Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(251) „Das war knapp“, sagte Charlotte…

„Das war knapp“, sagte Charlotte, „ich dachte wirklich, sie wären wegen uns da. Irgendeine Alarmanlage, die wir übersehen hätten.“ – „Dann wären sie früher dagewesen“, antwortete Damien, „aber mir ist auch das Herz stehen geblieben, als ich das blaue Blinken sah.“

Ein paar Tage nach dem Einbruch saßen sie am Strand, schauten sich den Sonnenuntergang an und tranken Champagner.

Aus der Zeitung hatten sie erfahren, dass der Polizeieinsatz einer Statue galt, die Studenten aus dem University College in London entführt und an der Kirche ausgesetzt hatten. Erst danach suchte Damien seinen Hehler auf und verkaufte den Schmuck. Mit dem Geld konnten sie erst einmal für einige Zeit in ihrem Strandhäuschen untertauchen.

Damien küsste Charlotte. Sie waren seit über zehn Jahren zusammen im Geschäft und er fand, dass sie ein gutes Team waren. Vor allem sorgte Charlotte auch dafür, dass er nicht zu gierig wurde. Ihre Einbrüche erledigten sie in unregelmäßigen Abständen, nie in der gleichen Gegend und immer nach anderen Ablaufmustern. Sie waren sehr vorsichtig bei ihren Einsätzen. Wenn ihnen bei der Planung ein Detail nicht gefiel, bliesen sie den ganzen Einsatz ab.

Aus Damiens Sicht konnte ihre kriminelle Karriere noch ewig so weitergehen, zumindest so lange es ihm die Bandscheiben erlaubten, von außen in eine Wohnung einzusteigen.

Charlotte zeigte auf einen Punkt in der Ferne. „Schau mal, das sieht aus, als ob da jemand angespült wurde.“ Damien blickte über die Schulter. „Vielleicht ein Baumstamm“, meinte er träge. „Nein, das ist ein Mensch“, widersprach sie, erhob sich und ging in Richtung des Strandguts. Er stellte das Glas ab und folgte ihr seufzend.

Es war ein Mann, der angeschwemmt worden war. Er trug Pullover, Jeans und Lederschuhe. Seine Hände waren schrumpelig. Charlotte fühlte nach seinem Puls. „Er lebt. Wir sollten einen Krankenwagen rufen, aber anonym, um nicht in irgendetwas hineingezogen zu werden. Komm, pack mal mit an, wir ziehen ihn ins Trockene.“

Die Schleifspuren, die der Körper im Sand hinterließ, wurden schnell von den Wellen wieder getilgt.

Advertisements

(250) Der Lautsprecher des Funkgeräts krächzte: „Damien?“

Der Lautsprecher des Funkgeräts krächzte: „Damien?“ – „Ja?“, antwortete er, den Daumen auf der Sprechtaste. „Er ist weg, hat irgendein Möbel an der Kirche abgeliefert. Mach weiter.“ – „OK.“ Damien steckte das Funkgerät unter seinen Overall und klappte die Schweißerbrille wieder herunter. Er drehte das Gas auf und entzündete es. Dann öffnete er das Sauerstoffventil und die Flamme wurde zu einem gleißend hellen Licht, mit dem er den Stahl der Tresortür aufschnitt.

Nach einer Viertelstunde war er fertig. Er löschte die Flamme und setzte eine Brechstange in die Fuge. Die Tür ließ sich jetzt leicht heraushebeln und kippte mit einem dumpfen Krachen auf die Sofakissen, die er vorher zu diesem Zweck ausgelegt hatte. Eines der Kissen fing Feuer, als es mit dem heißen Metall in Kontakt geriet. Mit seinen handschuhgeschützten Händen schlug Damien die Flammen aus.

Im Tresor lagen zwei Aktenordner, ein Päckchen Bargeld, eine Computerfestplatte sowie ein schwarzes Schmuckkästchen. Damien nahm das Kästchen und öffnete es. Im Schein seiner Stirnlampe glitzerten ihm Diamanten im Gesamtgewicht von 311 Karat entgegen. Manche waren an Ringen, viele an einem Collier, andere an Ohrgehängen. Er lächelte. Er war am Ziel. Schnell verstaute er das Kästchen in seinem Overall und stopfte auch das Päckchen Geld dazu. Seine Hand schwebte einen Augenblick über der Festplatte. Er ließ sie liegen.

Sein Werkzeug verstaute er in einem Seesack, schwang ihn sich über die Schulter und trat zwei Schritte zurück. Sorgfältig suchte er alles ab, um sicherzugehen, dass er nichts vergessen hatte. Dann machte er die Stirnlampe aus, nahm das Funkgerät und sprach hinein: „Charlotte, ich komme. Fahr das Auto vor.“

Als er aus dem Seitenfenster stieg, registrierte er, dass sie das Auto rückwärts an die Hecke gefahren hatte. Er drückte sich durch das Gebüsch bis hinter den Wagen, öffnete die untere Heckklappe und schob den Seesack hinein. Dann glitt er selbst auf die Ladefläche und zog die Klappe hinter sich wieder zu.

„Gutes Timing“, erklärte Charlotte, „irgendetwas ist an der Kirche los. Wir sollten verschwinden.“ – „Dann mal los“, meinte er, „nichts hält uns mehr hier.“ Als sie wieder Richtung London fuhren, kam ihnen kurze Zeit später ein Polizeiwagen mit Blaulicht entgegen.

(249) Farley fluchte.

Farley fluchte. Es war ein kompletter Reinfall gewesen. Stolz hatte er Herrn X die Seitentür des Lieferwagens aufgeschoben und Lob erwartet.

Herr X fragte aber nur: „Wo ist der Kopf?“ Farley war perplex und erwiderte: „Der ist doch da oben drauf.“ Es stellte sich heraus, dass Herr X den richtigen Kopf wollte. Früher hatte dieser zwischen den Füßen von Bentham gelegen, aber nachdem er öfters zum Spaß von Studenten versteckt worden war, hatte man den Originalkopf sicher und separat verwahrt.

„Was soll ich mit dem Zeug?“ Herr X wurde wütend. „Ich hatte ihnen doch gesagt, dass Sie unbedingt darauf achten sollten, dass der Kopf dabei ist!“ – „Der ist ja auch dabei“, hatte Farley zurückgekeift. „Woher soll ich wissen, dass es zwei davon gibt?“ – „Sie sind ein Amateur“, hatte ihm Herr X vorgeworfen. „Rufen Sie mich nicht mehr an, die Nummer existiert nicht mehr.“ Dann war er in den Büschen verschwunden und Farley stand da vor der offenen Lieferwagentür mit einem Bentham in Dehnfolie dahinter. Es war alles vergeblich gewesen, für diese Ware gab es keinen Hehler.

Als der Tankstellenpächter um die Ecke bog, schmiss Farley die Schiebetür zu und fuhr wieder weg. Langsam sah man die ersten Sonnenstrahlen hinter dem Horizont hochkommen.

Er musste den Philosophen loswerden. Wenn die Polizei ihn erwischte, würde man es nicht als Dummejungenstreich abtun, dafür waren seine Vorstrafen zu eindeutig.

Während Farley überlegte, was er mit Bentham machen sollte, war er weiter nach Norden gefahren. Er gelangte in ein kleines verschlafenes Dorf mit einer Kirche, einem Gemeindeanger samt Teich und vielen verstreuten Villen. Er fuhr mit dem Lieferwagen nahe an die Kirche heran und blieb stehen. Er stieg aus und schaute sich um. Er konnte keine Menschenseele sehen.

Schnell öffnete er die Seitentür, befreite Bentham von seinen Gurten und ließ ihn auf dem Stuhl auf die Straße hinunter. Dann hievte er ihn hoch, trug ihn die kleine Treppe hoch und stellte ihn vor die Kirchentür, so als ob der Philosoph auf die Gläubigen wartete.

Farley hielt noch einmal inne. Es war weiterhin ruhig. Er schloss die Tür des Laderaums, setzte sich hinters Steuer und fuhr wieder zurück Richtung London.

(248) Es war für Farley überhaupt nicht schwierig gewesen…

Es war für Farley überhaupt nicht schwierig gewesen, an die Schlüssel zu gelangen. Nachdem er über Jennifer recherchiert hatte, wusste er schnell, wo er ansetzen musste. Das Notizbuch hatte er selbst vollgeschrieben mit Auszügen aus verschiedenen Artikeln, die er im Internet gefunden hatte. Jennifer bekam das präparierte Notizbuch quasi auf dem Präsentierteller serviert. Am Telefon hatte er sie komplett eingewickelt. Nachdem er mit ihr über ihr Idol Adam Smith geredet hatte, hätte sie ihm wahrscheinlich geholfen, die Kronjuwelen aus dem Tower zu stehlen.

Als Jennifer sich frisch machte, hatte er ihr die Schlüssel aus der Handtasche gezogen. Anschließend ging er selbst zur Toilette und machte Plastilinabdrücke von den Schlüsseln, die ihn interessierten. Danach war es ihm ein Leichtes, die Schlüssel wieder in ihre Handtasche gleiten zu lassen.

Am nächsten Tag hatte Farley die Schlüssel von einem Kumpel nachmachen lassen. In der Nacht darauf hatte er Jeremy Bentham gestohlen.

Was man mit einem Skelett anfangen sollte, das in einem mit Stroh ausgefüllten Kostüm steckte, war Farley schleierhaft. Aber es war ein bezahlter Auftrag, den er ausführte. Nur das war ihm wichtig.

„Bentham?“, hatte er Herrn X gefragt, als er den Auftrag empfing. Sein Gegenüber erzählte ihm, dass es um die sterblichen Überreste eines Philosophen ging, der 1842 gestorben war. In seinem Testament hatte Bentham verfügt, dass sein bekleidetes Skelett in einem Schaukasten ausgestellt werden sollte. Seitdem saß er im University College auf einem Stuhl.

Nachdem Farley den Schaukasten mit seiner Schlüsselkopie geöffnet hatte, umwickelte er die ganze Figur samt Stuhl mit Dehnfolie und zurrte alles fest. Besonders die Nachbildung des Kopfes aus Wachs war sehr empfindlich. Schließlich transportierte er den Kokon hinaus zu seinem Lieferwagen. Mit Gurten fixierte er den Stuhl im Laderaum. Er war zufrieden mit der Aktion.

Herr X, dessen Namen Farley nicht kannte, den er aber als einen exzentrischen Millionär einschätzte, würde von seiner Professionalität beeindruckt sein. Jennifer tat ihm etwas leid, sie war mit großer Erwartung zu dem Treffen gekommen. Es war sogar wirklich lustig gewesen mit ihr. Aber Job war Job.

Er nahm sein Mobiltelefon und wählte die Nummer von Herrn X. Sie verabredeten sich zum Morgengrauen auf einem Parkplatz hinter der Shell Tankstelle in St. Albans.

(247) Jennifer Coles war aufgeregt.

Jennifer Coles war aufgeregt. Sie hatte zum ersten Mal seit Jahren so etwas wie ein Rendezvous. Es bestand die Hoffnung, dass vielleicht mehr daraus werden könnte. Sie hatte es natürlich nie darauf angelegt, eine alte Jungfer zu werden. Aber die Wissenschaft hatte immer Vortritt gehabt und so war die Zeit verronnen, ohne dass sie es bemerkt hatte.

An ihrem 40. Geburtstag, den sie allein mit ihrem Kater feierte, hatte sie auf ihr Leben zurückgeblickt. Beruflich war sie als Museumsleiterin des Londoner University College weiter gekommen, als sie es je erwartet hatte. Es hatte sie aber nicht glücklich gemacht.

Sollte Stewart Farley der Richtige sein? Ihr Zusammentreffen am Vortag hatte etwas Schicksalhaftes gehabt. Sie saßen sich spät in der U-Bahn gegenüber. Sie war auf dem Nachhauseweg von der Arbeit und gähnte. Er hatte ihr freundlich lächelnd zugenickt und sie hatte zurück gelächelt. Kurz darauf war er ausgestiegen und erst als der Zug wieder angefahren war, bemerkte sie, dass er ein Notizbuch verloren hatte. Sie nahm es an sich und schaute nach, ob sie seinen Namen darin finden konnte. Dabei bemerkte sie, dass das Buch Notizen zu Adam Smiths ‚Wohlstand der Nationen‘ enthielt. Was für ein ungewöhnlicher Zufall, dachte sie, denn darüber hatte sie promoviert. Im Vorsatz des Notizbuchs fand sie seine Telefonnummer.

Sie rief ihn noch am gleichen Abend an. Er war überglücklich, dass sie seine Unterlagen gefunden hatte. Es war ein sehr aufregendes Gespräch gewesen und Jennifer konnte sich nicht erinnern, so lange mit jemandem telefoniert zu haben.

Stewart war Privatforscher, schien wohlhabend, zumindest forschte er nur zum eigenen Vergnügen. Es war ihr, als ob sie mit einer männlichen Ausgabe von sich selbst sprechen würde. Er schien ihr so vertraut, als ob sie sich bereits sehr lange kannten. Auf jeden Fall hatten sie sich für diesen Abend in einem Café verabredet.

(246) Steve und Malcolm waren Studenten am University College in London.

Steve und Malcolm waren Studenten am University College in London. Steve hatte seinen Kommilitonen mit diversen Verschwörungstheorien infiziert. Er hatte als Erster ‚Illuminatus!‘ von Robert Wilson gelesen. Zusammen hatten sie sich ’23‘ angesehen und waren dem Mythos verfallen. „Cäsar wurde mit 23 Dolchstichen getötet. Olaf Palme um 23:23 Uhr erschossen. Psalm 23 wird bei Beerdigungen gelesen. 23 Zeichen sind auf jeder amerikanischen Münze. Es gibt 23 Chromosomen. Die USA zündeten 23 Atombomben über dem Bikini-Atoll. Der menschliche Biorhythmus hat 23 Tage. Die Rotationsachse der Erde ist um 23 Grad geneigt. Der Obelisk auf der Place de la Concorde ist 23 Meter hoch. Es gab 23 mathematische Probleme bei Hilbert. Der Mensch hat 23 Bandscheiben.“ Steve lief in Malcolms Zimmer hin und her und fuchtelte mit der halbvollen Bierflasche.

Malcolm saß auf seinem Bett und war ganz aufgeregt: „Hör dir das mal an: Dutch Schultz, der amerikanische Gangster, ließ seinen Gegner Vincent „Mad Dog“ Coll in der 23. Straße umbringen, als Coll 23 Jahre alt war. Schultz wurde angeschossen am 23. Oktober und starb 23 Stunden später im Krankenhaus. Sein Mörder, Charlie Workman, verbrachte deswegen 23 Jahre im Gefängnis, bevor er begnadigt wurde.“

Steve blieb stehen: „Wenn man genau hinschaut, ist das Muster unübersehbar. Es ist so offensichtlich. Aber weißt du, warum keiner etwas unternimmt? Weil alle, die etwas tun könnten, bereits von den Illuminaten unterwandert sind. Seit Adam Weishaupt die Organisation gründete, ist sie wie ein Tumor gewuchert und hat alles befallen, was wir kennen. Und keiner merkt etwas davon, weil sie sehr schlau vorgehen. Es muss nicht immer 23 draufstehen. Es kann auch fünf sein oder 307, alles ist möglich.“

„Was machen wir?“, fragte Malcolm. „Ich denke, wir sollten in der guten aufklärerischen Tradition vom University College weiter forschen. Je mehr Teile der Wahrheit wir finden, desto schwieriger wird es, zu leugnen, was passiert“, erklärte Steve. „Aber was ist, wenn unsere Uni selbst unterwandert ist?“ Steve dachte kurz nach und beschied dann: „Jeremy Bentham ist zwar im gleichen Jahr geboren wie Weishaupt, aber er ist kein Illuminat. Wenn wir an etwas glauben können, dann daran.“ Er stellte seine Bierflasche in die Ecke zu den vielen anderen bereits geleerten. Als er sie abgezählt hatte, verdüsterte sich sein Blick.

(245) Am 23. Oktober 1935, um 22:15 Uhr, wurde Arthur Flegenheimer alias Dutch Schultz…

Am 23. Oktober 1935, um 22:15 Uhr, wurde Arthur Flegenheimer alias Dutch Schultz auf der Herrentoilette des Palace Chophouse, 12 East Park St. in Newark, New Jersey angeschossen. Er stand am Urinal, als Charles Workman und Mendy Weiss hereinstürmten. Workman schoss zwei Mal auf Schultz, traf aber nur ein Mal. Schultz ging zu Boden. Anschließend lieferten sich die beiden Killer im Hinterzimmer des Restaurants einen Schusswechsel mit dem Rest der Schultz-Bande, darunter auch sein Leibwächter Lulu Rosencrantz.

Obwohl tödlich verletzt, konnten die Leute von Schultz die Angreifer in die Flucht schlagen. Weiss nahm das Fluchtauto und ließ Workman zurück, der zu Fuß weglaufen musste.

Schultz wollte nicht in einer Toilette sterben. Er schleppte sich zurück in das Restaurant und setzte sich wieder an seinen Platz. Rosencrantz, der mehrere Ladungen Schrotkugeln im Leib hatte, wechselte noch Kleingeld mit dem Barmann und rief dann von der Telefonzelle einen Krankenwagen, bevor er kollabierte.

Als der Krankenwagen ankam, kümmerten sich die Sanitäter zuerst um die schwerer verletzten Kumpane von Schultz. Währenddessen versuchte die Polizei, Informationen zu den Angreifern aus Schultz herauszubekommen. Als ein zweiter Krankenwagen kam, gab Schultz den Sanitätern 700 Dollar, um die beste Behandlung zu bekommen. Im Krankenhaus legte man ihn allein in ein Vierbett-Zimmer, allerdings war er nicht allein darin, ein Polizist hielt Wache und schrieb alles auf, was ihm im Delirium über die Lippen kam.

Am nächsten Tag starb Schultz vollgepumpt mit Morphium an einer akuten Entzündung des Bauchfells. Workman hatte absichtlich rostige Kugeln benutzt. Die letzten Worte von Dutch Schultz waren: „Hey, Jimmie! Der Kamin kehrt. Sprich zu dem Schwert. Halt die Schnauze, du hast ein großes Maul! Bitte hilf mir auf, Henny. Max komm her… Frankokanadische Bohnensuppe… Ich möchte zahlen, sie sollen mich allein lassen…“

(244) Maud eilte über den Friedhof, sie war sehr aufgekratzt.

Maud eilte über den Friedhof, sie war sehr aufgekratzt. „Es soll bei der Assisi-Kapelle sein, in dem Gartenmausoleum.“ Ilsa folgte ihr, dahinter kam Gary. Im Gehen betrachtete er Ilsas nackte Beine unter dem leichten Rock, der sich im Wind eng an ihren Hintern schmiegte. Es war nicht zu glauben, dass sie mit Maud zur Schule gegangen war. Es war so, als ob sie aus einem anderen Material gebaut wäre. Maud war im Vergleich schlaff. Alles an ihr schien von der Schwerkraft verzerrt zu sein.

Als Gary sich am Morgen unter der Dusche befriedigte, stellte er sich vor, dass es eine geheime Vereinbarung zwischen Maud und Ilsa gab: Während ihres Besuches wollten sie Gary überraschen und zu dritt Sex zu haben. Er wusste, dass es nicht stimmte, aber es beflügelte seine Fantasie. Ilsa war nur für ein Wochenende gekommen, um ihre Schulfreundin zu besuchen und würde morgen wieder nach Hause fahren. Nichts würde passieren.

„Hier ist es“, rief Maud. Sie stand in einem der Gebäudeflügel, die sternenförmig um die Kapelle angeordnet waren. In dem Durchgang waren in den Wänden mehrere mit rotem Marmor ausgekleidete Grabsteine eingelassen. Sie deutete auf einen davon, in dessen Ritze ein Sternenbanner steckte. Darauf die Inschrift ‚James Cagney 1899 – 1986‘. Sehr schlicht. Die beiden Frauen stellten sich seitlich davon auf. Gary machte ein Foto von ihnen, wie sie den Grabstein berührten.

Maud hatte gelesen, dass Cagney im Gate of Heaven Cemetery beigesetzt worden war und hatte unbedingt mit Ilsa dahinfahren wollen. So waren sie von Albany über den Taconic State Parkway zum Friedhof gefahren, eine Autofahrt von zweieinhalb Stunden. Gary hoffte, dass danach noch genug Zeit bleiben würde, die Gräber von Babe Ruth und Dutch Schultz zu besuchen. Ilsa nahm ihm die Kamera ab und machte nun ein Foto von Maud und Gary vor dem Grabstein.

Als sie fertig war und Gary die Kamera zurückgab, zwinkerte sie ihm zu. Das verwirrte ihn so, dass er die Kamera fast fallenließ. Im letzten Augenblick konnte er noch den Schulterriemen greifen. „Danke“, stammelte er.

(243) Nach dem Essen erledigten sie gemeinsam den Abwasch…

Nach dem Essen erledigten sie gemeinsam den Abwasch, Octavio spülte und Oscar trocknete ab. Als sie fertig waren, schlug Octavio einen Film im Fernsehen vor. „Von 1935, mit James Cagney. Er spielt einen FBI-Agenten. Fast wie ein Dokumentarfilm.“ Das interessierte auch Oscar.

Sie setzten sich vor den Fernseher, Octavio in seinen Ohrensessel und Oscar lag auf der Couch.

„Der Film wurde zusammen mit dem FBI produziert, damit alles wahrheitsgemäß aussieht“, erklärte Octavio, aber Oscar war schon beim Vorspann völlig vertieft gewesen. Schweigend schauten sie sich den Film an. Nach dem Abspann machte Octavio den Fernseher aus und fragte: „Na, wie fandest du ihn?“ – „James Cagney war sehr gut“, bewertete Oscar, „die Geschichte war spannend, aber irgendwie war es wie eine Werbung für das FBI.“ – „Interessant, dass du das sagst, Oscar. Der Film wurde auch wirklich vom FBI als Werbung benutzt und die Bundespolizei hat auch bei der Produktion mitgearbeitet. Damals ist einem das vielleicht nicht so aufgefallen.“ Octavio blickte in Oscars wache Augen. „Und mit James Cagney hast du auch Recht. Ich habe noch nie einen Film mit ihm gesehen, in dem er nicht ausgezeichnet war. Was für ein wunderbarer Schauspieler.“ – „Mein Lieblingsfilm mit ihm ist ‚Sprung in den Tod‘. Den haben wir vor ein paar Wochen gesehen. Als er auf dem Öltank steht und schreit: ‚Ich hab’s geschafft, Ma! Jetzt bin ich ganz oben!‘ und dann fliegt der Tank in die Luft.“

Oscar dachte nach und fuhr dann fort: „Großvater, meinst du, Brick Davis hätte die Mörder meiner Eltern gefunden?“, fragte er traurig. „Ich weiß es nicht, Oscar. Vielleicht hätte er es geschafft. Er hätte auf jeden Fall mehr getan als die Polizei.“

Octavio setzte sich neben Oscar auf die Couch und legte seinen Arm um ihn. „Aber James Cagney ist auch schon tot“, bedauerte Oscar, jetzt wieder sachlich. „Ja“, bestätigte Octavio, „seit 1986.“

(242) Octavio stand am Herd und wärmte die Feijoada vom Vortag auf.

Octavio stand am Herd und wärmte die Feijoada vom Vortag auf. Oscar saß mit seinem Lexikon am Küchentisch und las sehr konzentriert darin. Es war ein schöner Tag gewesen und Octavio hoffte, dass es noch lange so weitergehen würde. Eigentlich fühlte er sich gesund, aber in seinem Alter konnte es sehr schnell gehen. Was würde dann aus Oscar werden? Er rührte kurz in den Bohnen und setzte den Topf mit dem Reis auf.

„Großvater?“, fragte Oscar, „weißt du, welcher der höchste Berg in Rio ist?“ – „Das ist nicht der Corcovado, wo wir heute waren, sondern der Pico da Tijuca, etwas weiter entfernt.“ – „Da müssen wir auch mal hin. 1.022 Meter hoch. Und welcher ist der höchste Berg von ganz Brasilien?“ – „Das ist der Pico da Neblina, fast dreitausend Meter.“ – „2.994 Meter. Und Südamerikas?“ Octavio stellte die Gasflamme niedriger und rührte noch einmal um. „Das ist der Aconcagua in den Anden“ – „6.962 Meter. Und der Welt?“ – „Der Mount Everest in Nepal.“ – „Genau, mit 8.848 Metern.“

Octavio setzte sich zu Oscar an den Tisch. „Aber das ist nur der höchste Berg auf unserer Erde. Die Welt würde ja alle Planeten in diesem Sonnensystem und in anderen Galaxien umfassen. Da muss es noch viel mehr geben.“ – „Wissen wir das nicht, Großvater?“ – „Nein, wir kennen nur einen kleinen Teil. Weißt du, wo der höchste Berg in unserem Sonnensystem ist?“ Oscar schaute gespannt und schüttelte den Kopf. „Das ist der Olympus Mons auf dem Mars. Er ist drei Mal höher als der Mount Everest, über 26 Kilometer hoch. Und er ist sehr breit. Wenn hier in Rio die Spitze wäre, dann würde der Berg schon in São Paulo beginnen.“ Oscar hörte ihm wie gebannt zu.

Octavio erhob sich wieder. „Das Essen ist gleich fertig. Deckst du uns den Tisch?“ – „Ja, Großvater“, Oscar legte sein Lexikon zur Seite und trat an den Küchenschrank, um die Teller zu holen.

Als der Großvater die Bohnen auf seinen Teller häufte, fand Oscar, dass sie aussahen wie der Olympus Mons.