Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: September, 2014

(214) Schauplatz: die Dessous-Abteilung eines Kaufhauses.

Schauplatz: die Dessous-Abteilung eines Kaufhauses. Eine junge schlanke Frau kommt die Rolltreppe hinauf und geht an den Schlagerkörben mit herabgesetzten Unterhosen und den Rundständern mit BHs vorbei. Sie scheint nach etwas zu suchen, ohne genau zu wissen, was.

An einem Regal zieht sie einen Büstenhalter aus besticktem Netz, verziert mit schimmernden Strassdetails, hervor. Sie schaut ihn an und legt ihn zurück. Sie geht weiter.

An einer Regalstange hängen kurze Babydolls in verschiedenen Ausführungen. Sie nimmt einen Bügel mit einem durchsichtigen schwarzen Negligé heraus und hält es gegen sich. Aber auch dies scheint ihr nicht zu gefallen. Allerdings wird klar, dass sie nach etwas Besonderem sucht.

Dann kommt sie zu einer Kleiderstange mit Korsagen. Sie zieht eine weiße Satinkorsage hervor. Ihr Gesicht erhellt sich – das ist es wohl, wonach sie sucht. Sie hält das Kleidungsstück gegen sich und schaut sich im Spiegel an. Sichtlich gefällt ihr, was sie sieht. Sie prüft das Etikett, es ist die falsche Größe. Sie sucht auf der Kleiderstange nach ihrer Größe, findet sie und will den Kleiderbügel herausziehen. Allerding steht auf der anderen Seite der Kleiderstange eine ebenso schlanke Frau, die gleichfalls an diesem Kleiderbügel zieht. Offensichtlich will sie diese Korsage ebenfalls kaufen. Beide Frauen überprüfen schnell das restliche Angebot auf der Stange: es gibt das Teil in jener Größe nur einmal. Hin und her ziehen sie am Bügel. Sie heben ihn gleichzeitig von der Stange, dann greifen sie beide nach der Korsage, der Bügel fällt hinunter und sie zerren jetzt an dem Kleidungsstück. Ihre Gesichter sind wutverzerrt. Es sieht aus, als ob es zu einem unschönen Kampf kommen wird.

Dann hat eine der Frauen einen Einfall. Mit einer Hand hält sie immer noch an der Korsage fest, mit der anderen greift sie in ihre Handtasche und zieht eine Flasche Whisky heraus. Sie hält sie mit einem Lächeln der anderen Frau hin. Deren Gesichtszüge entspannen sich daraufhin ebenfalls und sie greift in ihre Handtasche und zieht zwei Whisky-Tumbler heraus. Jetzt müssen beide Frauen lachen.

In der nächsten Einstellung sieht man die Frauen auf einem Sofa in der Dessous-Abteilung sitzen. Zwischen ihnen steht die nunmehr geöffnete Flasche Whisky. Die Frauen halten die Tumbler in Händen und plaudern angeregt miteinander.

Im Vordergrund, etwas unscharf, hängt die Korsage, um die der Streit gegangen war, über der Kleiderstange. Dann kommt eine Verkäuferin dazu und zeigt, dass sie im Lager eine weitere identische Korsage in der richtigen Größe gefunden hat. Darauf müssen alle drei Frauen herzlich lachen. Die Verkäuferin hat ebenfalls ein Whiskyglas dabei, bekommt eingeschenkt und setzt sich mit auf das Sofa. Die Frauen plaudern weiter. Überblendung zum Whisky-Logo. Ende Spot drei der Kampagne „Whisky für Frauen“.

(213) Wir wollen, dass Frauen mehr Hochprozentiges trinken.

„Wir wollen, dass Frauen mehr Hochprozentiges trinken. Da liegt unser Wachstumspotenzial, das zeigen alle Marktstudien.“ Roberts schaute gespannt, was McCoy dazu sagen würde. McCoy ließ sich Zeit und trank noch einen Schluck Single Malt. Während er die Flüssigkeit in kleinen Schlucken aus dem Mund entließ, schaute er in die Ferne zum Horizont, der durch die untergehende Sonne wie ein orangefarbener Strich aussah. Fast glaubte er, von hier aus die Erdkrümmung erkennen zu können.

„Mir fällt da gerade das Sprichwort ein von den Pferden, die man zwar zur Tränke führen kann, die sich aber nicht zum Trinken zwingen lassen.“ – „Das können Sie uns überlassen, Jim. Wir werden die Frauen schon zum Trinken bringen. Aber wir wollen verhindern, dass in der Öffentlichkeit Stimmung dagegen gemacht wird. Wenn sich so was mal festgesetzt hat, wird man das so schwer los wie ein klebriges Heftpflaster.“ – „Ich verstehe, Norman. Nun, das ist ein interessantes Projekt und ich glaube, dass ich in der Lage bin, Ihnen und Ihren befreundeten Unternehmern unter die Arme zu greifen.“ Norman nahm die Whiskyflasche, die auf einem silbernen Unterteller zwischen ihnen stand und goss McCoy und sich selbst nach.

McCoy erzählte Norman ein paar Storys aus der aktuellen Kampagne gegen die Schwarzbrennerei. „Es ist unglaublich, aber die ganzen Klischees von den Höhlen in den Appalachen mit den Kupferkesseln oder den Autokühlern als Kondensatoren – diese Geschichten stimmen alle. In der Nähe von Memphis haben wir eine Schwarzbrennerei in einem alten Goldbergwerk gefunden und sie wurde betrieben von einer Gruppe Nazis.“ – „Nazis? Die Südstaaten können es wohl nicht lassen.“ – „Aber die waren ziemlich gut vernetzt. Zusammen mit den lokalen Drahtziehern haben wir auch einen deutschen Verbindungsmann einkassiert. Als die Razzia stattfand, war der auch vor Ort und hat sich die Anlage angeschaut.“

Norman schüttelte ungläubig den Kopf. „Das ist wirklich eine andere Welt da unten. Aber wir haben den Markt aufgegeben. Schon mein Großvater hat sich darüber geärgert und mein Vater auch. Ich habe es satt. Deshalb unterstützen wir das ATF auch nicht mehr bei diesen Operationen. Wir bekommen dadurch keinen zusätzlichen Kunden. Sollen sie doch alle an den Fuselalkoholen erblinden.“ – „Ich dachte, die Fuselalkohole wären für den Geschmack wichtig?“ – „Jim, da müssen Sie doch noch etwas lernen. Die Fuselalkohole und die Fuselöle sind zwei ganz verschiedene Dinger. Fuselöle geben Geschmack, Fuselalkohole bringen Sie um.“ – „Aha. Wieder etwas gelernt, Norman. Aber Sie stellen mich ja nicht ein zum Destillieren. Und bei diesem Tropfen sind die Fuselöle einfach perfekt.“

Norman Roberts gab McCoy recht.

„Noch eine Frage habe ich, Norman. Nur aus Neugier. Welche Kampagnen planen Sie denn, um Frauen Hochprozentiges schmackhaft zu machen? Es hat keinen Einfluss auf meine Entscheidung, es interessiert mich nur.“

(212) Wir agieren ausschließlich zum Wohl der Gemeinschaft.

„Wir agieren ausschließlich zum Wohl der Gemeinschaft. Das Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives, kurz ATF genannt, ist eine Bundespolizeibehörde und eines ihrer Ziele ist es, die Öffentlichkeit vor der Schwarzbrennerei zu schützen.“ Es war Jim McCoys Job, die Arbeit des ATF der Öffentlichkeit zu präsentieren. Noch vor zwei Monaten hatte er für einen Hersteller von Handfeuerwaffen gearbeitet und davor war er Lobbyist für einen Tabakkonzern gewesen.

ATF war nur ein Zwischenschritt für McCoy. Er wollte dort Kontakte knüpfen, die ihm bei seinem nächsten Karriereschritt Vorteile verschaffen würden. McCoy hatte in schwierigen Fragen ein untrügliches Gespür dafür, was man der Öffentlichkeit zumuten konnte und wie man es schaffte, auch bei eisigem Gegenwind erfolgreich auszusehen. In der PR-Branche nannte man ihn den Mann mit dem goldenen Touch.

Nachdem er eine Reihe von harten Razzien gegen die Schwarzbrennerei erfolgreich vermarktet hatte, war es an der Zeit, den nächsten Schritt zu wagen. Er traf sich mit Norman Roberts, dem Chef und Mehrheitsgesellschafter von Egonyx, dem größten Spirituosenkonzern weltweit.

Roberts‘ Büro war ein Penthouse im 23. und letzten Stockwerk eines Hochhauses am großen Fluss. Drei Wände des Büros bestanden vollständig aus Glasfenstern und erlaubten einen atemberaubenden Blick auf die Stadt und das Land. Die vierte Wand bestand aus einem Regal, in dem alle Variationen aus allen Ländern von allen Egonyx-Produkten aufgestellt waren. Die Produkte waren unterteilt nach Gin, Rum, Tequila, Cognac, Whisky, Wodka, Fruchtschnäpse, Liköre und weitere Köstlichkeiten. Oder, wie Roberts zu sagen pflegte, „die hochprozentigste Wand der Welt“.

Vor dieser Wand traf er sich mit McCoy, den er unbedingt für Egonyx gewinnen wollte. Die beiden kannten sich von vielen Veranstaltungen her und Roberts hatte die Karriere von McCoy schon seit Jahren genau verfolgt.

Jetzt saßen sie in tiefen Clubsesseln in einer Ecke des verglasten Penthouse-Büros und tranken 30jährigen Single Malt aus Islay. McCoy lobte die komplexe Struktur des Getränks. „Es ist der beste, den wir haben und ich weiß, dass Sie in der Lage sind, ein solches Kunstwerk zu schätzen.“ Sie genossen in Stille einen weiteren Schluck, bevor Roberts fortfuhr. „Leider sind in unseren Stammmärkten die guten Zeiten vorbei. Asien boomt, natürlich. Aber wir wollen auch Europa und die Staaten nicht verlieren. Jim, wir brauchen kluge Köpfe wie Sie, um uns den Weg zu zeigen.“ McCoy wurde warm ums Herz, aber das war der Whisky. Er wusste selbst, was er wert war und die Tatsache, dass Roberts ihn sehen wollte, war Zeichen genug, dass er gebraucht wurde. „Wir sind unter uns“, fuhr Roberts fort. „Ich stehe mit befreundeten Unternehmern im ständigen Dialog. Wir haben uns verabredet, unsere Werbestrategien zu harmonisieren.“ McCoy nickte. Das war ein üblicher Vorgang in Branchen, die im Fokus der Öffentlichkeit standen. Es war nicht möglich, dass ein Marktteilnehmer alleine die Spielregeln änderte. Man musste, Kartellrecht hin- oder her, miteinander arbeiten. Das war die Arbeitsgrundlage für Leute wie McCoy, die mit Leichtigkeit und Diskretion die Kontakte knüpfen konnten, an denen das Wohl und Wehe der Branche hing.

(211) Hinkley schraubte ein gefülltes Einweckglas auf und hielt es Schwarz unter die Nase.

Hinkley schraubte ein gefülltes Einweckglas auf und hielt es Schwarz unter die Nase. Die Flüssigkeit roch etwas chemisch und vor allem nach starkem Alkohol. Im Licht der Taschenlampe sah die Flüssigkeit aus wie Testbenzin.

„Das ist White Lightning, der weiße Blitz. Trink, Jürgen.“ Als Schwarz zögerte, „Hier ich mach‘ es dir vor.“ Hinkley setzte das Einweckglas an und nahm einen Schluck. Er gurgelte das Zeug zuerst im Mund hin und her, schluckte es dann runter, verzog das Gesicht und schüttelte schließlich mit einem lauten „Brrrr!“ ganz schnell den Kopf hin und her. Schwarz blieb nichts anderes übrig, als es ihm nachzutun. Schon im Mund schien es ihm die Schleimhäute wegzuätzen. Er beeilte sich, die Flüssigkeit hinunter zu schlucken. Seine Speiseröhre war eine Flammensäule und sein Magen ein brodelndes Höllenfeuer. Er musste kräftig husten.

Hinkley nahm ihm das Glas ab und reichte es weiter an Averell, der es gleich weitergab an Greg. „Was ist bloß los mit dir, Averell?“, fragte Hinkley. Schwarz japste gerade wieder nach Luft, als plötzlich vier Gestalten aus der Dunkelheit des Bergwerkschachts in den Raum sprangen. „ATF! Niemand bewegt sich. Hände hoch. Auf die Knie. Hinlegen.“ Die vier Eindringlinge schienen ihre Befehle wahllos in den Raum zu schreien. Sie waren vermummt, trugen Helme und schwarze Militärkleidung. Vor allem hatten sie Sturmgewehre in der Hand, an deren Läufe Taschenlampen montiert waren. Die Nazis ließen ihre Taschenlampen auf die Erde fallen und hoben die Arme. Die scharfen Lichtkegel des Einsatzkommandos stachen durch den dunklen Raum. Die Nazis gingen auf die Knie, voran Hinkley. Schwarz überlegte, ob er vielleicht klarstellen sollte, dass er nicht zu den anderen drei gehörte, fand aber, dass dies vielleicht nicht der beste Augenblick war. Er kniete sich ebenfalls hin, die Hände immer noch über dem Kopf.

Im harschen Licht konnte Schwarz bei Hinkley so etwas wie Enttäuschung erkennen. Averell, der dahinter kniete, machte einen eher triumphierenden Eindruck. Als Schwarz das nächste Mal hinschaute, trafen sich die Blicke von Hinkley und Averell und Hinkley spukte Averell an.

Dann drückte jemand mit dem Gewehrkolben in Schwarz‘ Rücken und zwang ihn, sich der Länge nach auf den Bauch zu legen. Die groben Steine unter ihm drückten Schwarz auf die Hoden, aber er wagte nicht, die Hände dorthin zu bewegen. Als auch die Nazis auf dem Bauch lagen, wurde es etwas ruhiger und Schwarz hörte die Geräusche der Funkgeräte. „Vier Mann. Alles gesichert, Sir“, hörte er einen der Vermummten sagen. Als er sich umdreht, bemerkte Schwarz drei große gelbe Lettern auf der Splitterweste des Mannes. Sie buchstabierten ‚ATF‘.

„Was heißt ATF?“, fragte Schwarz, während ihm einer der Vermummten das Knie in den Nacken drückte und ein anderer ihm die Hände auf dem Rücken mit Handschellen fixierte.

(210) Zum Corned Beef gab es Pabst Blue Ribbon.

Zum Corned Beef gab es Pabst Blue Ribbon. Schwarz stieß mit dem Nazi und seinen Gehilfen an. „Magst du das Bier?“, fragte Hinkley. „Es ist…“, Schwarz suchte nach einem passenden Ausdruck, „…Bier…“ Er dehnte die Worte, bis Hinkley einwarf: „Ihr trinkt doch bestimmt stärkere Dinge in Deutschland, oder?“ Schwarz nickte, wusste aber nicht, wo ihn das hinführen würde. „Wir auch“, sagte Hinkley verschwörerisch. „Wollen wir ihm mal was zeigen?“, fragte er Greg und Averell. Averell schüttelte den Kopf. „Ach Averell, du bist ein Spielverderber. Los umziehen, wir fahren in die Mine.“ Die drei Nazis zogen ihre SA-Uniformen aus und stiegen in schwarze Hosen und Hemden, die sie aus der Munitionskiste nahmen. „Du brauchst dich nicht umzuziehen“, sagte Hinkley. „Wir wollen nur nicht, dass unsere Uniformen schmutzig werden. Das ist bei Euch doch bestimmt genauso.“ Schwarz sah ein, dass jetzt kein guter Moment war, um ins Motel zu fahren.

Sie gingen nach draußen. Hinkley reichte Schwarz einen roten Motorradhelm mit einem Hakenkreuz am Hinterkopf. Er nahm den Deutschen auf dem Sozius mit, Greg und Averell fuhren vorneweg. Auf der Fahrt erzählte Hinkley, dass er wegen seiner Haltung Schwierigkeiten hatte, einen Job zu finden. „Einzeln sind die Leute alle nett zu dir, aber sie denken immer, was der Nachbar sagen könnte. Es ist traurig. Helga ist guter Hoffnung und von 337 Dollar Sozialhilfe kannst du die Revolution der Weißen Nation nicht finanzieren.“ Deshalb hatte Hinkley angefangen, Schnaps zu brennen. Illegal natürlich. „Wir nennen das hier ‚Moonshine‘, Mondschein.“ Schwarz war erleichtert. „Und was hat das mit der Mine auf sich?“

Hinkley hatte die Schwarzbrennerei im Schacht einer verlassenen Goldmine im Norden von Memphis versteckt. Um dorthin zu gelangen, fuhren sie längere Zeit über Schotterwege und durch dunkle Wälder. Als sie ankamen, war es schon Nacht und das schwarze Loch in dem mondbeschienenen Hügel wirkte wenig einladend auf Schwarz. Bevor die Nazis ihre starken Taschenlampen anmachten, überprüften sie die Umgebung. Dann gingen sie in die alte Mine hinein.

Die Holzstempel, die die Minendecke abstützten, sahen im wedelnden Lichtkegel der Lampen alt und brüchig aus. Schwarz blickte zurück – der Eingang war schon bald nicht mehr zu sehen. Es war feucht unter der Erde. An einer Abzweigung gingen sie nach rechts und dann zog Greg eine braune Plane von der Wand. Dahinter war ein Gittertor, das er mit einem Schlüssel öffnete. Als sie durchtraten, lag vor ihnen ein Raum von etwa 4×5 Metern. Rechts standen offene Kartons, in denen Einweckgläser glänzten. Rechts die Destillieranlage. Ein Ofenrohr verlor sich irgendwo im Dunkeln der Decke. Es roch nach Alkohol und vergorenem Mais.

Hinkley legte die Hand auf den Brennkessel aus Kupfer. „Hier, mein Freund, legen wir den Grundstein für das Überleben der weißen Rasse. Es lebe das Vierte Reich!“

(209) Elgard Hinkley bestand darauf, Jürgen Schwarz zu sich nach Hause einzuladen.

Elgard Hinkley bestand darauf, Jürgen Schwarz zu sich nach Hause einzuladen. Schwarz, eingeschüchtert, da sein potenzieller Gastgeber sowohl Motorradrocker als auch Nazi war, willigte ein. Er stieg in seinen Mietwagen und folgte Elgards Motorrad. Averell und Greg, die anderen beiden Rockernazis, folgten hinter Schwarz. Aus dieser Eskorte gab es kein Entrinnen.

Hinkleys Haus war ein nettes weiß gestrichenes Holzhaus mit einer luftigen Veranda davor, wie es sie oft in Tennessee gibt. Allerdings hatten bestimmt nur wenige einen Fahnenmast mit einer sehr großen Hakenkreuzfahne im Vorgarten. Als er vom Motorrad stieg, grüßte Hinkley die Nachbarn, die auf einen Eistee auf der Veranda saßen. Sie winkten freundlich zurück, besonders als Hinkley Schwarz stolz als seinen deutschen Freund vorgestellt hatte. Hinkleys Frau kam aus dem Haus und küsste ihren Mann auf den Mund. Sie stellte sich Schwarz als Helga vor und machte einen kleinen Knicks, den er mit zaghaftem Nicken beantwortete. Helga trug eine weiße Bluse, einen Wollrock und hatte die blondierten Haare zu einem Zopf geflochten und um den Kopf gewunden. Sie war augenscheinlich schwanger.

Helga führte Schwarz ins Haus. Die drei Männer in den Nazi-Uniformen folgten. Das Wohnzimmer war dekoriert mit einer großen amerikanischen Flagge, bei der allerdings alle 50 Sterne durch Hakenkreuze ersetzt waren. Darunter stand ein Sofa, auf dem ein Totenschädel auf einem Häkeldeckchen mittig auf der Rückenlehne thronte. Schwarz bekam den Ehrenplatz auf der rechten Seite, Elgard saß links. Averell und Greg lungerten in der Nähe der Tür und Helga musste in die Küche gehen, um Abendbrot zu richten. Elgard lockerte seinen Binder und knöpfte seinen Hemdkragen auf. An der Stelle, wo der Krawattenknoten gesessen hatte, erkannte Schwarz ein Hakenkreuz-Tattoo. „Du erlaubst, Jürgen?“, fragte Hinkley und legte die Füße auf die Munitionskiste, die vor dem Sofa stand und als Tisch diente. Zumindest hoffte Schwarz, dass es ihr einziger Gebrauch war.

„Jürgen, erzähl mir mal eines: Wann habt Ihr Deutschen mal wieder einen richtigen Führer? Ihr müsst uns helfen. Wir Weißen sind hier die Minderheit, die man schützen muss!“ Schwarz nickte geistesabwesend. Er suchte nach einem Ausweg und es fiel ihm nichts ein. „Nein, Jürgen, mal ehrlich, sag schon, wann?“ Schwarz war dankbar, als Helga mit einem Tablett hereinkam. „Zu Ehren unseres Gastes habe ich eine deutsche Spezialität gemacht, ich hoffe, du magst es, Jürgen.“ Sie stellte das Tablett auf die Munitionskiste. Darauf ein Teller mit weißem Toastbrot und einer geöffneten Dose Corned Beef.

(208) Die Ranch von Jerry Lee Lewis war etwas enttäuschend für Jürgen Schwarz.

Die Ranch von Jerry Lee Lewis war etwas enttäuschend für Jürgen Schwarz. Der Killer wohnte an einer gewöhnlichen Landstraße in einem Haus hinter einem weiß gestrichenen Lattenzaun. Auf dem Gitter vor der Auffahrt war das Abbild eines schwarzen Flügels, darüber in weißen Lettern ‚The Lewis Ranch‘, umrahmt von zwei Notenzeichen. Schwarz hatte seinen Mietwagen an die Seite gestellt und war den Zaun entlang in Richtung des Haupteingangs gelaufen. Er sah keinen Menschen auf der anderen Seite.

Wäre da nicht die Pforte gewesen, es hätte ein x-beliebiges Haus sein können. Schwarz war wirklich enttäuscht. Er hielt sich an dem Lattenzaun fest und zog sich daran hoch. Sheryl hatte ihm von einem pianoförmigen Pool erzählt. Er schaute angestrengt nach rechts und links, konnte aber nichts erkennen, was nach einem Pool aussah.

Dann hörte er mehrere Motorräder, die hinter ihm stehenblieben. Er wollte sich langsam herunterlassen, um zu sehen, was los war, als eine Stimme auf Englisch rief: „Was zum Teufel glaubst du hier zu tun, du Drecksack?“

Als Schwarz wieder am Boden war und sich umdrehte, war er verblüfft und beunruhigt. Drei schwere Harleys standen vor ihm und grummelten tief im Leerlauf. Darauf saßen drei Männer, die ihn anstarrten. Alle drei trugen hellbraune Uniformen mit Hakenkreuzarmbinden. Von der Mütze mit dem Adlerabzeichen über den Schulterriemen aus Leder bis hin zu den Stiefeln waren sie angezogen wie SA-Leute. Der in der Mitte musste der Chef sein, etwa vierzig, mit einem teigigen glattrasierten Gesicht. Die beiden anderen waren Anfang zwanzig.

„Wer seid Ihr?“, fragte Schwarz. „Wir sind rechtschaffene Amerikaner, die hier nach dem Rechten sehen“, antwortete der Anführer. „Und Nazis“, fügte der rechte, jüngere hinzu. „Schnauze, Averell! Und wer bist du, der hier versucht einzubrechen?“ – „Ich wollte nicht einbrechen…“ – „Halt mal, höre ich da einen ausländischen Akzent? Wo kommst du her?“ – „Deutschland“, sagte Schwarz zögernd.

Die Miene des Anführers hellte sich auf. „Sag das doch gleich, mein Freund. Sei uns willkommen.“ Der Anführer hob den rechten Arm und sprach ein zackiges ‚Heil Hitler‘ aus. Er wiederholte es, damit seine Begleiter mit einstimmen konnten. „Gehört Ihr zu Jerry Lee Lewis?“, fragte Schwarz verwirrt. „Er ist ein Weißer, er fürchtet Gott und liebt Amerika. Damit ist er einer von uns. Wenn er auf Konzertreise ist, schauen wir manchmal vorbei. Es gibt so viel Gesindel hier. Damit meinen wir nicht deutsche Touristen. Du bist doch ein Tourist, oder?“

Schwarz bestätigte, dass er als Tourist nach Memphis gekommen sei. „Wir heißen dich also willkommen.“ Schwarz wäre am liebsten im Erdboden versunken, als die drei Nazis noch einmal den Hitlergruß vorführten.

„Nun denn, mein Freund, eine wichtige Frage. Bist du schon in Graceland gewesen?“

(207) Sind Sie schon in Graceland gewesen?

„Sind Sie schon in Graceland gewesen?“ Diese Frage wurde Jürgen Schwarz ständig gestellt. Natürlich hatte er das Wohnhaus des King besichtigt, das war ja der Grund, warum er nach Memphis gekommen war. Er war Elvis-Fan, seit er denken konnte und jetzt mit sechzig Jahren hatte er sich die Reise endlich gegönnt.

Natürlich war Graceland nach all den Jahren eine Enttäuschung gewesen. Das Haus lag nahe an einer Straße in einem ziemlich heruntergekommenen Teil von Memphis. Schwarz ließ sich mittels des Audiokommentars einmal komplett durch das Anwesen durchschleusen und kam am nächsten Tag wieder, weil er es, ohne Kommentar, noch einmal für sich in Augenschein nehmen wollte. Als er wieder auf dem Elvis-Presley-Boulevard stand, bereute er den Besuch zwar nicht, aber die Musik seines Idols stand immer noch im Vordergrund. Sicher, es war toll, am gleichen Ort gewesen zu sein, aber mehr auch nicht. Das schönste an dem Besuch, musste sich Schwarz eingestehen, war das jahrzehntelange Sehnen gewesen. ‚Damit wäre das dann abgehakt‘, sagte er sich und fuhr mit dem Auto in das Crest Motel zurück, in dem er wohnte.

„Sind Sie schon in Graceland gewesen?“, fragte ihn die breithüftige Frau am Empfang des Motels. Das Namensschild, das quasi horizontal auf ihrem riesigen Busen lag, wies sie als Sheryl aus. „Es war fantastisch“, sagte Schwarz und kaufte sich einen dieser riesigen Schokoriegel, für die er eine Schwäche hatte. „Was können Sie mir noch empfehlen, was ich mir hier anschauen könnte?“ Sheryl brauchte nicht lange nachzudenken: „Die Ranch von Jerry Lee Lewis! Etwa 20 Meilen südlich von Graceland. Drüben in Mississippi.“ Irgendwie schienen alle Entfernungen in Memphis ab Elvis‘ Haus gemessen zu werden. „Ist das auch ein Museum?“ Sheryl lachte schrill. „Nein, das würde Jerry Lee nicht gut finden, denn er lebt da selbst.“ – „Jerry Lee Lewis lebt noch?“, fragte Schwarz erstaunt. „Natürlich, was ist das denn für eine Art?“ Um Sheryl zu besänftigen, kaufte Schwarz noch zwei weitere Riegel und gab ihr ein Trinkgeld dazu. Aber sie wollte nicht unfreundlich sein. „Kennen Sie Jerry Lees Album ‚She Still Comes Around‘?“ Schwarz log und nickte. „Das Foto auf dem Cover… Wissen Sie, wo er in einem Motelzimmer sitzt und traurig schaut… Haben Sie es vor Augen?“ Schwarz nickte wieder. „Sie werden es nicht glauben: Das wurde hier aufgenommen!“ Schwarz riss Mund und Augen auf, um angemessenes Erstaunen vorzutäuschen. „Zimmer 17. Wollen Sie es sehen? Natürlich sieht es jetzt ganz anders aus… Aber, es ist sein Zimmer. Jerry Lee Lewis!“ Schwarz blieb nichts anderes übrig, als Sheryl zu folgen und dann in Zimmer 17 in Bewunderung auszubrechen. Das Zimmer sah ähnlich desolat aus, wie sein eigenes. Kein Wunder, dass Jerry Lee Lewis auf der Aufnahme traurig schaute. Dann durfte Schwarz sich zurückziehen. Sheryl versprach, ihm die Adresse von Jerry Lees Farm aufzuschreiben. „Aber Vorsicht! Den Mann nennen sie nicht umsonst ‚Killer‘!“

(206) Rosalie Schwarzhoff fühlte sich gut in ihrem neuen Outfit.

Rosalie Schwarzhoff fühlte sich gut in ihrem neuen Outfit. Sie hatte sich vorgenommen, mehr aus ihrem Leben zu machen und aus ihrem Schneckenhaus rauszukommen. Sie hatte mit eiserner Disziplin vier Kilo verloren und um diese Pegelmarke zu fixieren, hatte sie sich eine weiße Hose gekauft, die sie knalleng umfasste. Sie durfte jetzt einfach nicht wieder zunehmen. Passend zu der Hose trug sie für ihre Verhältnisse gewagte halbhohe Lackstiefel, die vorne ganz spitz zuliefen. Ein luftiges Baumwolltop mit U-Boot-Ausschnitt zeigte ihre makellose Halspartie. Außerdem war sie beim Frisör gewesen und hatte sich die Nägel machen lassen. Bevor sie aus dem Haus ging, hatte sie sich im Spiegel gemustert und sie mochte, was sie sah. Heute würde ihr Abend werden.

Die Freundin, mit der sie sich in der Ü40-Disco verabredet hatte, musste leider schon gegen Mitternacht gehen, weil sie eine Kontaktlinse verloren hatte und nur mehr orientierungslos über die Tanzpiste stolperte. Aber Rosalie wollte bleiben. Sie amüsierte sich gut. Ein paar Herren, die sich ebenfalls zu ihr auf die Tanzpiste wagten, lächelte sie an, aber die Typen waren ihr zu ungepflegt und hörten ohnehin bald auf, zu tanzen. Als Gerhard auf sie zukam, hatte Rosalie bereits einige leckere Mai Tais getrunken und war wirklich gut drauf.

Gerhard war bestimmt kein begnadeter Tänzer, aber was ihm an Körperlichkeit abging, machte er mit seiner Beharrlichkeit und seinem trockenen Humor wett. Er sah außerdem besser aus, als alle anderen Männer im Saal. Rosalie spürte, wie seine Augen um ihren Körper kreisten. Es war der Lohn für ihre Disziplin und sie genoss es, dass ein gut aussehender Mann sie wirklich begehrte.

Ein Liveact wurde angesagt und Gerhard spendierte Rosalie einen weiteren Tiki-Cocktail, diesmal nahm sie einen Zombie. Sie kicherte wie ein Schulmädchen bei der Bestellung. Derweil mühte sich ein Jerry Lee Lewis-Imitator an einem Flügel ab. In seinem purpurfarbenen Smoking sah er gespenstisch aus. Als er anfing, mit den Füßen auf die Klaviertasten einzudreschen, wurde es Rosalie zu viel. Sie fragte Gerhard, ob er mit ihr nach draußen gehen wollte. Im Hinausgehen zeigte er Lothar das Daumenhoch-Zeichen.

Als Gerhard und Rosalie vor der Disco standen, war es um sie herum still, kühl und langweilig. Da sie sich nichts zu erzählen wussten, fingen sie zu knutschen an. Als Gerhard sich abmühte, seine Hand in Rosalies Hosenbund zu stecken, fragte sie ihn, ob er mit dem Auto da sei. Er bejahte und sie setzten sich in seinen Wagen, der auf der dunklen Seite des Parkplatzes stand. Rosalie war etwas übel von den vielen Cocktails, aber diese Gelegenheit wollte sie nicht verpassen. Sie knutschten weiter, aber bevor Gerhard wieder versuchte, ihr in die ohnehin zu enge Hose zu greifen, kam sie ihm zuvor und griff ihm in den Hosenschlitz.

Gerhard ließ den Fahrersitz nach hinten gleiten und Rosalie beugte sich über seinen Schoß. Sie hatte einmal einem Freund einen Blowjob im Auto gegeben, aber das war schon so lange her… Jetzt fühlte sie sich jung. Gerhard hatte den Kopf nach hinten gelegt und strich über Rosalies vom Haarlack knisternden Haare.

Durch die Verrenkung auf dem Beifahrersitz geriet Rosalies Magen unter Druck. Mehrmals gab er ihr Warnungen, aber sie ignorierte es in ihrem Beharren, Gerhard zum Höhepunkt zu bringen. Dazu kam es allerdings nicht mehr. Bevor Gerhard einen Samenerguss hatte, musste Rosalie sich über sein bestes Stück übergeben. Als Gerhard fluchend das Innenlicht einschaltete, war das erste, was er sah, die zerkaute, rote Cocktailkirsche auf seiner Eichel.

(205) Als er von dem Inzest erfuhr, war Gerhard Pieper nicht übermäßig überrascht.

Als er von dem Inzest erfuhr, war Gerhard Pieper nicht übermäßig überrascht. Katja war natürlich völlig fertig, als sie ihm davon berichtete. Es war gar nicht einfach, aus seiner Ex-Frau die Fakten herauszubekommen. Nils und Andrea, ihre beiden Kinder, lebten zusammen als Mann und Frau. Verständlicherweise nicht verheiratet. Er sagte dann: „Ich hoffe wenigstens, dass sie verhüten.“ Daraufhin hatte Katja die Verbindung abgebrochen.

‚Egal‘, dachte er. Es waren jetzt über 10 Jahre, dass er von Katja geschieden war und in den letzten Jahren hatte es kaum mehr Kontakt gegeben. Pieper empfand das als wohltuend, denn er hatte keine Lust mehr, sich mit den Auswüchsen seiner hysterischen Frau zu beschäftigen. Überhaupt mit den hysterischen Auswüchsen irgendwelcher Frauen. Er stand jetzt drei Jahre vor seinem 50. Geburtstag und jeder Augenblick zählte. „Wenn du später in der Kiste liegst, fragt keiner danach, wie viel Scheiße du in deinem Leben in dich hinein gefressen hast“ hatte er Lothar Sandkühler gesagt, einem Arbeitskollegen bei der Bahn, Abteilung Strategische Wartung des rollenden Materials. Lothar war ebenfalls geschieden und die beiden gingen einmal in der Woche aus. Ziel war es, Frauen abzuschleppen. Gerhard war dabei geschickter und etwa jede zweite Woche war er erfolgreich. Dabei machte er bei keiner Frau ein Geheimnis daraus, dass es ihm nur um einen One-Night-Stand ging. Aber die Frauen, alle über 40, schienen ausgehungert und nahmen, was sie kriegen konnten. Lothar nahmen sie aber nicht, und so war er immer nur Zaungast geblieben bei den Annäherungen von Gerhard. Deshalb bewunderte er Gerhard.

Als sie an einem Abend in eine Ü40-Disco gingen, erzählte Gerhard Lothar nebenbei vom Inzestverhältnis seiner Kinder. Lothar war schockiert. Gerhard gab sich locker. „Naja, du weißt ja, wie der Witz geht? Nicht? Bleibt alles in der Familie!“ Gerhard lachte, schlug Lothar kameradschaftlich auf die Schulter und ließ ihn an der Bar stehen. Gerhard begab sich in die Mitte des freundlich abgedunkelten Raums, denn das war sein Trick. Er tanzte, Lothar nicht. Frauen in dem Alter liebten tanzende Männer. Sie konnten nicht genug von ihnen bekommen. Es war ein Selbstläufer.

Gerhard hatte sich eine Checkliste zurechtgelegt, mit der nach Frauen Ausschau hielt. Das Verhältnis von ausladenden Hüften zu schmalen Taillen fand er sehr attraktiv. Keine Brille. Haarfarbe war egal, außer Rot, denn der Gedanke an rote Schamhaare törnte ihn ab. Dann sollten die Frauen etwas angetrunken sein, aber nicht richtig betrunken. Sexy Schuhe waren ein Plus.

So tanzte sich Gerhard einmal quer über die Tanzfläche und überprüfte das Frauenangebot. Wie immer waren auch andere Männer da, aber im direkten Vergleich war Gerhard eine Nummer besser, als die hoffnungslosen Großtrommelträger, die sich beim Tanzen an ihrem Bier festhielten oder die Ausländer, denen es doch nur um eine Aufenthaltsgenehmigung ging und die dafür jede Frau nehmen würden.

Dann sah er Rosalie.