Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Mai, 2014

(92) Warum trug der nackte Mann Handschuhe und Mütze?

„Warum trug der nackte Mann Handschuhe und Mütze?“, fragte Mildred und wärmte sich die Hände an dem Pappbecher mit Kaffee, den ihr Assistent Freddy Harper von der Tankstelle 5 Kilometer entfernt geholt hatte. Freddy konnte nicht widerstehen: „Weil ihm kalt war.“ Mildred knuffte ihn mit dem Ellbogen in die Seite, sodass Freddy Kaffee verschüttete. Freddy hätte zwar gerne zurück geknufft, aber er wusste, dass Mildred so etwas nicht tolerieren würde. Auch wenn sie ihn manchmal in abgelegenen Hotels in ihr Bett abschleppte, musste bei der Arbeit alles tadellos sein. Dafür war sie brillant und er konnte so viel von ihr lernen.

Mildred wiederholte, was sie bisher wussten.

„Wir haben hier eine männliche Leiche, Anfang 40, athletischer Körperbau, nackt bis auf eine Wollmütze und Funktionshandschuhe. Die Leiche wurde von einem Bauern entdeckt, der einen Entwässerungsgraben hier baute. Die Erde unter der Leiche hat sich den Körperformen des Mannes angepasst. Daher gehen wir davon aus, dass die Erde nass war, als der Mann zu Tode kam. Schlamm, der Einfachheit halber. Wahrscheinlich war der Mann in einem Schlammsandwich verpackt. Die Leiche ist intakt, keine nennenswerten Verwesungsspuren. Vielleicht weil der Körper unter Luftausschluss im Schlamm lag. Dadurch kein Sauerstoff und keine Verwesung. Und deshalb haben wir noch keine Ahnung, wie lange der Mann hier schon liegt.“

Sie trank einen großen Schluck Kaffee. Freddy nickte und spiegelte das Trinken.

„Warum legt sich ein Mann nackt in den Schlamm? Irgendwo weitab vom nächsten Ort? Der Bauer meint, es wäre hier normalerweise immer sehr schlammig. Das ist auch der Grund, warum er den Graben zieht. Der Tote kann durchaus schon länger hier liegen und es wurde halt immer mehr Schlamm oben drauf gepackt. Fango ohne Ende.“

Beide grinsten und tranken wieder Kaffee.

„Von außen keine Fremdeinwirkung sichtbar. Todesursache muss durch die Obduktion geklärt werden. Mediziner meinte, Rippenbrüche zu erkennen. Allerdings unklar, ob vor oder nach dem Tod eingetreten. Der Mediziner zeigte mir auch Schürfwunden am Körper, die alle in der Längsachse orientiert sind. So als ob Steine den Körper angeritzt hätten. Als ob er durch den Schlamm gerobbt sei. Nackt. Oder geschleift wurde.“

Mildred schaute unvermittelt Freddy an.

„Bevor wir nicht wissen, wie er gestorben ist und wann, kommen wir hier nicht weiter. Ich glaube, wir gehen ins Hotel und machen eine kleine Lagebesprechung. Um diesen Fall zu lösen brauche ich etwas Nahrung für meine Fantasie…“

Freddy wusste, dass es jetzt auf ihn ankam, um Mildred in ihren Ermittlungen mit ganzer Stärke zu unterstützen. Er war bereit, sein Bestes zu geben.

(91) Trotz der riesigen Taucherbrille schloss Myra unter Wasser immer die Augen.

Trotz der riesigen Taucherbrille schloss Myra unter Wasser immer die Augen. Technisch gesehen schwamm sie gut und hatte auch keine Probleme unterzutauchen. Aber sie wollte auf keinen Fall unter Wasser sehen. Zuerst hatte Jimmy gedacht, dass es das Chlorwasser war, das seine fünfjährige Tochter störte. Er hatte ihr dann diese Tauchbrille gekauft. Aber es änderte nichts. Eigentlich war das Tauchen nutzlos, wenn man nicht auch sehen konnte, wo man tauchte. Immerhin hatte Myra Freude daran, im Wasser zu sein. Jimmy lehnte sich zurück auf dem weißen Plastikstuhl neben dem Schwimmbecken. Wenn Myra nicht wollte, dann brachte es gar nichts, sie zu etwas zu zwingen. Da war sie wie Mildred, ihre Mutter. Mildred bekam immer alles, was sie wollte.

Sie wollte Jimmy, weil sie ihn süß fand. Vielleicht auch, weil er formbar war. Auf jeden Fall, wären sie nie ein Paar geworden, wenn Mildred nicht dieses „Don’t be shy“ auf den roten Zettel geschrieben hätte, den Jimmy auf die erste Seite des Fotoalbums der Familie geklebt hatte.

Mildred wollte auch Karriere machen. Die Archivartätigkeit war für sie nur eine Möglichkeit beim FBI anzufangen. Sie wollte Agentin werden und durch Ausdauer, harte Arbeit und die richtige Einstellung wurde sie es wirklich. Das kam sonst nie vor. Agent Mildred Ahern.

Bei Jimmy war die Karriere anders verlaufen. Er war nicht hart genug und flog noch in der Probezeit beim FBI raus. Er sei nicht bereit „die letzte Meile zu gehen“. Es war erniedrigend. Gerade weil Mildred immer noch fünf Meilen weiter ging. Aber sie liebte ihn und er liebte sie.

Er machte sich als Privatdetektiv selbstständig. Die meiste Zeit saß er in seinem Büro und las den Sportteil der Zeitung. Es war die Zeit, als Mildred ihn aufzog und „Marlowe“ nannte. Dann wurde Mildred schwanger und als Myra zur Welt gekommen war, gab es keine Diskussion, dass er sich um das Kind kümmern würde. Vom Private Eye wurde er zum Private Dad.

Mildred war auch als Ermittlerin äußerst schlau und man vertraute ihr sehr heikle und vertrackte Fälle an. Deshalb reiste sie viel. Für Jimmy und Myra war es fast eine Überraschung, wenn Mildred abends bei ihnen war und mit ihnen Abendbrot aß.

Jimmy fragte sich, ob er schuld daran war, dass Myra beim Tauchen die Augen nicht öffnen wollte. Mildred hatte so ein Benehmen bestimmt nicht in den Genen. Mit einem anderen Vater würde Myra bestimmt tauchen wie Flipper. Dann überlegte er sich, was er ihr vererbt hatte, das ihr im späteren Leben einen Vorteil geben würde. Vielleicht war es die Fähigkeit, sich so anzupassen, dass jemand wie Mildred ihn Huckepack durchs Leben mitnahm. Dann fiel ihm ein, dass diese Definition auch für das Zusammenleben von Menschen und Flöhen gelten könnte. Er wischte den Gedanken beiseite und winkte Myra zu. Da sie über Wasser war, hatte sie die Augen auf, sah ihn und winkte zurück.

(90) Jimmy Fratianno war 1977 in das Zeugenschutzprogramm der USA aufgenommen worden…

Jimmy Fratianno war 1977 in das Zeugenschutzprogramm der USA aufgenommen worden, nachdem er weitreichende Aussagen gegen die Mafia gemacht hatte. Nachdem er aber die Klappe nicht halten konnte und mit Ghostwritern zwei Bücher geschrieben hatte, wollte man ihn aus dem Programm wieder rausschmeißen. Jimmy Ahern war 29 Jahre alt und beim FBI ein Neuling. Als Beschäftigungsmaßnahme hatte man ihm die Akte von Fratianno gegeben. Er sollte schauen, ob man noch etwas daraus ziehen könnte, bevor dem Ex-Ganoven das Programm gekündigt wurde.

Ahern hatte sich die Akte zusammengesucht und war dabei von einer jungen Archivarin unterstützt worden. Sie hieß Mildred Barnett und hatte lange Haare, die sie in einem Zopf zusammengebunden trug. Vor allem waren es ihre Beine, die es Ahern angetan hatten. Er schaute hin, wenn sie wegschaute und errötete, wenn sie ihn beim Schauen ertappte. Als er mit dem Rollwagen Akten abzog, sagte sie ihm Worte der Aufmunterung, aber er stammelte nur etwas vor sich hin und hätte sich am Liebsten in Luft aufgelöst.

Jetzt saß er wieder an seinem Schreibtisch und sichtete den ersten Packen Material. Dabei fiel ihm ein Foto in die Hände, auf dem er einen Mann sofort wiedererkannte: Frank Sinatra, der in die Kamera strahlte. Auf beiden Seiten standen Männer, die wie Gangster aussahen. Auf der Rückseite des Fotos stand „2. Aug. 67: Paul Castellano, Frank Sinatra, Tommy Marson, Carlo Gambino, Jimmy the Weasel Fratianno. Ahern fand es lustig, dass Fratianno den Spitznamen Wiesel schon bekommen hatte, bevor er als Informant für den FBI arbeitete.

Ahern fragte sich, ob das Foto relevant war und ob man versuchen könnte, aus Fratianno mehr über Sinatras Verbindungen zur Mafia herauszubekommen. Ahern überlegte und ließ dabei seinen Kugelschreiber um den Zeigefinger kreisen. Dann legte er das Foto zur Seite. Zum einen war die Aufnahme schon zwanzig Jahre alt. Zum anderen war Jimmy Aherns Vater ein glühender Bewunderer von Sinatra. Ahern Senior hätte es nicht geschätzt, wenn sein Sprössling The Voice Schwierigkeiten machen würde.

Als Jimmy die nächste Akte aufschlug, lag direkt hinter dem Aktendeckel ein roter Zettel auf dem geschrieben stand: ‚Don’t be shy, Mildred‘. Jimmy spürte, dass er beinahe so rot wurde wie der Zettel. Schnell schaute er, dass niemand ihn beobachtete. Dann faltete er den Zettel und steckte ihn in die Innentasche seines Jacketts. Als er dies getan hatte, wurde er noch einmal sehr rot im Gesicht, denn er hatte sich gerade vorgestellt, wie es aussehen würde, wenn ihn jemand dabei beobachtet hätte, wie er Material aus den Akten einsteckte. Er vergewisserte sich noch einmal extra, ob ihn auch wirklich niemand beobachtete.

(89) „Danke Harold“, sagte der Mann zu dem Kellner…

„Danke Harold“, sagte der Mann zu dem Kellner und trennte mit einem Löffel ein Stück von der Banane, vermischte es mit Eis und schaufelte es sich in den Mund. Er lehnte sich wieder zurück in den Liegestuhl und schloss die Augen. Im Hintergrund plätscherte das Wasser des Swimmingpools.

Nachdem er das Eis aufgegessen hatte, beschloss er ein wenig zu Schlafen. Als er gerade weggedöst war, kam Harold zurück. „Mr Sinatra, Mr Sinatra? Es tut mir leid, aber da sind Gentlemen, die Sie sehen möchten.“ Sinatra hielt die Augen geschlossen. „Bin nicht da.“ – „Einer der Herren sagt, dass Don Carlo dabei ist, Mr Sinatra.“

Mit einem Ruck saß Sinatra aufrecht. „Carlo Gambino?“, fragte er. Harold nickte. „Wo sind sie?“ – „Sie warten vor Ihrer Garderobe.“ Sinatra sprang auf, unterdrückte einen Fluch und ging zügig zurück in den Bühnentrakt des Desert Inn. Der Pate war angekündigt und wollte Sinatras Auftritt am Abend des 2. August 1967 mitverfolgen, aber er war früher angekommen als erwartet.

Gambino, ein älterer zerbrechlich wirkender Mann mit grauen Haaren und abstehenden Ohren, empfing Sinatra mit offenen Armen. Er entschuldigte sich, dass er so hereinplatzte. Er war begleitet von Tommy Marson, genannt ‚Fatso‘ und Jimmy Fratianno, genannt ‚Das Wiesel‘. Gambino wollte Frankie nur viel Erfolg wünschen und sagte, er würde nach der Show noch mal vorbeikommen.

Als Sinatra am Abend sang, wusste er, dass Don Carlo und seine Begleiter in der VIP Lounge saßen. Bei manchen Liedpassagen schaute er direkt in ihre Richtung und hoffte, dass diese Respektbezeugung gut ankam.

Das war der Fall gewesen, denn als er nach der letzten Zugabe verschwitzt und ausgepumpt in seine Garderobe zurückkehrte, wurde er bereits von Gambino und seinen Leuten erwartet. Der Pate war völlig begeistert und schwärmte von dieser tollen Stimme. Er kniff Sinatra in die Wangen und drückte ihm einen Umschlag in die Hand.

Dann sagte Gambino, er wolle, dass man ein Foto machte von ihm zusammen mit Sinatra. Der Sänger trocknete sich noch den Schweiß ab und zog ein frisches Hemd an. Dann stellte er sich in der Garderobe neben Paul Castellano, Fatso Marson, Gambino und Das Wiesel Fratianno. Alle schauten in die Kamera, Sinatra setzte sein bestes Lächeln auf und das Blitzlicht ging los.

Später, als die Gangster gegangen waren und Sinatra alleine in der Garderobe saß, fragte er sich, ob das Foto wirklich eine gute Idee gewesen war. Man wusste nie, wo so etwas plötzlich wieder auftauchen würde. Aber er hätte Gambino diesen Wunsch niemals abschlagen können. Er erinnerte sich an den Umschlag von Gambino und öffnete ihn. Darin lag ein Bündel mit 10.000 Dollar. Es war zwar sehr viel Geld, aber es erinnerte Sinatra an andere Situationen, in denen Geld in solchen Umschlägen übergeben wurde. Keine davon war erfreulich.

(88) Beuys hing vornüber in den Spiegelglasspitzen.

Beuys hing vornüber in den Spiegelglasspitzen. Sein Kopf drückte den Hut gegen die Wand und es sah aus, als ob er ein Nickerchen hielte. Aber das Blut rann an der Weste herunter, an der Hose herunter, sammelte sich unter ihm in einer Pfütze. Ein Rinnsal aus der Pfütze lief weiter und berührte die Lippen des immer noch auf dem Bauch liegenden Mannes.

Nach kurzer Zeit öffneten sich seine Augen und er schien sich zu fragen, wo er war. Er richtete sich auf. Als er sich umschaute, sah er als Erstes sein eigenes Spiegelbild in dem Teil der Spiegelwand, die intakt geblieben war. Er sah, dass er Blut im Gesicht hatte und er wischte es weg mit dem linken Ärmel des Filzpullovers. Er stand auf und entdeckte Beuys, der in den Spiegelglasspitzen hing. Der Künstler gurgelte etwas, weil ihm das Blut auch aus dem Mund lief, aber er war wirklich tot. Der Mann sah, dass seine Filzkleidung sich mit dem Blut vollgesogen hatte und er zog alles aus, drapierte die Kleidungsstücke auf Beuys‘ Rücken. Ganz oben drauf legte er die Sockenhalter ab.

Jetzt trug der Mann nur noch eine enge rote Badehose. Unschlüssig stand er da. Er zog das Stromkabel für den Fernseher aus der Steckdose und stopfte den Stecker Beuys hinter den Gürtel in den Hosenbund. Der Bildschirm wurde wieder hell und zeigte jetzt das Bild einer prallen gelben Zitrone.

Der Mann wandte sich ab und trat zu der rechten kahlen Seitenwand. Mit dem Finger zog er eine Linie auf der Wand. Von unten hoch, dann nach rechts, dann wieder bis ganz unten. Den Umriss einer Tür. Als er die Linie gezeichnet hatte, schien ein helles gelbliches Licht aus der Linie. Der Mann drückte auf die Wand und sie schwang nach außen wie eine Tür. Er trat hindurch in die Sonne. Dahinter war ein Strand aus weißem Sand mit Kokospalmen, die sich durch den makellos blauen Himmel nach oben zur Sonne schraubten. Ein angenehmer leichter Wind wehte. Der Sand, auf den der Mann trat, war oben warm von der Sonne und darunter war er kühl und etwas feucht von der Meeresbrandung. Möwenschreie lagen in der Luft.

Der Mann schaute hinaus aufs Meer und hielt sich dabei die Hand vor die Stirn, um weniger von der Sonne geblendet zu werden. Der Horizont war klar. Auf dem Strand stand auf der rechten Seite ein Liegestuhl unter einem Sonnenschutz aus Palmenblättern. Der Mann schlenderte dorthin und setzte sich.

Die Brandung flirrte wegen der Hitze, die aus dem Sand aufstieg. Der Mann war froh, unter dem Sonnenschutz zu sitzen. Ein Schatten fiel vor ihm auf den Sand und bewegte sich. Es war ein Kellner in weißem Kittel, schwarzer Hose und schwarzer Fliege. Über dem Arm trug er eine Serviette drapiert und auf der Hand balancierte er ein Silbertablett. Auf dem Tablett stand ein Eis in einem länglichen Glasboot.

„Ihr Banana Split“, sagte der Kellner und stellte das Eis auf einen kleinen Tisch, den er in der anderen Hand trug und dessen einziges Tischbein er in den Sand rammte.

(87) Beuys setzte den Hut auf und trocknete seine Tränen.

Beuys setzte den Hut auf und trocknete seine Tränen. Er ging den Weg zurück und probierte es in der anderen Richtung. Auch hier bog der Gang scharf ab, nach links. Er weitete sich zu einem großen Raum, an dessen Ende ein wandfüllender Spiegel hing. Beuys erschrak zuerst, erkannte dann aber sein Abbild. Er rückte seinen Hut gerade. Dann bemerkte er, dass vor dem Spiegel ein Fernseher stand, der ein schwarz-weißes Bild ausstrahlte. Und davor lag jemand auf der Erde. Es war ein Mann oder ein Knabe, denn er trug kurze schwarze Hosen. Das flackernde Fernsehlicht beleuchtete ihn bläulich.

Beuys trat zu dem Liegenden. Er hatte Haaren an den Beinen und war eher groß – deshalb beschloss Beuys, dass es sich um einen Mann handelte. Er lag auf dem Bauch. Sein schwarzes Haar war kurz geschnitten. Dann kam ein schwarzer Pullover, der auch die Arme verhüllte, die eng am Körper anlagen. Die Hände befanden sich unter dem Mann. An den Kniekehlen hatte der Mann Falten. Dann bemerkte Beuys, dass der Mann Sockenhalter trug, um seine wadenhohen schwarzen Strümpfe in Position zu halten. Beuys ging davor in die Hocke, um sich die Sockenhalter besser anzuschauen. Er schob seinen Hut höher auf die Stirn. Die Sockenhalter bestanden aus einem elastischen Gummizug, der quer gestreift war, braun-beige-braun. Das Beige war jeweils umrandet mit einer dünnen grünen Linie. Die Halter selbst hatten ein weiches, weißes Lederteil, das mit einem beigen Gummizug bis zur metallenen Schließe verlängert war. Beuys befühlte den Gummizug und seine Hände glitten dann über die nackte Haut des Beines vor ihm. Sie waren nur schwach behaart, aber er konnte die Härchen doch sehr gut ertasten. Die Haut war noch warm.

Beuys bemerkte, dass die Socken, die kurze Hose und auch der Pullover des Mannes aus schwarzem Filz waren. Er strich mit der Hand darüber. Im gleichen Augenblick veränderte sich das Bildrauschen auf dem Bildschirm und Beuys konnte sich schließlich selbst erkennen, wie er sich über den Mann beugte. Es sah aus wie das Bild von einer Überwachungskamera. Als er sich umwandte, um die Kamera zu suchen, nahm er in den Augenwinkeln wahr, dass sein Ich auf dem Bildschirm das Gleiche tat. Er blickte wieder auf den Bildschirm. Dort bewegte sich jetzt der liegende Mann, in der Wirklichkeit jedoch nicht. Auf dem Bildschirm drehte sich der Mann auf den Rücken und richtete sich auf. Es war Nam June Paik. Der Beuys auf dem Bildschirm sprang auf und hechtete durch den Spiegel an der Wand.

Beuys schaute auf den Spiegel ihm gegenüber und dann wieder auf den Mann vor ihm. Als dieser sich unvermittelt bewegte, erschrak Beuys und sprang mit einem Satz in die Spiegelwand. Durch den Aufprall zerbrach sie in Splittern. Beuys knallte gegen die Betonwand dahinter. Als er bewusstlos hinuntersank, bohrten sich die scharfen Spiegelglasspitzen in seinen Körper. Er verblutete.

(86) Als Joseph Beuys wieder zu Bewusstsein kam, überprüfte er zuerst, ob er seinen Hut und seine Weste trug.

Als Joseph Beuys wieder zu Bewusstsein kam, überprüfte er zuerst, ob er seinen Hut und seine Weste trug. Zufrieden stellte er fest, dass dies der Fall war. Er lag auf der Erde, mit dem Rücken gegen eine unverputzte Wand gelehnt in einem scheinbar unterirdischen Durchgang. Es kam etwas Licht von schwachen gelblichen Glühbirnen, die in unregelmäßigen Abständen an Drähten von der Decke baumelten. Beuys stand auf und klopfte sich den Staub von der Hose. Weil es nach links etwas heller wurde, ging er in diese Richtung.

Der Gang drehte nach rechts und dann sah Beuys einen breiteren Raum vor sich, von dem rechts und links jeweils vier vergitterte Zellentüren abgingen. Er ging zu der ersten Tür links und schaute durch das Gitter hinein. Der Raum dahinter schien leer. Dann erkannte er, dass die Wände der Zelle vollständig mit Bleiplatten ausgekleidet waren. Und richtig, als er genauer zu der Glühbirne schaute, konnte er auch die beiden silbernen Ringe erkennen. Er war plagiiert worden. Entrüstet ging er zur nächsten Zellentür. Die Wände waren weiß gestrichen und hinten in der rechten Ecke war Fett schräg gegen die Wand aufgeschichtet worden. Beuys zischte verächtlich.

Hinter der nächsten Tür war ein Rudel filzbepackter Schlitten im Raum verteilt. „Für den Bus hat es wohl nicht gereicht“, murmelte Beuys vor sich hin. In der nächsten Zelle stand ein Holztisch mit einem Holzwürfel darauf. Drähte kamen aus dem Würfel und verliefen zu zwei Lehmkugeln, die vor dem Tisch auf der Erde lagen. Zwei weitere Drähte kamen aus den Kugeln heraus und waren mit dem Zellengitter verbunden. Entschlossen ergriff Beuys die kalten Gitterstäbe und nichts passierte.

Dann kam der Filzanzug. Der Kleiderbügel, der ihn trug, war mit einer Henkersschlinge an der Decke festgemacht. Der Anzug baumelte im leichten Windzug hin und her. Lange konnte Beuys seine Augen von dem Schauspiel nicht lösen.

In der nächsten Zelle lag ein Berg weißen Fetts, aus dem oben heraus nur noch das obere Ende einer Stuhllehne herausschaute. Beuys trat mit dem Fuß gegen die Zellentür. „Warum quält Ihr mich damit?“, schrie er und seine Stimme kam ihm als vielfaches Echo aus allen Zellen zurück.

Im folgenden Raum hing in der Mitte ein Heringsskelett von der Decke. Ein paar Fleischfetzen hingen nach daran, hinten klebte noch Wachspapier.

Die letzte Zelle schien komplett bis unter die Decke mit Filzrollen gefüllt zu sein. Beuys brach in Tränen aus. „Ich wollte doch nur ein guter Rasenmäher sein. Was habe ich denn verbrochen?“ Beuys bekam einen Weinanfall und musste sich auf die Erde kauern. Er schluchzte so heftig, dass ihm der Hut vom Schädel fiel und wegrollte. Das brachte ihn wieder zur Vernunft und er hörte auf zu weinen.

(85) Ich freue mich immer darauf, wenn das Gras endlich hoch genug ist…

Ich freue mich immer darauf, wenn das Gras endlich hoch genug ist und ich wieder auf den Rasenmäher steigen kann. Als ich das nach meinem Tod zum ersten Mal gemacht habe, war es für mich wie eine Offenbarung. Hier war eine Tätigkeit, die wegen ihrer Wiederholung dem Geist ganz andere Zugänge öffnete, als vieles andere. Ganz ausdrücklich auch Kunst. Seit ich mit der Kunst aufgehört habe und meine Kraft auf das Rasenmähen konzentrierte, bin ich ein anderer Mensch geworden. Schluss mit dem Schaffensdruck, der einen zu den seltsamsten Dingen treibt. Hier ist es ganz einfach: Eine Reihe in die eine Richtung, an der Wand kehrt links, am Zaun wieder links usw. Irgendwann ist man wieder dort abgekommen, wo man angefangen hat. Verlagerung der Spur nach links und noch einmal das Gleiche, allerdings kürzer, da um eine Spurweite zur Mitte versetzt. Bei jeder Umrundung wird die Strecke kürzer, bis am Ende nur noch ein Büschel Gras wie ein Schamhaargestrüpp aus der niedergemähten Fläche herausragt.

Hoppla, was war das? Das fühlte sich an, als ob ich mit dem Traktor über etwas gefahren bin. Oder jemanden? Ich möchte eigentlich nicht nachsehen, aber ich muss. Zur Sicherheit mache ich den Mäher aus. Augenblicklich ist es still, als ob feindliches Feuer den Motor ausgeschossen hätte.

Zwei Meter hinter dem Traktor sehe ich einen Mann liegen. Da er auf dem Bauch liegt, kann ich sein Gesicht nicht erkennen. Er trägt eine Fliegeruniform, wie seltsam. Sie qualmt auch ein bisschen. Nein, Korrektur, sie qualmt sehr viel. Aus dem Gras um den Mann herum züngeln Flammen hoch, er liegt jetzt in einem Flammenkreis.

Ohne zu überlegen, springe ich durch den Kreis und beuge mich zu dem Mann hinunter. Ich klopfe ihm auf den Rücken – er rührt sich nicht. Ich fühle seinen Puls an der Halsseite. Nichts. Der Mann ist tot. Die Flammen kommen nicht näher, scheinen nur zu beobachten. Ich drehe den Mann auf den Rücken und dann weiß ich, war um er mir bekannt vorkam. Es ist Hans Laurinck, der Flugzeugführer, mit dem ich 1944 in der Stuka abgeschossen wurde. Sein Gesicht sieht friedlich aus, aber wie kann das sein, dass ich ihn hier finde, möglicherweise habe ich ihn mit dem Mäher umgefahren? Da fällt mir auf, dass er keine Schnittwunden hat, wie es definitiv der Fall wäre, wenn ich mit dem Aufsitzmäher über ihn gefahren wäre.

Gerade als ich diese Gedanken wälze, steigen die Flammen hoch und kommen immer näher. Damals wurde ich aus dem Wrack der Ju 87 gerettet. Habe ich heute noch eine Chance oder bin ich mittlerweile aus der Zeit gefallen, wie man sagt.

Dann kracht es ganz fürchterlich hinter mir. Der Benzintank des Rasenmähers ist explodiert. Der Traktor steht in einem Feuerball. Mir wird schwarz vor den Augen.

(84) Nach der unschönen Geschichte im Kaufhaus wurde Ruffing von der Gruppe außer Landes gebracht.

Nach der unschönen Geschichte im Kaufhaus wurde Ruffing von der Gruppe außer Landes gebracht. Versteckt in einem Umzugswagen mit dem Hausstand einer Familie fuhr man ihn nach Cornwall.

Am Morgengrauen wurde er auf dem Parkplatz einer geschlossenen Tankstelle vor Penzance in einen PKW umgeladen. Der schweigsame Fahrer brachte ihn schließlich zur Pension von Samantha Smith, zwar in der Nähe von Porthcurno, aber doch sehr abgelegen. Samantha, eine etwas mollige, joviale Frau von Mitte Vierzig erwartete ihn mit einem Full Cornish Breakfast. Sie gehörte zur Gruppe, hatte man ihm gesagt. Ruffing war erstaunt wie groß die Gruppe war und wie gut organisiert auch kurzfristige Programmänderungen durchgeführt werden konnten. Er hoffte, dass er für längere Zeit in Cornwall bleiben würde. Vielleicht gab es ja auch die Möglichkeit, dass er sich als Arzt nützlich machen konnte.

In der Pension war es ruhig. Ruffing fragte sich, ob die Saison schon vorbei war. Immer wenn Samantha ihm noch etwas brachte, wollte er sie befragen, doch dann traute er sich nicht. Bisher hatte er immer noch alles, was er wissen musste, zur richtigen Zeit erfahren. Es gab keine Eile. Ruffing probierte noch von dem etwas verdächtig aussehenden Fleischfladen, konnte sich aber mit Konsistenz und Geschmack nicht anfreunden.

Als er die letzte Tasse Tee geleert hat, zeigte ihm Samantha sein Zimmer. Für Ruffings Geschmack etwas zu blumig und er musste kurz wieder an Thekla denken. Samantha öffnete das Fenster. Das entfernte Dröhnen eines Rasenmähers drang herein.

„Sie haben bestimmt viele Fragen, Anton“, sagte Samantha lächelnd. Sie erzählte ihm, dass es keine Touristen in ihrer Pension gab. Offiziell war sie zwar ein ganz normaler Bed & Breakfast, aber ihre Gäste kamen immer über die Gruppe. „Wenn Sie andere Gäste sehen, brauchen Sie sich nicht zu verstellen. Sie können offen sein, müssen es aber nicht. Jeder hat Verständnis dafür, dass manches unausgesprochen bleiben muss. Aber alle Gäste sind in einer ähnlichen Situation wie Sie.“ Ruffing nickte, ja, das war hilfreich. „War Elvis schon hier?“, fragte er, stoppte aber sein Lächeln, als Samantha mit den Augen rollte. „Die Frage wird wohl oft gestellt. Tut mir leid“, sagt er. „Kein Problem“, sagte sie, wieder ganz freundlich.

Der Lärm des Rasenmähers war lauter geworden. Samantha winkte Ruffing zum Fenster. „Sehen Sie den Mann auf dem Mäher? Mit dem Hut?“ Ruffing sah den Mann, der in khakifarbener Weste den Aufsitzmäher steuerte. „Das ist Joseph Beuys.“ Sie blickte Ruffing an, um zu sehen, wie er die Mitteilung aufnahm. „Der ist doch…“ setzte Ruffing an, bevor er daran dachte, dass man wahrscheinlich das Gleiche über ihn sagte.

„Genau“, bestätigte Samantha. „Jo lebt schon viele Jahre hier und niemand kann den Rasen so gut schneiden wie er. Ich glaube, für das Rasenmähen muss man geboren sein. Entweder man hat’s oder man hat’s nicht.“

(83) Dann kam der Tag, als Cordula Seiwert mit ihrer Tochter Klara ins Kaufhaus kam.

Dann kam der Tag, als Cordula Seiwert mit ihrer Tochter Klara ins Kaufhaus kam. Ruffing war besonders schlechter Laune. Sein Vorschlag, ein paar medizinische Elemente in die Rolle einfließen zu lassen, war von der Geschäftsleitung abgeschmettert worden. Aus Dr. August war wieder Dummer August geworden.

Ruffing war für die Betreuung des nachmittäglichen Malwettbewerbs eingeteilt. Daran nahm auch Klara teil. Man hatte Ruffing angewiesen, ausnahmslos alle Zeichnungen super zu finden und alle entsprechend zu prämieren. ‚Je weniger das Volk weiß‘, dachte Ruffing grimmig, ‚desto leichter ist es, zu unterdrücken.‘

Kurz bevor Ruffing zum ersten Mal Klara erblickte, hatte die Geschäftsleitung ihn anweisen lassen, künftig beim Anblick von Bildern auf Schreie wie Yiiiiiieha zu verzichten. Ruffing drückte nur auf die Fahrradhupe, die er am Gürtel trug.

Klara hatte ein Bild gemalt, das einen Teddy auf einer Schildkröte zeigte, die eine Pusteblume im Maul trug. Das hatte die Mutter zur Erläuterung in Druckbuchstaben daneben geschrieben. Darunter stand ‚Klara Seiwert, 5‘.

Das Bild war eine einzige Kritzelei mit Buntstiften in mehreren Farben. Ruffing konnte sich gerade noch davon abhalten, Yiiiiieha zu rufen. Er wollte Klara schon den Kopf tätscheln, als er bemerkte, dass sie blaue Flecken an den Armen hatte. Das erinnerte ihn an einen Fall aus seiner Praxis, in der ein Mädchen von ihren Eltern misshandelt wurde. Er hatte sie retten können, weil er die verräterischen Male an ihrem Körper erkannte. Ob er sie wirklich gerettet hatte, wusste er nicht, zumindest hatte er eine Veränderung herbeiführen können – das Mädchen kam weg von seinen Eltern.

Als Cordula Seiwert kurz abgelenkt war, zog Ruffing Klara den Pulli am Rücken hoch, um zu sehen, ob es auch da Auffälligkeiten gab. Er erblickte gerade Ausläufer von roten Striemen, als Klaras Mutter laut aufschrie. „Hören Sie auf. Sie perverser Clown!“ Plötzlich fühlte Ruffing unzählige Augenpaare auf sich gerichtet. Einen kurzen Moment geschah nichts, alle sammelten sich, aber dass etwas geschehen würde, war unausweichlich. Es sah so aus, als ob er der kleinen Klara unter den Pulli gegriffen hätte. Die Polizei würde eingeschaltet werden. Identitätskontrolle und schon würde er Thekla wieder im Nacken haben.

Ruffing sprang auf und rannte zur Rolltreppe. Mit den großen Clownsschuhen war das Laufen tückisch, aber er schaffte es eine Etage tiefer, zur Möbelabteilung. Er wollte schon die nächste Rolltreppe in Angriff nehmen, als er an der Schulter gepackt wurde. Es war einer der Mitglieder der Täuschungs- und Simulations-Praxis. Der Mann stieß ihn in einen Kleiderschrank hinein und schloss die Tür hinter ihm.