Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: August, 2014

(184) Das Leben hatte es nie gut gemeint mit Leo Warnke.

Das Leben hatte es nie gut gemeint mit Leo Warnke. Schon bei der Geburt hatte ihn die Nabelschnur fast erdrosselt und man musste ihn wiederbeleben, kaum dass er den Mutterleib verlassen hatte. Mit 19 Jahren hatte er einen Motorradunfall und verlor dabei die linke Hand. Er konnte sich nicht an eine Prothese gewöhnen und so nahm er es hin, dass sein linker Arm in einem dunkelrosafarbenen Stumpf endete. Seinem Beruf als Apotheker schadete es nicht. Außerdem fand er eine Frau, die ihn auch ohne linke Hand liebte.

Am schlimmsten war aber die Niereninsuffizienz, die immer heftiger wurde und wegen der er schon mit 31 Jahren zur Dialyse musste. Das raubte ihm montags, mittwochs und freitags jedes Mal 5 Stunden. In der Zeit übernahm seine Frau Eva die Apotheke. Warnke war auf der Warteliste für eine neue Niere, aber er wusste nicht, wie lange es dauern würde.

An einem Mittwochabend berichtete ihm seine Frau von einem Handelsvertreter für orthopädische Strümpfe, mit dem sie auch über Dialyse gesprochen hatte. „Ich habe ihm nicht gesagt, dass du Dialyse bekommst“, log sie, denn Warnke war darin etwas empfindlich. „Auf jeden Fall erzählte er mir, dass es inoffizielle Wege gäbe, an eine Spenderniere heranzukommen.“ Warnke gab zu, dass er das wusste und über die notwendigen Kontakte verfügte. „Aber es ist nicht richtig. Du weißt nicht, welcher arme Schlucker dafür seine Niere hergibt. Und es ist sehr teuer.“

Eva Warnke geborene Kunz hatte nicht viel vom Leben erwartet. Sie war mit dem zufrieden, was sie hatte. Allerdings störte es sie, dass sie dreimal in der Woche in der Apotheke arbeiten musste. Viel lieber wäre sie zuhause geblieben und hätte das getan, was sie sonst auch tat, nämlich nichts. So aber sah sie ihre eigene Lebensqualität durch die Dialyse ihres Ehemannes eingeschränkt.

Sie trat in Kontakt mit einem Organvermittler, der ihr einen Preis nannte. 200.000 Euro. Dann sprach sie mit ihren Eltern, die sich bereit erklärten, ihrer Tochter den notwendigen Betrag zu leihen. Mit Leo hatte sie eine heftige Diskussion, aber am Ende gab er nach und war einverstanden, sich in der Türkei eine neue Niere einpflanzen zu lassen.

Die Operation war erfolgreich – Leo brauchte nicht mehr in die Dialyse.

Allerdings hatte dies Folgen, mit denen Eva nicht einverstanden war: Leo beschloss, das Leben zu genießen, denn man wusste ja nie, wie lange es dauern würde. Er hatte eine Affäre mit einer pharmazeutisch-technischen Assistentin und ließ sich kurz danach scheiden.

Eva Warnke bekam aus der Scheidung die gemeinsame Wohnung, den Kredit von ihren Eltern und deren heftigen Vorwürfe. Ihr Vater hatte dem Kredit nur zugestimmt, weil er wusste, dass sein Schwiegersohn als Apotheker den Kredit zurückzahlen konnte. Jetzt war das Geld weg und in seiner Altersversorgung klaffte ein Loch.

(183) In Haridwar fand das größte Fest der Hindus statt, das Kumbh Mela.

In Haridwar fand das größte Fest der Hindus statt, das Kumbh Mela. An einem Tag allein wurden zehn Millionen Pilger erwartet, die mit überfüllten Sonderzügen herangekarrt wurden. Das Fest bestand im Wesentlichen darin, dass sie gemeinsam, allen voran die Sadhus, in den Ganges stiegen. Über die Jahre waren diese Feste auch zu informellen Versammlungen von internationalen Organhändlern geworden.

Cramer wohnte in Haridwar immer im Haveli Hari Ganga Hotel, mitten in der Stadt, direkt am Ganges.

Gleich am Abend seiner Ankunft traf er sich mit zwei wichtigen indischen Sourcern an der Hotelbar. Früher hätte er ein Geheimnis daraus gemacht, mit wem er arbeitete und er hätte sich unter großen Vorsichtsmaßnahmen an einem viel diskreteren Ort mit den Leuten getroffen. Das war jetzt nicht mehr nötig. Er hatte eine effiziente Organisation aufgebaut, die erfolgreich war, weil jeder darin gut verdiente und weil jeder professionell mitarbeitete. Es machte für seine Sourcer keinen Sinn, für andere zu arbeiten, denn sie würden dort weniger verdienen, aber viel mehr Stress ausgesetzt sein. Deshalb machte es ihm auch nichts aus, dass er von einem weißhäutigen Mann beobachtet wurde, der an der Bar saß.

Als Cramer mit seinen Leuten fertig war, schlenderte er zu dem Fremden an die Bar. „Kennen wir uns?“, fragte Cramer. „Noch nicht“, antwortete der Mann mit russischem Akzent und stellte sich vor: „Pjotr Alexejewitsch Kropotkin. Ich bin Russe. Darf ich Sie zu einem Drink einladen?“ Cramer, immer neugierig, willigte ein und bestellte eine Cola.

Kropotkin sagte, dass er Cramer schon lange bewunderte und dieser in gewisser Hinsicht sein Vorbild sei. Cramer gab sich geschmeichelt und fragte, wobei er Kropotkin denn helfen könne. „Zypern“, antwortete der Russe und musterte Cramer mit gerunzelter Stirn. „Was ist eine Insel im Mittelmeer?“, antwortete Cramer lächelnd. „Richtig. Viele Russen mit gutem Geld und schlechten Nieren. Viel Geld.“ Kropotkin erklärte, dass er Zugang zu der russischen Oligarchie habe und wisse, dass es dort einen enormen Bedarf an frischen Organen gäbe. Da diese Leute alle Villen auf Zypern hatten, würde es sich anbieten, dort eine Niederlassung der Organisation zu gründen. Kropotkin schlug Cramer eine Partnerschaft vor.

Cramer hatte schon von Kropotkin gehört. Der Russe hatte bis vor kurzem davon gelebt, dass er in großem Stil Botox nach Moskau brachte und dort an den Einzelhandel verkaufte. Cramer hatte keine Lust, längere Zeit mit dem Russen zu verbringen, wollte ihn aber auch nicht vor den Kopf stoßen. Man wusste nie, ob diese Leute nicht plötzlich rabiat wurden.

Cramer zückte einen Kugelschreiber, zupfte eine Papierserviette aus dem Halter und malte ein Rechteck darauf. Die Ecken des Rechtecks bezeichnete er mit O-E-R-M. Er zeigte auf das O: „Organ“. Auf das E: „Empfänger“. R: „OP-Raum“. M: „Mannschaft“. Er strich mit der Hand über die Serviette. „Das braucht man alles. Sie sagen, es gibt E auf Zypern. Gut.“ Cramer kringelte das E ein. „O gibt es nicht. Gibt es fast nie in der Ersten Welt.“ Er kreuzte das O aus. „R und M habe ich mir schon angeschaut auf Zypern. Gibt es sehr wenig. M kann man einfliegen, teuer. R diskret zu mieten, ist schwierig.“ Er strich R und M aus. „Ein idealer Ort hätte alle 4, ein guter Ort 3. Bei zwei oder weniger geht es nicht. Nicht in meinem System.“ Der Russe nickte, und dachte wohl nach, wie er das kontern konnte. Cramer legte nach: „Aber ich habe einen Vorschlag für Sie. Sie nutzen Ihre Kundenkontakte und bringen mir die Es in die Türkei oder nach Indien. Da haben wir O, R und M im Überfluss. Und Sie bekommen 10% Provision. Wie ist das?“ Kropotkin dachte nach. Dann hielt er Cramer die Hand hin. „Einverstanden, mein Freund. Du bist in Ordnung!“

(182) Organhandel, sagte sich Cord Cramer, war ein Geschäft wie jedes andere, nur leider nicht ganz so legal.

Organhandel, sagte sich Cord Cramer, war ein Geschäft wie jedes andere, nur leider nicht ganz so legal. Er hätte genauso gut Rohstoff- oder Diamantenhändler werden können. Mit der Organisation, die er aufgebaut hatte, stand er vielen Menschen bei, die fast schon ihre Hoffnung aufgegeben hatten. Er verhalf ihnen zu einer neuen Leber, Hornhaut, Niere. Was auch immer man transplantieren wollte, er konnte es beschaffen. Vor fünfzehn Jahren war er ein mäßig guter Chirurg in der Provinz gewesen. Jetzt hatte er ein weltumspannendes Netzwerk aufgebaut, dessen Logistik so kompliziert war, wie das Atomwaffenprogramm der USA. Nicht dass er davon etwas verstünde, aber es klang cool, wenn er es so sagte.

Der Aufbau war tatsächlich sehr kompliziert, da vier wesentliche Elemente genau zum richtigen Zeitpunkt zusammen gebracht werden mussten: das Organ, der Empfänger, ein vollausgestatteter OP-Saal und eine Top-OP Mannschaft samt Chirurg. Die Empfänger waren eigentlich nie da, wo die Spender waren und dort, wo die Organe herkamen, gab es wenige OP-Räume und Mannschaften. Es gab zwar in letzter Zeit erfolgversprechende Maßnahmen, Organe dort zu finden, wo die Empfänger waren, aber das war immer nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Alle Organe, die Cramers Organisation direkt sourcte, kamen von freiwilligen Spendern, die mit dem Erlös ihrer Familie eine bessere Zukunft ermöglichen wollten. Oder natürlich von deren Hinterbliebenen, die ebenfalls freiwillig aus dem Verstorbenen ein Ersatzteillager machten. Daneben gab es auch Subunternehmer, die Organe heranschafften, bei denen Cramer nicht sicher war, warum die Spender mitmachten. Er ging davon aus, dass es freiwillig geschah. Wenn in Cramers Organisation etwas schief lief, dann war es immer auf der Spenderseite, die man nicht vollständig kontrollieren konnte, die aber auch weniger wichtig war, denn hier gab es keine Mundpropaganda. Auf der Empfängerseite war es anders. Hier durfte kein Irrtum passieren und darauf war die Organisation geeicht. Keine mobilen OPs irgendwo in der Wüste, wo wer weiß was passieren konnte. Alle Eingriffe fanden in stationären, bestausgerüsteten Krankenhäusern statt und wenn es sein musste flog Cramer ein Team von zwanzig Personen nach Indien, um zu tun, wofür der Kunde zahlte. Wer auch immer ein Spenderorgan über Cramer bekommen hatte, würde es sein Leben lang nicht vergessen. Fast alle Neukunden kamen, weil jemand Cramer empfohlen hatte. Natürlich musste er vorsichtig zu sein, um keinem Lockvogel auf den Leim zu gehen. Cramers Regel war, dass er nur neue Kunden annahm, für die ein Altkunde bürgte.

Durch den Erfolg, der auf diesen Prinzipien ruhte, besaß Cramer sieben Häuser und Wohnungen an verschiedenen Orten auf der Welt, flog nur First Class dazwischen und konnte sich alles leisten, wonach ihm der Sinn stand.

Gerade war er im Flugzeug auf dem Weg nach Neu-Delhi. Von dort aus wollte er ins knapp zweihundert Kilometer nördlich gelegene Haridwar reisen. Natürlich mit dem Hubschrauber.

(181) Eigentlich handelten die Bodysnatcher aus Liebe.

Eigentlich handelten die Bodysnatcher aus Liebe. Gerry war Ausstatter beim Film, Dave war Krankenpfleger. Zusammen nannten sie sich die Bodysnatcher.

Sie hatten sich in einer Szenekneipe kennen gelernt und ineinander verliebt. Es stellte sich heraus, dass sie den gleichen Traum hatten: Sie wollten nach Florida ziehen und dort ein sorgloses Leben führen.

Allerdings besaßen sie nur wenig Geld und hatten kaum Aussichten auf mehr. Die Idee für die Bodysnatcher war das Ergebnis einer Diskussion nach der Spätvorstellung in einem Programmkino. Sie hatten den Film ‚Die Körperfresser kommen‘ gesehen, weil sie beide große Bewunderer von Donald Sutherland waren.

Dave erzählte auf dem Nachhauseweg, dass es eine Organisation gab, die illegalen Organhandel betrieb. Natürlich wurde darüber hinter vorgehaltener Hand im Krankenhaus gesprochen. Durch die Organisation wurden Ersatzlebern, -nieren und andere Organe aus Ländern der Dritten Welt vermittelt. Problematisch war der Ablauf, weil die Empfänger in diese Länder reisen mussten, damit die Organe noch ganz frisch eingepflanzt werden konnten. Dabei waren die vor Ort verfügbaren Standards manchmal problematisch. Gerry meinte, für eine solche Unternehmung wären Außerirdische besser geeignet, denn sie könnten diese logistischen Probleme bestimmt besser lösen. Dave sagte, wenn das so wäre, könnten die Außerirdischen sehr viel Geld verdienen. Das gab beiden zu denken.

Am Ende bestand ihr Plan aus drei Phasen. Phase 1: Den Opfern gaukelten sie eine Entführung durch Außerirdische vor. Phase 2: Ihnen wurden an einem geheimen Ort Organe entnommen. Phase 3: Sie brachten die Opfer in ihr normales Umfeld zurück. Wenn die Alien-Story ausreichend glaubhaft war, würden die Opfer auf keinen Fall zur Polizei gehen, denn ihre Geschichte war einfach zu unglaublich.

Über einen ehemaligen Kollegen nahm Dave Kontakt zu den Organhändlern auf. Gerry baute die Kulisse eines Raumschiffinnern und stellte die Außerirdischenkostüme her. Um ihre Opfer zu finden, antworteten sie auf Kontaktanzeigen, denn zu Dates kamen die Opfer immer alleine und ließen sich leichter dorthin locken, wo sie von den Bodysnatchers abgeholt werden konnten. Nachdem die Opfer betäubt waren, wurden sie in die Raumschiffkulisse gebracht und dort wiederbelebt, damit sie sich davon überzeugen konnte, wirklich von Außerirdischen entführt worden zu sein. Das war auch die Gelegenheit, Blut und andere Proben zu entnehmen, mit der geeignete Empfänger gematched werden konnten. Dann wurde das Opfer wieder betäubt und in einem künstlichen Koma gehalten, bis die Organisation die Transplantation vorbereitet hatte. Mit der Organentnahme hatten Gerry und Dave nichts zu tun. Sie bekamen das abgeerntete Opfer wieder zurück und entließen es in ihr eigentliches Leben.

Die Bezahlung für die Bodysnatcher war hervorragend und sie rechneten sich aus, dass sie nach einem Dutzend Operationen genug Geld zusammen hätten, um nach Florida zu ziehen.

(180) Burk Hullers Begegnung mit den Außerirdischen hatte eigentlich erfolgversprechend begonnen.

Burk Hullers Begegnung mit den Außerirdischen hatte eigentlich erfolgversprechend begonnen. Burk hatte eine Kontaktanzeige aufgegeben, denn alle Versuche auf direktem Weg eine Frau kennenzulernen, hatten fehlgeschlagen. Er war zwar erst 30, aber er musste irgendetwas an sich haben, das Frauen abstieß. Die Anzeige war ein Versuch, mit neuen Methoden mehr zu erreichen.

Er bekam viele Zuschriften und eine davon stach heraus. Georgina war eine blonde Stewardess, Ende 20. Auf dem Foto lächelte sie Burk an und er konnte nicht anders, als ihr sofort zurückzuschreiben. Er wollte sie unbedingt kennenlernen. Sie schrieb ihm genauso schnell zurück und sagte, dass sie ihn in einem Gewerbegebiet in der Nähe des Flughafens mit dem Wagen abholen würde. Burk war selig.

Zu der vereinbarten Uhrzeit stand er an einem Samstag an einer Kreuzung, die an allen vier Ecken von Lagerhäusern gesäumt war. Fast pünktlich kam ein auberginefarbener Lieferwagen die Straße entlang auf ihn zu und hielt neben ihm. Die Fenster waren verdunkelt. Die Tür öffnete sich. Neugierig und schon sehr erregt schaute Burk ins Innere des Fahrzeugs. Zwei grüne Arme streckten sich ihm entgegen und zogen ihn mit großer Kraft ins Innere des Fahrzeugs. Burk hatte keine Chance, sich zu wehren. Im Wagen waren zwei Gestalten, die in aus warzigen Gesichtern mit großen Insektenaugen anstarrten. Einer hielt ihm ein Tuch vor die Nase und er verlor das Bewusstsein.

Als er wieder aufwachte, lag er festgebunden auf einem Tisch. Er war nackt. Über ihm ein greller Scheinwerfer, der alles andere dahinter verschwinden ließ. Aus der Helligkeit kam ein grüner, reptilienartiger Arm, der ihn an der Brust betastete. Der Arm wanderte über seinen ganzen Körper und beschäftigte sich dann mit seinem Penis. Unwillkürlich hatte Burk eine Erektion. Dann wurde ihm wieder schwarz vor Augen.

Als er wieder aufwachte, lag er im Wald auf einer Lichtung. Er war angezogen und seine Seite schmerzte ihn. Den Ort kannte er. Die Lichtung war nicht allzu weit entfernt von da wo er wohnte. Fragen schwirrten durch seinen Kopf. War er von Außerirdischen entführt worden? War die Stewardess ein Alien? Was hatten sie mit ihm gemacht? Hatten sie sein Sperma abgezapft, um Abkommen von ihm zu züchten?

Er wollte sich aufrichten, aber er hatte große Schmerzen in der Seite. Erst nach einiger Zeit konnte er sich auf die gute Seite wälzen, von da auf die Knie und dann aufstehen. Er fühlte einen Verband an der Seite.

Huller ging zu Fuß nach Hause und legte sich ins Bett. Als er wieder aufwachte, schien es bis auf die Narbe, die er unter dem Verband fand, wie ein schlechter Traum. Allerdings waren seit seinem Rendezvous mit der blonden Stewardess drei Wochen vergangen. Sie waren wie getilgt aus seinem Leben. Wohin hatten sie ihn entführt? War er in einer anderen Galaxis gewesen? Natürlich konnte er niemand von diesem Erlebnis berichten. Man hätte ihn für verrückt erklärt. Er musste sich schützen. Die Aliens wussten, wo er wohnte, und würden vielleicht wieder kommen. Ein Hund, fiel ihm ein. Ein scharfer Hund wäre das Richtige, um zumindest so viel Widerstand zu leisten, damit sie von ihm abließen. Bei jedem Geräusch zuckte er zusammen. Ja, er musste sich schützen. Ein Hund wäre gut.

(179) Seit Xaver der Dackel in sein Leben gekommen war, veränderte sich Herr Kullmann.

Seit Xaver der Dackel in sein Leben gekommen war, veränderte sich Herr Kullmann. Er ging mit Xaver spazieren und hatte dadurch auch wieder Kontakt mit anderen Menschen. Um seinem Hund eine entsprechende Führung bieten zu können, meldete er sich in der Hundeschule von Erich Voigt an. Frau Lachmann holte sich auch einen Hund aus dem Tierheim, einen Spitz-Mischling und begleitete Herrn Kullmann in die Hundeschule.

Herr Voigt war eigentlich Bäcker, aber eine späte Mehlallergie hatte den 50-Jährigen um seine Anstellung in der Großbäckerei gebracht. Seit seiner Kindheit mochte Herr Voigt Hunde über alles und seine Freunde sagten ihm, dass er ein Hundeflüsterer sei. „Der Hund ist nie das Problem“, pflegte Herr Voigt zu sagen. „Das Problem ist immer der Halter.“ Als er so viel Zeit hatte, kam ihm der Gedanke, sein Wissen weiter zu geben. Eine Hundeschule zu eröffnen war sehr einfach, er brauchte dafür keine Prüfungen oder Erlaubnisse. Nur einen Gewerbeschein. Von einem Bauer pachtete er eine Wiese, die er umzäunte und dann konnte er seine Hundeschule inserieren. Die Geschäfte liefen jetzt, ein Jahr nach Eröffnung, ganz passabel. Viele Kunden kamen nach Mundpropaganda zu ihm, so auch Herr Kullmann und Frau Lachmann. Mit ihrem Dackel und dem Spitz unterrichtete er sie gemeinsam.

Eines Tages, nach einer Unterrichtsstunde, stand ein Mann am Zaun und winkte Herrn Voigt mit großen Bewegungen zu sich. Neben dem Mann stand ein weißer Bullterrier, der Herrn Voigt aus seinen kleinen Augen anblickte. Der Mann stellte sich vor als Burk Huller. „Das ist Erko“, sagte Huller, der mit unruhigen Augen ständig herumschaute, als ob er Angst vor irgendetwas hatte. Voigt nickte. „Ich bin unzufrieden mit Erko“, fuhr Huller fort. Voigt nickte wieder und sagte: „Das ist keine einfache Rasse. Sehr eigensinnig. Manche Züchter machen da viel Bockmist. Aber da kann man bestimmt etwas dagegen tun. Kein Hund ist schlecht an sich.“ Jetzt nickte Huller nervös. „Erko hat nicht die richtige Schärfe. Ich wollte einen Hund, der mich schützt und jetzt habe ich einen, der Fremde schwanzwedelnd begrüßt.“ – „Warten Sie, Herr Huller. Habe ich das richtig verstanden? Sie wollen, dass Erko aggressiver wird?“ – „Ja klar. Warum will ich sonst einen Bullterrier? Ich will, dass der Hund für mich, wenn es sein muss, auch King Kong zur Strecke bringt!“

Herr Voigt war von Huller angeekelt. „Dafür stehe ich nicht zur Verfügung. Da müssen Sie sich einen anderen Trainer suchen. Hunde sind keine Waffen und ich bin dagegen, sie aggressiv zu trainieren.“ Huller war enttäuscht. Er fragte Voigt nach einem Tipp, wer Erko die nötige Schärfe beibringen könnte, aber der Hundetrainer verweigerte jede Hilfe. Huller musste wieder gehen, aber ein Satz hatte sich bei ihm eingeprägt, „Hunde sind keine Waffen.“ Vielleicht war es auch kein Hund, den Huller brauchte, sondern eine Waffe. Das war wahrscheinlich die Lösung, damit er wieder ruhig schlafen konnte, ohne Angst zu haben, dass die Außerirdischen wiederkehrten.

(178) Frau Lachmann machte sich Sorgen wegen Kullmann.

Frau Lachmann machte sich Sorgen wegen Kullmann. Er war ein guter Nachbar und wer weiß, wer das Haus sonst übernehmen würde. Außerdem war er immer so einfühlsam, wenn sie mit ihm redete. Das war natürlich bevor die Sache mit dem Verkehrsunfall passierte, durch die er arbeitsunfähig wurde. Sie wünschte sich, dass es wieder so sein würde wie früher, wenn Herr Kullmann von seinen Vertreterreisen nach Hause kam und dann mit Frau Lachmann einen Kaffee trank. Sie berichtete ihm, was alles in seiner Abwesenheit in der Straße vorgefallen war. Er fuhr mit ihr öfters zum Einkaufszentrum, wo sie, jeder für sich, einkauften und sich dann auf eine Pizza trafen, bevor er sie wieder nach Hause fuhr. Frau Lachmann fand, dass sie sich gegenseitig stützten.

Sie überlegte, was sie für Herrn Kullmann machen konnte. Sie ging für ihn mit dem Bus einkaufen, besuchte ihn jeden zweiten Tag, nur um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung war und er sich nicht etwa auf dem Speicher erhängt hatte. In Frau Lachmanns Vorstellung gingen Menschen immer auf den Speicher, um sich zu erhängen. Immer fand sie Herrn Kullmann im Wohnzimmer auf seinem Kanapee, angestarrt von den Todesengeln, die er vorher an Friedhofsfloristen verkauft hatte. Mit diesen Engeln im Blick, dachte sie, würde auch sie depressiv werden. Sie konnte ihm die Skulpturen aber auch nicht wegnehmen.

Dann hatte sie eine Idee. Eines Tages fuhr sie mit dem Bus zum Tierheim und holte von dort einen Hund für Herrn Kullmann: einen sehr jungen Dackelrüden namens Xaver. Sie ging zu ihrem Nachbarn ins Wohnzimmer mit dem Kurzhaardackel auf dem Arm und legte ihn Herrn Kullmann auf den Schoß. Der Dackel schaute sein neues Herrchen interessiert an und bevor Kullmann sich versah, kuschelte sich der Hund an ihn. Reflexartig legte Kullmann seine Hand um den Hinterlauf des Tieres. Mit der anderen Hand streichelte er ihm über den Kopf. „Sein Name ist Xaver“, sagte Frau Lachmann. „Er ist für Sie. Die Mutter wurde…“ Frau Lachmann zögerte, weiter zu reden. Sie hatte nicht daran gedacht, was es bei Herrn Kullmann auslösen könnte. Die Wahrheit ist immer richtig, dachte sie. „Xavers Mutter wurde überfahren und sein Herrchen sah sich nicht imstande, den kleinen Kerl zu übernehmen. Stubenrein und etwas stur.“ Kullmann hatte wahrscheinlich zugehört, streichelte aber weiter den Hund und schaute ihn dabei an. Xaver schloss die Augen.

„Ich komme nachher wieder“, sagte Frau Lachmann. Als sie keine Antwort bekam, ging sie nach Hause. Sie hatte ein gutes Gefühl. Jemand, der für einen kleinen traumatisierten Hund sorgen musste, würde sich nicht aufknüpfen. Sie fühlte, dass sie jetzt einen starken Verbündeten hatte, der mit ihr nach Herrn Kullmann schaute.

(177) Der Tod war für Volker Kullmann kein abstrakter Begriff…

Der Tod war für Volker Kullmann kein abstrakter Begriff, denn er war Handelsvertreter für Trauerzubehör. Er besuchte Floristen und Bestatter und versorgte sie mit allem, was man zum Grabschmuck brauchte: von grauen Kunststeinengeln, die ein Trauerbuch offenhielten (Art. 257) bis zur Rolle Trauerflor, zwei Meter Gitterband mit eingewebter Blattranke (Art. 283). Aber an seiner gefühlten Schuld an Rocholz‘ Tod zerbrach er.

Kullmann war auf dem Weg nach Hause gewesen und freute sich auf sein eigenes Bett, nach drei Nächten in Hotels. Von Rocholz hatte er zuerst nur einen Schatten am Straßenrand gesehen, der aussah, als ob er ihm aus dem Dunkeln zuwinkte. Seltsamerweise war Rocholz dem herannahenden Wagen nicht ausgewichen, sondern hatte sich genau einen Schritt zu weit nach vorne gewagt. Er knallte an die Seite der Windschutzscheibe, Kullmann trat auf die Bremse. Im roten Schein der Rücklichter sah er eine dunkle Unebenheit hinter seinem Wagen liegen. Er brauchte etwas Zeit, um sich zu sammeln, dann stieg er aus. Rocholz hatte eine Abschürfung an der Wange. Es sah eigentlich ganz harmlos aus, wenn er Kullmann nicht aus weit aufgerissenen Augen angestarrt hätte. Noch nie hatte Kullmann so kalte Augen gesehen. Der Mund stand etwas offen, Kullmann sah die Zähne, aber die Lippen lächelten nicht.

Dann kamen zwei Männer die Straße entlang. Einer beugte sich über den Verunglückten und sagte, dass er tot sei. Er verschloss die Augenlider und jetzt sah es wirklich aus, als ob Rocholz schliefe.

Dann war Kullmann zusammengebrochen und als er wieder zu sich kam, lag er auf einer Krankenbahre, die auf der Straße vor seinem Wagen stand. Da er wieder zu sich kam, ließen ihn die Sanitäter absteigen. Ein Polizist sprach mit ihm und er konnte alle Fragen beantworten. Dann fuhr ihn jemand nach Hause. Am nächsten Tag ließ sich Kullmann krankschreiben. Er wollte mit dem Wagen Einkaufen fahren, aber er schaffte es nicht, den Motor anzulassen. Er saß bestimmt eine Stunde im Auto, das Garagentor stand offen und er war angeschnallt. Aber er brachte es nicht fertig, den Schlüssel umzudrehen.

Frau Lachmann, seine 70jährige Nachbarin, schaute vorbei und half ihm zurück ins Haus. Als er es auch am dritten Tag nicht schaffte, den Wagen zu starten, fand er sich damit ab.

Sein Chef sprach ihm auf die Voicemail, aber Kullmann hörte sie nicht ab. Nach einer Woche kam sein Chef selbst vorbei. Sie setzten sich ins Wohnzimmer. Kullmann machte Kaffee. Sein Chef fragte, wie der Unfall abgelaufen sei und Kullmann konnte alles sehr sachlich erzählen. Als sein Chef fragte, wann er denn wieder seine Vertretertätigkeit aufnehmen würde, brach Kullmann in Tränen aus. Sein Chef trank schnell seinen Kaffee aus und verabschiedete sich.

Irgendwann kam die Kündigung. Man bat ihn um Rücksendung der Warenmuster, die er noch im Wagen hatte. Kullmann öffnete die Koffer und stellte die Engelsfiguren aus grauem Kunststein im Wohnzimmer auf. Mit ernstem Gesicht schauten sie ihn an, während er einfach nur da saß.

(176) Zuerst brachten sie Bürgermeister Kurt zu Norma Becker, seiner Geliebten.

Zuerst brachten sie Bürgermeister Kurt zu Norma Becker, seiner Geliebten. Kurt drückte Harms einen dicken Umschlag in die Hand und bedankte sich für jahrelange mehr oder weniger treue Dienste. Harms war gerührt. Dann, so war das Verständnis, sollte Harms Peters nach Hause fahren und dann den Wagen am Rathaus abgeben. Zuerst fuhren die beiden bei nächster Gelegenheit in den Wald, löschten die Scheinwerfer und konferierten, was sie mit Rocholz‘ Leiche tun sollten.

„Am Flughafen wird für die neue Landebahn heute Nacht sehr viel Beton verarbeitet“, sagte Harms. „Das fällt auf, wenn wir da aufkreuzen. Was ist mit im Wald vergraben?“ – „In nächster Zeit sind viele Drückjagden. Die Hunde finden ihn dann. Am besten, wir sorgen dafür, dass die Leiche nie wieder auftaucht.“

Sie schwiegen und starrten in das Unterholz, das vom Mond schwach erleuchtet wurde. „Mein Schwager arbeitet im Bergwerk Ibbenbüren. Da gibt es in Dickenberg eine Abraumdeponie, die Rudolfhalde. Da könnten wir ihn unterscharren. Ist recht zugänglich und der Abraum rieselt nach, da sieht man nicht, dass gegraben wurde.“ Peters musste zugeben, dass er keine bessere Idee hatte. Sie beschlossen aber noch etwas zu warten, um das Risiko möglicher Zeugen gering zu halten. Sie stiegen aus und gingen ein paar Meter weiter, um zu rauchen. Als sie sich danach wieder dem Wagen näherten, glaubte Peters etwas zu hören. „Da hat was geknackt.“ Sie hielten inne. „Ich höre nichts“, sagte Harms. „Vielleicht kam es vom Kofferraum?“ Harms brummte skeptisch. „Ich höre nichts. Da war nichts.“ – „Könnten wir zur Sicherheit nicht doch nachschauen?“, fragte Peters. „Da war nichts. Wenn Sie schauen wollen, nur zu, es ist offen.“ Entschlossen presste der Journalist die Lippen zusammen und ging zum Kofferraum. Mit einem Ruck öffnete er den Deckel, das Licht im Kofferraum ging an und er war kurz geblendet. Dann tastete er frenetisch im Kofferraum. „Er ist weg…!“ Harms eilte herzu und musste feststellen, dass die Rolle mit dem Kunstrasen leer war. „Was zum Teufel ist hier los?“, murmelte er. Peters zeigte auf den phosphoreszierenden Hebel am Kofferraumdeckel. Er war nicht tot, hat sich befreit und ist weggelaufen.“ – „Scheiße!“, Harms knallte den Deckel zu. „Er kann noch nicht weit sind. Wir fahren ihm hinterher.“ Sie schwangen sich ins Auto, Harms startete den Motor und legte eine rasante Wende zwischen den Bäumen hin. Er schaltete das Fernlicht ein und sie schauten angestrengt nach rechts und links. Dann erreichten sie die Landstraße wieder. „Links!“, sagten sie gleichzeitig. Nach der nächsten Kurve sahen sie einen schwarzen Wagen mit Warnblinker am Straßenrand stehen. Der Fahrer stand dahinter und beugte sich über ein dunkles Bündel. Sie hielten an und stiegen aus. „Er ist mir einfach vor den Wagen gelaufen. Ich konnte nichts machen“, sagte der Fahrer, ein Mittvierziger mit Bauchansatz und Vollbart. Harms beugte sich über Rocholz und fühlte dessen Schlagader. „Jetzt ist er tot“, stellte er fest. Dann mit Blick auf den Fahrer wiederholte er: „Er ist tot.“

(175) Peters hatte nicht damit gerechnet, Rocholz bei der Landwirtschaftsmesse zu treffen.

Peters hatte nicht damit gerechnet, Rocholz bei der Landwirtschaftsmesse zu treffen. Für die Region war es ein wichtiger Event, und deshalb war auch der Bürgermeister da, aber es war nicht zu erwarten, dass der Leiter der Lokalredaktion selbst davon berichten würde.

Kurt stand gerade am Rednerpult, um die Bedeutung der Landwirtschaft für die Stadt und das Umland herauszustreichen. Peters hielt sich alleine hinter der Bühne auf. Er wollte hören, wie das Publikum reagierte, wenn der Bürgermeister vorschlug, dass jede Schulklasse künftig ein Schwein adoptieren und für ein Jahr im Klassenzimmer großziehen würde. Damit sollte die Verbundenheit der Stadtbevölkerung mit der Landbevölkerung ausgedrückt werden. Eigentlich war Kurts Idee zuerst gewesen, alle Schüler für eine Woche im Jahr zum Ernteeinsatz zu verpflichten, aber Peters hatte ihm diese Idee als wiederwahlschädlich austreiben können. Jetzt wollte er hören, wie seine Alternative ankam.

Plötzlich spürte Peters einen Schlag im Rücken. Bevor er sich umdrehen konnte, noch einen in die Nieren. „Du Verräterschwein“, zischte Rocholz, als Peters ihn ansah. Peters konnte sich gerade noch ducken, als sein Ex-Chef ihm die Faust ins Gesicht schlagen wollte. Peters probierte einen Aufwärtshaken, aber Rocholz blockte den Schlag und rammte Peters das Knie vor die Brust. Peters ging zu Boden. Rocholz wollte ihm gerade in die Rippen treten, als ihm die Arme nach hinten gezogen wurde. Er konnte nicht erkennen, wer ihn hielt und musste mit ansehen, wie Peters sich wieder aufraffte und ihm dann mit dem Fuß volley zwischen die Beine trat.

Rocholz schrie so laut, dass er zuerst sogar die Lautsprecher übertönte, die Kurts Rede wiedergaben. Dann hielt Harms Rocholz den Mund zu. Es war der letzte Arbeitstag des Fahrers und er war wütend, weil Rocholz ihm keine Zusatzprämie gezahlt hatte, nachdem er aufgeflogen war. Peters kickte Rocholz, der in Harms‘ Würgegriff strampelte, noch ein zweites Mal in die Eier. Als Rocholz zu strampeln aufhörte, ließ Harms ihn wieder frei. Allerdings fiel Rocholz zu Boden wie ein nasser Sack. Peters fühlte seinen Puls: Rocholz war tot.

Während Kurts Rede ins letzte Drittel überging und sein Vorschlag mit der Schweineadoption auf große Zustimmung der anwesenden Landbevölkerung stieß, konferierten Harms und Peters, was zu tun sei. Als Unfall würde man den Tod des Journalisten nicht darstellen können. „Das sieht dann nach Totschlag aus“, fand Peters. Harms sagte vage, dass er sich keine Probleme leisten konnte, da er bereits vorbestraft sei. Der Tod musste also vertuscht werden und sie mussten zusammen arbeiten.

Gemeinsam rollten sie Rocholz‘ Leiche in ein Stück Kunstrasen, das von der Bühnendekoration übrig geblieben war. Sie trugen die Rolle zum Wagen des Bürgermeisters, der direkt am Bühneneingang abgestellt war.