Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(72) Die Silikonbänder verhinderten, dass die halterlosen Strümpfe rutschten.

Die Silikonbänder verhinderten, dass die halterlosen Strümpfe rutschten. Edgar machte zur Probe ein paar Kniebeugen. Ja, sie hielten. Dann zog er die Inline-Skates an, setzte den Hut auf und betrachtete sich im Spiegel. Mit dem rosa Cowboyhut und den großen verspiegelten Brillengläsern würde man ihn nicht so schnell erkennen. Sonst trug er nur noch eine Fliege um den Hals und einen luftigen Minirock. Es war nicht seine erste Teilnahme am Christopher Street Day, allerdings sein erster ohne Unterwäsche. Die letzten Wochen hatte er sich im Sportstudio sehr bemüht, um seinem ohnehin straffen Körper den letzten Schliff zu geben.

Er öffnete die Tür und rollte in den Hauptraum der Kneipe zurück, wo er mit großem Hallo begrüßt wurde. Einige fühlten nach, wie es denn unterwäschetechnisch bei ihm aussah. Er ließ es geschehen und genoss es.

Später skatete er im Tross des Umzugs durch die Straßen. Wenn er schnell wendete, flog sein Minirock etwas hoch und am Gesichtsausdruck der Zuschauer konnte er erkennen, ob sie etwas gesehen hatten.

Er fühlte sich glücklich. Alles in seinem Leben hatte sich früher oder später zum Besten gewendet. Das Familienvermögen, die Ehe mit Rita, ihre zugegebenermaßen teure Übereinkunft… Es gab nichts, was er hätte ändern wollen. Außer seiner eigenen Sterblichkeit. Aber wer hatte diesen Wermutstropfen nicht in seinem Glas?

Er hatte sich Gedanken über sein Ableben und sein Erbe gemacht. Natürlich würde er dafür sorgen, dass Rita noch viele Jahre ihre Shopping-Expeditionen durchführen konnte. Für den Rest seines Vermögens suchte er noch nach Möglichkeiten, wie er etwas Bleibendes und gleichzeitig Sinnvolles hinterlassen konnte. Er hatte sich bereits viele Alternativen überlegt, war aber bisher stets zu der Erkenntnis gelangt, dass nichts wirklich bleibend war. Gerade wenn etwas nützlich war, wurde es schnell verbessert, überholt und geriet in Vergessenheit. Genau wie sein Auftritt bei der Parade. Für ihn würde es auf ewig ein Lebenshighlight bleiben, aber alle anderen würden es in Kürze vergessen haben.

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(71) Als jungem Bürgermeister war Rossbach…

Als jungem Bürgermeister war Rossbach vor vielen Jahren ein grober Schnitzer unterlaufen. Es hatte ihn den Bürgermeisterposten gekostet, wenn auch nur für eine Legislaturperiode. Rossbach hatte damals eine Spende akquiriert, mit der ein Freibad gebaut werden konnte. Als Dank für die Spende hatte er im Gemeinderat durchgesetzt, dass die Anlage nach dem Vater des Spenders benannt werden sollte. Das Freibad wurde gebaut und eingeweiht. Am fünften Tag verunglückte der siebzehnjährige Sohn des Spenders tödlich auf der großen Wasserrutsche. Er war sehr fett gewesen und in der Halbröhre stecken geblieben. Um wieder in Schwung zu kommen, hatte er sich an den Streben über ihm hochgezogen. Leider war im gleichen Augenblick eine weitere Person die Rutsche heruntergekommen und hatte ihn angestoßen. Der Spendersohn blieb mit dem Hals zwischen zwei Streben hängen und erstickte, bevor man ihn befreien konnte. Zwar war er auch vollkommen betrunken gewesen, aber das interessierte später niemanden. Der Architekt der Rutsche wurde vom Spender zur Rechenschaft gezogen und der Bürgermeister auch. Die Gemeinde musste hohen Schadensersatz zahlen. Zudem fanden später viele Wähler, dass die Benennung des Freibads von schlechtem Geschmack zeugte und der Bürgermeister sich habe instrumentalisieren lassen. Die Vorwürfe waren einer abstruser als der andere.

Seitdem war Rossbach bei allen Schenkungen, Erbschaften und dergleichen sehr vorsichtig, vor allem wenn Bedingungen daran geknüpft waren.

„Wie verbleiben wir?“, fragte Edgar und stand auf. Der Bürgermeister erhob sich ebenfalls: „Wäre es Ihnen recht, wenn ich Ihnen einen Mitarbeiter schicke, der in kulturellen Dingen sehr bewandert ist? Er könnte sich die Artefakte einmal genau anschauen.“ – „Das scheint mir eine gute Vorgehensweise“, antwortete Edgar und verabschiedete den Bürgermeister an der Tür. Als er wieder allein war, grinste er in sich hinein. Er war gespannt, welche Klimmzüge die Gemeinde machen würde, wenn sie bemerkte, dass ein Teil der Artefakte die Geschichte der Schwulenbewegung in Deutschland seit 1945 reflektierte.

(70) „Ich hatte ein erfülltes Leben.“

„Ich hatte ein erfülltes Leben. Solange ich auf die Geschichte meiner Familie zurückblicken kann, hatten wir immer außergewöhnliches Glück gehabt und so kam eines zum anderen. Wir sind sehr wohlhabend“, erklärte Leitner. „Ich habe keinen Erben und möchte deshalb mit meinem Geld Gutes tun, wenn ich selbst einmal nicht mehr bin.“ Rossbach lehnte sich im Sessel nach vorn und sprach: „Lieber Herr Leitner. Ich denke, ich spreche im Namen aller Bürger unseres Städtchens. Wir sind alle sehr stolz auf Sie und würden uns außerordentlich geehrt fühlen, wenn wir dazu beitragen könnten, Ihren Namen zu bewahren.“ – „Das haben Sie sehr schön gesagt, Herr Bürgermeister. In der Tat geht es mir um den Namen meiner Familie. Ich habe mir etwas überlegt.“

Leitner erzählte, dass ein Großteil des Vermögens der Familie in den Kolonien entstanden war. Die Leitners waren aber sehr moderate Kolonialherren gewesen, keine Beteiligungen an Massakern, Sklavenhandel oder dergleichen. Handelsleute ja, Unmenschen nicht. Aus der Zeit gebe es eine Vielzahl von Artefakten, die teilweise katalogisiert, teilweise noch nicht, aber alle hervorragend konserviert seien. Zusammen mit einer erklecklichen Geldsumme wolle er diese Artefakte unschätzbaren Wertes der Gemeinde stiften. Der Bürgermeister wartete auf das Wort „Museum“ und kurz darauf fiel es auch. Ein Leitner-Museum solle es werden, ja warum denn nicht in diesem tollen neuen Gemeindehaus, das eigentlich doch etwas zu groß war für seine Zwecke, aber das würde sich noch ergeben. Der Bürgermeister bekräftigte noch einmal seine große Freude über die Möglichkeit, einen so erfolgreichen Sohn der Gemeinde zu ehren, wies gleichzeitig aber auch auf die bescheidenen Geldmittel der Stadt hin. Deshalb sei eine finanzielle Hilfe von großer Bedeutung. Er könne sich aber sehr gut vorstellen, im Gemeindehaus ein Leitner-Museum einzurichten.

Natürlich wäre es ihm lieber gewesen, die Erbschaft für die Gemeinde zu sichern, ohne die Einrichtung eines Museums zu versprechen. Aber so waren die Spielregeln. Man würde sehen.

(69) „Und hiermit übergebe ich unser schönes, neues Gemeindehaus…

„Und hiermit übergebe ich unser schönes, neues Gemeindehaus seiner Bestimmung“, endete Rainer Rossbach, der Bürgermeister, unter dem Applaus der Anwesenden. Pfarrer Gondorf hatte bereits vorher die Räume eingesegnet und jetzt durften alle Anwesenden sich den neuen Treffpunkt des gemeinschaftlichen Lebens ansehen.

Es gab Getränke und eine Brotzeit für alle, gegen Spenden für die Missionsarbeit in Südafrika, wie Schwester Anna-Franziska betont hatte. In dem Festzelt im Innenhof war ein Tisch für die Honoratioren reserviert. Nach und nach fanden sich dort der Pfarrer, der Bürgermeister, die Mutter Oberin, Mitglieder des Gemeinderates, der Leiter der Pfadfinder und ein paar Lehrer ein. Rossbach war sehr stolz auf das neue Haus, das in Rekordzeit errichtet worden war, gegen die Stimmen der Opposition. Auch jetzt gab es noch keine Übereinstimmung, aber die Herren der gegnerischen Partei waren natürlich auch zu der Einweihung gekommen und ließen sich verköstigen.

Rossbach hatte es auch den Nachbargemeinden wieder einmal gezeigt, denn keine andere Gemeinde hatte ein derart großes und beeindruckendes Gemeindehaus vorzuweisen. Er stand auf, um sich unter seine Wähler zu mischen. Am Honoratiorentisch gewinnt man keine Wahlen, war sein Motto. Nachdem er einen Schwung Hände gedrückt hatte, bemerkte er, dass ihm ein älterer, aber ungemein sportlicher Herr folgte. Er wandte sich ihm zu und erkundigte sich, wie es ihm ginge und ob ihm das schöne neue Gemeindehaus auch gefiele. Der alte Mann nickte und antwortete, es gefiele ihm sehr gut. Ob denn der Herr Bürgermeister an den nächsten Tagen einen Moment Zeit für ihn hätte, fügte er hinzu. Vorsichtig befragte ihn der Bürgermeister, worum es ginge. „Um eine Erbschaftsangelegenheit“, antwortete Edgar Leitner, „um meine eigene.“ – „Natürlich, mein lieber Herr“, sagte Rossbach, „ich stehe Ihnen zur Verfügung. Wo kann ich Sie finden?“

(68) „Sie hörten soeben die Übertragung der Heiligen Messe…“

„Sie hörten soeben die Übertragung der Heiligen Messe…“ Der Fernsehmoderator sagte noch seinen Abspann auf, als Pfarrer Gondorf schon in der Sakristei seine Stola abnahm. Trotz der Fernsehübertragung waren nicht übermäßig viele Gläubige in seine Kirche gekommen. Er würde sich vor dem Bischof verantworten müssen. Er konnte ihn schon jetzt hören. Dabei hatte er in allen Schulklassen für eine zahlreiche Teilnahme geworben.

Der Messdiener kam ihm in die Sakristei nach und richtete ihm aus, dass eine Familie ihn noch vor der Kirche zu sprechen wünschte. Gondorf seufzte. Das bedeutete nichts Gutes, dafür hatte er ein Gespür. Es war außerhalb der Norm und das verhieß Ärger, sinnloser Mehraufwand oder beides gleichzeitig. Er gab dem Messdiener die Kasel zum Weglegen und ging im Anzug, den er darunter trug, wieder zurück in die Kirche.

Ein paar Techniker rollten gerade die Kabel auf und nahmen die Scheinwerfer von den aufgestellten Gerüsten ab. Gondorf durchmaß die Kirche und trat hinaus ins Warme. Die Familie stand links vom Eingang und blickte ihm blinzelnd im Sonnenlicht entgegen. Down-Syndrom. Eines der Kinder hatte das Down-Syndrom. Das musste der Grund sein, dachte er sich. Besonderen Segen vielleicht. Die Familie kannte er vage, aber er hatte bisher noch nie direkt mit ihnen zu tun gehabt.

Es stellte sich heraus, dass die Eltern wollten, dass ihr behinderter Sohn Messdiener werde. Damit hatte Gondorf nicht gerechnet und er wusste nicht, wie er reagieren sollte. Schweigen, dachte er sich, ist auf jeden Fall die falsche Antwort. Er blickte der Mutter gerade in die Augen und sprach: „Ich bin ja so froh, dass Sie alle gemeinsam mit diesem Anliegen zu mir kommen. Was ist unsere Kirchengemeinde, wenn nicht eine größere Familie?“ Das Gesicht der Mutter entspannte sich, der Vater schaute noch skeptisch. „Bisher hatte ich ja leider nicht die Ehre, Sie besser kennen zu lernen. Und dies ist eine gute Gelegenheit dafür. Kann ich Sie an einem der nächsten Tage zu Hause besuchen? Dann können wir alles im Detail besprechen. Wie wäre es mit Mittwochabend, sagen wir 19 Uhr? Wäre Ihnen das recht? Hervorragend. Danke für Ihren Besuch. Ich wünsche Ihnen allen zusammen noch einen gesegneten Sonntag.“ Er drückte die Hand von Vater und Mutter und fuhr den Kindern mit der Hand wohlwollend über den Kopf, bevor er wieder in die Kirche zurückging.

(67) „Krass“, meinte Claudia.

„Krass“, meinte Claudia. „Naja, warum sollte der alte Herr anders sein“, warf Jacqueline ein. „Aber das war richtig gemein von euch. Ihr seid Schweine.“ Stefan und Oliver feixten. Stefan nahm einen Schluck aus der Flasche. „Unser Vater hatte es bestimmt auch nicht leicht, bei unseren Großeltern.“ – „Bestimmt nicht, und das hat er an uns weiter gegeben. Ich glaube nicht, dass wir etwas gemacht haben, das er zu seiner Zeit nicht auch gemacht hätte“, fügte Stefan hinzu.

„Wie sind denn eure Großeltern?“, fragte Jacqueline. „Härtegrad Elf“, erwiderte Stefan. Oliver nickte.

Josef und Maria Rehberg lebten streng nach der Bibel und hatten die Furcht vor Gott zum Leitmotiv ihres Daseins auserkoren. So hatten sie ihre Kinder erzogen und, wenn sie Gelegenheit dazu hatten, auch ihre Enkel. Werner Rehberg hatte seine Eltern mit der Zeit nur noch sporadisch besucht. Er war zwar erwachsen, hatte ein erfolgreiches Leben und wurde von vielen Menschen respektiert, allein seine Eltern sahen in ihm nur einen armen Sünder, der den Weg zu Gott verloren hatte.

„Sie waren Fundamentalisten, bevor es den Ausdruck gab“, klagte Stefan. „Schon als Kinder wollten wir nicht mehr hin, es war stinklangweilig und manchmal einfach unerträglich.“ – „Ein Spruch kam ständig wieder: ‚Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten!'“ – „Oh ja“, pflichtete Stefan bei, „Psalm 139. Der Klassiker.“

„Irgendwann, als sie nicht mehr so gut zu Fuß waren, haben sie sich einen Fernseher gekauft. In all den Jahren wurde er aber nur am Sonntagvormittag eingeschaltet, wenn die Übertragung der Messe lief.“

(66) Die Flasche Wodka war noch gut halbvoll…

Die Flasche Wodka war noch gut halbvoll, als sie wieder bei Stefan ankam. Sie setzten sich auf die Terrasse hinter dem Haus und schauten in die Ferne. Die Sonne war untergegangen, aber es war immer noch warm. Sie hatten zwei Liegestühle nebeneinander gestellt, auf dem einen lagen Stefan und Jacqueline, auf dem anderen Oliver und Claudia, jeweils hintereinander. Stefan streichelte Jacquelines Brüste durch ihr T-Shirt und nahm einen Schluck aus der Flasche, bevor er sie an Jacqueline weitergab. „Guerra heißt er, der Gangster. Jetzt fällt es mir wieder ein“, sagte Stefan. „Haben wir das Fernglas noch? Man müsste das Haus von der Mansarde aus gut einsehen können.“ – „Nee, das Fernglas ist noch im Strandhaus, hehe…“ – „Stimmt, hehe“, antwortete Stefan. „Warum lacht ihr dabei so dreckig“, fragte Jacqueline und reichte Claudia die Flasche. „Hehe“, lachte Oliver weiter, „das ist etwas, delikat, wie Mutter sagen würde.“- „Genau, äußerst delikat“, pflichtete Stefan bei. „Ach komm, erzähl doch“, bat Claudia und gab die Flasche weiter an Oliver. Oliver und Stefan erzählten dann abwechselnd die Geschichte aus dem letzten Sommer.

Die Familie war gemeinsam auf Sylt gewesen, in dem Haus, das sie Strandhaus nannten. An einem Nachmittag waren alle unterwegs, bis auf Werner Rehberg, der Vater der Zwillinge. Die Zwillinge kamen früher zurück als erwartet. Aus dem Hausinneren konnten sie unbemerkt beobachten, wie ihr Vater von der Veranda des Hauses mit einem Fernglas hinunter zum FKK-Strand schaute. Er saß breitbeinig auf dem Rattansessel, die Hose auf seinen Füßen. Mit der freien Hand masturbierte er. Sein Atem ging stockend und auf der Stirn hatte er Schweißperlen. Die Brüder grinsten einander zu, schlichen sich nach unten, warfen von innen die Haustür ins Schloss und rannten laut und schnell die Treppe hoch.

Ihr Vater hatte sich in aller Eile ein Kissen auf den Schoß gelegt und mit den nackten Füßen die Hose unter den Sessel gefegt, als sie oben ankamen. Er war puterrot im Gesicht und konnte kaum reden. Die Zwillinge quälten ihn ein wenig mit ihrer Präsenz und gingen dann lautlos grimassierend wieder nach draußen. Später tat es ihnen leid, kein Foto gemacht zu haben, es hätte irgendwann mal nützlich sein können.

(65) Oliver lachte feist…

Oliver lachte feist, Popcorn fiel ihm dabei aus dem Mund. Er und Stefan hatten den Nonnen auf den Autoskootern zugeschaut. Stefan hatte dazu einen Witz erzählt, in dem auch Nonnen und Knuppautos vorkamen. Oliver fand den Witz brüllend komisch. Die Mädels lachten nicht mit, sie hatten die Pointe wohl nicht verstanden. Er wollte den Witz gerade erklären, als ihm Stefan den Ellbogen in die Seite rammte. „Schau mal, das ist doch dieser steinreiche Typ, der die Villa der Hohmanns gekauft hat.“ Oliver schaute genauer hin. „Ja, du hast recht“, bestätigte er. „Wer ist denn das?“, fragte Jacqueline. Claudia zuckte mit den Schultern. „Süßer“, wandte sie sich an Oliver, „ich muss mal für kleine Prinzessinnen. Kannst du mir Geld geben?“ Oliver kramte in seiner Jeans, zog ein Geldbündel heraus, pellte einen Schein ab und hielt ihn Claudia hin. Als sie ihn nehmen wollte, zog er ihn zurück, präsentierte ihr stattdessen seinen weitgeöffneten Mund und knutschte sie ab. Dann gab er ihr den Geldschein. Er schaute ihr nach, als sie Richtung Toiletten verschwand. „Ob die wohl ihre engen Jeans alleine runter kriegt“, fragte er seinen Zwillingsbruder lüstern. „Sie wird schon jemanden finden, der ihr dabei hilft“, meinte Stefan trocken. Jacqueline wieherte.

„Vater hat mir gesagt, dass der Typ ein Verbrecher ist. So ein richtiger Gangsterboss“, erklärte Stefan. „Wollen wir mal rübergehen und uns vorstellen?“, schlug Oliver vor. „Vergiss es. Das käme nicht gut.“- „Wie lange wollen wir hier noch rumhängen“, quengelte Jacqueline, „es ist öde hier. Wenn schon Nonnen Autoskooter fahren… Was ist das für ein Kaff hier?“ Sie warteten noch auf Claudia und fuhren dann mit Stefans Cabrio zu dem Elternhaus der beiden Brüder. Es war zwei Straßen von Antonios Villa entfernt, sogar noch größer als diese und lag versteckt hinter einer langen Auffahrt in einem Park. Die Eltern waren im Urlaub in Miami, das Hauspersonal hatte frei, es war sonst niemand da.

(64) Es war am späten Nachmittag…

Es war am späten Nachmittag und der Jahrmarkt war recht gut besucht. Antonio versuchte sich im Luftgewehrschießen, es reichte aber nur für eine Plastikrose, die er verschmähte. Auf Gipsröllchen zu schießen, war nichts für ihn. Den flehenden Blick von Giorgio übersah er. Giorgio würde wahrscheinlich viel besser treffen als er. Das musste nicht bewiesen werden.

Sie kauften sich beide ein Eis und schlenderten weiter zu dem Autodrom. Antonios Miene heiterte sich auf, als er sah, dass gerade eine Gruppe von Nonnen auf den Autoskootern unterwegs war. Er befragte einen anderen Zuschauer. Bei den Nonnen handelte es sich um Franziskanerinnen aus dem naheliegenden Kloster. Es war Tradition, dass sie an dem Tag des Kirchweihfests, das gerade gefeiert wurde, einen Ausflug auf den Jahrmarkt machten. Antonio schaute den Nonnen lächelnd zu. Wie zu erwarten, pflegten die Ordensfrauen keinen aggressiven Fahrstil, sondern versuchten, Zusammenstöße eher zu vermeiden. Die Hupe ertönte und die Skooter liefen aus. Die Nonnen kletterten aus den Fahrzeugen. Antonio war enttäuscht. Er schob Giorgio in Richtung Kasse an. „Kauf Chips“, befahl er, „viele Chips. Na los, mach schon.“ Giorgio trottete zur Kasse. Die Nonnen hatten sich freudestrahlend in einer Gruppe versammelt. Antonio schritt zu ihnen, stellte sich vor und erzählte, dass er sich sehr gefreut habe, den Schwestern beim Skooterfahren zuschauen zu dürfen. Ob sie nicht ihm zuliebe noch eine Fahrt machen wollten. Die Nonnen ließen sich überreden und setzten sich bei der nächsten Pause wieder in die Skooter, mit den Chips, die ihnen Giorgio gegeben hatte. Antonio schaute ihnen verzückt zu. Nach drei weiteren Fahrten versprach er ihnen einen neuen Altaraufbau in der Klosterkapelle, wenn sie für ihn noch drei weitere Male fahren würden. Sie berieten sich kurz und erfüllten ihm den Wunsch.

(63) Antonio Guerra betrachtete sich im Spiegel…

Antonio Guerra betrachtete sich im Spiegel und strich seinen Schnurrbart glatt. Mit der Bartschere schnitt er zwei aus der Reihe tanzende Barthaare ab, legte sie auf den Ablauf und versenkte sie mit einem Strahl aus der Mischbatterie. Den Krawattenknoten rückte er gerade, bürstete die Haare glatt und schaute hinunter auf seine blankpolierten Schuhe mit den Einlegesohlen, die ihn größer erschienen ließen. Er seufzte und kehrte wieder in sein Arbeitszimmer zurück.

Guerra hatte sich darauf gefreut, noch ein Mal von vorn anzufangen an einem Ort, an dem ihn niemand kannte. Das hatte nicht funktioniert. Sein Ruf war ihm vorausgeeilt, ein Idiot lief sogar als Sandwichman durch die Straßen und beleidigte ihn. Zuhause wäre das kein Problem gewesen, aber er wollte es hier anders machen. Er hatte bereits für verschiedene wohltätige Zwecke große Summen gespendet, der Bürgermeister freute sich über sein nagelneues Laptop mit Touch Screen Panel und im nächsten Monat standen die Einweihung der neuen Tore des Fußballvereins sowie die Weihe der neuen Fahne des Gesangschors an. Das würde sich alles einrenken. Er nestelte an seinen Manschettenknöpfen.

Ihm war langweilig, doch er wollte es sich nicht eingestehen. Der Umzug war eine unausgegorene Idee gewesen, die er bereuen musste. Antonio Guerra war ein Mann der Tat – wenn es darauf ankam, war er stets in vorderster Front dabei und drückte allem und jedem seinen Stempel auf. Als Privatier in respektabler Umgebung war er fehl am Platz. „Giorgio!“, rief er mit heiserer Stimme. Sofort öffnete sich die Tür und sein Leibwächter füllte den Türrahmen aus. „Bring mir mal die Tageszeitung.“ Giorgio kehrte schnell damit zurück. Antonio breitete sie auf dem Schreibtisch aus und überflog den Lokalteil. Sein Blick blieb an einem Jahrmarkt hängen. Besser als nichts. „Wir machen einen Ausflug“, verkündete er Giorgio. „Nur du und ich, nur zum Spaß, kein Geschäft. Leider.“