Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(338) Am nächsten Tag war Irma wieder da.

Am nächsten Tag war Irma wieder da. Sie war irgendwann zurückgekommen, während Henning arbeiten war. Er wollte sie wie immer bei seiner Rückkehr auf den Mund küssen, aber sie hielt ihm nur die Wange hin. Henning küsste ihre Wange. Während des Essens erzählte er, wie es ihm auf der Arbeit ergangen war. Irma sagte nichts. Danach las er Zeitung und sie war in der Küche. Später, als er nach ihr schaute, war sie schon ins Bett gegangen. Als er sich dazulegte, schlief sie bereits und als er aufstand, schlief sie noch. So ging es mehrere Tage.

Henning fiel später auf, dass Irma während dieser Tage kein einziges Wort an ihn gerichtet hatte. Für Irma waren diese Tage ein Test für das, was sie schon beschlossen hatte. Sie wollte Henning verlassen, gab ihm aber noch eine Chance. Sie hatte keine genauen Vorstellungen, worin Hennings Aktionen bestehen sollten. Ein aktives Bedauern war aber aus ihrer Sicht ein unverzichtbarer Bestandteil. Ihr Schweigen hätte ihm ausreichend Warnung sein sollen. Doch nichts von dem, was sie sich erhofft hatte, geschah.

Es war nicht ausschließlich die Sache mit dem Ring gewesen, das war nur der Auslöser. Es war vielmehr das Ergebnis aus Jahren von Langeweile gesprenkelt mit kleinen Kränkungen.

Am fünften Tag ihres Schweigens sagte sie ihm: „Henning, es ist genug. Ich trenne mich von Dir.“ Henning saß in seinem Sessel und verstand zuerst nicht, was sie gesagt hatte. Vielleicht war er auch nur erstaunt, dass sie plötzlich wieder redete. Sie wiederholte, was sie gesagt hatte. Dann ging sie ins Schlafzimmer und holte die zwei Koffer, die sie am Nachmittag gepackt hatte.

Als sie sich von Henning verabschiedete, sagte er „Aber, es war doch Liebe auf den ersten Blick! Wir sind füreinander bestimmt!“ – „Nein“, antwortete sie. „Hier ist ein Vorschlag, wie wir alles regeln. Schau es dir an. Unten steht die Telefonnummer meiner Anwältin. Sie wird sich bei dir melden, um alles abzustimmen.“ Sie drückte ihm ein Blatt Papier in die Hand, auf dem sie alles aufgelistet hatte, was sie und Henning in den Jahren ihrer Ehe angehäuft hatten: Wohnung (verkaufen), Auto (er), Depot (verkaufen), Bankkonto (teilen und schließen), Altersversorgung (teilen), Einrichtung (sie wollte nur den Inhalt der Küche)… Dann war sie weg. Die Haustür fiel ins Schloss. Henning legte das Blatt auf den Tisch, der jetzt für immer ihm gehörte. Er stand auf und holte sich ein Bier aus der Küche. Sie würde wiederkommen. Sie kamen immer alle wieder.

(337) Kunert und Rauch stießen mit den Bierflaschen an.

Kunert und Rauch stießen mit den Bierflaschen an. „Frauen“, murmelte Rauch. Als er sich mit der Hand über den Mund gewischt hatte, sagte er: „Wenn man nur eine Frau am Laufen hat, funktioniert das bei einem Mann nicht mehr so richtig im Kopf. Vor meiner Zeit mit Irma, als ich noch jung war, da war kein Mädel vor mir sicher. Und auch ich konnte nicht Nein sagen. Da war ich jedes Wochenende mit meinem Bauernporsche unterwegs. Im Umkreis von 30 Kilometern habe ich Frauen klargemacht. Es hätte immer so weitergehen können.“ – „Was geschah?“ – „Tja, ich habe Irma kennengelernt. Wir waren einfach füreinander bestimmt. Und seitdem ist Schluss mit anderen Frauen.“ Er trank einen Schluck. „Manchmal fehlt es mir.“ Er trank aus und schaute zur Sicherheit noch einmal auf die leere Flasche. „Aber nur für die Länge eines Biers.“

Er holte sich eine neue Flasche aus dem Kühlschrank. Kunert geriet ins Hintertreffen, musste aber auch noch Autofahren. „Wie haben Sie Irma eigentlich kennengelernt?“ Rauch setzte sich wieder hin. „Haben Sie schon mal was von Apfeltauchen gehört?“ – „Das ist dieses Spiel auf Kindergeburtstagen…“ – „… bei dem man mit dem Mund Äpfel aus einem Bottich fischen muss. Genau das.“

Henning Rauch hatte eine Nichte und war auf der Party zu ihrem 13. Geburtstag eingeladen. Er war ihr Lieblingsonkel und deshalb ging er hin. Er hatte ihr eine Puppe mitgebracht, erfuhr aber erst später, dass die Kleine schon ganz aus dem Alter heraus war. „Ich immer noch nicht“, sagte Rauch grinsend. Irma war zufällig da, weil ihre Eltern nebenan wohnten und sie zu der Party mitnahmen. Auf jeden Fall traten die beiden auf Veranlassung von Rauchs Schwester gegeneinander im Apfeltauchen an.

„Immerhin war es nicht Würstchenschnappen. Wir waren sehr engagiert und deswegen am Ende beide pitschenass. Und als sie mich anlächelte, ihr Gesicht umrandet von ihren dunklen, nassen Haaren, da war es um mich geschehen.“ – „Und dann?“ – „Dann sind wir zusammen ins Bad gegangen, um uns abzutrocknen. Und dort habe ich sie flachgelegt.“ – „Im Bad?“ – „Klar. Sie wissen doch… Wo die Liebe hinfällt. Wir konnten beide nicht warten. Und seitdem sind wir zusammen.“ – „Und wie haben Sie das mit dem Ring aufgenommen?“ – „Etwas unschön. Ich komme bei der Geschichte rüber wie der letzte Geizkragen. Aber was soll’s. Verdient hätte sie den Ring natürlich schon. Aber das ist nicht so mein Ding. Ich bin eher der Macker.“ Sie stießen wieder mit den Bierflaschen an. „Die Irma kommt wieder und wir machen weiter, wo wir aufgehört haben. Füreinander bestimmt. So ist das.“

(336) Sind Sie Henning Rauch?

„Sind Sie Henning Rauch?“ Der Mann, der Kunert die Haustür geöffnet hatte, nickte langsam wie jemand, der erst einmal wissen möchte, worum es überhaupt geht. „Ich habe etwas, was vielleicht Ihnen gehört. Kann ich hereinkommen?“ Das Haus war einfach eingerichtet, sauber, geschmackvoll, aber mit stark limitiertem Budget. Sie setzten sich an den freigeräumten Küchentisch. Eine Uhr hing an der Wand und tickte laut.

„Kennen Sie den Strand hinter der Alten Brücke?“, fragte Kunert. Der Mann nickte. „Ich war schon mal da. Warum?“ – „Haben Sie vor einiger Zeit dort etwas verloren?“ Der Mann dachte nach. „Ich war da schon lange nicht mehr. Meine Frau trifft sich da öfters mit ihren Freundinnen.“ – „Ihre Frau heißt Irma?“ – „Ja. Was soll das alles?“

Kunert legte ein Taschentuch auf den Tisch und knöpfte es auf. Darin war der Ring. „Kennen Sie den Ring?“ Henning Rauch schüttelte den Kopf. „Nie gesehen.“ Kunert nahm ihn auf und hielt ihn dem Mann hin. „Darin steht ‚Irma & Henning Für ewig!‘. Sagt Ihnen das etwas?“ Henning Rauch machte einen ungläubigen Gesichtsausdruck und legte den Ring wieder hin. „Den kenne ich nicht.“

In dem Augenblick ging die Haustür auf und Irma kam herein. Sie erkannte den Ring sofort. Sie freute sich, ihn wieder in der Hand zu halten. Sie selbst hatte den Ring anfertigen lassen. Henning hatte um ihre Hand angehalten, ihr aber keinen Verlobungsring spendiert. Für Irma war das eine Schmach ihren Freundinnen gegenüber. Deshalb hatte sie den Ring gekauft. Der Brillant war falsch, die Inschrift echt. Henning war darüber wenig erfreut. „Das ist nicht in Ordnung. Hinter meinem Rücken Ringe mit meinem Namen anzufertigen. Ich finde Ringe schlimm. Damit kettet man Leute an. Wie bei „Herr der Ringe: ‚Ein Ring, sie zu knechten, zu finden und ewig zu binden‘. Deshalb trage ich den Ehering auch nicht und deshalb steht da auch mein Name nicht drin.“

Irma warf ein, dass sie sich doch liebten und er um ihre Hand angehalten habe. „Da kannst du doch nicht sagen, ich wolle dich knechten. Das ist ganz schlimm.“ Sie weinte.

Henning schwieg ab dann. Kunert saß am Tisch und fühlte sich fehl am Platz. Hätte Henning Irma ein Schlachtermesser an der Brust gehalten, dann hätte Kunert mit der Situation umgehen können. Aber der Mangel an Eskalation hemmte sein Eingriffsvermögen. Als Irmas Weinen einen Augenblick nachließ, schaute sie zu Henning, der mit gesenktem Kopf am Tisch saß. Henning bemerkte ihren Blick und sagte zu ihr: „Zu knechten!“

Das war ihr zu viel. Sie stand auf. Griff den Ring vom Tisch und lief aus dem Haus. Die Tür ließ sie hinter sich aufstehen. „Sie kommt wieder“, sagte Henning. „Sie kommen alle immer wieder. Wollen Sie mit mir ein Bier trinken?“

(335) Bei einem seiner ersten Einsätze als Geiselnehmerverhandler hatte Kunert übel gepatzt.

Bei einem seiner ersten Einsätze als Geiselnehmerverhandler hatte Kunert übel gepatzt. Nachdem der Täter ihm seine Forderungen mitteilte, hatte Kunert gemeint: „Also, Sie haben eine Frau mit einem Kind als Geisel und möchten Geld. Ich gebe das mal so weiter und dann werden wir sehen, was passiert.“

Damals schien es cool und effektiv zu sein, um den Täter aus der Reserve zu locken. Später, als er die SAFE-Methode lernte, erkannte er seinen Fehler. Bevor Kunert noch einmal mit dem Geiselnehmer sprechen konnte, hatte dieser Mutter und Kind erschossen und auch sich selbst gerichtet.

Kunert hatte damals daran gedacht, den Dienst zu quittieren. Auch heute wachte er manchmal in der Nacht auf und konnte nicht wieder einschlafen. Er stand dann auf und fuhr mit seinem Metalldetektor ans Meer, um den Strand abzusuchen. Die konzentrierte Arbeit, das durch die Kopfhörer gedämpfte Meeresrauschen und die Spannung, wenn das Gerät anschlug, all das brachte Kunert schnell auf andere Gedanken.

An einem grauen Oktobermorgen war es wieder einmal so weit, nachdem er seit dem Frühling immer durchgeschlafen hatte. Warum ihn das Bild der getöteten Mutter mit ihrem Kind gerade in dieser Nacht wieder heimsuchte, konnte er nicht verstehen. Er hatte jahrelang versucht, das Problem mit einer Therapie zu lösen, aber es hatte nichts gebracht.

Kunert ging in Gummistiefeln auf dem feuchten Sand und schwenkte den Detektor. Der kaltfeuchte Wind blies ihm um die Kopfhörer. Er lief meistens den gleichen Strandabschnitt ab, der im Sommer von Badenden genutzt wurde.

Plötzlich schlug das Gerät an. Kunert nahm die kleine Schaufel aus seinem Rucksack und fing an den Sand aufzugraben. Schon in zehn Zentimeter Tiefe fand er einen Ring. Es war ein Goldring mit einem Brillanten darauf.

Als er wieder zuhause war, schaute sich Kunert den Ring mit einer Lupe genau an. An der Innenseite fand er eine Gravur: ‚Irma & Henning Für ewig!‘ Nun, dachte Kunert, das ist eine Herausforderung. Er überlegte. Am wahrscheinlichsten war der Ring im Sommer von einem oder einer Badenden verloren worden. Touristen gab es hier kaum. Er müsste also recherchieren, wie viele Paare es gab, bei denen der Mann Henning und die Frau Irma hieß.

Er bat einen Kollegen, die entsprechenden Nachforschungen anzustellen. Das Ergebnis war auch für ihn verblüffend, es gab in der ganzen Region nur ein Paar mit dieser Namenskombination. Kunert ließ sich die Adresse geben. Er wollte das Paar überraschen. Es gab zwar immer noch ein Fehlerrisiko, aber schlimmstenfalls musste er sich für die Störung entschuldigen.

(334) Es war alles sehr schnell gegangen.

Es war alles sehr schnell gegangen. Bonacker hatte die Hände in seinem Kittel zur Faust geballt. Seine rechte Hand berührte sein Kellnermesser. Bevor ihm bewusst wurde, was er tat, hatte er das Besteck herausgeholt, stand neben Fitsch und bohrte ihm den Korkenzieher in den Hals. Nicht tief, aber es kam schon Blut heraus. Eigentlich waren Bonacker und Fritsch beide gleichermaßen über die Entwicklung erschrocken. Der Kellner wusste nicht, was er als Nächstes machen sollte. Er überlegte, den Korkenzieher wieder einzuklappen und wegzustecken. Fitsch wurde bewusst, dass Bonacker nur einen Korkenzieher an seinen Hals hielt. Er handelte. Er stieß Bonacker weg, öffnete seine Schreibtischschublade und holte ein Bajonett heraus, das noch von seinem Vater stammte und mit dem er seine Briefe öffnete. Allerdings entglitt ihm das Bajonett und bohrte sich direkt vor Bonackers rechtem Schuh ins Parkett. Fitsch stürzte sich darauf, aber der Kellner war schneller. Er hielt Fitsch das Bajonett an die Gurgel. In dem Augenblick kam Frau Schirmer, Fitschs Sekretärin herein. Sie erfasste die Lage, schnellte wieder aus dem Zimmer und schloss die Tür. Sie rief die Polizei.

Eine halbe Stunde später, saß Jobst Kunert vor dem Industrieklub in einem zum Büro umgebauten Lieferwagen der Polizei. Er war speziell ausgebildet für Verhandlungen bei Geiselnahmen. Sein Credo war die in 2002 von Rogan und Hammer entwickelte SAFE-Methode. Erster Schritt dabei: Was will der Geiselnehmer?

Kunert rief Fitschs Büronummer an. Es klingelte, dann war der Geschäftsführer in der Leitung. „Fitsch, Guten Tag.“ – „Kunert von der Kripo. Guten Tag. Kann ich mit Ihrem Geiselnehmer sprechen?“ – „Augenblick, ich reiche Sie weiter.“ Es dauerte etwas, bis Bonacker in der Leitung war. Kunert stellte sich vor und fragte, was Bonackers Forderungen von seien. Der Kellner überlegte. Er war nicht auf die Frage vorbereitet. „Wollen Sie Geld?“ – „Nein. Obwohl… Aber nein.“ – „Wollen Sie ein Fluchtauto?“ – „Ich habe gar keinen Führerschein.“ – „Also mit Fahrer?“ – „Nein, ich fahre immer mit der Straßenbahn.“ – „Straßenbahn? Das wird schwierig. Da werde ich etwas Zeit brauchen. Ich muss ja erst herausfinden, wer sich um die Straßenbahnen kümmert. – „Das sind die Verkehrsbetriebe der Stadt.“ – „Aha, Sie hatten sich also vorbereitet. Nun, tun Sie nichts Unüberlegtes, ich werde mich in Kürze wieder bei Ihnen melden.“

Kunert legte auf. „Er will eine Straßenbahn“, rief er dem Einsatzleiter zu. Dieser antwortete: „Nein, ohne mich. Ich will nicht, dass dieser bewaffnete Freak in der Öffentlichkeit mit einer Straßenbahn unterwegs ist.“ Er gab den Stürmungsbefehl an das Sondereinsatzkommando. Die Scharfschützen hatten guten Einblick in Fitschs Büro.

Die Tür wurde gesprengt, während ein anderer Polizist sich vom Stockwerk darüber abseilte und eine Blendgranate durch das Fenster warf. Perfektes Timing.

Bevor Bonacker seiner Geisel auch nur ein Härchen krümmen konnte, hatte das SEK den geblendeten Kellner bereits im Polizeigriff. Die Handschellen schnappten zu. Fitsch war beeindruckt. Er war zwar frei, aber er konnte doch nicht aufstehen, denn er hatte sich vor Schreck in die Hose gemacht als die Blendgranate explodierte.

(333) Herr Becher, wie schön, Sie zu sehen.

„Herr Becher, wie schön, Sie zu sehen. Sie waren schon länger nicht mehr hier bei uns.“ Meinolf Becher ließ die Zeitung sinken. „Bonacker, ich grüße Sie. Das stimmt, die Hühner lassen mich nicht weg. Ich habe eine neue Art bekommen, die ich züchten möchte. Shamos aus Japan.“ – „Was kann ich Ihnen bringen, Herr Becher?“ – „Bringen Sie mir ein Mineralwasser. Aber nicht das teure, bitte.“ Bonacker legte einen Untersetzer aus Papier vor Becher auf den niedrigen Tisch. „Wird gemacht, Herr Becher.“

Becher vertiefte sich wieder in seine Zeitung. Er merkte, wie Bonacker kurz darauf zurückkam. Dann hörte er klirrendes Glas. Als er hinter der Zeitung hervorschaute, sah er wie der Kellner kreidebleich dastand und langsam in die Knie ging. Becher sprang auf und konnte den Kellner gerade noch auffangen, bevor er auf den Marmorfußboden gefallen wäre. Er setzte Bonacker in den Sessel. „Was ist los, Bonacker? Wie fühlen Sie sich?“ Bonacker antwortete nicht. Die Flasche Mineralwasser war heil geblieben. Becher öffnete sie mit dem Flaschenöffner, der an der Jacke des Kellners hing und schüttete ihm Wasser in den Mund. Bonacker fing an zu husten. Das Leben kehrte in ihn zurück.

Er hatte einen Schwindelanfall gehabt, erklärte er. Becher stellte ihm weitere Fragen und fand heraus, dass Bonacker öfters Sehstörungen hatte, morgens oft mit Kopfschmerzen aufwachte und manchmal unter Atemnot litt. Er schickte den Kellner zu seinem Kardiologen. Dieser diagnostizierte Bluthochdruck und verschrieb Bonacker Betablocker.

Bonacker trat zwei Tage später wieder seinen Dienst im Industrieklub an. Kurz darauf ließ Hanswerner Fitsch, der Geschäftsführer des Industrieclubs, ihn zu sich rufen. „Herr Bonacker, ich habe gehört, was vor zwei Tagen passiert ist. Wie geht es Ihnen heute?“

Bonacker antwortete vorsichtig: „Gut, sehr gut. Es war nur eine vorübergehende Schwäche.“ – „Umso besser, umso besser. Wir haben uns schon alle Sorgen um Sie gemacht. Aber Sie verstehen natürlich, dass unser Klub Mitarbeiter braucht, die in allen Situationen stark sind. Das wollen unsere Mitglieder. Starke Mitarbeiter. In allen Situationen“ Fitsch machte eine Pause. „Sie verstehen?“, fragte er. „Ja. Nein. Was wollen Sie damit sagen, Herr Fitsch?“ Fitsch räusperte sich. „Herr Bonacker. Wir brauchen Mitarbeiter, die allen Herausforderungen gewachsen sind. In allen Situationen. Ich versuche dabei durchaus, mit dem guten Beispiel vorzugehen und auch Dinge zu tun, die mir schwerfallen. Deshalb sehe ich mich gezwungen, Sie gehen zu lassen. Die gesetzliche Kündigungsfrist werden wir natürlich einhalten.“ Hanswerner Fitsch fixierte eine bestimmte Stelle an der Holztäfelung, die er immer fixierte, wenn er seinen Mitarbeitern etwas Unangenehmes verkündete.

(332) Oscar, das ist eine Überraschung!

„Oscar, das ist eine Überraschung!“ Meinolf Becher hatte vom Hühnerfüttern noch die Gummistiefel an, als er ins Wohnzimmer kam. Marianne tadelte ihn zwar, aber zuerst drückte Meinolf seinen Sohn an sich. Als er die Stiefel ausgezogen hatte, setzte er sich für eine Tasse Kaffee zu Frau und Sohn. „Oscar war zufällig in der Gegend. Wegen der Arbeit. Immer die Arbeit.“ – „Und da wolltest du mal sehen, wie es den alten Herrschaften so geht, auf ihrem Bauernhof, was?“, Meinolf knuffte Oscar an die Schulter. „Ja, leider habe ich viel zu wenig Zeit dafür“, antwortete Oscar und schob seine Brille hoch. „Schick siehst du aus. So einen Anzug konnte ich mir im Leben nicht leisten. Bei den hohen Studiengebühren.“ Meinolf fügte hinzu: „Das war ein Scherz!“, als er Mariannes Blick spürte.

Das Bauernleben hatte Meinolf erst aufgenommen, als er seine Maschinenbaufirma verkauft hatte und sich zur Ruhe gesetzt hatte. „Wie geht es dir?“, fragte Marianne. „Wie geht es in der Firma?“ – „Sehr gut. Es läuft alles prima. Was ich mache, ist erfolgreich. Ich verdiene gut dabei und helfe den Menschen.“ – „Aber achtest du dabei auch auf dich? Das ist doch alles irrsinnig stressig in der Wirtschaft heutzutage“, sorgte sich seine Mutter. „Es geht, man muss halt selbst auf sich aufpassen. Das tut keiner sonst.“ – „Warum haben die schlauen Köpfe bei Euch in der Pharmaindustrie nicht schon etwas erfunden, um den Menschen stressresistenter zu machen?“, fragte Meinolf. „Das gibt es schon. Das sind Betablocker. Aber die brauche ich nicht. Ich mache transzendentale Meditation.“ – „Betablocker? Hey, das nehme ich auch. Wegen meines Bluthochdrucks. Tolles Zeug. Ein Hoch auf die Pharmaindustrie. Sie hält uns am Leben.“ Oscar und Meinolf stießen mit ihren Kaffeetassen an. „Im Industrieklub gibt es einen Kellner, Bonacker. Der muss fast so alt sein wie ich. Der hatte vor kurzem einen Anfall, auch Bluthochdruck. Den hab ich zum Arzt geschickt. Bekam auch Betablocker. Tolles Zeug.“ – „Ich bin froh, wenn ich darauf verzichten kann“, sagte Marianne abwehrend. „Betablocker, das klingt gar nicht nett. Das klingt wie etwas, was uns der Russe mit Raketen schickt.“ – „Deine Mutter ist immer noch im Kalten Krieg. Da war sie in Hochform und deshalb ist sie darin hängengeblieben.“ Marianne errötete. Oscar trank seine Tasse aus. „Ich muss jetzt gehen.“ Seine Eltern brachten ihn zur Tür. „Etwas wollte ich Dir noch sagen“, Marianne dachte nach, „da, jetzt hab ich‘s. Kannst du dich an die Hütte im Wald erinnern, wo du als Kind immer gespielt hast? Das ganze Grundstück hat jetzt ein Russe gekauft. Er will darauf ein großes Hotel errichten. Ganz schick.“ – „Stimmt“, fügte Meinolf hinzu, „vielleicht können wir auch einen Teil unseres Grundstücks an ihn verkaufen. Er zahlt gut.“

(331) Es war wohl auch das erste Mal für Brechel, dass er den Boss an jener Stelle traf.

Es war wohl auch das erste Mal für Brechel, dass er den Boss an jener Stelle traf. Er hatte eine Karte auf den Knien und lotste Nötzel. Brechel und Nötzel redeten kaum. Das war aber immer so gewesen. Brechel hasste Leute, die viel redeten. Nötzel hatte das gewusst und es war einer der Gründe, warum er so nahe an Brechel herangekommen war.

Brechel flößte ihm Respekt ein, denn er war bekannt für seine spontanen Wutausbrüche und für die Gewalt, die er dann anwandte.

Sie fuhren in einen Wald hinein, bogen in einen kleinen Weg und kamen schließlich auf eine Lichtung zu einer Hütte, die am Zerfallen war. Sie stiegen aus. Erst als sie auf das Haus zugingen, fiel Nötzel der große BMW auf, der in der Scheune stand. Er merkte sich das Kennzeichen OB[331]. Das Haus schien zuerst leer, als sie hineingingen, aber Nötzel hatte das Gefühl, dass im Halbdunkel noch jemand wartete. In einem Raum standen zwei Stühle. Brechel setzte sich auf einen davon und wies Nötzel den anderen zu.

Plötzlich fühlte Nötzel einen ungeheuren Schmerz an der Schulter. Es war, als ob ihm jemand einen Schraubenzieher ins Rückenmark gejagt hätte. Sein Körper erstarrte, er verlor die Kontrolle über seine Muskeln. Als er wieder merkte was los war, hatte Brechel ihn mit Handschellen an den Stuhl gekettet. Vor ihm stand ein Mann im schicken Anzug, Brille auf der Nase und Nötzels Brieftasche in der Hand. Auf dem Boden neben ihm lag ein Taser.

Brechel tastete Nötzel ab und nahm ihm die Pistole weg. Der Mann im Anzug schaute die Brieftasche durch und gab sie dann an Brechel, der sie in seiner Tasche verschwinden ließ. Der Unbekannte setzte sich auf Brechels Stuhl, Nötzel gegenüber. „Ist es nicht tragisch, Herr Nötzel? Wir sind hier an einem Punkt, wo alle erreicht haben, was sie wollten. Und danach wird nichts mehr so sein wie vorher.“ Die Stimme war angenehm und kultiviert. Der Mann hätte Radiosprecher sein können.

„Sie wollten mich unbedingt kennenlernen. Hier bin ich. Ich heiße Oskar Becher und bin Produktionsleiter bei Tilden Swift Pharmaceuticals. Ich verdiene gut und mehr noch, seit ich einen kleinen Anabolika-Vertrieb organisiert habe. Ich wusste, dass man einen V-Mann auf mich angesetzt hatte und wollte ihn unbedingt kennenlernen. An dieser Stelle treffen wir uns. Und das war’s dann auch.“

Er nickte Brechel zu, der Nötzel am Gesicht packte und seinen Mund aufriss. Becher warf eine Kapsel hinein und Brechel hielt den Mund zu. Nötzel zappelte und war dann still. Brechel ließ ihn probeweise los, er war tot. „Kegelschneckengift“, erklärte Becher. Sie trugen Nötzel in den Wald und vergruben ihn unter einer Eiche.

(330) Brechel war in dem Fitnessstudio und machte Akquisearbeit.

Brechel war in dem Fitnessstudio und machte Akquisearbeit. Nötzel war im Auto geblieben, denn sie hatten einen Karton geladen und die Gegend war nicht sicher genug, um den Wagen einfach so stehen zu lassen. Sogar nicht für Brechel.

Nötzel hatte den Eingang des Studios fest im Visier. Er nahm seine Brieftasche und fischte ein kleines Foto aus einem Fach heraus. Darauf war ein dreijähriger Junge abgebildet, der erwartungsvoll in die Kamera grinste. Nötzel schluckte, steckte das Foto wieder zurück und ließ die Brieftasche verschwinden.

Er hatte in der Nacht einen Traum gehabt. Er hatte geträumt, dass er durch das Foto auffliegen würde. Als er aufwachte, hatte er sich immer noch an den Traum erinnert. Den ganzen Tag hatte er sich mit dem Gedanken herumgetragen, dass er das Foto vernichten müsste, aber er hatte es nicht übers Herz gebracht. Nötzel sah seinen Sohn nur sehr selten und das Foto war oft tagelang die einzige Erinnerung an ihn.

Nötzel war ein V-Mann der Polizei, darauf angesetzt den Ring der Anabolika-Händler zu sprengen. Brechel war bekannt als Szeneinsider, aber er war nur die ausführende Hand. Man vermutete dahinter Kontakte zur Pharmaindustrie. Der illegale Straßenverkauf der Präparate war lukrativer und umsatzkräftiger als der reguläre Vertrieb über die Apotheken. Im Gegensatz zu früheren Händlern war der Stoff von Brechel sehr sauber und von hoher Qualität. Daher auch der Verdacht, dass es Kontakte zur Industrie gab.

Nötzel hatte sich über ein Jahr langsam an Brechel herangetastet und dessen Vertrauen gewonnen. Langsam begann es sich auszuzahlen. Manche Dinge erledigte Nötzel alleine, Brechel vertraute ihm. Bisher war Nötzel aber nie dabei gewesen, wenn Brechel die Ware abholte und er hatte keine Ahnung, wer im Hintergrund agierte. Brechel sprach manchmal von ‚ihm‘ und Nötzel hatte das übernommen. Sein Ziel war es, den Kopf der Bande zu identifizieren und genügend Beweise zu sammeln, dass er ins Gefängnis gehen würde. Vielleicht würde es noch Wochen oder Monate dauern.

Brechel kam aus dem Fitnessstudio heraus. Als er auf dem Bürgersteig stand, griff er in die Jacke und holte sein Handy heraus. Jemand rief ihn an. Er blieb stehen, drückte das Kreuz durch. Nötzels Nackenhaare richteten sich auf. Brechel sprach gerade mit der Zielperson. Er hörte zu, nickte manchmal. Dann schaute er zu Nötzel herüber und nickte wieder. Nötzel wusste nicht, ob das Nicken ihm gegolten hatte oder dem Schattenmann.

Brechel steckte das Telefon weg und stieg in den Wagen ein. „Der Chef will dich sehen. Wir fahren ins Grüne.“ Wie in Trance startete Nötzel den Motor und parkte aus.

(329) Es war schon früher Abend geworden.

Es war schon früher Abend geworden. Bobby saß im Auto und schaute zu dem Haus auf der anderen Straßenseite. Ein Fernseher flimmerte im Wohnzimmer. Walter Koch war auf jeden Fall zuhause, aber Bobby war sich nicht sicher, ob er ihn auch sehen wollte.

Klutz‘ Worte hatten ihn zornig gemacht und er war zu Kochs Haus gefahren. Auf dem Weg dorthin war die Wut abgeebbt und er war sich nicht mehr sicher, was er dort verloren hatte. Er klappte die Sonnenblende herunter. Als er die Spiegelabdeckung beiseiteschob, ging das Licht an und er sah sich im Spiegel an.

Dann stieg er aus und ging hinüber zu Kochs Haus. Er klingelte. Koch öffnete nach einiger Zeit die Tür und starrte ihn an. Bobby starrte zurück. „Komm rein, Bobby“, sagte Koch schließlich und schlurfte sehr langsam zurück ins Wohnzimmer. Er ließ sich in den einzigen Sessel plumpsen. Koch sah alt aus. Er hatte nur mehr ein paar räudige Haare auf dem Kopf. Sonst war er klapperdürr. Als er saß, nahm er einen Schlauch von einer Gasflasche neben sich und stopfte sich zwei Schlauchfortsätze in die Nasenlöcher. An der gegenüberliegenden Wand standen zwei Fernseher übereinander und jedes zeigte einen anderen Nachrichtensender. Koch nahm eine Fernbedienung, die auf der linken Armlehne lag und schaltete den oberen Fernseher stumm. Mit der Fernbedienung auf der rechten Armlehne schaltete er den unteren Fernseher laut. Es folgte ein Börsenbericht. Bobby stand in der Tür und starrte Koch an.

„Ich bin froh, dass du gekommen bist, Bobby. Ich habe viel an dich gedacht.“ Koch wechselte die Stummschaltung der Fernseher. Der obere Fernseher brachte jetzt einen Bericht aus der Bundesliga. „Es tut mir leid, was passiert ist. Ich ahnte es nicht. Nachdem ich dich im Krankenhaus gesehen hatte, habe ich mit dem Handel aufgehört. Von einem Tag auf den anderen. Habe mich komplett aus der Szene zurückgezogen. Leute wie dieser Brechel sind ganz schön schlimm. Ich habe gehört, dass du für ihn arbeitest. Naja, gesund bin ich auch nicht, wie du siehst. Ich kriege sehr schwer Luft.“

Wie um es zu unterstreichen, bekam Koch einen Hustenanfall. Der Schlauch flog ihm aus der Nase. Er stopfte ihn wieder zurück, als er fertig war. „Aber ich habe etwas anderes gefunden. Du wirst lachen, Bobby, es ist Gott. Durch ihn habe ich wieder Hoffnung bekommen. Und ich habe ihm alles erzählt. Er wusste es natürlich schon, aber er wollte es von mir selbst hören. Ich habe ihm von dir erzählt und von dem Fehler, den ich gemacht habe. Ich habe Gott gesagt, dass ich es bereue. Und Gott hat mir verziehen. Das ist der einzige Grund, warum ich noch lebe. Gott hat mir verziehen.“