Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(13) Jasper Joyner war ein netter alter Herr gewesen.

Jasper Joyner war ein netter alter Herr gewesen. An seinen letzten Lebenstagen war er zwar etwas mürrisch geworden, aber sonst hatte er zu Janes liebsten Patienten gehört. Jane Albright hatte gerade Joyners persönliche Sachen sortiert. Ein Haufen für die Angehörigen, ein Haufen für den Müll. Die Verwaltung hatte eine Adresse, wohin der erste Haufen geschickt werden sollte. Er war recht klein. Ein Packen Fotos, ein paar offizielle Papiere, ein vergoldeter Kugelschreiber und eine Brille. Mehr war da nicht. Als sie zuerst Altenpflegerin geworden war, hatte es sie traurig gestimmt, dass alle Menschen, die sie betreute, in ihrer Obhut starben. Jetzt gehörte es zum Job. Altenpflege war eine Einbahnstraße.

Jane schaute auf die Uhr. Es war Zeit für Germaine Rodgers Bad. Germaine war die dickste Bewohnerin des Cavendish Nursing Home. Alle zwei Wochen musste sie gebadet werden, weil dann auch das stärkste Duftwasser nichts mehr ausrichten konnte.

Jane holte den Krankenlifter aus dem Abstellraum und rollte ihn zu Germaines Zimmer. Das Gerüst des Lifters erinnerte sie an das Gestell, das sie bei Dave gesehen hatte. Er benutzte seines, um abgeschossene Wildtiere kopfüber aufzuhängen. So konnte er sie besser ausweiden. Dave war Berufsjäger, einer von denen, die reiche Touristen zum Wild brachten. Manchmal brachten sie auch das Wild zu den Touristen. Jane hatte ihn über ihren Schwager getroffen, der den Bruder von Dave kannte. Wie das halt so ging, wenn man selbst nicht viel unter die Leute kam. Wenigstens hatte Dave kein Problem mit ihrem Job gehabt. Nicht wie dieser Idiot, den sie mal getroffen hatte und der völlig schlappmachte, als er hörte, dass sie sich um alte Menschen kümmerte. Und der Typ war selbst Gebrauchtwagenhändler! Dave war da anders. Ein stiller Typ, eigentlich ein Naturkerl, dem nichts fremd und keine Aufgabe zu dreckig war. Der hätte auch kein Problem mit Germaine Rogers gehabt, dachte sie als sie den Lifter in Germaines Zimmer schob.

Die alte Dame saß auf dem Bett und protestierte, als Jane ins Zimmer kam. „Es muss sein“, sagte Jane nur. Die Erfahrung hatte gezeigt, dass eine Diskussion zwecklos war. Jane hatte sich angewöhnt, nicht mehr hinzuhören und einfach das zu machen, was gemacht werden musste.

Sie legte das Netztuch neben Germaine auf das Bett. Es war eine mühevolle Arbeit, der alten Dame das Nachthemd und die Windel auszuziehen. Zeitweise musste Jane die Luft anhalten, obwohl sie sonst sehr unempfindlich war. Dann schob sie Germaine das Hebetuch unter, positionierte den Lifter über sie und hob die Patientin an. In der Position würde sie Germaine einseifen und abbrausen können, ohne sie noch einmal hinzusetzen. Sie legte ein großes Frotteetuch über die Fettwülste der Patientin und fuhr dann mit ihr auf den Gang in Richtung Baderaum. Hoffentlich würde Germaine so lange dichthalten, bis sie ihr wieder eine Windel anlegen konnte.

(12) Sid wohnte in einem Haus neben seinem Autohandel.

Sid wohnte in einem Haus neben seinem Autohandel. Mark hielt direkt vor der Einfahrt, die mit einem Drahtzaun verschlossen war und stieg aus. Er öffnete die Gattertür mit dem Schild „Warnung vor dem Hund“ und ging mit schnellen Schritten auf das Haus zu. Im Erdgeschoss war Licht. Billy, der Schäferhund, kam auf ihn zu. Mark tätschelte ihm kurz den Kopf und riss die Haustür auf. Durch den Flur marschiert und dann stand er im Wohnzimmer. Sid war so erschrocken, dass ihm die Bierflasche aus der Hand fiel. Dennoch war er geistesgegenwärtig genug, sie zu retten, bevor allzu viel herausgeflossen war.

„Wo ist Martha?“ Mark schaute sich um. „Ist sie im Bad? Welche fiese Nummer ziehst du hier ab, Sid Skinner, Gebrauchtwagenhändler?“ Sid hatte seine sprichwörtliche Ruhe wiedergefunden und grinste. „Da ist aber jemand aufgebracht. Und ja, ich bin Gebrauchtwagenhändler, na und? Kann gut sein, dass Martha im Bad ist…“ Mark wollte schon die Treppe hochlaufen. „… aber nicht in meinem, Mr Chippy!“ Mark hielt inne und schaute Sid fragend an. Sid ging zum Kühlschrank, der praktischerweise im Wohnzimmer als TV-Möbel fungierte, nahm ein Bier heraus und öffnete die Flasche für Mark. Er erzählte, dass er vorhin gehen wollte und Martha ihn bat, sie nach Hause zu fahren. Ihr war schlecht und sie konnte nicht mehr auf Mark warten, der verschwunden war. „Das Gute daran war, dass sie mir nicht ins Auto gekotzt hat. Dafür aber auf den Scheinwerfer des Jaguars. Kannst es dir gerne draußen ansehen. Vielleicht hängt sie immer noch bei sich über der Schüssel. Kannst auch gerne hinfahren und ihr die Haare aus dem Gesicht halten. Ich bin auf jeden Fall hierher gefahren. Home Sweet Home. Cheers.“

Sie stießen an, Mark trank und murmelte eine Entschuldigung, die Sid annahm. Sie setzten sich. Sid erzählte, dass er einmal eine Affäre mit Martha gehabt hatte, vor langer Zeit. Wie viele am Ort. „Es lohnt nicht, Mark. Sie hat noch keinen, nicht weil sie nicht will, sondern weil sie eine Nervensäge ist. Ich wollte es dir schon länger sagen, aber ich dachte mir, dass die Jugend ihre eigenen Erfahrungen machen sollte.“ Mark ließ die Warnung so stehen. Er erzählte, dass er es schwer hatte, Frauen kennenzulernen. Auch weil er immer ein wenig nach Frittierfett roch.

„Das kann ich verstehen, Mark. Das bleibt immer an einem kleben. Bei mir ist es der Job. Wenn du erzählst, dass du Gebrauchtwagen verkaufst, denken alle du wärst so einer wie Richard Nixon. Man meidet dich. Die ehrbaren Frauen meiden dich, um es genauer zu sagen. Es bleiben nur die Flittchen ohne Moral. Wenigstens geht es bei denen schneller zur Sache.“

Für einen Moment war es still. Billy kratzte an der Tür und Sid ließ ihn herein. Der Schäferhund legte sich neben den brummenden Kühlschrank „Aber ich bin da auch nicht besser“, fuhr Sid fort. „Letztes Jahr, als ich in London bei der Motor Show war, hatte ich eine Frau kennengelernt. Sah gut aus, intelligent, lustig. Ich dachte schon, da ist was faul an der Sache. Der Abend ging dahin und dann kam es raus: Sie arbeitete als Altenpflegerin. Da war es aus bei mir. Ich konnte dann nur noch daran denken, wie sie alten Knackern den kotverschmierten Hintern abputzt. Total unfair, aber wenn du so ein Bild mal im Schädel hast – da kriegst du keinen mehr hoch.“

(11) Hoggs startete den Wagen und preschte zum Pub zurück.

Hoggs startete den Wagen und preschte zum Pub zurück. Hoffentlich hatte er mit den alten Schachteln nicht zu viel Zeit verloren und Martha war immer noch in Stimmung, mit zu ihm nach Hause zu fahren. Er war schon länger hinter der scharfen Gemeindesekretärin her gewesen, aber bisher hatte sie ihn immer abblitzen lassen. Heute war sie in Stimmung und hatte viel getrunken. Erst als sie ihn fragte, ob sie mal sein Haus sehen könnte, war ihm eingefallen, dass er das Auto beim Restaurant stehen hatte und noch nicht einmal die Schlüssel mitgenommen hatte.

Er stellte den Wagen vor der falschen Fachwerkfassade des „Cock and Bull“ ab und lief hinein. Langsam kam die Sperrstunde näher, aber der Gastraum war noch sehr gut gefüllt. Die Jukebox spielte „Tunnel of Love“ von den Dire Straits. Barney stand am Zapfhahn und nickte ihm zu. Mark sah sich um. Er konnte Martha Collins nirgendwo sehen. Er ging zwischen den anderen Gästen umher, grüßte zurück, wenn er angesprochen wurde. Als er erfolglos eine Runde gedreht hatte, fragte er eine Frau, die vom Damenklo kam, ob sie Martha gesehen hatte. Auch nichts. Er fragte weiter. Die Männer hatten Martha irgendwann am Abend wahrgenommen, aber keiner wusste, wo sie jetzt war. Mark ging zurück zu Barney an den Tresen. „Vielleicht holt sie gerade Zigaretten“, sagte Barney stoisch. „Ich habe von Trubshawes Tod gehört. Wird der Laden jetzt verkauft?“ Mark schaute weiter um sich. „Ja, wahrscheinlich. Die Familie will nicht weiter machen.“ – „Wäre das nichts für dich?“ Mark musste lachen. „Nee, lass mal. Dafür bin ich nicht der Richtige.“ – „Wäre auf jeden Fall sehr schade, wenn das Restaurant schließen würde. Auch für Biggleswade. Gehörte immer dazu, der Laden.“

Mark war frustriert. „Ich wüsste zu gerne, was mit Martha passiert ist.“ Ein keuchendes Kichern kam vom Tresen hoch. Dort saß Joey Webster, der zahnlose Hausbetrunkene des ‚Cock and Bull‘. „Weißt du was, Joey?“, fragte Mark und beugte sich hinunter. „Die dralle Martha ist mit Sid Skinner weg.“ Sid Skinner war fast 50, Junggeselle und betrieb im Ort einen Autohandel. Jeder kannte Sid. Mark spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten und es wurde ihm ganz heiß im Gesicht. „Sid? Du lügst. Sid ist mein Freund, das würde er nicht machen!“ Mark schaute fragend Barney an, der aber einen neutralen Gesichtsausdruck behielt. Joey war schon wieder eingepennt. „Hey Joey!“ Mark schüttelte den Trinker. Dessen Arm fiel vom Tresenrand und Joey schlug mit dem Kinn auf dem Holz auf. Mark griff sich ein Sodasiphon und sprühte Joey an. Der blubberte, wachte aber nicht auf. „Kein Waterboarding in meinem Pub“, sagte Barney und nahm Mark den Siphon wieder ab. „Wenn du das klären willst, dann musst du mit Sid sprechen. Joey kann nichts dafür.“ Mark schlug die flache Hand auf den Tresen und machte kehrt. Als er die Tür erreichte, schlug Barney die Glocke und rief „Last Call“.

(10) Morgen müssen wir das Fett austauschen, einen Tag geht noch.

„Morgen müssen wir das Fett austauschen, einen Tag geht noch“, stellte Ida Dobbins fest, als sie in die große Fritteuse schaute. „Diesmal bist du dran, die Eimer zu füllen“, entgegnete Doreen Stubbs und fuhr fort, den glitschigen Boden in dem Fish & Chips-Imbiss zu schrubben. Die beiden Damen waren jenseits der Sechzig und besserten ihre Rente auf, in dem Sie den „Codfather“ nach Ladenschluss sauber machten. Viele Verdienstmöglichkeiten gab es nicht in Biggleswade und deshalb nahmen sie den schmutzigen Job spät am Abend in Kauf.

„Ich frage mich, wie lange wir den Job noch machen können“, sagte Ida. „Jetzt wo Mr Trubshawe nicht mehr lebt, wird das ganze Unternehmen bestimmt verkauft.“ – „Da mache ich mir keine Sorgen, Ida, egal wer die ganzen Restaurants kauft, er wird jemand in Biggleswade brauchen, um den Laden sauber zu halten.“ – „Ich weiß nicht, Liebes, ich bin da nicht so optimistisch. Veränderungen machen mir Angst.“

Ida nahm sich die Kasse vor und wischte mit einem feuchten Lappen das Fett und den Dreck des Tages weg. Doreen hatte hinter der Theke fertig gewischt und richtete sich auf. Der Rücken tat ihr weh. Jetzt musste sie im Besucherbereich weitermachen. Da war es nicht so dreckig und sie konnte schneller wischen.

„Vielleicht können wir ja mal Mr Hoggs fragen, was jetzt mit uns passiert.“ Mark Hoggs war der Geschäftsführer der Filiale Biggleswade der landesweiten Fish & Chips-Kette mit dem Namen Codfather. Gerade als Doreen den Satz zu Ende gesprochen hatte, trat Hoggs in den Laden. Die Türglocke klingelte aufdringlich und Ida krächzte ein raues „Wir haben geschlossen!“ in die Richtung, ehe sie bemerkte, dass es ihr Chef war, der eben hereingekommen war. „Guten Abend, Mr Hoggs. Ich hatte Sie nicht gesehen.“ Hoggs winkte ab. „Habe meine Autoschlüssel vergessen. War noch im Pub. Alles in Ordnung, meine Damen?“ Leider fielen ihm die Namen der zwei Putzfrauen nicht ein. „Alles in Ordnung, Mr Hoggs“, antwortete Ida. Doreen kam näher, in der Hand immer noch den Schrubber. „Es tut uns leid wegen Mr Trubshawe“, sagte sie. Hoggs nickte. „Ja, schlimme Sache. Im Urlaub ausgerutscht und einfach so tot.“ Er schüttelte den Kopf. „Wissen Sie denn, was jetzt mit den Restaurants passiert?“, fragte Ida. Hoggs dachte nach. Er hatte gehört, dass ein Verkauf anstehen sollte und dass man einige Filialen schließen würde, darunter auch die in Biggleswade. Er hatte schon begonnen, nach einem neuen Job zu suchen. Aber Panik in der Belegschaft wäre schlecht. „Ich denke, dass Fish & Chips immer gegessen werden und dass das Leben weitergeht.“ Doreen strahlte. „Das haben Sie sehr schön gesagt, Mr Hoggs. Und das ist ja eine sehr gute Nachricht. Nicht wahr, Ida?“ Ida sah etwas skeptisch aus, aber hob dann doch die Mundwinkel zu einem halbherzigen Lächeln.

Hoggs schaute von einer Frau zur anderen. „Jetzt muss ich aber.“ Er holte seine Schlüssel aus dem Hinterzimmer, verabschiedete sich von den Putzfrauen und hetzte aus dem Restaurant.

(9) Elvira bereute es nicht, dass sie Hugh überredet hatte, im Hotel zu essen.

Elvira bereute es nicht, dass sie Hugh überredet hatte, im Hotel zu essen. Er hatte den größten Teil der drei Flaschen Wein getrunken und nachher noch ein paar Whiskeys. Auf dem Weg zum Aufzug war sein Gang nicht mehr ganz stetig. Sie wusste nicht, ob er ihr den Arm aus Vorfreude oder zur Sicherheit um die Taille gelegt hatte. Als sie in der Suite ankamen, wollte Hugh auf den Balkon. Sie begleitete ihn. Der frische Wind, der vom Meer herein blies, tat ihnen beiden gut. Elvira löschte das Licht in der Suite und mit dem Swimming Pool, der blau von unter heraufleuchtete, war es sogar etwas romantisch. Trotz Hughs unterdrücktem Aufstoßen.

Sie hatte den fünfzigjährigen Schotten bei einem Abendessen von Bazarov kennengelernt. Elvira wurde öfters von Bazarovs Leuten engagiert und die Bezahlung war immer gut. Manchmal hatte sie Sex mit einem oder mehreren der Gäste des Oligarchen, das wurde immer extra und großzügig bezahlt. Manchmal war sie nur da als Dekoration, damit es nicht nur um Geschäfte ging. Soweit sie verstanden hatte, war Hugh ein Fischgroßhändler und verhandelte mit Bazarov über eine Ausfuhrlizenz für Kaviar. Bei dem Abendessen hatte es sehr viel und sehr guten Kaviar gegeben. In der allgemeinen Alkoholseligkeit sagte Bazarov Hugh zu, ihm die Lizenz zu verschaffen, gegen entsprechende Bezahlung. Nach dem Essen hatte sie den Schotten ins Hotel begleitet. Aber das Gemächt des Fischhändlers hing an ihm herunter wie eine frittierte Schillerlocke. Er war zu nichts mehr fähig gewesen. Sie war über Nacht geblieben, weil es so ausgemacht war. Am nächsten Tag hatte Hugh sie selbst engagiert und spontan auf eine Karibikreise eingeladen. Zuerst hatte sie gezögert, ob sie Bazarov fragen müsste, hatte aber dann beschlossen, ihr Glück in die eigenen Hände zu nehmen. In der Karibik war es sonnig und warm, Hugh zahlte gut – was sollte daran falsch sein.

Jetzt stand sie mit Hugh auf dem Balkon, hoch über dem Swimming Pool. Hugh sagte, dass ihm heiß sei und er zog Hemd und Hose aus. „Findest du, dass ich gut aussehe?“, fragte er sie. Sie nickte, denn es gab niemand, der ihr widersprechen würde. „Keinen Tag älter als 30“, schmeichelte sie ihm. Er ging ins Zimmer und holte eine Flasche Champagner aus der Minibar. Mit Expertise öffnete er die Flasche, der Korken poppte und flog im Bogen nach unten in den Pool. Sie tranken beide abwechselnd aus der Flasche.

„Weißt du“, sagte er, „durch den Deal mit Bazarov werde ich wahrscheinlich nach Russland ziehen und dort einen großen Teil meiner Zeit verbringen. Und vielleicht auch viel Zeit mit dir, Elvira. Na, wie wär’s?“ – „Du bist doch verheiratet, Hugh.“ Er wurde plötzlich ernst. „Das stimmt, aber wir können trotzdem viel Spaß haben, du und ich. Glaubst du mir nicht?“ Sie nickte. „Ich glaube dir.“ Er schaute hinunter. „Wenn ich hier vom Balkon in den Pool springe, glaubst du mir dann?“ Sie lachte, weil sie nicht glaubte, dass er es wagen würde. Als er dann aber mit nackten Füßen auf die Brüstung stieg und sich am zusammengerafften Sonnenschirm festhielt, lachte sie nicht mehr. „Komm herunter, das ist gefährlich.“ Jetzt lachte er. „Und glaubst du mir jetzt?“ Dann sprang er, mit den Füßen voran. Wenn er sich ein wenig mehr abgestoßen hätte, wäre der Sprung vielleicht geglückt. So aber drehte er sich im Fallen etwas nach hinten und sein Kopf schlug mit dem dumpfen Knall einer Wassermelone auf der Kante des Überlaufs auf. Hirnmasse spritzte über die Fliesen, er war sofort tot.

(8) Bazarov legte die Lupe weg, mit der er das Foto von dem aufgebahrten Maximilian betrachtet hatte.

Bazarov legte die Lupe weg, mit der er das Foto von dem aufgebahrten Maximilian betrachtet hatte. Er verglich es mit einem Bild des noch lebendigen Habsburgers. Obwohl Maximilian den Mitgliedern des Erschießungskommandos Gold gegeben und sie gebeten hatte, ihm nicht ins Gesicht zu schießen, hatte ein Schuss ihn direkt ins Auge getroffen. Man hatte dann ein Glasauge aus einer Marienstatue genommen und in die leere Augenhöhle gestopft. Das veränderte einen Menschen natürlich. Das und natürlich der Tod… Es war schwer zu sagen, ob es das gleiche Gesicht war. Bazarov hatte seine Leute schon beauftragt, DNA-Proben von diesem Justo Armas zu beschaffen. Vielleicht musste die Geschichte umgeschrieben werden.

Es klopfte und Peter Parkinson, sein Privatsekretär, kam herein. Parkinson war Mitte Dreißig und ein guter Organisator. Er war in Eton und Cambridge gewesen, hatte aber nicht genug Schneid, um selbst etwas im Leben zu erreichen. Einen Mann wie Peter als Privatsekretär zu beschäftigen empfand Bazarov als ein großes Privileg.

„Peter, besorgen Sie mir einen dieser Typen bei der Polizei, die sich mit der Identifizierung von Leichen beschäftigen. Rekonstruktion von Gesichtern, so was. Ich will, dass ein Experte die Fotos vergleicht und mir sagt, ob das Maximilian war oder nicht.“ – „Ja, das erledige ich, Mr Bazarov. Darf ich sie erinnern, dass in einer halben Stunde der Staatssekretär aus dem Rohstoffministerium hier sein wird.“ – „Ich weiß, Peter. Die Goldhenne. Was haben Sie vorbereitet?“

Parkinson zückte sein Notizbuch und schlug es mit dem Lesebändchen auf. „Es gibt ein französisches Drei-Gänge-Menü auf dem Goldservice. Dazu Mouton Rothschild 1994.“ – „In Ordnung. Was haben wir für Geschenke für unseren Freund?“ – „Das Etikett des Weines ist von Karel Appel entworfen. Ich habe entsprechend ein Werk auf Papier von Karel Appel besorgen lassen.“ – „Sehr einfallsreich. Gute Arbeit, Peter. Unsere Goldhenne ist musisch interessiert, das wird ihm gefallen. Gleichzeitig braucht er auch die körperliche Stimulation. Welche Frauen haben wir?“ Peter blickte wieder in sein Notizbuch. „Odilia, blond, jung aber erfahren. Maja, brünett, etwas drall und voller Enthusiasmus. Beide sind schon da und werden gerade eingekleidet. Ist das nicht in Ordnung?“ Peter merkte gleich, wenn sein Chef unzufrieden war. „Wo ist Elvira?“ Peter räusperte sich. „Sie war nicht verfügbar.“ Bazarov runzelte die Stirn. „Sie war doch erst vor ein paar Tagen hier. Beim Dinner mit diesem Spinner, diesem Schotten. Der wusste ja nachher gar nicht mehr, wo ihm der Kopf stand, so sehr hatte sie ihn eingewickelt.“ Peter wechselte von einem Bein auf das andere. „Das war Hugh Trubshawe. Nun, Elvira… so wie es aussieht, ist sie mit Trubshawe in die Karibik geflogen…“

Bazarov überdachte die Nachricht einen Augenblick und sagte dann nur „Oh, ja dann. Wie unprofessionell. Und, Peter, bitte sorgen Sie dafür, dass der Schotte seinen Kaviarvertrag nicht bekommt. Ich hatte es ihm zwar versprochen, aber das war, bevor er mir wertvolle Angestellte stahl.“

(7) Ursprünglich hatte Igor Grigorewitsch Bazarov Geschichte studiert.

Ursprünglich hatte Igor Grigorewitsch Bazarov Geschichte studiert. Sein Spezialgebiet war die mexikanische Geschichte von Cortés bis Cárdenas. Dann zerfiel die Sowjetunion und über einen Onkel, der für die Regierung arbeitete, war Bazarov über Nacht der Eigentümer einer Industriegruppe mit Erzminen und Verarbeitungsindustrien geworden. Deswegen musste er seine Doktorarbeit, eine Untersuchung der Erschießung von Maximilian I., Kaiser von Mexiko, abbrechen.

Erstaunlicherweise bekam er den Konzern sehr schnell unter Kontrolle. Er analysierte die Zahlen, traf die notwendigen Entscheidungen und überwachte deren Ausführung. Die weiterverarbeitenden Fabriken waren fast alle unprofitabel und er ließ sie schließen. Die Minen hingegen warfen viel Geld ab und er ließ sie ausbauen. Sein Onkel brachte ihm bei, wie man mit Geschäftsfreunden und Offiziellen umging. Bazarov lernte, dass man nur eine klare Reihenfolge befolgen musste, um das zu bekommen, was man wollte: zuerst erklären, dann zahlen und erst am Ende einschüchtern.

Eigentlich war es einfach. Jetzt lief der Konzern reibungslos, die Kontakte zu allen wichtigen Stellen waren abgedeckt. Der Onkel saß mit seiner Familie in einer Art Schloss auf Zypern. Bazarov hielt sich aus der Politik heraus, war aber immer bereit, ein gutes Wort für die Herrschenden einzulegen und sich für die Beibehaltung des politischen Systems einzusetzen. Seine geschäftlichen Aktivitäten konnte er zurückfahren auf das Minimum, das notwendig war, um den Status quo beizubehalten. Da er kein Interesse an den Aktivitäten seiner Oligarchen-Kollegen hatte, spielte er mit dem Gedanken, seine Doktorarbeit wieder aufzunehmen und in Geschichte zu promovieren.

Durch die Geldmittel, die ihm nun zur Verfügung standen, war er in der Lage, die Erschießung von Maximilian I. durch die Truppen von Juárez viel genauer zu untersuchen, als er es sonst gekonnt hätte. Maximilian, ein Habsburger, war von Napoleon III. von Frankreich 1864 als Kaiser nach Mexiko geschickt worden. Er sollte dort die Interessen Frankreichs vertreten. Napoleon hatte ihm vorgeschwindelt, den Mexikanern wäre nichts lieber, als von einem Habsburger regiert zu werden. Allerdings zogen die Franzosen zwei Jahre später ihre Truppen ab und 1867 wurde Maximilian von Präsident Juárez gefangen genommen, vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Tode verurteilt. Das berühmte Gemälde von Manet, ‚Die Erschießung Kaiser Maximilians‘, hält das Ende des Kaisers fest.

Privatdetektive, die Bazarov nach Mexiko geschickt hatte, fanden Anzeichen, dass die Exekution nur zum Schein erfolgt war. Maximilian hätte keine Schwierigkeiten gemacht und Juárez (übrigens waren beide Freimaurer) hätte ihn daher nach El Salvador bringen lassen. Dort habe der Ex-Kaiser bis 1936 unter dem Namen Justo Armas weitergelebt.

(6) Als Alexandra nach Ladenschluss zu Hause ankam, stand das Geschirr vom Frühstück immer noch in der Spüle.

Als Alexandra nach Ladenschluss zu Hause ankam, stand das Geschirr vom Frühstück immer noch in der Spüle. Ilja, ihr Mann, saß auf der Couch und schaute fern. Er hatte in der Wohnung geraucht, obwohl sie ihm noch gestern das Versprechen abgenommen hatte, es sein zu lassen. Wenigstens war er nicht betrunken. Er sagte nichts und schaute weiter angestrengt auf den Bildschirm, als ob es um Leben und Tod ginge. Demonstrativ öffnete sie das Fenster zum Lüften. Später, als sie ihn aufforderte, das Gemüse zu schälen, tat er es ohne größeren Widerwillen. Nach dem Essen waren beide besser aufgelegt. Er fragte nach ihrem Tag und sie berichtete über Babuschka Olga und den Partys der Oligarchen, von denen sie in den Zeitschriften gelesen hatte. Die Partys erwähnt zu haben, bereute sie aber gleich wieder, weil Ilja sofort anfing, über die neureichen Verbrecher zu schimpfen. Seitdem das Stahlwerk, in dem er gearbeitet hatte, von Bazarov gekauft und geschlossen worden war, versäumte er es nie, sich über diese neue Klasse von Sozialschmarotzern aufzuregen.

„Igor Grigorewitsch Bazarov!“ Jedes Wort sprach Ilja aus, als ob es ausspuckte. Alexandra seufzte und fing an, den Tisch abzuräumen. Warum hatte sie nicht darauf geachtet, was sie sagte? Bis Ilja sich wieder beruhigt hatte, würde es länger dauern, als sie zum Abwasch brauchte.

„Deine Kunden amüsieren sich über Leute wie Bazarov. Die geile Glitzerwelt der Reichen. Die Partys, Autos, Frauen, Juwelen… Das kommt alles von Leuten wie mir, aus denen sie das rausgepresst haben. Deine Kunden amüsieren sich auf meine Kosten.“

Alexandra ließ den Teller wieder zurück ins Spülwasser gleiten und drehte sich zu Ilja um. Das Wasser tropfte von ihren gelben Gummihandschuhen auf den Linoleumboden.

„Ich würde eher sagen, dass du dich hier auf meine Kosten amüsierst. Den ganzen Tag nur Rumsitzen und Dreckmachen. Und mir dann Abends vorhalten, dass meine Kunden sich auf deine Kosten amüsieren.“

Noch bevor sie den letzten Satz beendet hatte, war Ilja mit seinen Zigaretten auf den Balkon geflüchtet. Sein Gesicht im Licht des Streichholzes hatte keinen Ausdruck. Er warf das Streichholz über die Brüstung und sah dem schnell verlöschenden Feuerschweif nach. Ilja brauchte unbedingt einen Job. Vielleicht könnte er ja Olgas Neffen dabei helfen, Bargusinischen Zobel zu fälschen.

(5) Mit großer Neugier verschlang die alte Dame die Fotos der Schönen und Reichen…

Mit großer Neugier verschlang die alte Dame die Fotos der Schönen und Reichen, wie sie sich in Moskaus Nachtleben tummelten. Sie befeuchtete ihren Daumen und blätterte fasziniert in der Zeitschrift. Sie begutachtete und verglich die Abendkleider, den Schmuck, und natürlich auch die Kavaliere. Auch wenn sie nicht so jung waren wie ihre Begleiterinnen, so strahlten sie doch Kraft und Männlichkeit aus. Sie waren voller Leben. Babuschka Olga seufzte, gerade als die Eieruhr neben der Trockenhaube schnarrte.

„Na Babuschka, schaust du dir wieder die Superpromis an?“, fragte Alexandra, als sie ihre Kundin von der Haube befreite. „Oh ja“, antwortete die alte Dame. „Das ist einer der Gründe, warum ich immer gerne zu dir komme. Ich kann mir das alles in aller Ruhe ansehen.“

Alexandra fragte nicht weiter. Sie wusste, dass Babuschka Olga ihre drei nichtsnutzigen Söhne zwar fest im Zaum hatte, aber ein einfaches Leben war es nicht. Die wöchentlichen Frisörbesuche waren der einzige Luxus der alten Dame und Alexandra freute sich schon immer auf sie. Sie sprachen dann immer über den neuesten Tratsch aus der Hauptstadt, die aktuellen Liebschaften der reichsten Männer und die unglaublichen Kleider ihrer Gespielinnen. In ihren Gesprächen herrschte eine Mixtur aus Bewunderung und Kopfschütteln.

„Was macht denn Ihr Neffe im fernen Ausland?“ Olgas Augen erhellten sich. „Ihm geht es gut. Er hat das Richtige getan. Es ist schade, dass meine Schwester das nicht mehr erleben konnte. Seine Geschäfte laufen fantastisch. Er ist so gut zu mir. Ohne ihn könnte ich ja gar nicht zu dir kommen, Alexandra.“

Die Frisörin begann die Lockenwickler aus den Haaren der Babuschka drehen. Die Strähnen waren sehr dünn und zerbrechlich. Sie ging ganz vorsichtig damit um.

Babuschka Olga dachte an etwas und kicherte leise. „Was gibt es zu lachen, Babuschka? Teile es mit mir“, sagte Alexandra. „Oleg hat mir geschrieben, dass er gerade eine ganze Lieferung Bargusinischen Zobel verkauft hat. Ein sehr gutes Geschäft für ihn.“ Alexandra lachte mit. „Oh ja, ein hervorragendes Geschäft. Den Zaren gibt es zwar schon lange nicht mehr, aber der Kronenzobel wird alles überdauern. Der gute Bargusinische Zobel…“

Beide Frauen lachten zusammen, bis Olga die Zeitschrift von dem Perlonkittel auf den Boden glitt und Alexandra der Kamm aus der Hand rutschte. Die Frisörin hob beides auf und legte der alten Dame die Zeitschrift wieder über das Knie. Dann fuhr sie mit ihrer Arbeit an den Lockenwicklern fort.

(4) Oleg Kapschinsky war rot angelaufen und rang nach Worten.

Oleg Kapschinsky war rot angelaufen und rang nach Worten. „Ich hatte nie gesagt, dass es keinen anderen Kragen gibt. Ihr Kragen war ein Meisterstück. Beste Qualität. Da können Sie überall fragen. Aber was soll ich machen, wenn ich nur gute Qualität habe? Ich bin Pelzhändler, Frau Kreinert!“

Die Soiree war natürlich ein Misserfolg gewesen. Lidas Hermelinkragen hatte den ganzen Abend im Mittelpunkt gestanden. Als Anna nach Hause gekommen war, hatte sie sich zunächst noch einmal Ewald vorgeknöpft. Jetzt stand sie vor diesem Wicht Kapschinsky, den sie mit ihren hohen Absätzen um Längen überragte. Immer wieder hielt sie ihm sein ehrloses Verhalten vor. Kapschinsky blieb nichts anderes übrig, als sich bildlich in den Staub zu werfen und Frau Kreinert auf sich herumtrampeln zu lassen. Woher hätte er wissen können, dass die beiden Frauen sich kannten und sich zu allem Überfluss am ersten Tag des Pelzerwerbs über den Weg laufen würden? Er hatte beiden Damen erstklassige Wahl zu einem vernünftigen Preis angeboten und das war der Dank. Als Frau Kreinert eine erneute Salve auf ihn losließ, hielt Kapschinsky die Hände vor Augen und gab vor, zu weinen. Er erzählte ihr von seinen Brüdern in der alten Heimat, Sergey, Alexey und Timofey. Sie hatten ihm geholfen, im Ausland Fuß zu fassen. Jetzt arbeiteten sie hart, um sich mit der Jagd auf Hermeline über Wasser zu halten. Die besten Pelze verkauften sie über dunkle Schmuggelwege an ihn, für seine Kunden. Dann gab es noch die Mutter, Babuschka Olga. Sie war alt, krank und brauchte eine teuere medizinische Behandlung. Oleg Kapschinsky hielt sie alle am Leben. Mit erstickter Stimme bat er Anna Kreinert um Vergebung.

Eigentlich waren Sergey, Alexey und Timofey nur seine Cousins und in der Regel so betrunken von illegal hergestellten Fusel, dass sie nicht einmal in der Lage waren die Mäuse zu fangen, die mit ihnen in ihrer heruntergekommenen Wohnung hausten. Aus Anhänglichkeit schickte Kapschinsky ihrer Mutter Olga jeden Monat Geld und er hatte den Verdacht, dass Olga nur einen Teil davon für sich selbst behielt. Zumindest konnte er damit sein schlechtes Gewissen beruhigen, seine Familie im Stich gelassen zu haben.

Frau Kreinert war immer noch nicht am Ende ihrer Vorwürfe angekommen. Sie schilderte noch einmal die extreme Erniedrigung, die sie am vorherigen Abend erleiden musste. Sie bezichtigte Kapschinsky erneut der Ehrlosigkeit. Kapschinsky bettelte um Gnade, beim Leben seiner Mutter Olga. Erst als er ihr einen exklusiven Zugriff auf eine Lieferung von 151 Bargusinischen Zobelfellen versprach, den er ihr zu einem günstigen Preis anbieten würde, wurde sie milder gestimmt. „Bargusinischer Zobel?“, fragte sie. „Ja, der Beste. Wird auch Kronenzobel genannt. Das Beste vom Feinsten. Unbeschreiblich“, antwortete Kapschinsky. Er zeigte ihr ein paar Fotos, die sein Zwischenhändler ihm aus Ulan-Ude per E-Mail zugeschickt hatte. Es war natürlich ärgerlich, dass er Frau Ullmann diese Fotos auch schon gezeigt hatte, aber die Situation in der Pelzbranche war so schwierig geworden, dass er darauf keine Rücksicht nehmen konnte.

„Wann erwarten Sie die Felle, Herr Kapschinsky?“, fragte Frau Kreinert. „Aber glauben Sie ja nicht, dass Sie damit vollkommen entschuldigt sind!“