Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(93) Ted, ich will, dass das Bad noch in diesem Jahr renoviert wird.

“Ted, ich will, dass das Bad noch in diesem Jahr renoviert wird. Am günstigsten ist es im Sommer, wenn es warm ist.” Peggy war ungehalten. Seit sie vor drei Jahren in das Haus am Rande der Stadt gezogen waren, lag sie Ted damit in den Ohren. Natürlich hätte die Badsanierung vor dem Einzug passieren sollen, aber dazu war damals keine Zeit gewesen. Ted verbrachte sehr viel Zeit mit seiner Band BTK und die Jungs träumten auch heute noch davon, einen Charterfolg zu landen. Peggy wollte ihn nicht entmutigen, aber sie wusste, dass die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs im 31. Jahr nach der Bandgründung gegen Null tendierte. Glücklicherweise hatte Ted einen festen Job bei der Gemeindeverwaltung. Deshalb ließ sie ihm die Freude, ein Mal in der Woche mit den Jungs zu proben und sich dabei eine glänzende Zukunft auszumalen. Nur bei manchen Dingen wie der Badrenovierung wurde sie stinkig, wenn er sich ständig aus der Verantwortung stahl. Dann war es höchste Zeit und Ted bemühte sich, Peggy zufrieden zu stellen. Er wusste, was er an ihr hatte.

Nach seiner Hippie- und Hausbesetzerzeit war Ted Punker geworden und gründete BTK, eine Punkrock-Band. Der Name bedeutete ‘Born to Kill’. Über die Jahre entwickelten die Band eine treue Fangemeinschaft, aber der große Durchbruch war nie gekommen. Peggy hatte während der Anfangsjahre mit Ted ihr Jurastudium abgeschlossen und arbeitete in einer Anwaltskanzlei als Archivarin. Das regelmäßige Gehalt half Ted, die Band über die Jahre zusammenzuhalten. Allerdings ging das anfängliche Lodern von BTK über in ein Flackern, ein Glühen und dann in ein Glimmen. Die Bandmitglieder waren Punkrocker in ihrer Freizeit, so wie andere zum Fußball gingen oder sich im Sommer am Fluss zum Grillen trafen.

Peggy fügte hinzu: “Außerdem will ich, dass wir dieses Jahr in den Urlaub fahren. Das Hotel habe ich bereits ausgewählt. Es gibt keine Widerrede. Wir fliegen im August und im September renovierst du das Bad.” Der Punkrocker nickte.

(92) Oban setzte sich an den Schreibtisch vor dem Fenster.

Oban setzte sich an den Schreibtisch vor dem Fenster. Von dort aus konnte er einen weiten Teil der Stadt überblicken. Er klappte seinen Laptop auf und schaltete ihn damit wieder ein. Er öffnete die Datei ‘memoiren.docx’. Die ersten Worte waren: ‘Und wir sind doch nicht allein… von John Oban’. Er blätterte zu Seite 109 und las den letzten Absatz.

‘Es war eine Arbeitersiedlung aus den Anfangszeiten der Industrierevolution, in die wir einzogen. In der Nähe waren neue Häuserblocks gebaut worden und die Einwohner hatte man nach dort umgesiedelt. Zu sechst besetzten wir eines der leer stehenden Häuser und arbeiteten daran, es wieder instand zu setzen. Das war harte Arbeit. Wir versuchten, aus den anderen Häusern das Beste von allem zu organisieren und es bei uns einzubauen, zum Beispiel eine Badewanne oder Klosettschüsseln. Wir hatten ja kein Geld, um etwas Neues zu kaufen.

Wir waren sechs junge Leute: vier Jungs, darunter Ted, und zwei Mädchen, darunter Peggy. Ted kannte ich noch aus der Grundschule, er hatte mich in die Gruppe geholt. Alle kannten jeweils einen oder maximal zwei der anderen, es war mehr wie eine Kette. Damals war auch die Zeit der freien Liebe und wir haben diese Freiheit genossen. Genauso wie es für uns kein Eigentum gab und unser Haus für alle offenstand, so gab es auch keine feste Beziehung. Wir teilten alles.’

Oban schlug ein Notizbuch auf und las in seinen Notizen. Dann schrieb er weiter.

‘Einmal kehrte ich mit Ted von einer Tour zu anderen Häusern zurück und wir trugen einen schweren Eisenofen auf zwei Holzbalken. Als wir uns unserem Haus näherten, bemerkten wir einen Streifenwagen davor. Wir hatten schon vorher Kontakt mit der Polizei gehabt, aber da die Stadt noch nicht entschlossen hatte, was mit dem Gelände passieren sollte, waren wir zunächst geduldet, wenn auch nicht erwünscht.

Wir stellten den Ofen ab und schlichen von der Seite ans Haus, um herauszufinden, worum es ging.

Ted zischte mir zu und winkte mich zu sich hinüber. Vorsichtig schauten wir über das Fensterbrett hinein in unseren Gemeinschaftsraum. Auf dem Esstisch lag Peggy. Rechts und links davon zwei Polizisten. Ihr Kleid war hochgeschoben, einer hatte seine Hand zwischen ihren Beinen. Bei dem anderen hatte sie die Hand im Hosenschlitz. Ted feixte.

Mich machte es betroffen, denn ich mochte Peggy sehr gern und, freie Liebe hin oder her, mit ihr hätte ich mr eine feste Beziehung gewünscht. Wir warteten, bis die Polizisten wieder wegfuhren und gingen dann hinein. Peggy erzählte uns, dass die beiden sehr freundlich gewesen seien und in der Siedlung nach dem Rechten schauten – sie wollten verhindern, dass sich dort Kleinkriminelle niederließen. Peggy meinte, sie habe die beiden scharf gefunden in ihren Uniformen und so habe das eine das andere ergeben. In diesem Augenblick war mir Peggy schlagartig fremd geworden. Nach ein paar Tagen merkte ich, dass das Gemeinschaftsgefühl mir ebenfalls abhanden gekommen war. Bei einem Vorsprechen lernte ich einen anderen Schauspieler kennen und zog mit ihm zusammen. So war ich indirekt von der Polizei zwangsgeräumt worden. Peggy und Ted haben später geheiratet und wir sind weiterhin in gutem Kontakt.’

(91) Als Oban den Veranstaltungsraum verließ…

Als Oban den Veranstaltungsraum verließ, wartete Franziska draußen auf ihn. Bereits während des Vortrags war sie ihm aufgefallen in ihrem perfekt sitzenden Kostüm, der cremefarbenen Seidenbluse und der Perlenkette. Sie lächelte ihm zu und schlug die Augen nieder. “Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen auflauere. Nachdem alle weg sind, habe ich mir gedacht, ob wir vielleicht noch ein paar Worte wechseln können.” – “Aber natürlich”, antwortete Oban und lächelte zurück. “Der Vortrag war etwas kurz, Sie haben bestimmt noch Fragen. Womit kann ich Ihnen dienen?” Sie meinte, ob man sich nicht an einem ruhigen Ort unterhalten könnte. Er schlug vor, dass sie sich in die Bar setzten, um die Zeit sei es da sehr ruhig. “Nein”, antwortete sie, “das wäre nicht gut.” Er solle es nicht persönlich nehmen, aber es würde ihrer Ehe schaden, wenn man sie mit ihm zusammen sehen würde. Auch wegen der Klatschreporter, die vielleicht gerade noch in der Bar lauerten. Er blickte sie prüfend an und sagte dann: “Na schön, ich habe Suite 167. Kommen Sie in fünf Minuten nach.” – “Danke für Ihr Verständnis”, hauchte sie. “Wir sehen uns gleich.”

Sie klopfte leise, aber bestimmt. Er öffnete die Zimmertür und ließ sie herein. “Sie haben sich umgezogen”, bemerkte sie mit Blick auf seinen Bademantel. Er lächelte: “Ich bin kein Freund von Förmlichkeit. Ich heiße John.” – “Ich heiße Franziska.” – “Möchten Sie etwas trinken, Franziska?”, erkundigte er sich, “soll ich etwas Champagner kommen lassen?” – “Nein, auf keinen Fall, dafür ist es noch zu früh. Ein Glas Wasser für mich.” Sie setzten sich auf das Sofa.

“Sie interessieren sich nicht wirklich für außerirdisches Leben”, sondierte er vorsichtig. “Warum sagen Sie das?” – Viele Damen versuchen, so mit mir ins Gespräch zu kommen.” – “Warum haben Sie mich denn mit auf Ihr Zimmer genommen?” – “Vielleicht wollte ich ja mit Ihnen ins Gespräch kommen…” – “Eigentlich wollte ich testen, ob Sie sich wirklich für außerirdisches Leben interessieren, oder ob das nur ein Vorwand ist, um Frauen wie mich zu treffen.” – “Sie tun mir unrecht. Außerirdisches Leben wäre mir ein zu großer Umweg, wenn es nur darum ginge, Sie zu treffen.”

Er sah ihr in die Augen. “John”, ihre Augen hielten seinem Blick stand, “irdisches Leben interessiert mich viel mehr. Könnten Sie sich vorstellen, dass ich Ihre Tochter sein könnte?” Sie beobachtete seine Reaktion und bemerkte, wie seine Nasenlöcher sich einen Moment aufblähten. “Das ist nicht möglich”, antwortete er. “Sie haben recht”, gab sie zu und rutschte näher zu ihm. “Ich finde Sie unheimlich sexy”, flüsterte sie. Sie steckte ihre Hand mit den perfekten, rotlackierten Fingernägeln hinter das Revers seines Bademantels und streichelte über sein Brusthaar.

Er griff ihre Hand am Gelenk und zog sie heraus. “Ich dachte, Sie wollten mit mir über meine wissenschaftliche Arbeit sprechen. Ich hatte mich wohl geirrt. Sie sollten jetzt gehen.” Er stand auf und zeigte auf die Tür. Sie erhob sich ebenfalls, strich ihren Rock glatt und verließ das Zimmer durch die Tür, die er für sie aufhielt. Als sie draußen war, schüttelte er ungläubig den Kopf.

(90) “Meine Damen und Herren, ich weiß, dass es außerirdisches Leben gibt.

“Meine Damen und Herren, ich weiß, dass es außerirdisches Leben gibt. Nicht, weil ich schon einmal von Aliens entführt worden wäre”, John Oban machte eine Pause, um seinem Publikum die Möglichkeit zu geben, verzückt mit zu lachen, was es auch tat, “sondern weil es uns die Wissenschaft lehrt. Ja, Sie haben richtig gehört, die Wissenschaft. Dank des Hubble-Weltraumteleskops wissen wir, dass es in unserem Universum 125 Milliarden Galaxien gibt. Wenn jemand sich jede Galaxie nur eine Sekunde anschauen würde, bräuchte er für alle Galaxien fast viertausend Jahre. Und glauben Sie mir, auch mit mir zusammen wäre das eine verdammt lange Zeit.” Oban legte noch eine Lachpause ein.

“Aber im Ernst, ist das nicht unvorstellbar? Und jede dieser Galaxien hat 500 Millionen Sonnen. Die Wissenschaftler schätzen, dass zehn Prozent davon Planeten haben. Und wenn davon nur jedes Milliardste Planetensystem belebt ist, dann gäbe es in unserem Universum sieben Milliarden Planeten mit Leben. Das ist Wissenschaft. Die Zahlen sprechen für uns.”

Die Menschen im Raum teilten sich in diesem Moment in zwei Gruppen auf: der weitaus größere Teil, im wesentlichen Frauen ab 40 Jahren, brach in frenetischen Beifall aus, um John Oban, Held einer Science Fiction-Fernsehserie, zu feiern. Der kleinere Teil waren Klatschjournalisten, die sich mit rollenden Augen untereinander anschauten, weil nackte Zahlen nicht in ihren Artikeln zu verarbeiten waren. Es blieb ihnen nur übrig, die Beifallsstürme zu schildern und darauf zu hoffen, Oban zu einer Home Story überreden zu können. Dafür würden sie ihm zusagen, dass er auch ein paar Sätze zu Außerirdischen im Artikel unterbringen könnte.

Oban wirkte sehr glaubhaft und musste von seinen Ausführungen überzeugt sein, denn er war zugegebenermaßen ein schlechter Schauspieler. Über die Jahre hatte sich seine Fanbasis verändert. Ursprünglich waren es junge Männer, die mit ihm älter wurden, gewesen. Später hatten ihn reifere Frauen entdeckt, die an einsamen Nachmittagen zu Hause ein Abenteuer im Geiste mit ihm suchten.

(89) Vom Strand fuhren Sie zur Geburtstagsfeier von Emmas Schwester Olga.

Vom Strand fuhren Sie zur Geburtstagsfeier von Emmas Schwester Olga. Sie arbeitete als Sekretärin in einem Verlag, der auf Autobiografien spezialisiert war. Das neue Programm enthielt die Memoiren von John Oban, dem Filmschauspieler. Als er vor ein paar Tagen eine Besprechung mit dem Verleger hatte, hatte Olga ihn im Scherz zu ihrer Geburtstagsparty eingeladen. Zu ihrer großen Überraschung hatte Oban zugesagt.

Da sie ihren Freunden davon erzählt hatte, kamen alle Eingeladenen und brachten noch weitere Freunde mit. Bevor Oban seinen Auftritt hatte, rätselten alle nur darüber, ob er auch tatsächlich auftauchen würde und wie er privat sei. Als er plötzlich mit einem riesigen Blumenstrauß in der Tür stand, hatte er alle Aufmerksamkeit für sich. Bei dem ‘Happy Birthday, Olga’-Lied, das Oban anstimmte, sang keiner richtig mit, weil jeder nur ihm zuhören wollte. Und nachdem Oban wieder gegangen war, redeten alle nur von seinem spontanen Auftritt. Mit anderen Worten: Olgas Geburtstagsfeier diente zu ihrem eigenen Ärger nur der Glorifizierung von John Oban.

Einzig Olgas Mann Doug war nicht an Oban interessiert. Er schlich sich an Emma heran, die in der Küche aushalf. Bei Obans Ankunft strömten alle in den Flur. Doug blieb zurück und hielt auch Emma auf, denn er müsse mit ihr sprechen. Als sie beide allein in der Küche waren, eröffnete er ihr, dass er wisse, was sie in Wirklichkeit treibe. Er habe es selbst gesehen, leugnen sei zwecklos. Emma war wie vom Donner gerührt. Mit dieser Gefahr hatte sie nicht gerechnet. “Eigentlich müsste ich mit Louis darüber reden, wir sind immerhin eng befreundet.” Das stimmte, denn Emma hatte Louis über Olga und Doug kennen gelernt. “Eigentlich?”, wiederholte sie. Doug räusperte sich. “Ich sehe da eine Möglichkeit, um das zu verhindern. Ich komme ab und zu an deinem Arbeitsplatz vorbei, wir haben etwas Spaß miteinander und ich erzähle bestimmt niemand etwas. Wie klingt das?” Emmas Kopf fühlte sich an wie ein ausgeblasenes Ei. “Kann ich darüber nachdenken?” – “Sicher”, antwortete er, “das muss wohl überlegt sein.” Er legte ihr die Hand auf den nackten Oberarm, auf dem man noch die Beine der eintätowierten Engel erkennen konnte, und trat zu den anderen in den Flur. Emma blieb zurück. Sie musste sich erst hinsetzen.

(88) Emma lief den beiden voraus die Düne hoch.

Emma lief den beiden voraus die Düne hoch. Auf halber Höhe drehte sie sich um, hob die Kamera und drückte ab. Louis war bepackt mit den Liegestühlen und der Kühltasche, unter dem Arm seine Zeitung. Jimmy trug den Sonnenschirm, seine Taucherbrille und die Flossen. “Ihr müsst euch unbedingt eincremen, sonst wird das heute eine schmerzhafte Erfahrung für euch”, warnte sie. Louis grunzte, etwas außer Atem. “Mama, gehen wir nachher ein Eis essen?”, drängte Jimmy. “Ja, nachher gehen wir alle Eis essen. Aber erst einmal legen wir uns ganz gemütlich in den Liegestuhl ans Meer. Wenn du es schaffst, eine Stunde Ruhe zu geben, gehen wir ein Eis essen.” – “Wie viel Uhr ist es jetzt?”, bohrte Jimmy ungeduldig. Sie fischte die Uhr aus ihrer Handtasche. “Jetzt ist es halb drei Uhr. Um viertel vor vier gehen wir Eis essen. Und frag’ jetzt nicht alle fünf Minuten, wie spät es ist.” – “Was ist das für eine Uhr?”, fragte Louis. “Ach, die hat mir meine Kollegin gestern geschenkt. Sie braucht sie nicht mehr.”

Oben auf der Düne blieb Emma stehen und bewunderte den freien Blick auf das Meer. Sie schloss die Augen und ließ den Wind an sich heran. Louis stapfte an ihr vorbei den Sandhang hinunter, zu ihrem Lieblingsplatz. Er stellte die Liegestühle auf, pflanzte den Sonnenschirm ein, rückte die Kühltasche in den Schatten, holte ein Bier heraus, öffnete es und saß zeitungslesend im Liegestuhl, bevor sie unten angekommen war. Jimmy hatte die Schuhe abgestreift und stand zwanzig Meter von ihnen entfernt im Wasser. Sie legte sich in den Schatten auf ihren Liegestuhl und legte den Sonnenhut daneben.

Louis äugte hin und her zwischen ihr und seiner Zeitung. Irgendetwas hatte er auf dem Herzen. “Was ist?”, fragte sie. “Sag mal, wie lange willst du noch diese Nachtschichten im Call Center machen? Wäre es nicht besser, wenn du mehr Zeit Zuhause mit uns verbringen würdest?” Sie seufzte, “Ja, würde ich ja gerne, aber tagsüber sind alle Stellen belegt. Und abends ist es ja auch am besten bezahlt, davon haben wir doch mehr.” – “Ja schon… Soll ich mal mit deiner Chefin sprechen?” – “Nee, das lass mal sein. Das kann ich selber”, fuhr sie ihn an.

“Wie sieht es denn aus mit deiner Arbeitssuche?”, hakte sie nach. Louis hob die Zeitung hoch zum Umblättern und sein Kopf verschwand zwischen den Seiten. “Es gibt nichts für einen halbgelernten Schlosser…” Emma hatte ihre Illustrierte aufgeschlagen und antwortete nur mit “Ja, ja”.

(87) Planlos lief Sebastian durch die Stadt.

Planlos lief Sebastian durch die Stadt. Einige Zeit saß er auf einer Bank am Kanal und beobachtete Kinder dabei, wie sie ihre Drachen steigen ließen. Er war durch ein Kaufhaus gelaufen, als er entdeckte, dass er seine Uhr beim Trainer gelassen hatte. Er kaufte sich spontan eine neue, billige Uhr. Als er am Kanal saß, beobachtete er, wie der Sekundenzeiger geschmeidig rund um das Zifferblatt kreiste. Der Zeiger zögerte bei keiner der 5-Sekunden-Markierungen. Faszinierend die Gleichmäßigkeit, mit der er einen vollkommenen Kreis beschrieb. Sebastian hingegen hatte versagt und fühlte sich elend. Aus dem Kanal stiegen Luftblasen von Fischen empor. Mittlerweile war es dunkel geworden und die Natriumdampf-Niederdrucklampen verbreiteten ihr heimeliges gelbes Licht.

Er könnte in seine Unterkunft zurückkehren. Er könnte in einem Hotel einchecken. Wieder lief er die Straßen entlang. Plötzlich stoppte ihn ein leises “Kann ich dich aufmuntern?”. Er blieb stehen und wandte sich zu der Stimme um. Am Rand des Bürgersteigs lehnte eine kleine Frau an der Hausmauer und schaute ihn an. Er dachte nach, die Hände in den Taschen und blickte dabei in die andere Richtung. Ein alter Herr mit Hut spazierte zwischen den beiden durch und blickte Sebastian ins Gesicht.

“Komm mit”, sagte Emma, als sie wieder allein waren, und streckte ihre Hand aus. Er trat auf sie zu und ergriff die Hand. Emma hatte kurze struppige Haare, um den Hals ein Lederhalsband mit Nieten und ein Labret-Piercing an der Unterlippe. Ihr weitausgeschnittenes Top im Leopardenmuster hatte einen Fellkragen und zeigte die Engel-Tatoos an ihren Schultern. Dazu trug sie einen Minirock, hatte nackte Beine, die in High Heels steckten, die jetzt vor ihm über den Bürgersteig klapperten.

Emma führte ihn durch einen dunklen Hauseingang eine Treppe hoch in ein Zimmer mit schummrigem Licht, einem Bett, zwei Stühlen und einem Tisch. “Setz dich”, sie deutete auf das Bett. Er setzte sich. “Ich habe kein Menü”, erklärte sie lächelnd und zeigte ihre Zahnlücke. “Du musst mir sagen, wie du es gerne haben möchtest.” Er überlegte und starrte auf das Muster ihres Tops. Dann lächelte er zurück, etwas verschämt, und sagte: “Normal, bitte.” – “Sehr gut”, erwiderte Emma, “normal ist meine Spezialität.” Sie zog ihm sein T-Shirt über den Kopf, legte seinen Oberkörper flach auf das Bett und setzte sich rittlings auf ihn. “Du hast einen tollen Körper”, bewunderte sie ihn und massierte die Beule in seiner Hose, “treibst du viel Sport?”

(86) Mit geöffnetem Maul hatte der Gepard in der Sonne gelegen.

Mit geöffnetem Maul hatte der Gepard in der Sonne gelegen. Seine schmalen Augen, die auf den dunklen Tränenstreifen balancierten, schauten unbestimmt in die Ferne. Unter dem Fell kein Gramm Fett. Deshalb mussten Geparden bei der Jagd erfolgreich sein, sie hatten keine Reserven. Vier Mal erfolglos der Beute hinterher zu rennen, konnte den Hungertod bedeuten.

Sebastian war ebenfalls hungrig. Er hatte monatelang der Leichtathletik-Meisterschaft entgegen gefiebert und jetzt war es soweit. 110m Hürden und er war der Favorit. Noch ein Mal sah er den Geparden vor sich. Der Starter hob die Pistole. Sebastian spannte seinen Körper an wie eine Stahlfeder. Bereit, seine Kräfte zu entfesseln. Seine Mitläufer rechts und links taten dasselbe. Im Blick hatte er die erste Hürde. 42 Zoll hoch, ein weißer Balken mit zwei Streifen. Im selben Augenblick, als er den Knall hörte, schnellte er aus dem Starterblock. 45 Fuß zur Hürde. Sie kam schnell näher. Sieben Fuß vorher hob er sein rechtes Bein, hielt es so gebeugt, dass es gerade über die Hürde passte. Aber er berührte die Hürde und sie fiel um. Weiter… Er setzte optimal auf, eins, zwei, drei Schritte… Schwungbein hoch… Er berührte wieder die Hürde und sie kippte. Nicht aus dem Rhythmus bringen lassen. Weiter… Aus den Augenwinkeln merkte er, wie sein rechter Nebenmann an Raum gewann. Er setzte auf, eins, zwei, drei… hob das Schwungbein zu spät und geriet fast ins Straucheln, als er die dritte Hürde umwarf. Auch sein linker Nachbar zog an ihm vorbei. Sebastian war verunsichert. Als er die vierte Hürde riss, spulte sich vor seinem inneren Auge der Lauf des Geparden ab, majestätisch in der Savanne. Er war geschlagen.

Er lief mechanisch weiter, aber es war vorbei. Trotzig haute er auch noch die restlichen sechs Hürden um und erreichte als vierter das Ziel. Seinen Trainer beachtete er nicht. Erstaunt sahen ihn andere Sportler, Trainer und Journalisten an. Er konnte ihre Blicke nicht erwidern. Die Geräusche der Menge drangen nur sehr gedämpft zu ihm durch. Er wollte hinaus, ergriff seine Sporttasche und lief geradewegs in die Umkleidekabinen. Seine Ferse blutete. Kurz blieb er sitzen, dann stand er auf und zog sich um. Die Fahne in der Sporttasche ließ er auf den feuchten Kachelboden fallen und verließ das Stadion.

(85) Mit seinen dunklen Augen starrte der kleine Mandrill…

Mit seinen dunklen Augen starrte der kleine Mandrill neugierig durch das Glas. Den weißen Teil des Augapfels konnte man sehen, wenn er den Kopf zur Seite bewegte, um zu seiner Mutter zu schauen. Sonst waren seine Augen fast schwarz und schauten Maria an. Der Affe sah sehr ernsthaft aus, freundlich, aber er schien auch etwas traurig zu sein.

Maria trat ganz nahe an die Scheibe, sodass sie von ihrem Atem beschlug. Sie legte eine Hand flach an die Scheibe. Der Mandrill beugte sich etwas vor, als ob er an ihrer Hand schnüffeln wollte. Dann hob er seine eigene schwarze Pfote und legte sie auf seiner Seite an die Scheibe. Passgenau zu Marias Hand. Dabei schaute er sie mit dem gleichen Gesichtsausdruck weiter an. Maria hatte einen genauso ernsten Gesichtsausdruck und legte jetzt auch ihre linke Hand an die Scheibe. Im gleichen Rhythmus legte auch der Mandrill seine rechte Pfote an die gleiche Stelle und fixierte sie weiter.

So verharrten sie lange Momente, jeder versunken in den Augen auf der anderen Seite der Verglasung. Das Gekreische der anderen Affen und der Schulkameraden hörte Maria nicht mehr, es wurde sehr ruhig um sie herum. Ihr Blick hatte alles andere ausgeblendet und sie sah nur noch die Augen des Mandrills, eingerahmt von ihren Händen und den Armen des Affen auf der anderen Seite der Glasscheibe.

Ihre stille Kommunikaton wurde gestört von der Mutter des Mandrills, die zuerst an ihrem Sohn zupfte und, als er nicht reagierte, ihn einfach von der Scheibe wegzerrte. Auch im Weggehen drehte der Kleine seinen Kopf noch zu Maria und versuchte, ihren Blick zu halten. Traurig ließ Maria die Hände wieder sinken. Die Umrisse ihrer Hände waren noch in dem Beschlag ihres Atems zu sehen.

“Maria”, rief eine Stimme, wahrscheinlich zum wiederholten Male. “Maria”, wiederholte Adam, “kommst du mit, wir wollen uns jetzt die Geparde anschauen. Das sind sehr schöne, große Katzen, die extrem schnell laufen können.” Maria ergriff Adams Hand und trottete mit ihm aus dem Affenhaus.

(84) “Na, geht’s noch?”

“Na, geht’s noch?”, Adam drehte sich um und sah zu seinem Vater, der sich durch das Heidekraut den Berg hochkämpfte. Es war zwar noch recht früh am Morgen, aber die Temperaturen an dem Südosthang waren schon sehr hoch. Beide Männer hatten ihre Hemden ausgezogen und an ihre Wanderrucksäcke gehängt.

“Wandern ist keine Frage der Schnelligkeit”, entgegnete Anthony Ritchley. “Sondern der Ausdauer”, vervollständigte sein Sohn lachend. Es war wohltuend für Adam, dass er sich mit seinem Vater nun besser verstand als in seiner Jugend. Nur zögerlich hatte er nach dem Achterbahn-Debakel gefragt, ob er für ein paar Tage nach Hause kommen könne. Er war erleichtert, als sein Vater ihn mit offenen Armen empfing. Aus den paar Tagen waren jetzt drei Jahre geworden und es würden wohl einige mehr werden. Adam hatte beschlossen, das Angebot seines Vaters anzunehmen und die Leitung der Privatschule anzutreten. Ein bisschen hatte sein Vater den Triumph ausgekostet, als er bemerkte, dass Adam doch jetzt froh sein müsste, auch noch einen Abschluss als Lehrer in der Tasche zu haben. Damals hatte Adam das Studium nur auf Druck seines Vaters abgeschlossen, denn viel lieber hätte er sich gleich vollständig der Bühne gewidmet.

Jetzt machte ihm der Beruf Spaß und er konnte sich vorstellen, seine ganze Kraft darin zu investieren. Die hügelige Heidelandschaft, in der die Schule lag, hatte ebenfalls ihren Reiz. Er war von seinem persönlichen Tiefpunkt wieder aufgestiegen zu einem Zustand großen Glücks. Manchmal dachte er nach, ob eine Therapie ihm nützen könnte, aber jedes Mal verwarf er den Gedanken. Vor ein paar Tagen sollte er als zusätzliche Begleitung des Klassenlehrers eine Schulklasse in einen Vergnügungspark begleiten. Als er aber auf der Broschüre sah, dass die große Attraktion des Parks ein Roller Coaster war, hatte er sein Privileg als stellvertretender Schulleiter ausgenutzt und stattdessen einen Ausflug in den Zoo mit anschließender Schiffsfahrt unternommen. Allein das Foto der Achterbahn mit ihrem Looping hatte ihm den Magen zugeschnürt und seine Handflächen waren feucht geworden.

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