Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(32) In diesem Augenblick…

In diesem Augenblick hatte zum Glück sein Notfallhandy geklingelt. Die Polizei war dran, er solle sofort zu 151 Garfield Place in Brooklyn kommen. Es ginge um seinen Patienten Bert Landau. Jeff hatte ihn verächtlich grinsend zur Tür gebracht. Rosenblatt tat es Leid wegen Bobby. Es lief wirklich gar nicht gut.

Vor dem Wohnhaus von Landau standen mehrere Streifenwagen mit pulsierenden Lichtern in der Straße und blockierten den Verkehr. Auf dem Bürgersteig vor dem Eingang parkte ein Lastwagen des Brooklyn Zoo. Mehrere Kamerateams waren auch da. Rosenblatt begab sich zu einem Polizisten und erkundigte sich nach Lieutenant Brooks.

Brooks erklärte Rosenblatt in groben Zügen die Lage. Die Vermieterin von Landau hatte zufällig herausgefunden, dass Landau in seiner Wohnung einen großen Stahlkäfig gebaut hatte und darin einen ausgewachsenen Bären hielt. Sie rief sofort die Polizei. Landau verrammelte sich in seiner Wohnung und drohte, den Bären frei zu lassen, wenn man ihn nicht in Ruhe ließe. Er hatte auch nach Dr. Rosenblatt gefragt, daher der Anruf. Brooks wollte wissen, was für ein Mensch Landau sei. “Und bitte, kommen Sie mir jetzt nicht mit ärztlicher Schweigepflicht, es geht um Leben, nicht zuletzt um das Ihres Patienten.” Rosenblatt erzählte, dass Landau seit seiner Jugend unter manischen Schüben litt und der Umgang mit ihm wegen seines Realitätsverlusts nicht einfach war. Reiches Elternhaus, deshalb auch die Wohnung in bester Lage und die Behandlung bei Rosenblatt. “Wozu ist er fähig?”, fragte Brooks. “Wenn er einen manischen Schub hat, zu allem. Und ich denke, dass dieses ganze Theater”, Rosenblatt zeigte auf die Streifenwagen, die Fernsehcrews und die vielen Zuschauer, “das alles kann diesen Schub auslösen.” Brooks gab Anweisung, den Platz vor dem Haus weitläufiger zu räumen. “Dr. Rosenblatt, kommen Sie mit rein. Sie müssen mit ihm reden.”

Im Treppenhaus lagen vermummte und bewaffnete Einsatzkräfte und schienen zum Äußersten bereit. Im dritten Stock, wo Landau wohnte, war es ruhig. Rosenblatt schritt zur Tür von Apartment 31 und klopfte leise. “Herr Landau”, er räusperte sich, “Herr Landau, hier ist Dr. Rosenblatt. Wie fühlen Sie sich?”

Landau hatte schließlich eingewilligt, mit ihm zu reden. Am Ende von langen Verhandlungen und Sicherheitsvorkehrungen hatte er ihn in die Wohnung gelassen. Trotz der Anspannung entging Dr. Rosenblatt die Ironie nicht, dass Landau verlangte, dass sein Arzt sich vollständig entkleidete, bevor er ihn herein ließ.

In der Wohnung stellte es sich heraus, dass der Bär, vor dem die Vermieterin gewarnt hatte, in Wirklichkeit ein gemütlicher Bernhardiner war, der Rosenblatt mit weltmüden Augen betrachtete. ‘Fehlt nur noch das Fass Cognac um den Hals’, dachte der Psychiater. Rosenblatt fühlte sich lächerlich und schlang sich die Hundedecke um die Hüften, bevor er hinausging, um Brooks zu informieren.

(31) Rosenblatt klingelte an der Tür…

Rosenblatt klingelte an der Tür von Apartment 193, das einmal sein eigenes gewesen war. Jeff, das Faktotum seiner Frau, öffnete. Rosenblatt konnte diesen Kalifornier nicht ausstehen. Keine Eifersucht, nur pure Abneigung. Jeff brachte ihn ins minimalistisch, aber dennoch teuer eingerichtete Wohnzimmer. Vor einiger Zeit hätte er noch die Namen der Designer herunterbeten können, aber die brauchte er sich jetzt nicht mehr zu merken. Er stellte die Tüte von FAO Schwarz ab und setzte sich auf das Ledersofa. Die Tür öffnete sich wieder und Jeff führte Bobby herein.

“Daddy!”, schrie Bobby und lief auf Rosenblatt zu, der vom Sofa aufsprang und seinen Sohn an sich drückte, als ob er ihn seit Jahren nicht gesehen hätte. Jeff setzte sich mit einem Magazin in eine Ecke. Bobby hatte natürlich sofort die rote gestreifte Tüte entdeckt und sah seinen Vater erwartungsvoll an. Rosenblatt überreichte die Tüte seinem Sohn, der sein Geschenk herausnahm, auspackte und sich über den Plüsch-Baghira freute.

Rosenblatt befragte den Jungen nach der Schule, seinen Freunden, Baseball oder was er gerade lese. Bobby antwortete bereitwillig, wenn auch recht kurzsilbig. Rosenblatt strich ihm durch das Haar. Jedes Mal, wenn er seinen Sohn wiedersah, schien es ihm, als ob er im Zeitraffer wachse. “Daddy”, fragte Bobby unvermittelt, “was ist ein Nudist?” – “Hast du das von Mami? Nun, ein Nudist ist jemand, der sehr gerne in der Natur ist. Und um die Natur besser zu fühlen, ist er auch gerne ohne Kleidung draußen.” Bobby dachte darüber nach und streichelte Baghiras Kopf. “Bist du ein Nudist?” – “Ja, manchmal bin ich ein Nudist. Viele Menschen sind Nudisten.” Jeff raschelte mit der Zeitschrift. Rosenblatt suchte nach einer Möglichkeit, das Thema zu wechseln, denn es lief nicht optimal. “Daddy, Mami hat gesagt, dass du ein perverser Nudist bist. Was ist pervers?”

(30) “Es muss aber nicht immer zur Scheidung kommen.”

“Es muss aber nicht immer zur Scheidung kommen.” Jetzt war wieder Rosenblatt dran. “Eine wahre Geschichte aus den Hamptons. Eine Frau, ebenfalls wohlhabend, war sehr genervt von den ständigen Seitensprüngen ihres Mannes. Hier hatte ER das Geld, ein richtiger Silberrücken, hatte sich aus dem Nichts hochgearbeitet. Sie hätte sich natürlich scheiden lassen können, aber das wollte sie nicht. So gab sie ihr Pilates-Training auf und nahm Kurse im Thai-Boxen. Nach ein paar Monaten war sie recht gut geworden.

Als ihr Mann wieder einmal abends von einer fremden Frau zurück nach Hause kam, erwartete sie ihn und verdrosch ihn nach Strich und Faden. Nasenbeinfraktur, Rippenkontusionen, diverse Quetschungen und so weiter. Die Liste der Verletzungen war lang. Er musste ins Krankenhaus, er sah wohl nicht schön aus. Wochenlang war er nur per Telefon erreichbar. Anschließend kosmetische Chirurgie. Hat sich dann auch gleich Fett absaugen und liften lassen.

Du würdest erwarten, dass diese Ehe hinüber ist und die beiden nur noch über Anwälte miteinander kommunizieren. Aber ganz im Gegenteil. Die Ehe wuchs wieder zusammen, er geht nicht mehr fremd und sie ist wieder zu Pilates zurückgekehrt. Eine glücklichere Ehe hat man noch nicht gesehen, heißt es.”

“Sie funktioniert also doch, die viel geschmähte häusliche Gewalt. Wie geht es eigentlich deiner Frau?” – “Spielen wir jetzt freie Assoziation?”, entgegnete Rosenblatt pikiert. “Es hat sich nichts geändert. Sie mag mich nicht, wir sind immer noch geschieden. Und heute Abend darf ich gnädigerweise meinen Sohn sehen. Zwar in ihrer Wohnung, unter Aufsicht ihres unsäglichen Personals, das ich natürlich auch noch zahle. Aber immerhin. Vielleicht wird sie irgendwann einverstanden sein, dass Bobby mal wieder ein Wochenende bei mir verbringt.”

Die Sonnenscheibe war jetzt komplett unter dem Horizont verschwunden. Sie erklärten die session für closed, zogen sich an, gingen gemeinsam zum Parkplatz und fuhren dann, jeder in seinem Auto, wieder über den Robert Moses Causeway in Richtung Babylon zurück.

(29) “Ein Kollege”, erzählte jetzt Fisher…

“Ein Kollege”, erzählte jetzt Fisher, “hat mir diese Woche von einem Fall berichtet. Dabei ging es um einen Unternehmer, der bei ihm in Behandlung war. Der Manager war sehr erfolgreich und glaubte, sich über gesellschaftliche Normen hinweg setzen zu können. Er bildete sich ein, dass er bei wichtigen Verhandlungen stets eine hübsche Frau neben sich setzen musste. Dies löse bei ihm ein Imponiergehabe aus und das mache ihn in den Verhandlungen härter, aber auch wendiger. Da es niemand in der Firma gab, der ihm das auszureden wagte und das Konzept auch zu funktionieren schien, gehörte es bald zu seinem festen Repertoire.

Mit der Zeit ging er aber weiter und führte wichtige Telefongespräche nur noch, wenn seine Sekretärin ihm auf dem Schoß saß. Auch das schien zu funktionieren, das Unternehmen florierte. Zum Eklat kam es allerdings, als er ausprobieren wollte, ob eine nackte Sekretärin noch besser wirken würde.” – “Dazu hätte es einer Doppelblind-Studie gebraucht”, scherzte Rosenblatt. “Genau, gute Idee. Sollten wir vorschlagen, aber das war nicht mehr relevant. Bei seinem, nennen wir es Feldversuch, trat seine Frau in das Arbeitszimmer und erwischte beide in flagranti beim Telefonieren.” – “Autsch.” – “Noch schlimmer: Der Frau gehörte das Unternehmen, er war nur Angestellter. Sie warf ihn raus. Seitdem kommt er auch nicht mehr zur Behandlung, denn die kann er sich nicht mehr leisten.”

“Hartes Schicksal”, meinte Rosenblatt und nippte an seinem Bier, “das war bestimmt ein einträglicher Patient. Ich hoffe, der Kollege hatte im richtigen Moment liquidiert.”

Die Sonne berührte jetzt fast den Horizont.

(28) Rosenblatt erzählte von einem Stummfilm…

Rosenblatt erzählte von einem Stummfilm, den er zwei Tage vorher auf einem seiner 181 Kabelkanäle gesehen hatte. Dabei ging es um ein junges, hübsches Mädchen und seinen Galan. Aus unerfindlichen Gründen liefen beide auch am helllichten Tag in Abendgarderobe herum. Die beiden konnten aber nicht zueinander finden, denn es gab Hindernisse. “Und hier, Herr Kollege, wurde der Film sehr spannend”, erklärte Rosenblatt. “Die Hindernisse waren einerseits eine strenge Tante und ein Butler, der sich plötzlich in einen Werwolf verwandelte. Dazu kamen ein entlaufener Gorilla, der sich im Haus der Tante versteckte sowie ein äußerst fieser Maharadscha, dem der entlaufene Gorilla gehörte. Deswegen kam der Maharadscha auch ins Haus, lernte das Mädchen kennen und wollte es entführen. Wie Maharadschas halt so sind.” Inszeniert war die Geschichte mit gehörigem Klamauk und etlichen Verfolgungsjagden, bei der sich die Protagonisten alle gegenseitig hinterherliefen. Dennoch hatte Rosenblatt sich den Streifen vollständig angesehen.

“Und?”, frage Fisher, “warum? Wo ist der Witz?” – “Merkst du es denn nicht?”, forderte ihn Rosenblatt heraus. “Das ist eine Darstellung von Freuds Strukturmodell der Psyche. Die Tante und der Maharadscha sind das Über-Ich, der Werwolf-Butler und der Gorilla stellen das triebhafte Ich dar. Dazwischen die beiden Protagonisten, zwischen Triebverzicht und –aufschub. Natürlich wurden die Triebe nicht erfüllt, es war ja ein Stummfilm, dazu noch im Basispaket.”

Fisher kicherte in seine Papiertüte hinein. “Ihr Freudianer solltet euch mal besser selbst auf die Couch legen, als euch dahinter zu positionieren.” – “Herr Dr. Fisher”, Rosenblatt gab sich gekränkt, “ich bin Psychiater wie Sie. Auch wenn ich anderen Theorien gegenüber etwas aufgeschlossener bin, macht mich das noch nicht zum Freudianer!” Jetzt mussten beide lachen, prosteten sich wieder zu und schauten ein paar Minuten still in die langsam untergehende Sonne.

(27) “Die Positivsymptome beim Patienten…

“Die Positivsymptome beim Patienten äußerten sich schon in seinem frühen Erwachsenenleben. Am College durchlebte er eine schizophrene Psychose, in der ihm Phantasiegestalten erschienen. Nach einem kompletten Zusammenbruch und einer anschließenden Einweisung in eine geschlossene Anstalt konnte eine Wiederholung bislang vermieden werden. Nach seiner Entlassung wurde die Psychotherapie fortgesetzt und zeigt gute Erfolge. Patient ist allerdings weiterhin depressiv und nimmt an einer medikamentösen Behandlung teil.”

Dr. Fisher legte das Diktiergerät in die Halterung zurück. Er ging zur Tür und öffnete sie.

“Mildred, das Diktat zu Patient Lewis ist fertig, wenn Sie es abgetippt haben, können Sie auch ins Wochenende gehen. Ich muss gleich los.” In seinem Büro zog er sich um und fuhr mit dem Aufzug in die Tiefgarage.

Nach einer guten Stunde war er in West Islip angekommen und fuhr über den Robert Moses Causeway, der die Great South Bay überquerte. Der Geruch des Meeres, der leichte Wind, der ihm die Haare auf den Armen aufkräuselte – all das machte ihn glücklich. Als er auf Fire Island am Wasserturm um den Kreisverkehr fuhr, steigerte sich seine Vorfreude noch weiter. Schließlich parkte er am Leuchtturm und spazierte durch die Dünen hinüber zum Lighthouse Beach. ‘ATTENTION Clothing Optional Area’ grüßte ihn die Hinweistafel, über die er jedes Mal lächeln musste. Er zog sein Hemd aus. Freitagnachmittag, es war einiges los. Er stieg die Holztreppe hinab zum Strand, zog Slipper und Strümpfe aus und trat in den angenehm warmen Sand.

Andy Fisher stellte den Liegestuhl auf und zog auch den Rest seiner Kleidung aus. Fast alle um ihn herum waren nackt. Einige kannte er, man nickte sich zu. Ein paar Angezogene waren auch darunter. ‘Wer ist jetzt der Freak’, dachte er und setzte sich hin, in die erste Reihe vor dem Meer, in Blickrichtung zum Horizont.

“The doctor is in”, rief es hinter ihm. Robert Rosenblatt war angekommen. “The doctors are in”, korrigierte Fisher. Rosenblatt war schon nackt, stellte seinen Liegestuhl neben Fisher, die Kühltasche in die Mitte und setzte sich hin.

“The committee is in session”, stellte Fisher fest, als sie die Bierbüchsen in den Papiertüten geöffnet hatten und sich zuprosteten.

“Tolles Gefühl”, schwelgte Rosenblatt, “am Ende einer langen Arbeitswoche sein Skrotum im Atlantikwind zu lüften.”

(26) Alex Lewis saß an seinem Schreibtisch…

Alex Lewis saß an seinem Schreibtisch, las ein Buch und kaute an dem zersplitterten Ende eines Bleistifts, als es an der Tür klopfte. Professor Scott kam herein, setzte sich in den Sessel neben dem Schreibtisch und führte seine Fingerspitzen vor dem Gesicht zu einem gleichschenkligen Dreieck zusammen. Die beiden Spitzen seines zerzausten weißen Bartes hingen symmetrisch unter dem Dreieck heraus.

“Wie sieht es aus?”, erkundigte er sich.

“Es ist unfassbar”, antwortete Alex, “je mehr ich suche, desto mehr Beweise finde ich. Die Vierheit zieht sich wie ein roter Faden durch unsere ganze Geschichte, noch weit vor den Pythagoreern.”

“Ich wusste es”, erwiderte Scott, seine Unterlippe stülpte sich kurz über die Oberlippe. “Die Tetraktys ist so alt wie die Menschheit. Alles baut darauf auf. Wir brauchen eine vollständige Bestandsaufnahme. Das ist eine Sensation.”

“Ich lese gerade einen Bericht über Ausgrabungen in Serbien”, führte Alex weiter aus. “Die Häuser von Lepenski Vir, einer Siedlung aus der Steinzeit, sind alle auf diesen Dreiecken aufgebaut.”

“Gute Arbeit. Wir müssen das alles dokumentieren. Sie dürfen nichts auslassen. Jenkins wird Ihnen dabei helfen.”

Wie auf Zuruf klopfte es erneut und Jenkins trat herein. In seinem langen Gehrock und dem Zylinder schien er am College völlig fehl am Platz. Aber da er seiner Arbeit diskret nachging, sah man wohl über seine Marotten hinweg. Er legte Alex einen Zettel auf den Schreibtisch, auf dem in krakeliger Schrift Bücher aufgelistet waren, die Alex noch durcharbeiten sollte.

Professor Scott erhob sich, klopfte Alex auf die Schulter und verließ den Raum. Jenkins folgte ihm. Alex betrachtete die Liste. Sie war sehr lang und es würde ihn viel Kraft kosten, sie abzuarbeiten. Als er wieder aufschaute, stand Felix vor ihm. “Du weißt, dass Scott dich schamlos ausnutzt. Du machst die Arbeit und er erntet die Lorbeeren. Du musst dich nicht darauf einlassen, Alex.” – “Aber ich will es so, es ist sehr wichtig, weißt du.”

Felix legte den Kopf auf die Schulter, die Enden seiner Antennen wippten hin und her. “Es geht um dich, Alex. Pass auf dich auf. Es geht um dich.”

Er legte die drei Finger seiner rechten Hand auf Alex’ Arm und drehte sich um. Sein glänzender Raumanzug reflektierte das Licht der Schreibtischlampe auf Alex, der sich geblendet abwenden musste. Als er wieder sehen konnte, war Felix weg.

(25) “Meine Kindheit war ganz ok…

“Meine Kindheit war ganz ok, glaube ich. Ich war eins dieser Soldatenkinder, wie es damals in Deutschland sehr viele gab. Immer zusammen mit anderen Soldatenkindern, in der Schule, beim Spielen, bei Ausflügen mit der Familie. Ein wenig anders war bei mir, dass meine Mutter Deutsche war. Aber dadurch hatte ich keinen besseren Kontakt mit Leuten außerhalb unserer Gemeinschaft. Ich sprach deutsch, nutzte es aber nie. Mittlerweile habe ich es komplett verlernt.

Mein Vater hatte sein ganzes Leben in der Army gedient, das formt natürlich. Disziplin ging ihm über alles, aber er war nicht übermäßig streng, da gab es ganz andere Fälle unter meinen Freunden. Ich glaube, ich habe ihn nie wirklich interessiert.”

“Warum glauben Sie, Alex, dass Sie ihn nicht interessiert haben?”, fragte Dr. Fisher, während er sich Notizen machte. Alex dachte nach und ließ derweil seine Augen über die schweren Samtvorhänge gleiten.

“Er ist immer ruhig geblieben, egal, ob ich etwas Tolles getan hatte oder etwas ausgefressen. Vielleicht war er auch zu alt. Anders meine Mutter. Sie regte sich hingegen sehr schnell auf. Und sie hatte nie Zeit. Sie war dabei, zu einer spitzenmäßigen Bowlerin zu werden, und das war ihr wichtiger als alles andere.”

“Wie fühlten Sie sich dabei, Alex?”

“Ich war stolz auf sie, niemand sonst hatte eine derart coole Mutter. Aber ich war auch einsam. Als wir in die Staaten übersiedelten, fühlte ich mich verloren. McFarland ist ein unglaublich langweiliges Provinzkaff. Außer einem Bowling Center und Maria’s Tacos Shawarma Pizza Restaurant gibt es dort nichts. Das war nicht meine Heimat, ich war etwas ganz anderes gewöhnt. Ich verlor alle meine Freunde, kam mitten im Jahr auf eine Highschool, wo ich niemanden kannte… Mein Vater war zwar jetzt im Ruhestand, fing aber mit Beratungsaufträgen an und war deswegen oft in L.A. Meine Mutter drehte jetzt richtig auf mit dem Bowling und war überhaupt nicht mehr greifbar. Einmal habe ich sogar versucht, Kontakt mit meiner älteren Halbschwester in Deutschland aufzunehmen, aber es erschöpfte sich nach zwei oder drei Briefen hin und her.”

“Wie erging es Ihnen sonst?”

“In der Schule wurde ich immer schlechter, ich konnte mich beim Lernen nicht konzentrieren. Stillsitzen war eine Qual. Und auf dem College haben die Probleme dann richtig angefangen.”

(24) Es war ein optimaler Wurf gewesen.

Es war ein optimaler Wurf gewesen. Die Bowlingkugel schlug schräg genau zwischen die Eins und die Drei ein. Die Pins krachten zu den Seiten weg. Strike! Und damit ein Wild Turkey. Es war zwar nur ein freundschaftliches Spiel mit Ted und den Myers, aber Marion konnte nicht anders. Sie drehte sich um und kehrte zu dem Tisch zurück. Ted klatschte ihr Beifall und Rachel und Bob fielen ein.

“Meine Weltmeisterin”, sagte Ted und schaute sie verliebt dabei an. “Yes, Sir, General Lewis”, antwortete Marion, deutete ein Salutieren an und setzte sich.

Nachdem Walter die Firma gegen die Wand gefahren und sie im Stich gelassen hatte, um sich mit Flittchen an der Riviera zu vergnügen, hatte sie ihr Leben noch einmal von Neuem beginnen müssen. Die Kinder hatte sie zu ihrer Schwester gegeben, sie erinnerten sie so sehr an Walter, dass es sie krank machte. Es war nicht einfach gewesen, denn noch nie zuvor hatte sie für sich selbst sorgen müssen. Zuerst arbeitete sie als Aushilfsbedienung in einem Delikatessenladen. In Abendkursen lernte sie Englisch, Stenographie und Maschineschreiben. Später hatte sie als Sekretärin für die US Army gearbeitet und dabei Ted Lewis kennen gelernt, einen Brigadier-General.

Sie hatten geheiratet, Alex wurde geboren, und nach Teds Pensionierung kehrte sie mit ihm zurück in die Staaten. Etwas enttäuscht war sie, als sie in Kalifornien am Tehachapi Municipal Airport ankamen. Aber das ausgezeichnete Ten Pin Bowling Center versöhnte sie schnell mit McFarland, Teds Heimatstadt.

Das Bowling hatte sie über Ted kennen gelernt und bereits nach einer kurzen Einweisung hatte sie ihn jedes Mal besiegt. Sie war ein Naturtalent. Bereits in Deutschland war sie in ihrem Bekanntenkreis unschlagbar gewesen. In den USA begann sie, aktiv an Wettkämpfen teilzunehmen und wurde fünf Mal zur Bowlerin des Jahres ernannt.

Bob setzte sich wieder, er hatte sein Spiel völlig versemmelt. Die beiden hinteren äußeren Pins waren nach dem ersten Wurf stehengeblieben. “Bedposts!”, jammerte Rachel. Mit dem zweiten Wurf hatte er gar nichts erreicht. Marion fand, dass Bob sich nicht genug Mühe gab.

(23) Das deutsche Paar, das vorhin…

Das deutsche Paar, das vorhin im Hotel eingecheckt hatte – hatte es ihn erkannt? Walter Gaus bedeuteten die Gesichter der beiden nichts. Dennoch, die Frau hatte ihn etwas merkwürdig angesehen und es war ihm, als ob sie hinter seinem Rücken tuschelten. Was sollte es schon bedeuten? Es war nicht alles glatt verlaufen in seinem Leben und er hatte oft den Kürzeren gezogen. Aber es gab in Wirklichkeit im Leben ja auch nichts zu gewinnen. Keinen Hauptgewinn und keine Trostpreise.

Walter schloss die Tür zu seinem Hotelzimmer auf und überlegte, ob er die Möbel etwas verschieben sollte. Nein, das würde passen. Es versprach, ein angenehmer Abend zu werden. Die beiden jungen Damen, die er an der Strandpromenade kennen gelernt hatte, besaßen für ihn genau die richtige Mischung aus Naivität und klaren kaufmännischen Vorstellungen. Es war schön für ihn zu erkennen, dass es keinen Mangel an großen blonden Frauen gab.

Er zog die Vorhänge zu und nahm den Diaprojektor aus seinem Koffer. Er hatte den beiden versprochen, ihnen seine Aufnahmen von Kirchenkunst zu zeigen. Eigentlich hatten sie einander gleichermaßen missverstanden und doch aufs Beste Einverständnis erzielt.

Bereits die Pleite des Betriebs, den er von seinem Vater übernommen hatte, war ihm wie eine Befreiung vorgekommen. Der Bankrott wiederum hatte zur Scheidung geführt. Das Geld, das er vorher in die Schweiz gebracht hatte, ohne dass Marion davon wusste, hatte zu seinem Wohlgefühl beigetragen. Danach, so schien es ihm, war er endgültig im Leben angekommen.

Er zog sich um, in dem Seidenpyjama fühlte er sich unwiderstehlich. Im Bad strich er mit der Bürste über sein volles Haar und lächelte sich an. Es klopfte. Er zog seinen Morgenmantel über und öffnete die Zimmertür.

“Das ist die große Rosette der Kathedrale von Reims”, erklärte er, nachdem er das Dia gewechselt hatte. Er nahm sein Glas Champagner und prostete den jungen Frauen rechts und links von sich zu. Eine trug ein Blumenkleid mit einem schwindelerregenden Dekolleté. Beide hatten nackte Arme, die er durch den Seidenstoff spürte, wenn sie sich an ihn schmiegten, um seinen Erklärungen zu folgen.

“Am Außenbau gibt es 211 mittelgroße Skulpturen und im Innenraum noch einmal 191. Die Kathedrale ist in der Tat ein bildhauerisches Gesamtkunstwerk”, erklärte er. Die Dame mit dem tiefen Dekolleté hatte ihre Hand auf seinen Oberschenkel gelegt und streichelte ihn langsam bis hin zur Leistengegend. Die andere fuhr mit der Hand zwischen die Knöpfe der Pyjamajacke und fasste ihn an die behaarte Brust. Er legte das nächste Dia ein, lehnte sich nach hinten in den Sessel und schloss die Augen. Von der weißen Wand schaute der lächelnde Engel auf ihn herab.

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