine machen zu müssen, wäre schon eine Erlösung. Und vor allem war er wohlhabend. So ein Werbefachmann, wie er, verantwortete Riesenbudgets. Erst vor Kurzem hatte er ihr erzählt, dass er diese Werbespots für Schokoriegel drehte. Jemand, der so viel Verantwortung trug, musste einfach jede Menge Geld verdienen. Es wäre eine Wohltat, sich keine Gedanken mehr darüber machen zu müssen, ob sie genug Geld für die Miete und das Kleid haben würde. Oder nur für das Kleid. Nein, dann würde sie das Kleid nehmen und auch noch das Parfüm, die Schuhe und die Handtasche. Sie würde damit in die Oper gehen können, anstatt zu Hause zu versauern. Ja, Richard Hahn war unter allen Aspekten genau der richtige Mann für Luise Mencke. Er hatte nur einen Nachteil: Er schien sich nicht die Bohne für sie zu interessieren. Höflicher Smalltalk, aber er kam zu keiner Essenseinladung oder zu den Nachbarschaftstreffen… Ob Hahn sich auch eine Checkliste angelegt hatte und sie darauf bewertet und für ungenügend befunden hatte? Wollte sie es wirklich wissen?

(244) Klassikradio geht vor die Hunde, jetzt spielen sie schon Klavierstücke von Nixon.

„Klassikradio geht vor die Hunde, jetzt spielen sie schon Klavierstücke von Nixon. Was kommt als Nächstes? Hänschen klein auf dem Xylofon, gespielt von Christian Wulff?“ Dieter Ziegelschmidt stand aus dem Lehnsessel auf und machte das Radio aus. Dann schaute er raus auf die Straße. Seit er vor einem halben Jahr in den Vorruhestand gegangen war, fühlte er sich ständig kribblig. Es war ihm, als ob jeden Augenblick etwas passieren könnte, aber dann traf es doch nicht ein. Immer angespannt sein, das ermüdete auch. Draußen war es ruhig auf der Straße. Der Werbeheini, der vor Kurzem gegenüber einzog, war bei der Arbeit und seine Nachbarin, die geschiedene Frau Mencke, war erst vorhin mit ihrer Tochter Maxine zum Einkaufen gefahren. Ziegelschmidt ließ sich wieder in den Sessel fallen. „Es ist alles ruhig draußen“, schrie er hinüber zu Vera, seiner Frau, die gerade die Waschmaschine ausräumte. Entweder hörte sie ihn nicht oder sie sagte nichts. Wahrscheinlich sagte sie nichts, denn er hatte wahrlich eine gute Stimme. In den vielen Jahren, in denen er unterrichtet hatte, war seine Stimme immer zuverlässig gewesen. Laut und deutlich hörbar im ganzen Klassenzimmer. Er wiederholte seinen Satz etwas lauter. Wieder keine Antwort, das bedeutete, Vera sagte nichts.

Ziegelschmidt schaute auf die Uhr. Es war noch zu früh, um den Fernseher einzuschalten. Nur am Samstag erlaubte er es sich, schon am Nachmittag fern zu sehen. Fußball war wichtig. Sonst schaltete er erst ein, wenn die frühen Abendnachrichten anfingen. Es war ein Weg, der Verwahrlosung, die oft mit der Rente kam, entgegen zu treten. Er schlug wieder die Zeitung auf und schaute sich die Kleinanzeigen noch einmal genauer an. Vera kam jetzt aus dem Badezimmer und wollte mit dem Wäschekorb in den Garten. Ziegelschmidt wiederholte, dass draußen alles ruhig sei. „Ich weiß, Dieter, das hast du schon zweimal gesagt.“ – „Warum antwortest du denn nicht?“ – „Habe ich doch, aber du hast mich nicht gehört.“ – „Ach was, du hast dann wieder undeutlich gesprochen. Nicht murmeln, laut reden. Dann verstehe ich dich auch.“ Vera antwortete nicht mehr und ging zur Hintertür raus in den Garten. Ziegelschmidt vertiefte sich wieder in die Zeitung, als die Uhr schlug. Er verglich die Uhrzeit, mit der auf seiner Armbanduhr und stutzte. Zwei Minuten Unterschied. Wie konnte das sein? Und vor allem, welche Uhrzeit war richtig? Er beschloss, den Fernseher einzuschalten, um die Uhrzeit im Teletext mit den anderen Uhrzeiten zu vergleichen. Im Programm lief gerade Werbung für einen Schokoriegel, der wichtige Vitamine für Kinder enthalten sollte. Ziegelschmidt lachte kurz höhnisch auf und drückte die Taste für den Teletext. Gerade als er die drei Uhrzeiten miteinander verglich, hörte er draußen einen Wagen. Er wollte nachsehen, aber zuerst musste er die Zeiten abgleichen. Ein Ding nach dem anderen. Es schien, als ob die Standuhr und seine Armbanduhr falsch gingen. Wo gab es denn so was? Dann fuhr draußen noch ein Wagen vor. „Das gibt’s doch nicht“, sagte sich Ziegelschmidt. „Hat man denn hier keine Ruhe? Das geht ja zu wie auf dem Jahrmarkt!“

(243) „Wo fahren wir hin?“, hatte Bob Kempe gefragt, als er eingestiegen war.

„Wo fahren wir hin?“, hatte Bob Kempe gefragt, als er eingestiegen war. „Nach Norden.“ Bob hatte nur genickt und das Radio eingeschaltet. Nach einiger Diskussion hatten sie sich auf einen Radiosender geeinigt, der klassischen Hardrock sendete. Bastian Steiger saß hinter dem Steuer und Bob daneben auf dem Beifahrersitz, stets bereit bei entsprechenden Passagen etwas Headbangen einzustreuen. Sie fuhren auf der alten Route direkt am Meer entlang. Auf der linken Seite wechselten Felswände mit dichten Fichtenwäldern ab. Auf der rechten Seite das glitzernde Meer, manchmal tief unter ihnen, manchmal direkt daneben.

Für einen zufälligen Beobachter wirkten sie bestimmt nicht wie zwei normale Urlauber, dachte Bastian. Bob mit seinem schwarzen Jag Panzer-T-Shirt und seinen langen flusigen Haaren. Bastian in Jeans und Superman-T-Shirt. Beide mit bleicher Haut unterwegs in einem betagten Mercedes mit Led Zeppelin im Radio und keinem nennenswerten Gepäck im Kofferraum. Auf dem Weg in den unbestimmten Norden.

Dann ertönte im Radio der Eingangsriff von ‚Smoke on the Water‘. „Das kannst du volle Kanne aufdrehen“, sagte Bastian und Bob ließ sich das nicht zwei Mal sagen. Die Fensterscheiben dröhnten und als die Vocals einsetzten, grölten beide bereits aus voller Kehle mit. „We all came out to Montreux on the Lake Geneva shoreline.“ Der blaue Himmel, das nahe Meer, die laute Musik und der hemmungslose Gesang – Bastian hatte das Gefühl, dass der Ratschlag seines Chefredakteurs genau richtig war. Bastian drückte auf das Gaspedal und brachte das Auto an seine Grenzen. Bei der zweiten Wiederholung des Refrains hatte er den Eindruck, dass er wirklich Rauch sehen konnte, tat es aber als Einbildung ab. Als sie zum dritten Mal „Smoke on the water, a fire in the sky“ sangen, gab es kein Leugnen mehr. Von der Motorhaube stieg in der Tat dichter Rauch auf und verwirbelte an der Windschutzscheibe. Dann fiel Bastian ein, dass er den Wasserstand im Kühler noch hatte überprüfen wollen. Das hatte er wohl vergessen. Er fuhr das Auto an den Straßenrand und machte den Motor aus. Es roch nach verbranntem Gummi. „Gerade als es so schön war, sagte Bob. Bastian öffnete die Motorhaube mit einer alten Zeitung als Schutz vor dem heißen Metall. Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte und rief den Notruf an. Nach mehreren Weiterleitungen sagte man ihm, dass ein Mechaniker vom Automobilklub zu ihm unterwegs sei. Als Bastian sich wieder zu Bob ins Auto setzte, lief Death Metal. „Jetzt nicht“, sagte Bastian und wählte einen anderen Sender, einen Kulturkanal auf dem gerade Klaviermusik lief. Bob zog eine Fratze, aber Bastian meinte, er brauchte jetzt etwas Ruhe. Die Klaviermusik endete und eine sonore Männerstimme sagte: „Sie hörten das 1. Klavierkonzert von, und das ist kein Scherz, Richard Nixon, selber gespielt von dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten.“

(242) Marius Renner hatte zwar Unrecht, aber Bastian Steiger konnte ihn nicht ignorieren.

Marius Renner hatte zwar Unrecht, aber Bastian Steiger konnte ihn nicht ignorieren. Immerhin war Marius der Einzige, der Bastians Artikel druckte. Steiger saß in seinem chaotischen Einzimmerapartment vor seinem Schreibtisch. Da es keinen Platz gab, nutzte er sein Bett als Schreibtischstuhl. Um ihn herum auf dem Bett lagen Ausdrucke, Notizen und Fotos, die sich alle mit dem Thema Analstimulation durch Tiere auseinandersetzten. Steiger hatte das Sujet per Zufall entdeckt und war anfänglich selbst angeekelt gewesen. Dann sah er die Möglichkeit, ein Buch darüber zu schreiben, da es bisher so etwas noch nicht gab. Solch eine Gelegenheit bot sich selten – meistens gab es zu allem tonnenweise Literatur. Die Artikel im ‚Außenposten‘ dienten zur Finanzierung des eigentlichen Projekts, zum anderen als Lockvogel, um bei Verlagen besser anzukommen. Vielleicht sollte er wirklich mal wegfahren. Sein Zimmer, in dem er fast den ganzen Tag wie ein Bekloppter arbeitete, sah aus wie die gute Stube eines Messies.

Ein verlängertes Wochenende ans Meer fahren, am Strand entlang laufen, mit den nackten Füßen die Gischt spüren… Alleine klang das langweilig. Er sollte jemand mitnehmen. Es musste jemand sein, der keine eigenen Pläne hatte und im Handumdrehen zur Verfügung stand. Da fiel ihm nur ein Name ein: Bob Kempe.

Bastian hatte ihn kennengelernt, als er eine Reportage über die Metal-Szene schrieb. Bob hatte ihm den Unterschied zwischen Death Metal (Nihilismus) und Black Metal (Satanismus) erklärt. Bob war selbst Power-Metal-Fan, arbeitslos und ein sehr angenehmer Gesprächspartner. Bastian rief ihn an. Bob war froh, von Bastian zu hören. „Es ist unheimlich viel in der Szene passiert. Willst Du ein Update machen? Kommt bestimmt gut rüber. Viele neue Tendenzen… Hast du schon von Melodic Metalcore gehört?“ Bastian verneinte. „Ich rufe einfach nur so an, nicht wegen Metal.“ – „Nicht wegen Metal? Was gibt es denn sonst? Du kennst doch den Spruch: ‚Ein Leben ohne Metal ist möglich, aber sinnlos!'“ Das brachte Bastian zum Lachen und das war auch der Grund, warum er Bob angerufen hatte. Jemand der Metal mit Loriot verbinden konnte, war auch für einen Zwangsurlaub der richtige Begleiter. Bastian erklärte Bob seinen Plan. Bob schaute in seinem Konzertkalender nach und da in den nächsten Tagen keine angesagte Band aufspielte, war er bereit, mit Bastian ein paar Tage wegzufahren. „Ich zahle das Benzin, aber wir hören keine laute Metalmusik im Auto. OK?“ – „Das ist jetzt nicht dein Ernst“, meinte Bob. „Ich habe Urlaub, aber du kannst gerne deinen MP3-Player mitbringen.“ Bob sagte zu.

(241) Wir werden diesen Artikel nicht abdrucken.

„Wir werden diesen Artikel nicht abdrucken. Auf keinen Fall.“ Marius Renner gab sich Mühe, in seine Stimme eine Aura von Endgültigkeit zu legen. Er war der Chefredakteur und das sollte Bastian Steiger anerkennen. Er war nur ein Schreiber, der froh sein sollte, dass man seine Artikel überhaupt abdruckte in der kleinen aber angesehenen Kulturzeitschrift ‚Außenposten‘. Da er nichts mehr aus der Leitung hörte, fragte er nach: „Bist du noch dran, Bastian?“ – „Ja, ich höre dir zu.“ Wenigstens schien Bastian einsichtig. Marius nahm den Artikel, den Bastian geschickt hatte noch einmal zur Hand. „Das ist doch alles supereklig. Kein Erkenntnisgewinn, es wird einem nur schlecht beim Lesen. Die Verwendung von Aalen… Ich muss fast brechen, wenn ich es lese. Todesfälle in China, OPs in Neuseeland. Dann diese Röntgenaufnahme mit dem Aalskelett im Darm. Fürchterlich…“ – „Ich dachte, dass die Leute so etwas noch nicht kennen und sie wissen wollen, was so passiert in der Welt.“ – „In der Welt, ja. Im Darm anderer Leute, nein.“ Marius wollte nicht schon wieder Ärger wegen Bastian haben. Erst vor Kurzem hatte der Verleger gefragt, ob es nicht anstößig sei, wenn der Journalist Steiger seine Artikel mit –bsteiger signierte. Nach den Aalen im Anus würden Köpfe rollen.

„Das heißt, du willst meine Geschichte über Richard Gere und den Hamster auch wieder rausnehmen…“ – „Was? Die kenn ich nicht… Hast Du die etwa ins Magazin geschmuggelt?“ Renner war entsetzt. „Nein. Jetzt reg‘ dich nicht auf. Die Geschichte habe ich erst gestern Nacht geschickt. Das kam raus, als ich nach den Aalen recherchierte. Es geht darum, dass Richard Gere vielleicht in ein Krankenhaus…“ – „Hör auf. Ich will die Geschichte gar nicht hören. Hamster, Aale… Ich habe die Schnauze voll davon.“ – „Dann pass mal auf, dass sie nicht in die Tiefe steigen…“ Bastian verstummte. Er merkte selbst, dass es jetzt genug war. „Entschuldige. Ich konnte nicht widerstehen…“

Marius sammelte sich kurz und sagte dann: „Warum machst du nicht ein bisschen Urlaub? Kommst ein bisschen unter die Leute, fährst rum, setzt dich vielleicht an den Strand, lernst eine Frau kennen, so was. Und dann kommst du mit vielen neuen Ideen zurück und wir heben ein paar ganz tolle Stories ins Heft.“ – „Heißt das, du schmeißt mich raus?“

Nein“, antwortete Marius. „Es ist nur… Du bist mit diesen ganzen Geschichten in einer Einbahnstraße. Du hast Dich da reinverbissen und es geht jetzt nicht mehr weiter. Zumindest nicht so, dass dich jemand bezahlen möchte für deine Arbeit.“ – „Du meinst, ich bin so wie der Aal, der tief im Darm drinsteckt und einen Ausweg finden muss.“ – „Seltsames Bild, aber es kommt wahrscheinlich hin.“ – „Und du meinst, ich soll mich durchbeißen, neue Wege finden?“ – „Hör mal auf mit den Aalen. Ich will nur, dass du eine Auszeit nimmst. Und wenn du danach mit einer vernünftigen Geschichte kommst, verspreche ich, dass ich sie abdrucken werde. Überleg‘ dir das, Bastian. Und keine Tiere im Verdauungstrakt!“

(240) Liebe Kolleginnen und Kollegen, nachdem ich Sie mit Erkenntnissen aus der wunderbaren Welt der Kolektomie unterhalten durfte…

„Liebe Kolleginnen und Kollegen, nachdem ich Sie mit Erkenntnissen aus der wunderbaren Welt der Kolektomie unterhalten durfte, wollte ich meinen Vortrag mit einem anderen denkwürdigen Eingriff abschließen.“ Dr. Konstantin Paulsen, der renommierte Darmchirurg, legte eine Folie mit einer Röntgenaufnahme auf den Projektor. „Patient ist männlich, 40 Jahre, keine Vorerkrankungen, Nichtraucher, kein Alkohol, leicht übergewichtig. Kam ins Krankenhaus zu einem Kollegen und sagte, dass er sich einen Aal ins Rektum eingeführt habe. Bei der Palpation des Abdomens fiel eine interne Bewegung im Dünndarm auf. Was Sie hier sehen, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist das Röntgenbild, das daraufhin angefertigt wurde. Ich möchte betonen, dass das keine Fotomontage ist. Diese ‚Perlenkette‘ sind die Wirbel des Aals, die in dieser Richtung dicker werden und dann in diesem schlangenähnlichen Kopf endeten. Das war auch das Bild, das ich erhielt, als der Patient bei mir auf dem OP-Tisch lag. Die Herausforderung war, herauszufinden, wo ich schneiden musste. Ich bin kein Biologe, habe aber nachher recherchiert, dass diese Aale eine Zeit lang ohne Sauerstoff auskommen können und sich bei Gefahr oder Stress in den schlammigen Untergrund wühlen. Auch zur Aalpsychologie kann ich wenig beitragen, allerdings erscheint es mir für einen Aal bestimmt ein Stressfaktor zu sein, in ein zwar faszinierendes, aber dennoch so enges Umfeld wie einen menschlichen Darm eingeführt zu werden. Der Aal wühlte sich also durch den ‚Schlamm‘ weiter in den Dickdarm hinein und endete im Dünndarm. Der Aal hat eine Vielzahl spitzer Zähne und als das natürliche Fortkommen durch die Palpationen unterbrochen war, bohrte er sich mithilfe seiner spitzen Zähne durch den Dünndarm.

Die Radioskopie, die ich also vor mir hatte, war nur eine Momentaufnahme von vorher. Der Aal konnte mittlerweile woanders sein. Ich musste mich auf meinen Instinkt und Tastgefühl verlassen. Ich will Ihnen die Details der OP ersparen, aber lassen Sie es mich so sagen: Es war eine Schnitzeljagd quer durch den Verdauungstrakt des Patienten. Wenn Aale Chirurgie studieren könnten, gäbe es für uns Menschen bald nichts mehr zu tun. Am Ende hatte ich den Racker erwischt, bevor der Blutverlust des Patienten zu groß wurde. Allerdings dauerte das Zusammenflicken nachher länger als alles andere.

Für die Tierfreunde unter Ihnen: Der Aal lebte zwar noch, als wir ihn herauszogen, verstarb aber kurz darauf. Der Patient konnte nach vier Tagen aus dem Krankenhaus entlassen werden. Keine weiteren Komplikationen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.“

Tilt Shift Panoptikum Teil 1 als Ebook erschienen

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Viel Spaß beim Lesen!

 

(239) Dr. Heppner hat einen Patienten.

„Dr. Heppner hat einen Patienten. Es kann länger dauern. Sie hätten einen Termin anfragen sollen.“ Die geschminkte Empfangsdame im Kreiskrankenhaus klimperte Johnny mit langen Augenwimpern an. Johnny schaute zu seiner Mutter, die er im Wartebereich hingesetzt hatte. Sie war im Sitzen eingeschlafen. „Wir warten“, sagte Johnny. Die Frau zuckte mit den Schultern.

Währenddessen wartete auch Dr. Heppner ungeduldig auf das Ergebnis der Röntgenaufnahme. Er hoffte immer noch, dass sein Patient ihn verschaukeln wollte. In der Konsultation hatte Jobst Knauer nicht still sitzen können. Er hatte zuerst erzählt, dass es sich in ihm bewegte. Dr. Heppner hatte gefragt, ob er Blähungen habe. Der Patient verneinte und druckste rum, dass er glaube, ein Tier sei in ihm. Auf Heppners Frage antwortete er, dass er glaube, dass es ein Aal sei. Heppners logischer Schluss war, dass jemand, der vermutete, dass ein Aal in ihm steckte, auch wusste, wie der Aal reingekommen sei. Er fragte Knauer danach.

Schließlich sah Knauer ein, dass er reden musste, um Hilfe zu bekommen. Er erzählte dem Arzt folgende Geschichte. Im Internet hatte er einen japanischen Pornofilm gesehen, in dem das gemacht wurde und dann hatte er es selbst probieren wollen. Auf dem Fischmarkt hatte er sich einen Aal besorgt und zuhause damit rumgemacht. Leider sei der Aal sehr glitschig gewesen und der Fisch war ihm aus den Händen geglitten. „Wann war das?“, fragte Dr. Heppner. „Vor zwei Stunden.“ – „Wie groß war der Aal?“ Knauer hielt die Hände etwa 30 Zentimeter voneinander entfernt.

Heppner glaubte Knauer nicht. Er hatte schon vieles erlebt, was Männer aus sexuellem Frust mit sich anstellten, aber Aale im Rektum gehörten bisher nicht dazu. Er sagte zu Knauer, er solle sich freimachen und auf die Untersuchungsliege legen. „Ganz nackt?“, fragte Knauer?“ – „Hemd hoch, Hose runter“, sagte Heppner knapp.

Mit den Händen strich der Arzt über den Bauch des Patienten. Als er unterhalb des Querdickdarms war, spürte er, dass sich etwas unter der Bauchdecke bewegte. Erschrocken zog er die Hand weg. Ihm war gerade die Szene aus Alien durch den Kopf geschossen, in der das heranwachsende Alien durch den Brustkorb von John Hurt herausplatzte. Dr. Heppner legte die Hand wieder auf die Stelle und drückte einmal beherzt darauf. In dem Moment schrie Knauer auf und Heppner verspürte wieder eine Bewegung in Heppners Bauch. Jetzt begann er, der Geschichte seines Patienten zu glauben. Der Arzt schlug Alarm und ließ Knauer in die Röntgenabteilung bringen. Das OP stand bereit, ihn aufzuschneiden, sobald man wusste, wo das Tier genau war. Heppner hoffte, dass es nicht gerade dabei war, sich quer durch seinen Patienten durchzubeißen.

(238) Jedes Mal wenn Frau Nebel ihren Sohn sah, fragte sie ihn, wer er denn sei.

Jedes Mal wenn Frau Nebel ihren Sohn sah, fragte sie ihn, wer er denn sei. Manche Tätigkeiten erledigte sie noch aus Automatismus, aber vieles schaffte sie nicht mehr. Sogar die Hühner waren völlig panisch und nicht mehr in der Lage, Eier zu legen.

Der Grund für den Zustand seiner Mutter und den der Hühner war das Tiefflugtestgebiet für Kampfhubschrauber, das die Luftwaffe direkt an das Dorf heran angelegt hatte. An jedem Tag der Woche übten dort Piloten ihre Flugkünste und es war ein Wettbewerb zwischen ihnen, wer am tiefsten über die Bauernhöfe und Straßen fliegen konnte. Nicht nur war der Lärm unerträglich, es war auch der ständige Druck, dass plötzlich ein Kampfhubschrauber direkt hinter einem auftauchen konnte, der Mensch und Vieh zutiefst verstörte. Das hatte dazu geführt, dass alle, die es irgendwie arrangieren konnten, das Dorf verließen und nur noch die Alten und Gebrechlichen zurückblieben. Viele der restlichen Einwohner der Stadt waren in einem ähnlich katatonischen Zustand wie Frau Nebel. Das Dorf war in Auflösung begriffen. Einmal in der Woche kam eine Sozialarbeiterin vorbei, um zu sehen, wer zwischenzeitlich gestorben war und um die Feuerwehr zu rufen, damit sie Häuser öffneten und Leichen offiziell auffinden konnten. Sie konnte Johnny nur sagen, dass sie keine Ahnung hatte, an wen er sich wenden konnte. Für sie war es nur ein Job, ließ sie ihn wissen. Sie fügte hinzu, dass sie nur einen befristeten Arbeitsvertrag erhalten hatte. Anscheinen dachte man, das Problem innerhalb der nächsten elf Monate zu lösen.

Johnny telefonierte mit einem alten Schulfreund, der schon längst weggezogen war. „Du musst ins Kreiskrankenhaus zu Dr. Heppner gehen. Dr. Heppner ist Internist und stellt Atteste aus, die den Zustand deiner Mutter beschreiben. Damit kannst du gegen die Luftwaffe klagen und dann werden sie dir Geld für die Umsiedlung geben. Es ist der einzige Ausweg, Johnny. Du musst deine Mutter da rausholen, weil sonst…“. Dann war die Leitung tot, denn ein Huhn hatte das Kabel durchgepickt.

Johnny erklärte seiner Mutter, was er vorhatte. Sie schaute ihn nur verständnislos an und dabei klappte ihr der Mund offen. Johnny schob ihn wieder zu.

In der Scheune stand der Trecker. Es war immer noch das gleiche Gefährt, mit dem sein Vater sich in einem Hang beim Heumähen überschlagen hatte. Es gab immer noch keinen Überrollschutz, aber Johnny hatte auch keine Absicht, in einen Hang zu fahren. Er machte den Trecker startklar und half seiner Mutter auf einen der Seitensitze auf den Kotflügeln des Treckers. Er band sie mit einem Strohballenseil fest an den Sitz. Beim Herausfahren vom Hof überfuhr er ein Huhn, das planlos herumgelaufen war. Johnny blieb kurz stehen und starrte zurück auf das rotgefärbte Bündel, der sich neben der schon längst ausgetrockneten Mistgrube befand. Er fuhr schnell weiter, bevor seine Mutter etwas von dem Unfall mitbekam. Sein Ziel war das Kreiskrankenhaus und dort ganz speziell Dr. Heppner, der Mann, der alle erlösen konnte.

(237) So was muss man selbst erlebt haben.

So was muss man selbst erlebt haben. Das war das Motto von Johnny Nebel, dem er die ganzen Jahre seiner Seemannskarriere treu blieb. Wenn er an Bord arbeitete, gab es nichts, das ihn ablenkte konnte. Aber wenn er freihatte oder bei Landgängen, ließ er nichts aus. Nein zu sagen entsprach nicht seiner Natur. Auch wenn er Unfug anstellte – es ging immer gut.

Er überstand unzählige Schlägereien in Hafenkneipen und bei einigen war er der Auslöser gewesen. Manche davon hatte er sogar absichtlich angezettelt. Elf Mal musste er infolge dieser Ereignisse in Krankenhäusern versorgt werden, sieben Mal verbrachte er die Nacht in Arrestzellen. Er hatte Diskussionen mit Prostituierten wegen der Bezahlung, manchmal auch mit ihren Zuhältern. Zweimal wurde er von Zuhältern zusammengeschlagen, einmal mit einem fiesen Totschläger. Mehrmals ging er mit Frauen nach Hause, die von einem Matrosen auf Landgang angeregt wurden. Einmal war der Ehemann dabei und schaute zu. Er hatte Männer getroffen, die einem Matrosen gerne einen Drink und mehr spendierten. Nächte hatte er in dreckigen Ecken unter Brücken verbracht und hatte sich schmutziges Hafenwasser über den Kopf gegossen, um wieder klar zu werden. Ein Rikschafahrer hatte ihn im Streit in einen Kanal gekippt, aus dem er mit Dutzenden Blutegeln am Körper wieder entstieg. Mehrmals wurde ihm in Bordellen die Brieftasche mit der letzten Heuer geklaut. Die Polizei hatte ihn verwarnt, weil er unter dem Fenster einer jungen Frau mit einem anderen Matrosen Shantys sang. In mehreren Häfen hatte er Frauen geschwängert und nie auf ihre Briefe geantwortet.

All das gehörte zu seinem Seemannsleben und es hätte noch lange so weiter gehen können. Aber dann kam eine Nacht, in der Johnny Wache hatte. Das Schiff lag im Hafen von Durban und sollte am nächsten Tag fertig beladen werden. Johnny ging an Deck umher und glaubte plötzlich hinter einer Ladeluke einen Schatten gesehen zu haben. Er trat näher und leuchtete mit seiner Taschenlampe. Da war aber niemand. Allerdings stand die Ladeluke einen Spalt weit offen. Es war nicht ausgeschlossen, dass sich ein blinder Passagier darin versteckt hatte. Das war schon mehrmals passiert. Er beugte sich über die offene Luke und leuchtete mit seiner Lampe hinunter. Dabei verlor er das Gleichgewicht und fiel ausgerechnet in den Teil des Laderaums, den die Schauerleute noch nicht befüllt hatten. Acht Meter tief fiel er. Er kam zwar umgehend ins Krankenhaus, aber seine Wirbelsäulenverletzung beendete die Matrosenkarriere. Er kehrte zu seiner Mutter zurück, die in einem kleinen Bauerndorf fünfzig Kilometer entfernt von der Küste wohnte. Es war Johnnys Heimatort und für ihn war die Rückkehr die höchste aller Strafen. Als er nach Hause kam, saß seine alte Mutter in der Küche und fütterte die Hühner, die ihr überall hin folgten. Sie erkannte ihren Sohn nicht.