Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(60) Es war unzweifelhaft das richtige Hotel.

Es war unzweifelhaft das richtige Hotel. Das Foto war direkt vor dem Haupteingang aufgenommen worden. Wahrscheinlich hatte der Fotograf dabei etwas auf der Straße gestanden. Auch wenn er das Foto in den letzten Tagen intensiv betrachtet hatte, fühlte Hans Rombach jedes Mal wieder einen Stich im Herzen, wenn er es sich anschaute. Das Bild war ihm ein Rätsel. Er hatte das Foto unter den Sachen von Eva gefunden, in einer Holzkiste, zusammen mit allen Erinnerungen, die ihr am Wichtigsten gewesen waren.

Das Bild zeigte sie mit einem Mann vor dem Hotel und die beiden küssten sich auf den Mund. Hans erkannte Evas Kleid und wusste daher, dass das Foto vor weniger als fünf Jahren aufgenommen worden war. Den Mann kannte er nicht. Er war etwa so alt wie Eva, schlank, gutaussehend. Hans spürte, wie Eifersucht an ihm nagte.

Wie war das möglich? Hatte Eva einen geheimen Liebhaber gehabt, mit dem sie sich hier, in diesem Hotel, zu Schäferstündchen traf? Er und Eva hatten sich die letzten dreiundzwanzig Jahre ständig gesehen, hatten keine Nacht getrennt voneinander verbracht. Mit Ausnahme des Zeitraums, als Hans im Krankenhaus gewesen war (Nierenstein, schmerzhaft, aber erfolgreich zertrümmert). Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie ihn ausgerechnet da betrogen hatte. Außerdem war das über fünf Jahre her. Das Foto war neuer. Er hatte im Hotel nachgefragt und das Bild der Empfangsdame vorgelegt. Sie hatte sofort das Hotel erkannt, aber weder Eva noch der Mann waren ihr bekannt. Sie arbeitete seit drei Jahren in dem Hotel. Wer davor am Empfang gearbeitet hatte, wusste sie nicht. Der Besitzer und Geschäftsführer war nicht da, sie bat Hans, am nächsten Tag noch einmal nachzufragen. Hans hatte den Verdacht, dass sie ihm auch dann nicht weitergeholfen hätte, wenn sie die Personen auf dem Foto erkannt hatte. Immerhin könnte daraus ein Skandal für das Hotel entstehen.

Hans war unsicher. Wahrscheinlich würde er in den nächsten Tagen noch einmal vorbeikommen. Die Trauer, die er nach Evas Tod verspürt hatte, war nach der Entdeckung des Fotos wie weggewischt. Er würde nicht ruhen, bevor er eine Erklärung hatte.

(59) Bernd lehnte sich an den Kamin…

Bernd lehnte sich an den Kamin und feixte: “Die Geschichte war so, wie er erzählt hat. Aber er hat den Schluss weggelassen.” – “Wie ging es denn weiter?”, drängte Monika neugierig.

Horst hatte sehr schnell herausgefunden, dass Bartels der Rädelsführer der Intrige gewesen war. Er fühlte sich verletzt und sann auf Rache. Die Filmcrew war gespalten. Einige meinten, es wäre ein sehr guter Gag gewesen und das müsse man als Hauptdarsteller vertragen. Andere fanden, dass Bartels zu weit gegangen war.

“Und was glaubst du?”, fragte Monika. Bernd schüttelte den Kopf: “Auf mich kommt es nicht an, ich bin hier bloß der Dackel für alle.”

Bernd fuhr fort zu erzählen. Die Wege zwischen den Drehorten waren zu Fuß zu weit und für ein Auto zu umständlich. Bartels fuhr deshalb mit einem Mountainbike zwischen den verschiedenen Sets hin und her. Horst hatte eines frühen Morgens ein paar Muttern an dem Fahrrad gelöst. Später am Tag, als Bartels gerade einen kleinen Bach überquerte, löste sich das Vorderrad und er schlug der Länge nach ins Bachbett hin. Daher hat er diese Narbe am Kinn. Die Produktion musste an dem Tag ausfallen und der Produzent war auf beide sauer.

“Seitdem herrscht frostiges Nebeneinander zwischen Horst und Olaf”, endete Bernd, “aber sonst sind wir hier beim Film eine große Familie.” Er schaute aus dem Fenster. “Die Autogrammjäger haben uns gefunden”, bemerkte er und zeigte auf einen Mann vor dem Hotel, der mit einem Foto in der Hand herüberschaute.

(58) Monika war sich nicht sicher…

Monika war sich nicht sicher, ob sie im Gespräch richtig reagiert hatte. Sie hatte den Eindruck, dass Meinholt vor ihr geflüchtet war. Sie grübelte noch, als Olaf Bartels sich auf Meinholts verwaisten Sessel setzte. “Ich darf doch?”, fragte er. “Klar, gerne”, antwortete sie. “Und wie gefällt es dir beim Film? Ich hoffe, der Herr Burgschauspieler törnt dich nicht zu sehr ab.” Monika hatte bereits gemerkt, dass es ständig Reibereien zwischen Meinholt und Bartels, dem Kameramann, gab. Meinholt fand meistens, dass er sehr unvorteilhaft ausgeleuchtet sei und legte sich mit Bartels an, der aber auch nicht nachgab. “Ein Cola-Rum”, bestellte Bartels beim Bartender. Dann erzählte er von sich, seiner wunderbaren Karriere und seinem absoluten Auge. “Hattest du vorher schon mit Horst gedreht?”, warf sie in einer Gesprächspause ein. Bartels nickte mit schwerem Kopf. “Vor einem Jahr. Irgendeine Sülzgeschichte in Irland. Ich war alt und brauchte das Geld. Eines Abends hat eine Kollegin Horst beiläufig gefragt, ob er sich mal um ihre Muschi kümmern könne. Dann gab sie ihm ihren Zimmerschlüssel. Du hättest Horsts Gesichtsausdruck sehen müssen. Es war spät und wir gingen nacheinander gähnend hoch. Als es ruhiger geworden war, sah Horst seine Zeit gekommen. Er öffnete die Tür von Zimmer 103, das werde ich nie vergessen. Es war dunkel und er machte kein Licht. Er zog sich aus, legte sich ins Bett. Er tastete etwas unter der Decke herum. Dann suchte er plötzlich hastig nach dem Lichtschalter, fegte fast die Stehlampe vom Nachttisch. Als das Licht endlich brannte, nahm er ganz verstört die Katze wahr, die neben ihm im Bett lag und ihn mit großen Augen fixierte. Da konnten wir das Lachen nicht mehr unterdrücken und brachen brüllend hinter dem Vorhang hervor.” – “Alle?” – “Die halbe Crew, inklusive der Kollegin, unserem Lockvogel. Es war ein Bild für die Götter. Unter uns: Er hat einen sehr kleinen Schniedel.” Bartels trank seinen zweiten Cuba Libre aus und erhob sich. “Manchmal ist es beim Film etwas rauer”, erklärte er, “aber immer nur für die, die es verdienen. Also keine Bange. Ich freue mich, dass du im Team bist.” Er klopfte dem Best Boy, Bernd Funke, der kurz vorher ins Kaminzimmer gekommen war, auf die Schulter und trat in die Lobby hinaus.

(57) “Letztes Jahr hatte ich eine Produktion…

“Letztes Jahr hatte ich eine Produktion an der Côte d’Azur”, erzählte Meinholt. “Ich spielte einen Sonnyboy, einen Mann, dem das Glück immer hold ist. So eine Art Gustav Gans. In einer Szene war es vorgesehen, dass ich mit einem Sportwagen an einer Küstenstraße entlang fahre. Da sehe ich an der Strandpromenade die Frau meiner Träume. Sie stellt alles dar, was mir noch zum absoluten Glück fehlt. Ich bin dermaßen gepackt von diesem Anblick, dass ich nicht auf die Straße achte und mit dem Wagen gegen die Brüstung an der Strandpromenade donnere.” Monika war wie gebannt. “Das klingt gefährlich”, meinte sie. “Alles nur Film”, antwortete Meinholt lachend. “Ich wollte selbst fahren, aber die Versicherung war dagegen. Deshalb mussten wir einen Stuntman engagieren. Auf jeden Fall: Es ist Abend, die Sonne steht perfekt, alles ist in goldenes Licht getaucht. Die Einstellungen von mir im Wagen, ein 911er Porsche, hatten wir bereits am Vortag gedreht. Die Kollegin war in Position auf der Strandpromenade. Tolles Kleid, unheimlich sexy. Zu sexy, wie sich leider herausstellte. Die Security hatte die Straße noch nicht abgesperrt, die Franzosen sind ja bei so etwas unglaublich nachlässig. Auf jeden Fall kommt ein Typ mit seinem Peugeot 107 die Straße entlang gebrettert, sieht die Schauspielerin und ist komplett verwirrt. Genau wie im Drehbuch, er brettert gegen die Brüstung. Alle laufen hin, glauben, der Typ ist tot. Aber nein, wie im Film, er steigt aus dem Auto, zwar benommen, aber sonst ganz ok.”

“Unglaublich, lief die Kamera?” – “Leider nicht, der Typ hätte sich eine tolle Gage verdienen können. Es war spektakulärer als der Stunt am nächsten Tag. Aber natürlich brauchten wir den Crash auch mit dem Porsche. Der Peugeot hätte nicht gereicht. Der Typ hatte auf jeden Fall fast so viel Glück wie ich in dem Film.”

Meinholt schaute auf die Uhr. “Ich muss jetzt meinen Agenten anrufen. Sehen wir uns später noch?”

(56) “Es fühlt sich an, als ob ich…

“Es fühlt sich an, als ob ich auf einem abgenagten Hähnchengerippe säße”, beklagte sich Monika. Horst Meinholt nickte verständnisvoll.

Die Medien dichteten Meinholt einen Ruf an, nicht unähnlich dem von Maxwell: ein Macho mit einem ungeheuren Frauenverschleiß. Ständig auf der Suche, allzeit bereit. Diesem Image entsprach Meinholt auch, so lange Journalisten zugegen waren. Im kleinen Kreis, so Monikas bisherige Erfahrung, war er freundlich, unaufdringlich und sehr angenehm. Monika konnte sich ohne weiteres vorstellen, dass das Heißeste in Meinholts Bett eine Wärmflasche war. Drehte er aber auf und setzte seine Charmeur-Stimme ein, konnte man sicher sein, dass Publikum oder Journalisten in der Nähe waren.

“Und einen Straußenhals zwischen den Brüsten zu haben… Nun, ja, ich weiß nicht, was der Autor dabei geraucht hat…” Sie war aufgeregt, Meinholt hatte ihr an Erfahrung so viel voraus. Jetzt saß sie mit ihm im Kaminzimmer dieses Hotels in einem denkmalgeschützten Fachwerkhaus, das ihr als Kind so imponiert hatte. Sie wollte aber nicht wie eine blasierte Nörglerin klingen. “Vor fünf Monaten habe ich an einer interessanten Theaterproduktion teilgenommen. Wir gaben ‘Wer hat Angst vor Virginia Woolfe’ von Albee. Ich spielte Honey, die naive Ehefrau. Das Besondere an der Produktion war, dass es in einem Pflegeheim spielte und die beiden Paare im Greisenalter waren.” – “Sehr beachtlich”, meinte Meinholt, “da ergeben sich ja ganz neue Möglichkeiten für das Stück.” Er schien wirklich interessiert, stellte sie erleichtert fest. Eigentlich war die Produktion erbärmlich gewesen und der Regisseur hatte alle Darsteller mit seinen klamaukigen Gebissscherzen in die Verzweiflung getrieben. Die Inszenierung war zwei Mal aufgeführt und dann vom Intendanten beerdigt worden. Danach hatte sie erst einmal wieder von der Stütze gelebt, bis ihr Agent sie zum Vorsprechen für “eine Art Remake von Freaks” schickte.

(55) Monikas wichtigste Szenen entstanden…

Monikas wichtigste Szenen entstanden, als Wanja gestorben war und Maxwells ungeduldige Gläubiger ihm gefährlich auf die Pelle rückten. Er musste eine neue Einnahmequelle finden. Lola war zu diesem Zeitpunkt seine Geliebte. Sie inspirierte Maxwell zu einer Idee für eine neue Attraktion: “Lalo, halb Frau, halb Vogel”.

Die beiden stahlen dazu einen ausgewachsenen Strauß aus dem Antwerpener Zoo, in dem gerade Bauarbeiten stattfanden. Lola taufte den Strauß auf den Namen “Mr Magic”. Maxwell ließ ein Kleid von Wanja umnähen und auf Lola samt Mr Magic anpassen. Die Nummer funktionierte wie folgt: Maxwell kündigte dem Publikum ein noch nie dagewesenes Geschöpf an. Eine Frau wie aus der griechischen Mythologie: halb Frau und ab der Taille (dabei zwinkerte er) die Beine eines Vogels. Dann zog er an einer Goldkordel und ein roter Samtvorhang öffnete sich. Dahinter war Mr. Magic und auf ihm saß Lola. Lolas Kleid endete dort, wo die Beine von Mr. Magic aus seinem Rumpf ragten. Der Hals von Mr. Magic führte unter dem Kleid an Lola hoch, der Kopf verschwand unter einem Sonnenschirm, den Lola in der Hand trug und kokett drehte. An strategischen Stellen hatte Maxwell das Kleid unterfüttern lassen, damit es aussah, als ob Lola Riesenbrüste hätte und ihre Nippel erigiert seien – er meinte, dass dies das hauptsächlich männliche Publikum sehr ablenken würde. Mr. Magic stand still, sobald man ihm einen engen Sack über den Kopf gezogen hatte. Aus der richtigen Perspektive und mit der richtigen Beleuchtung schien es wirklich so, als ob Lola die Beine eines Straußes hatte.

Am Ende von weiteren Verwicklungen wurde Maxwell in einem rosaroten Happyend von seinen Tricks geläutert und hatte sich richtig in Lola verliebt. Mr. Magic kehrte in den Zoo zurück und fand ebenfalls die große Liebe. Zumindest hatte es der Drehbuchautor so vorgesehen.

(54) Bei dem Film, in dem Monika spielte…

Bei dem Film, in dem Monika spielte, drehte sich anfangs alles um Wanja, den Azteken. Wanja war ein Freak, eine Jahrmarktsattraktion, der unter Mikrozephalie litt – sein Schädel war unnatürlich klein. Eine Herausforderung für den Maskenbildner und den Kameramann. Die Geschichte konzentrierte sich allerdings eher auf seinen Manager, Howard Maxwell, der Wanja durch halb Europa karrte und in Zirkusveranstaltungen zur Schau stellte.

Monika spielte Lola, eine von Maxwells Geliebten, der aber in der Geschichte eine Schüsselrolle zukam. So hatte es ihr zumindest der Regisseur verkauft. Sie war sich jetzt nicht mehr so sicher. Die Produktion war für sie eine Gelegenheit, ein größeres Publikum zu erreichen. Vorher hatte sie fast nur in Theaterproduktionen gespielt. Ihre Kritiken waren zwar durchweg sehr gut gewesen, aber am Theater gab es wenig Gelegenheit, bekannter zu werden.

Maxwell wurde gespielt von Horst Meinholt, einem bereits etablierten Filmschauspieler, der für entsprechende Resonanz beim Publikum sorgen sollte. Meinholts Name war auch der wesentliche Grund, warum sie Lola spielen wollte. In den bisherigen Szenen hatte Monika allerdings den Eindruck, dass man ihre Rolle beliebig hätte besetzen können, denn die Herausforderungen waren gering. In Szenen mit Wanja war sie chancenlos gegen dessen Exzentrik und perfekte Maske. In den Szenen mit Meinholt fühlte sie sich wie das Schönchen vom Dienst. Aber es war eine Gelegenheit für sie, ein zweites Standbein neben dem Theater aufzubauen.

(53) “Du bist jetzt 31, richtig?”

“Du bist jetzt 31, richtig?” – “Vater, bitte nicht schon wieder.” Monika Jansen hatte ihren Vater fünf Monate nicht gesehen und fand, dass er älter geworden war. Seine Augen waren unterlaufen und sahen müde aus, als er sie über die traurige Halbbrille ansah. “Ich bin froh, dich zu sehen. Für die Dreharbeiten bin ich noch zwei Wochen hier, es wäre schön, wenn wir uns öfters sehen könnten.” – “Monika, du solltest Zuhause wohnen…” – “Vater, das geht nicht, ich muss mit der Crew zusammenbleiben. Es ist meine erste große Chance beim Film und ich will es nicht mit dem Regisseur verderben, weil ich Extrawünsche habe.” Ihr Vater dachte nach. Sie war sich sicher, dass er später die gleiche Frage noch einmal stellen würde. Er war ein Starrkopf und musste stets seinen Willen durchsetzen. Allerdings hatte sich ihre Hartnäckigkeit auch weiter entwickelt, seit sie auf eigenen Beinen stand. Sie wusste, dass sie ihm nicht nachgeben würde.

Der Hauptgang wurde serviert. Steak für ihn, Hähnchenbrust mit gedünstetem Gemüse für sie. Seit sie sich erinnern konnte, wählte ihr Vater dieses Restaurant, wenn er mit Geschäftspartnern, Freunden oder Familienmitgliedern essen wollte. Er hätte mittlerweile den Betrieb mehrfach kaufen können. Carlos, der Kellner hatte sie gleich erkannt und ihr gesagt, dass er sich freute, sie wieder zu sehen. Auch sonst schien die Zeit still gestanden zu sein. Die Kunden waren die gleichen, die Einrichtung auch und ebenso die Speisekarte.

“Wie geht es in der Firma?”, fragte sie. Sofort bedauerte sie die Frage, als er ausholte und über Mitarbeiter, Wettbewerber und Kunden sprach, als ob sie alle immer noch kennen müsste. Dazwischen ließ er anklingen, dass die Zukunft des Unternehmens nicht gesichert sei, was Monika aber geflissentlich überhörte. Beim Nachtisch erkundigte er sich, worum es bei dem Film ging, den sie gerade drehte. Ihrer Erklärung schien er nicht aufmerksam zu folgen. Als sie geendet hatte, wies er darauf hin, dass ihr Schlafzimmer vorbereitet sei und sie jederzeit dort einziehen könnte.

(52) Als der Anruf kam…

Als der Anruf kam, war Rolf Happel gerade dabei gewesen, den Lagebericht für den Jahresabschluss zu korrigieren. Dr. Jansen wollte ihn sofort sprechen. Das war ungewöhnlich. Happel nahm seine Kladde, die Mappe mit den letzten Unternehmensberichten sowie den Entwurf des aktuellen Jahresabschlusses. Bei unerwarteten Gesprächen mit Jansen war es besser, gegen alles gewappnet zu sein.

Dr. Jansens Sekretärin gab die Tür ins Allerheiligste mit einem Nicken frei. Happel klopfte, wartete einen Augenblick und trat ein. Dr. Jansen schrieb gerade etwas auf und schien ihn nicht zu bemerken. Happel räusperte sich dezent. “Setzen Sie sich, Herr Happel. Ich bin gleich bei Ihnen.” Happel nahm Platz am Besprechungstisch und ordnete seine Unterlagen. Dr. Jansen schraubte seinen Füllfederhalter zu und blickte über seine randlose Halbbrille. Happel bemerkte eine kleine geplatzte rote Ader im gelblichen Weiß von Dr. Jansens rechtem Auge.

“Was haben Sie sich dabei gedacht, Herr Happel?” Der Ton war schroff, es sollte schmerzen. Happel schluckte. “Was meinen Sie, Herr Dr. Jansen?” Dr. Jansen schüttelte den Kopf und schaute einen Augenblick aus dem Fenster. “Sie haben sich vorgestern mit den Wirtschaftsprüfern getroffen, richtig?” – “Ja, zur Besprechung des Jahresabschlusses.” – “Dabei haben Sie ohne Not Umbuchungen vorgenommen, die mich, mich persönlich, eine halbe Million kosten werden, richtig?” – “Wir hatten leider keine Wahl, Herr Dr. Jansen…” – “Ich habe da anderes gehört. Die WPs wären durchaus bereit gewesen, eine andere Sicht der Dinge zu akzeptieren, aber Sie haben das nicht weiter verfolgt, richtig?” – “Nun, die Steuergesetzgebung…” – “…ist an dem Punkt flexibel. Jetzt hören Sie mal zu, Happel. Dass Ihr Beruf eine gewisse Genauigkeitsliebe voraussetzt, damit kann ich leben und begrüße es auch. Ihre persönlichen Vorlieben enden aber dort, wo mein Geld beginnt. Können Sie das nachvollziehen?” – “Ja, natürlich, aber…” – “Sie gehen jetzt zurück an Ihren Schreibtisch und betrachten diesen Jahresabschluss noch einmal mit meinen Augen. Ich will, dass Sie die erforderlichen Änderungen vornehmen. Die WPs erwarten Ihren Anruf mit Vorschlägen. Das war’s, danke.” Happel stand verdattert auf, bündelte seine Unterlagen in beiden Händen und schlich zur Tür. “Happel, vergessen Sie nie, wer Ihren Gehaltscheck unterschreibt.”

Happel erkannte den Anflug eines schadenfrohen Lächelns auf den Lippen der Sekretärin und verließ die Geschäftsführungsetage rasch. Er mochte Dr. Jansen nicht und für seine Kollegen empfand er ebenfalls meistens Abneigung. Er fühlte sich von allen gegängelt und beklagte innerlich den Mangel an Respekt, der ihm entgegengebracht wurde. Er dachte an Andrea und sehnte den Moment herbei, an dem er sein Büro verlassen konnte, um zu ihr nach Haus zu fahren. Er seufzte.

(51) Sie befand sich in einem Park…

Sie befand sich in einem Park, mitten in einer Stadt. Jetzt konnte sie erkennen, es war London. Sie war vor langer Zeit mit ihrer Schulklasse dort gewesen. Der Park in ihrem Traum sah aus wie der Hyde Park. Sie war allein. Als sie sich umschaute, merkte sie, dass kein anderer Mensch in der Nähe war, soweit sie auch blicken konnte. Es waren auch keine Autos unterwegs, dabei hatten sie diese Ecke als sehr verkehrsreich in Erinnerung. Die Baumwipfel waren in grauweiße Wolken gehüllt. Aus der Tiefe des Parks rollten weitere Nebelschwaden auf sie zu. Es fröstelte sie.

Plötzlich merkte sie, dass sie doch nicht allein war. Auf einer Holzkiste stand Rolf. Er hatte graue Haare, sein Schnurrbart hatte sich altmännerhaft gelichtet und seine Haut war faltig geworden. Es war eine gealterte, dünnere Fassung von Rolf auf der Kiste. Um den Hals trug er ein Schild mit der Aufschrift: ‘Jetzt oder nie. Hören Sie mir zu. Ich bin sehr schlau, ich weiß alles.’ Rolf beobachtete sie vorwurfsvoll. Sie stellte sich vor ihn und schaute ihm in die Augen. Dann hob sie die Arme und schubste ihn hinterrücks von der Kiste. Als er aus dem Gleichgewicht geriet, fing er an, mit den Armen zu rudern. Er versuchte, sie zu greifen, es gelang ihm aber nicht. Sein Fall geschah wie in Zeitlupe. Sein Mund öffnete und schloss sich, seine Augen waren angsterfüllt. Er kippte immer weiter nach hinten, lag waagerecht in der Luft und fiel auf die Erde. Durch den Aufprall zerschmetterte er in viele Einzelteile, wie die Tasse, die ihr gestern auf den Fliesenboden gefallen war. Sie hatte ihren Arm schützend vor ihr Gesicht gehoben und als sie ihn wieder herunternahm, war der Nebel weg. Sie hörte Geräusche, der Verkehr hatte eingesetzt. Sie erkannte Mütter mit ihren Kindern, andere Passanten und durch die Baumwipfel schien die Sonne in mildem Herbstgelb.

Sie wachte auf. Sogar in ihren Träumen ließ Rolf ihr keine Ruhe.

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