Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(131) Ernst Koch war der Reichtum in die Wiege gelegt worden.

Ernst Koch war der Reichtum in die Wiege gelegt worden. Nach dem Tod seiner Eltern hatte ihn zunächst eine Tante großgezogen. Nach ihrem Tod erhielt er einen Vormund, bis er die Volljährigkeit erreichte.

Es zeigte sich früh, dass er sehr geschäftstüchtig war und das Vermögen seiner Eltern durch geschickte Investitionen mehren konnte. Durch seine Behinderung schien er ein sehr feines Gefühl für die Fähigkeiten anderer Menschen entwickelt zu haben und vertraute bei seinen Investitionen vor allem auf die richtigen Mitarbeiter. So viel Glück er auch im Geschäftsleben hatte, ansonsten schien er vom Pech verfolgt.

Koch hatte eine junge Frau kennen gelernt, die ihn wirklich liebte und hatte mit ihr einen Sohn. Allerdings starb die Frau kurz darauf an einem angeborenen Herzklappenfehler, den sie ihm verschwiegen hatte. Er machte sich große Vorwürfe, weil eine Operation, die er leicht hätte bezahlen können, die Rettung für sie gewesen wäre. Ihr Tod hatte Ernst Koch aus der Bahn geworfen. Er kümmerte sich nicht genug um seinen Sohn, aber stellte ihm zu viel Geld zur Verfügung. Karl Koch, so hieß der Sohn, war in schlechte Gesellschaft geraten. Er lebte auf dem Land in einer Wohngemeinschaft, eine Keimzelle für eine Art Neonazi-Sekte.

Rüdiger lernte Karl anlässlich mehrerer Besuche kennen und fühlte, dass er Ernst Koch vor seinem Sohn schützen musste. Der Grund von Karls Besuchen war jedes Mal Geld. Er musste jeden Monat bei seiner Sekte den Großteil seiner Einkünfte abliefern und von einem wie ihm, der einen reichen Vater hatte, erwartete man mehr als von jedem anderen.

Ernst Koch gab ihm ständig weiter Geld. “Es ist ein Fehler”, erklärte er Rüdiger, “das weiß ich. Aber wenn Sie einmal angefangen haben, gibt es kein Zurück. Ich weiß nicht, was Karl machen würde, wenn ich ihm den Geldhahn zudrehte. Ich glaube, es ist günstiger für mich, ihm Geld zu geben.”

Karl hasste Rüdiger und versteckte es nicht. Er sagte, Rüdiger habe einen schlechten Einfluss auf seinen Vater und er solle bloß aufpassen. Ernst Koch besaß noch von seinem Vater eine Mauser Hsc. Rüdiger hatte die Waffe ständig in Reichweite.

(130) Rüdiger hatte nach dem Abbruch seines Studiums…

Rüdiger hatte nach dem Abbruch seines Studiums zuerst ein paar Gelegenheitsjobs übernommen, dann war er Taxifahrer geworden. Es war, als ob das Ende seiner Beziehung mit Kathrin ihm alle Energie geraubt hätte. Eigentlich war sie es gewesen, die die wesentlichen Entscheidungen traf und er hatte sie dabei unterstützt. Allein war er nicht in der Lage, neue Perspektiven zu finden und so driftete er durchs Leben. Sein Dasein änderte sich, als er Ernst Koch kennen lernte. Eines Tages bekam Rüdiger von seinem Taxiunternehmen einen Auftrag. Er sollte einen wiederhergestellten Computer aus der Reparatur holen und zu einem Ernst Koch hinbringen.

Koch wohnte in einem allein stehenden, recht prachtvollen Haus. Rüdiger trug den Computer im Karton die Außentreppe hoch, bis zur Haustür und klingelte. Es rührte sich zunächst nichts und er überlegte sich, was er jetzt wohl machen sollte. Dann erblickte er einen Schatten hinter der Glasscheibe der Tür und es wurde ihm aufgemacht. Vor ihm saß ein Mann im Rollstuhl, der keine Hände und keine Füße hatte. Wie Rüdiger später herausfand, konnte Koch über ein Blasröhrchen den Cursor eines am Rollstuhl montierten Laptops bedienen. Der Laptop funktionierte wie eine Fernbedienung mit der Koch u.a. die Haustür öffnen und schließen konnte.

“Wo soll ich Ihnen den Computer hinstellen?”, fragte Rüdiger und versuchte, sein Zögern zu überspielen. “Kommen Sie mit”, sagte der Mann, “ich zeige es Ihnen.” Der Mann surrte mit seinem elektrischen Rollstuhl voraus. Rüdiger stellte den Computer auf und schloss ihn an. Koch wollte wissen, warum er Taxi fahre, da er doch augenscheinlich über vielseitigere Talente verfüge. Rüdiger meinte etwas beschämt, es habe sich halt so ergeben. Der Behinderte lud ihn auf einen Kaffee ein, den Rüdiger zubereiten musste, da Kochs Hilfskraft gerade außer Haus war und eine Besorgung erledigte.

Der Rollstuhlfahrer erzählte, dass er als Kind in einem Autounfall beide Hände und Füße verloren habe. Seine Eltern seien bei dem Unfall ums Leben gekommen und seitdem sei er auf sich gestellt. Am Ende fragte ihn Koch, ob Rüdiger Interesse an einem Job bei ihm habe. Nicht als Krankenpfleger, dafür habe er jemanden, sondern als eine Art Privatsekretär oder Gesellschafter. “Aber ich habe in so etwas keine Erfahrung”, beteuerte Rüdiger. “Was soll ich denn genau machen?” – “Das werden wir dann schon sehen”, antwortete Koch und fügte zwinkernd hinzu: “Es wird auf jeden Fall etwas mit Hand und Fuß sein, das verspreche ich Ihnen.”

(129) Eric und Rosa kannten sich seit ihrer Studienzeit.

Eric und Rosa kannten sich seit ihrer Studienzeit. Eric war Germanistikstudent gewesen. Getroffen hatten sie sich im Filmclub. An ihrem Kennenlernen beteiligt war ein anderes Pärchen, Kathrin und Rüdiger. Kathrin Michels war Rosas beste Freundin und Rüdiger Wegel war ein Kommilitone von Eric.

Rüdiger war ein Hüne, viel größer als Kathrin, die ihm nur bis zur Brust reichte. Wo immer die beiden auftauchten, sorgten sie für Aufsehen. Im Filmclub setzte sich Rüdiger jedes Mal weit vorn an die Seite, denn trotz seiner dicken Brille konnte er die Filme schon von der fünften Reihe aus nicht gut erkennen. Für ihn, so scherzte er, waren alle Filme im Filmclub “schräg”.

Rüdiger und Kathrin waren bereits seit der Grundschule zusammen und wirkten wie ein altes Ehepaar. Die Fundamente der Beziehung zwischen Rosa und Eric waren schnell gelegt: Eric war bereits im Filmclub; Rüdiger fand, dass Eric auch eine Frau haben sollte; Kathrin dachte, dass ihre Freundin Rosa gut passen könnte und lud sie zur Vorstellung von ‘Einer flog übers Kuckucksnest’ ein. Danach gingen die beiden Paare in eine Kneipe und diskutierten über den Film im Allgemeinen und geschlossene Anstalten im Speziellen. Überliefert wurde der Spruch von Rüdiger, nachdem auch die Ehe eine geschlossene Anstalt sei.

Die Begegnung wurde wiederholt und beim dritten Mal trafen sich Rosa und Eric bereits allein. Nach der Uni heirateten sie sehr schnell, noch bevor Eric beim Fernsehen anfing und Rosa für die Pharmaindustrie arbeitete.

Kathrin und Rüdiger hingegen trennten sich, bevor sie mit dem Studium fertig waren. Kathrin lernte im Studentenausschuss einen anderen Mann kennen und verließ Rüdiger. Kathrin und Rosa verloren sich danach vollständig aus den Augen.

Rüdiger geriet durch die Trennung von Kathrin aus der Bahn und brach sein Studium ab. Seine Eltern unterstützten ihn noch längere Zeit und er blieb auch mit einigen Freunden, wie Eric in Kontakt. Dann wurden die Treffen seltener. Erst nach Jahren erinnerten sich Rosa und Eric an Rüdiger. Sie stellten aber fest, dass sie beide keine Ahnung hatten, was Rüdiger machte oder wo er sich gerade aufhielt.

(128) Dienstmädchen hatte es im Hause Bruns nie gegeben.

Dienstmädchen hatte es im Hause Bruns nie gegeben. Eric hatte die sexuelle Fantasie quasi von seinem Vater geerbt. Bruns Senior war ein Handelsreisender und verbrachte deshalb viele Nächte allein unterwegs. Dass er einen Teil seiner Einsamkeit mit Pornografie füllte, war verständlich.

Eric hatte natürlich nie mit seinem Vater darüber gesprochen und er glaubte auch nicht, dass seine Mutter davon wusste.

Er hatte das Versteck mit der Zeitschriftensammlung seines Vaters gefunden und machte davon ebenfalls Gebrauch.

Dem Anschein nach gab es zwei Varianten, die für Bruns Senior besonders befriedigend waren: Sex mit Dienstmädchen sowie Sex zwischen Normal- und Kleinwüchsigen. Seltsamerweise gab es keine Hefte, die diese Vorlieben kombinierten, aber wahrscheinlich war der Markt dafür zu eng. Warum Bruns Senior sich für genau diese Spielarten der menschlichen Sexualität interessierte, konnte Eric nicht erklären. Sex mit Kleinwüchsigen hatte ihn selbst nie interessiert. Er verurteilte das Interesse seines Vaters keinesfalls, konnte ihm aber nicht folgen.

Dienstmädchen hingegen nahmen in Erics Fantasien eine zentrale Rolle ein, insbesondere in Kombination mit Spanking. Sonst hatte Eric wenig Gemeinsamkeit mit seinem Vater. Hätten beide über ihre jeweiligen Dienstmädchenfantasien miteinander sprechen können, wären sie sich vielleicht näher gekommen. So aber war ihre Beziehung recht oberflächlich.

Wenn sein Vater nach ein paar Tagen zuhause sich wieder auf den Weg machte, untersuchte Eric noch am gleichen Abend das Versteck des Vaters, um zu sehen, ob es Neuzugänge gegeben hatte. Da die Geschäfte von Bruns Senior nicht so gut liefen, war das eher selten der Fall. Viele Hefte waren daher bereits in einem sehr abgegriffenen Zustand.

Eric hatte bis dahin nie mit jemand darüber gesprochen.

Rosa fand die Geschichte mit den vererbten Fantasien sehr interessant, denn sie war Biologin.

(127) Ist es dir wirklich so wichtig, dass ich für dich diese Uniform trage?

“Ist es dir wirklich so wichtig, dass ich für dich diese Uniform trage? Den Rest mache ich ja mit, aber ich komme mir so blöd darin vor.” – “Ach Schatz, das haben wir doch schon mehrfach besprochen. Mich macht es einfach mehr an. Tu mir den Gefallen. Es ist ja nicht so oft.”

Eric und Rosa lehnten beide mit dem Rücken gegen die Kopfseite des Betts. Sie waren fünf Jahre verheiratet gewesen, als Eric von einer Produktion ein Dienstmädchenkostüm mitgebracht hatte und sie bat, es anzuziehen. Es hatte sie erstaunt, weil sie diese Seite von ihm bis dahin nicht gekannt hatte. Rosa hatte das Kostüm angezogen, um ihm eine Freude zu machen. Es war ihr natürlich klar gewesen, dass sein Interesse sexueller Natur war. Der Sex, der darauf folgte, war auch ganz anders gewesen, viel lustvoller, viel intensiver. Danach hatte sie ihn gefragt, ob er noch andere Fantasien habe, die er gern ausprobieren würde. Er hatte etwas herumgedruckst und dann erklärt, dass er auf Spanking stehe. Sie wusste zuerst nicht, was er damit meinte und er musste es ihr erklären. Damit hatte sie nicht gerechnet, aber da sie gefragt hatte, fühlte sie sich verpflichtet, etwas mit der Antwort anzufangen. Es entsprach gar nicht ihrer Vorstellung von erfüllter Sexualität, aber sie sah sich als neugierig und aufgeschlossen.

“Wir können es ja mal probieren”, hatte sie ihm geantwortet, “aber ich kann dir nicht garantieren, dass es mir gefallen wird.” Allein die Vorfreude darauf hatte Eric wieder angeregt.

Die Premiere war gut verlaufen. Es war Rosa weniger unangenehm, als sie es erwartet hatte. Sie bat ihn sogar, etwas fester zu schlagen, weil sie sich sonst lächerlich dabei vorkam. Durch die gesteigerte Durchblutung fühlte auch sie sich besonders erregt nach seinen Schlägen. Seitdem versohlte er sie alle paar Monate, allerdings nur nach Absprache. Als er ihr irgendwann eine neue Dienstmädchenuniform gekauft hatte, wurde ihr gewahr, dass sie die Verkleidung dabei am wenigsten mochte und sie hatten es diskutiert.

Für Eric war es aber ein wichtiger Bestandteil und das hatte sie akzeptiert. Er hatte sie einmal gefragt, ob sie Lust hätte, die Rollen zu tauschen. Das hatte sie aber abgelehnt. “Warum ist dir die Uniform so wichtig? Hattet ihr zu Hause in deinem Elternhaus Dienstmädchen und wurdest du von einem verführt?”, frotzelte sie.

(126) Eric Bruns saß zu Hause in seinem Sessel und las Zeitung.

Eric Bruns saß zu Hause in seinem Sessel und las Zeitung. Er räkelte sich. “Rosa”, rief er. “Rosa, kommen Sie mal.” Rosa trat ins Zimmer. Sie trug eine schwarze Dienstmädchenuniform mit weißer Schürze. “Was kann ich für Sie tun?”, fragte sie. “Ich bin nicht zufrieden mit Ihren Leistungen, Rosa.” – “Oh, was habe ich falsch gemacht?” – “Meine Zeitung hier lag nicht an ihrem Platz. Warum haben Sie sie vor mir versteckt?” – “Ich habe sie nicht vor Ihnen versteckt. Ich muss sie wohl versehentlich verlegt haben.” – “Außerdem haben Sie nicht gründlich staubgewischt. Überall fliegen Wollmäuse rum.” – “Das tut mir Leid. Aber ich gebe wirklich mein Bestes…” – “Ich glaube”, sprach Eric entschlossen, “ich muss Ihnen Ihre Pflichten noch einmal nachdrücklicher einprägen.”

Er stellte seine Beine nebeneinander und zeigt auf seine Knie. “Aber ich habe mich doch gebessert”, beteuerte Rosa. Eric zeigte nur weiter auf seine Knie. Sie ging zu ihm und legte sich mit dem Bauch quer auf seine Knie. Mit den Armen stützte sie sich ab. Er zog seine Knie etwas auseinander und ihre Füße baumelten jetzt in der Luft.

Eric schob ihren Rock hoch und legte ihre Unterhose frei. Er fasste die Unterhose exakt an den beiden schmalen Hüftseiten und zog sie herunter, ihren Hintern freilegend. Sie protestierte, aber er ignorierte es. Er betrachtete ihren Hintern intensiv. Dann hob er die rechte Hand und mit der flachen Handfläche schlug er ihr abwechselnd auf beide Backen. Ihre Haut rötete sich. Seine Handfläche wurde warm. Sie wimmerte leise.

Als er fertig war mit Schlagen, streichelte er sanft über die geröteten Stellen und dazwischen. Ihr Wimmern mündete in einem leisen Stöhnen. Er half ihr aufzustehen, sie war etwas wackelig. Dann führte er sie nach nebenan ins Schlafzimmer.

(125) Das Publikum johlte, als die Pu der Bär-Tänzer die Bühne verließen.

Das Publikum johlte, als die Pu der Bär-Tänzer die Bühne verließen. Mehrmals leuchtete die Lichttafel mit ‘Applaus’ auf, um die Reaktion zu verlängern. “Was für ein lahmes Gesocks”, murmelte Eric Bruns, der Studioregisseur. “Jetzt auf die Drei”, befahl er und der Moderator war in Großaufnahme auf dem Kontrollschirm. “Die Eins in Totale auf den Wasserkasten. Die Zwei auf die Kandidaten.” Der Moderator versuchte sich an einer Überleitung zu der nächsten Talentnummer. Er spazierte hinüber zu den Kandidaten, vier jungen Männern in knappsitzenden Badehosen. Er stellte sie vor und erklärte ihr Talent. Sie wollten sich kopfüber in eine Wasserwanne legen und unter Wasser fünf Minuten die Luft anhalten.

“Gott, Scheiße”, stöhnte Eric. “Wer hat sich diesen Schwachsinn ausgedacht. Da schaltet doch jeder weg. Fünf Minuten. Nicht zu fassen.” – “Vielleicht haben wir ja Glück und einer ertrinkt”, meinte seine Assistentin trocken und blendete die Namen der Kandidaten ein, die sich jetzt nacheinander vorstellten. “Nächster. Und grüß jetzt nicht deine Oma, Bürschchen.” Eric drückte auf den COM-Knopf “Unterwasserkameras bereithalten. Jetzt auf die Eins. Zwei geht nach. Drei auf Ausgangsstellung.”

Die Kandidaten legten sich jetzt in die kniehochgefüllte Wanne. Es war ein Sandkasten aus dem Baumarkt, der umdekoriert und verändert worden war. Der Bühnenbildner hatte den Boden teilweise mit einer Glasplatte ausgetauscht und das Becken auf ein Gerüst gestellt. Darunter standen Kameras, damit man die Kandidaten von unten filmen konnte. “U-Kamera Eins.” Der Kontrollbildschirm zeigte das Gesicht eines der Kandidaten unter Wasser. Ein paar Bläschen stiegen aus seiner Nase und rollten am Mund hinunter bis zum Kinn, wo sie verschwanden. Der Moderator redete weiter, sprach mit dem Publikum. “Was ist das für ein Dreck? Ist das im Wasser oder an der Scheibe?” – “Scheibe”, entschied die Assistentin. “U-Kamera Zwei. Und macht den Dreck von der Scheibe bei der Eins weg. Seid ihr blind?” Eric schüttelte den Kopf. “Gott, ist das langweilig. Warum nur Typen? Warum keine Frau?” – “Frauen machen so was nicht”, antwortete die Assistentin. Eric musste lachen und geriet deswegen ins Husten. “Publikumsreaktionen von der Eins und der Zwei. Hopp, hopp.”

(124) Jutta schaltete den Fernseher ein.

Jutta schaltete den Fernseher ein. Es lief eine Unterhaltungsshow, in der Zuschauer ihre Talente zum Besten geben konnten. Auf der Bühne mühte sich gerade eine Tanzgruppe ab, die wie Figuren aus Pu der Bär kostümiert waren: Pu war eine Frau im schwarzen Plüschkleid; Ferkel ein etwas feister Mann mit Weste, Fliege sowie einem Hut mit angeklebten Schweinsohren; Christopher Robin eine schmale Blondine mit kurzen Haaren; sowie Tiger, eine dralle Frau im Tigerleotard, hochtoupierten Haaren und Netzstrümpfen.

“Zwei davon erinnern mich an meine Schwiegereltern”, stellte Frauke vergnügt fest. “Lass mich raten… Ferkel und Tiger?” – “Ja genau. Es fehlen bei ihm nur noch die Schweinsohren. Die Schnute dazu hat er auf jeden Fall. Ich mag es zum Beispiel gar nicht, wenn er mich zur Begrüßung küsst. Jedes Mal, wenn ich seine feuchten Lippen an der Wange spüre, wird mir übel. Und sie ist wirklich so eine dralle Wuchtbrumme, die überall ihre Tigerpfoten hat.” – “Und untereinander?” – “Auch wie Ferkel und Tiger, sie befiehlt, er folgt.” – “Und dein Mann darin?” – “Na, der ist natürlich so unschuldig wie Christopher Robin.” – “Das lässt dann nur noch Pu den Bären für dich.” Beide mussten lachen. “Genau, ich bin Pu der Bär. Ein Bär von sehr geringem Verstand.” – “Und ein Schleckermaul, kein Honigtopf ist vor dir sicher”, fügte Jutta hinzu. “Schon ein tolles Buch. Ich habe es sehr oft verschlungen, als Kind und auch später. Ich habe auch die CDs, vorgelesen von Harry Rowohlt. Da hör ich manchmal rein.” – “Es ist eine Schande, was die Deppen im Fernsehen daraus machen. Eine Talentshow. Am Ende sind es noch wirklich meine Schwiegereltern.” – “Das kann nicht sein”, widersprach Jutta, “die hätten dich doch bestimmt zu der Aufzeichnung eingeladen. Noch ein Gläschen?”

(123) Jutta Dombrowski hatte ihrer Freundin Frauke gerade erzählt…

Jutta Dombrowski hatte ihrer Freundin Frauke gerade erzählt, wie sie ihrem Chef, Dr. Buchbinder, einen Abschleppwagen in Island bestellt hatte. Ihres Wissens nach war es zum ersten Mal gewesen, dass er überhaupt seinen ein-Kilometer-Radius um die Apotheke herum verlassen hatte. “Für die Midlife Crisis ist er ja eigentlich etwas zu alt. Außerdem glaube ich, dass Männer eher eine Harley Davidson kaufen als nach Island zum Vulkan zu fliegen”, sinnierte Jutta. “Ich denke, er hatte einen Aussetzer und wird sich wieder bekrabbeln”, entgegnete Frauke.

“Auf jeden Fall”, sprach Jutta, “werden wir jetzt die Kekse killen, die du unverschämterweise mitgebracht hast. Muss ich die Einzige sein, die hier Speckröllchen ansetzt?” – “Komm, wir machen ein Spiel”, schlug Frauke vor. “Jede von uns steckt abwechselnd Kekse in den Mund, aber ohne sie zu zerkauen. Wer die meisten Kekse in den Mund bekommt, hat gewonnen.” – “Sehr gut“, meinte Jutta, “und der Verlierer muss seine Kekse alle essen, der Gewinner nicht. OK?” – “Einverstanden”, antwortete Frauke.

Es war wie in einem Spaghetti-Western. Jutta und Frauke nahmen abwechselnd Kekse aus der Schachtel und steckten sie sich in den Mund. Bei den ersten elf Keksen gab es überhaupt keine Probleme. Danach mussten beide Frauen etwas umschichten, aber beide schlugen sich wacker. Ihre Wangen beulten sich aus und ihre Hälse fingen an zu kratzen wegen der von den Keksen aufgesaugten Feuchtigkeit. Bei 17 Keksen konnten beide ihre Lippen nicht mehr schließen. Bei 19 Keksen war Frauke am Ende, der letzte Keks purzelte ihr aus dem Mund. Jutta steckte noch vier Kekse hinzu, dann war auch sie am Ende.

Frauke entledigte sich ihrer Spielschuld, indem sie ins Bad lief und alle Kekse in die Toilette fallen ließ. Jutta folgte ihr und schaffte es gerade auch noch bis zur Kloschüssel. Beide mussten lachen. “Du und deine verrückten Ideen”, meinte Jutta, “aber du hast gemogelt. Du hättest die nassen glitschigen Kekse essen müssen.” – “Pfui”, entgegnete Frauke, “das war ja ganz unmöglich. Aber du hast einen gut bei mir.” Sie saßen wieder im Wohnzimmer und Frauke schenkte noch von dem billigen, lieblichen Rotwein nach.

(122) Josef Buchbinder überquerte die langgezogene Brücke über den Borgarfjörður…

Josef Buchbinder überquerte die langgezogene Brücke über den Borgarfjörður und hinter Borgarnes verließ er die Ringstraße in Richtung Snæfellsjökull. Der Vulkan ragte hoch aus der Ebene heraus. Die Straße verlief zuerst seitwärts nach Norden und bog dann Westen ab, um frontal zum Vulkan zu führen. Josef schaute immer wieder von der Straße auf den Vulkan. Die Sonne stand etwas tiefer, aber noch oberhalb des Bergs. Er hatte die Sonnenblende heruntergeklappt und beugte sich leicht nach vorn über das Steuerrad, um neue Eindrücke zu sammeln.

Die Landschaft war so karg, wie er sie sich vorgestellt hatte. Etwa 20 Kilometer vor seinem Ziel musste er noch einmal in eine schmalere Straße abbiegen, die sich links um einen Hügel wandt. Der Snæfellsjökull verschwand aus seinem Blickfeld und als er wieder erschien, gleichzeitig mit der Sonne, war Josef eine Sekunde nur geblendet. Er verpasste die Rechtskurve der Straße und fuhr mit seinem Wagen in den Graben.

Benommen öffnete er die leicht verbogene und daher knarrende Fahrertür und stieg aus. Unter der aufgefalteten Motorhaube drang Wasserdunst heraus und wehte Richtung Vulkan.

Ein Telefon klingelte. Es war sein Mobiltelefon, das er in der Jackentasche trug. “Hallo?” – “Hallo. Herr Dr. Buchbinder? Wo sind Sie?” – „Hallo, Frau Dombrowski. Ich bin am…” Josef merkte, dass er den Namen des Vulkans noch nie ausgesprochen hatte und es auch nicht konnte. “Ich bin unter dem Vulkan. Auf Island.” – “Aha, ja, machen Sie Urlaub? Ihre Geschwister waren hier und haben Sie vermisst. Wann kommen Sie denn wieder zurück?” Josef sah zu dem Snæfellsjökull hinüber, der sehr weit entfernt schien und sich mit Wolken verhüllte. Die Sonne war dahinter verschwunden. Ihm war kalt. “Hallo, sind Sie noch da? Wann kommen Sie wieder zurück?” – “Bald”, sagte er. “Sagen Sie meinen Geschwistern… Sagen Sie ihnen, dass alles in Ordnung ist. Sie sollen sich keine Sorgen machen.” Er schaute auf den ramponierten Wagen. “Frau Dombrowski, könnten Sie versuchen, ob Sie einen Abschleppwagen in Island bestellen können? Ich habe eine kleine Panne gehabt.”

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