Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(290) Willibald Wecker freute sich auf die Dienstagvormittage.

Willibald Wecker freute sich auf die Dienstagvormittage. Dann fand in Lacoste der Wochenmarkt statt. Er fuhr dann immer mit seinem Fahrrad die drei Kilometer zur Place de l’Eglise und kaufte Lebensmittel ein.

Am Stand mit den Oliven probierte er immer mehrere Sorten, bevor er dann die wählte, die er immer kaufte. Das gleiche Vorgehen auch bei den Schweinesalamis. Mit dem Melonenbauer hielt er einen längeren Plausch. Sie unterhielten sich über das Wetter, wie es sich auf die Ernte auswirkte und wie lange die Saison noch anhielt. Willibald roch an mehreren reifen Früchten, bevor er eine davon auswählte und ganz vorsichtig in seine Strohtasche packte. Er schaute auf seine Einkaufsliste. Lauch und Sellerie kaufte er am gleichen Gemüsestand wie immer. Der Händler baute seine Produkte selbst an und Willibald fand es beruhigend, zu wissen, wo seine Lebensmittel herkamen.

Mittlerweile hatte sich die Sonne weiter erhoben und die Schatten wurden kürzer. Willibald ging zu seinem Fahrrad und verstaute die Einkäufe in dem großen Drahtkorb. Dann kehrte er in seinem Stammcafé ein, dem Café de Sade.

„Bonjour, Monsieur Willi“, begrüßte ihn Pierre, der Wirt. Willibald setzte sich an den Tisch am Fenster, von dem man einen guten Blick auf das Markttreiben hatte. Das Licht wurde von dem wilden Wein gefiltert und sah sehr weich aus. Pierre stellte ihm seinen Ricard mit der Wasserkaraffe hin. Willibald kramte die Blechdose mit den Café Crème-Zigarillos aus der Tasche und zündete sich einen daraus an.

Das Café war ansonsten fast voll. Viele Bauern kamen am Markttag hierher, um Freunde zu treffen, Geschäfte zu machen oder um sich zu entspannen. Die Gespräche im Hintergrund empfand Willibald als sehr angenehm. Er goss Wasser in seinen Ricard, der sich schlagartig milchig verfärbte. Mit dem Zigarillo zwischen Zeige- und Mittelfinger nahm Willibald das Glas und führte es an die Lippen. Nach dem Trinken leckte er sich die Lippen mit der Zunge. Noch ein Zug am Zigarillo. Es war ein Tag ganz nach seinen Wünschen. Seine Augen trafen die von Pierre. Willibald hob sein Glas und lächelte Pierre zu. „A la vôtre, Monsieur Willi“, sprach Pierre und lächelte zurück.

Als er seinen Pastis ausgetrunken und sein Zigarillo ausgeraucht hatte, verabschiedete sich Willibald und schlenderte zu seinem Fahrrad zurück. Er setzte sich den Strohhut auf, denn die Sonne hatte mittlerweile fast den Zenit erreicht. Dann radelte er gemütlich die D106 entlang nach Hause.

(289) Eva Haupert und Felix Kirschke standen vor ihrem Haus auf dem Bürgersteig…

Eva Haupert und Felix Kirschke standen vor ihrem Haus auf dem Bürgersteig und ließen den Tag Revue passieren. Sie waren über vier Stunden unterwegs gewesen und hatten mehrere Häuser im Viertel abgeklappert. Zuerst notierte Eva den Namen an der Klingel in dem Vordruck für die Unterschriften. Dann klingelte Felix und stellte sich neben Eva vor die Wohnungstüre. Oft waren die Wohnungen leer, manchmal bellte nur ein asthmatischer Hund hinter der Tür. Manchmal wurde die Tür geöffnet. Dann redete Eva. Sie stellte Felix und sich vor und erklärte, dass auch sie im Viertel wohnten. Sie erzählte von dem Motorradklub, der ein Hintergebäude in Beschlag genommen hatte und in dem Haus Lärmterror sowie Angst und Schrecken verbreitete. Dann erläuterte sie das Vorhaben der Unterschriftenaktion: Nämlich ein Verbot des Klubhauses und am besten auch noch eine Verwarnung für den Investor, der das Viertel verkommen ließ, um die Häuser umbauen zu können und teure Wohnungen zu verkaufen.

Sie hatte ihre kleine Rede zuerst alleine aufgeschrieben, dann zum Test Felix vorgetragen. Er hatte an manchen Stellen Änderungsvorschläge gehabt. Zum Schluss hatte sie zuhause immer wieder vor dem Garderobenspiegel geprobt, bis sie alles fehlerfrei aufsagen konnte.

Manchmal sagten die Leute, dass sie nicht interessiert waren, keine Zeit hatten, bald wegziehen würden oder Ähnliches. Viele unterschrieben allerdings und lobten die beiden Rentner für ihr Engagement.

Am Ende hatten sie an diesem Tag dreizehn Unterschriften gesammelt. Alle Wohnungen, in denen sie niemand angetroffen hatten, würden sie am Samstag noch einmal besuchen.

Eva hatte bereits einen Termin beim Bürgermeister, wo sie die Unterschriften überreichen wollte. Dazu wollte sie noch einen Reporter vom Lokalblatt mitnehmen, um auch die Öffentlichkeit zu erzeugen. Eva und Felix verabschiedeten sich, er wohnte im ersten, sie im dritten Stock. Als Eva ihre Wohnungstür aufschloss, lag ein Blatt Papier auf dem Teppich in der Diele. Sie hob ihn auf und entfaltete ihn. Darauf stand in ungelenken Buchstaben: ‚Wir wissen, wo Du wohnst!‘

Eva starrte auf den Zettel und versuchte dessen Tragweite zu erfassen. Dann ging sie wieder aus der Wohnung, hinunter zu Felix. Sie klopfte, aber es rührte sich erst einmal nichts. Sie klopfte lauter und rief nach ihm. Dann öffnete sich die Tür, gesichert mit einer Kette. „Lass mich rein, du siehst doch, dass ich es bin.“ Felix hatte den gleichen Zettel erhalten. Er war kreidebleich und zitterte am ganzen Leib. Eva machte ihm einen Tee. Als er sagte, dass er wegziehen wollte, schüttelte Eva den Kopf. „Unsinn. Wir kämpfen. Ich lasse mich hier nicht wegjagen. Von keinem!“

(288) Eines Abends kam Princess nicht von ihrer täglichen Tour zurück.

Eines Abends kam Princess nicht von ihrer täglichen Tour zurück. Normerweise kratzte sie irgendwann an der Wohnungstür, diesmal nicht. Cornel war beunruhigt. Nach dem Essen sagte er zu Loretta: „Ich gehe noch mal raus und schaue, ob ich Princess finde.“

Viele der Häuser in der Nachbarschaft standen jetzt teilweise leer. Investoren hatten sie gekauft und warteten darauf, dass die alten Leute, die darin seit langem zur Miete wohnten, entweder auszogen oder starben. Danach wollten sie die Häuser entweder abreißen oder renovieren. Auf jeden Fall teuer weiter verkaufen.

Cornel schaute in den Höfen der Nachbarhäuser, von denen er wusste, dass Princess sie frequentierte. Andere Mieter hatten es ihm erzählt. Als er in einen der Innenhöfe kam, sah er vor sich eine Gruppe von Rentnern aus dem Viertel, die vor einem Hintergebäude standen. Cornel hatte geglaubt, dass das Haus leer sei. Allerdings standen davor ein halbes Dutzend schwere Motorräder und mehrere der Fenster waren erleuchtet. Aus einem der Fenster flatterte eine amerikanische Südstaatenflagge. Aus dem Haus kam gerade ein Rockertyp. Eine hitzige Diskussion entstand.

Einer der Beistehenden klärte Cornel auf: Ein Motorradclub hatte das Hinterhaus gemietet und es zu seinem Clubhaus gemacht. Seitdem gab es in dem Haus die ganze Nacht über laute Musik und immer wieder starteten Motorräder im Innenhof. Durch die Akustik verteilte sich der Lärm in die Wohnungen der Hausbewohner und das war der Grund für den Protest.

Der Rocker, der mit gekreuzten Armen an der Haustür lehnte, hielt die Rentner mit flapsigen Sprüchen auf Distanz. Cornel kannte eine der Frauen, Eva Haupert. Sie war es, die plötzlich ausrastete und mit ihrem Regenschirm auf den Rocker eindrosch. Damit hatte dieser nicht gerechnet. Er überlegte, zurückzuschlagen. Aber das hätte keine gute Presse gebracht und so flüchtete er ins Hausinnere.

Kurze Zeit darauf kam die Polizei mit drei Streifenwagen. Die Rocker hatten sie gerufen. „Das entbehrt nicht einer gewissen Absurdität“, bemerkte Felix Kirschke, ein anderer der Rentner, zu Cornel. Schließlich folgten die Rentner den Anweisungen der Polizei. Auch Cornel musste den Hof verlassen. Erst als die anderen Rentner schon wieder in ihren Wohnungen verschwunden und die Streifenwagen weg waren, ging Cornel zurück, um den Hof doch noch gründlich durchzuschauen. Und wirklich fand er die verstörte Princess versteckt hinter den Mülltonnen. Er nahm die Katze auf den Arm und ging mit ihr nach Hause.

(287) Cornel hatte Loretta im Supermarkt getroffen.

Cornel hatte Loretta im Supermarkt getroffen. Er hatte sich etwas billigen Käse und Wein gekauft, den er alleine in seiner Mansardenwohnung essen wollte. Sie hatte zwei schwere Einkaufstaschen in den Händen und mühte sich damit ab. Sie hatten sich schon öfters im Viertel gesehen, aber bisher hatte sich kein Kontakt ergeben. Er erbot sich, ihr die Einkaufstaschen nach Hause zu tragen. Er schien Loretta so erfrischend anders, so offen und freundlich, dass sie einwilligte.

Sie lud ihn auf einen Kaffee ein. Dabei erzählte er ihr in großer Offenheit seine Geschichte. Auch den vermeintlichen Mord ließ er nicht aus. Als die Zeit voranschritt, tranken sie seinen Wein und aßen seinen Käse. Er erzählte ihr von seiner Arbeit am Sankt-Lorenz-Strom, von den kalten, langen Wintern. Von seiner Sehnsucht, wieder in die Heimat zurückzukehren. Und dass er sich dort jetzt ganz verloren vorkam. Verloren und nutzlos. Er überlege sich, wieder nach Kanada zu ziehen.

Für Loretta war es nach den Jahren von Sturm und Drang selten, dass sie Besuch zu Hause hatte. Auch sie war nicht mehr jung. Früher hatte sie geglaubt, dass Männer nur Zeit mit ihr verbringen wollten, wenn sie ihnen dafür im Austausch Sex gab. Das hatte aber nicht längerfristig funktioniert. Schließlich hatte sie keine Lust mehr an solchen Treffen. Außerdem erinnerte Männerbesuch sie immer an Nigel, denn sie nahm an, dass das der Grund war, warum er von zu Hause weggelaufen war. Das Problem stellte sich aber auch so nicht mehr, denn die Männer kamen ganz von selbst nicht mehr.

Cornel war anders. Sie hörte ihm gerne zu und er hörte ihr gerne zu. Sie lud ihn zum Essen ein für den kommenden Tag. Dann auch für den Tag darauf. Cornel brachte Wein, Brot und Blumen mit. Dann machte er ihr unvermittelt einen Antrag. Sie hatte nicht das Gefühl, dass er es tat, weil er nicht mehr viele Alternativen im Leben sah. Er mochte sie. Er zog bei Loretta ein. Sie fand einen Job für ihn als Lagermeister bei einem Eisenwarenhändler. Cornel füllte ihn gut aus, denn hart arbeiten war er gewohnt und so übertraf er alle Erwartungen, die man in ihn setzte.

Das Zusammenleben von Loretta und Cornel verlief harmonisch. Beide hatten erreicht, was sie sich am meisten gewünscht hatten. Einmal brachte Cornel eine junge Katze mit, aus einem Wurf vom Dachboden eines der Lager, die er betreute. Die Katze, ‚Princess‘ genannt, setzte ihrer Beziehung die Krone auf.

(286) Faust presste den Hörer ans Ohr.

Faust presste den Hörer ans Ohr. „Dr. Edgar Danz?“, fragte er. „Am Apparat. Sie rufen aus Kanada an, Herr Faust?“ – „Ja.“ – „Nun, danke für alle Unterlagen und die detaillierte Beschreibung. Sie hatten ein sehr bewegtes Leben, Herr Faust, wenn ich das so sagen darf. Erlauben Sie mir, dass ich die wichtigsten Etappen noch einmal zusammenfasse, damit ich sicher bin, dass ich alles richtig verstanden habe.

Mit 17 Jahren lebten Sie hier am Ort, wo Sie auch geboren wurden. Sie waren Sie mit einem Mädchen aus Ihrer Schule befreundet. Eines Tages waren Sie beide in einem Café und ein anderer Gast belästigte Ihre Freundin. Sie wollten ihn davon abhalten und es kam zu einem Streit. Ihr Gegner reizte Sie und irgendwann verloren Sie die Beherrschung, zogen ein Messer aus ihrer Tasche und stachen damit auf Ihren Gegner ein. Im Gerangel trafen Sie sein Herz und er starb. Sie flüchteten und hielten sich zuerst versteckt.

Um der Strafverfolgung zu entgehen, beschlossen Sie, auszuwandern. Sie ließen sich als unbezahlte Hilfskraft auf einem Frachtschiff anheuern und reisten nach Kanada. Dort gelangten sie illegal an Land und schlugen sich durch bis an den Sankt-Lorenz-Strom, wo Sie auch jetzt noch sind. Sie arbeiten dort als Holzfäller. Sie überlegen sich jetzt, zurückzukommen, und möchten von mir eine Auskunft, was Sie hier erwartet. Ist das soweit richtig, Herr Faust?“

„Ja, das ist richtig. Können Sie mir helfen?“ – „Ja, Herr Faust. Das kann ich. Ich habe Nachforschungen angestellt. Der Mann, mit dem Sie einen Streit wegen Ihrer damaligen Freundin hatten, hieß Benno Fassbender. Sie hatten Herrn Fassbender nicht ins Herz gestochen. Es war nur eine Fleischwunde und er konnte nach ambulanter Behandlung das Krankenhaus wieder verlassen. Er hat übrigens kurz darauf ihre damalige Freundin geheiratet. Die beiden sind aber im vergangenen Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Was heißt das für Sie? Nun, ich denke, es war maximal ein Fall von gefährlicher Körperverletzung, drei bis fünf Jahre, in Ihrem Fall hätten Sie eine Strafe auf Bewährung gekommen. Also kein Gefängnis. Sind Sie noch dran?“ – „Ja. Das ist alles nur schwer fassbar für mich…“ – „Das kann ich verstehen, Herr Faust. Auf jeden Fall ist die Sache verjährt. Sie können also getrost jederzeit zurückkommen.“ Cornel Faust kam zurück, weil er Sehnsucht nach seinem Heimatland hatte. Sein Heimatland hatte aber keine Verwendung für ihn. Er konnte nur Holzfällen, aber das wurde gerade nicht gesucht. Seine Ersparnisse schrumpften immer mehr und er bereitete sich schon darauf vor, wieder nach Kanada zurückzureisen, wahrscheinlich wieder als unbezahlter Arbeiter auf einem Frachter, denn einen Flug konnte er sich nicht leisten.

(285) Drei Tage nachdem Rita ihn verlassen hatte…

Drei Tage nachdem Rita ihn verlassen hatte, beauftragte Nigel Baines einen Privatdetektiv, um seine Mutter zu finden. Bereits kurze Zeit später bekam er die Auskunft, dass sie schon vor fünf Jahren gestorben war. Er hatte es erwartet und doch konnte er die Tränen nicht unterdrücken. Sie hatte wieder geheiratet, es gab aber sonst keine Kinder. Alles was sie besaß, hatte sie ihrem Mann vererbt.

Nigel beschloss, an den Ort zu reisen, an dem sie die letzten Jahre verbracht hatte. Da alle seine Projekte still standen, konnte er sofort aufbrechen.

Seine Mutter hatte in einer Mietwohnung in einem Vorort gelebt, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. „Faust“ stand an der Klingel, wie der Detektiv ihm gesagt hatte. Er drückte den Knopf, die Tür ging auf. Er stieg in den dritten Stock und auch die Wohnungstür stand offen. Er klopfte und ging hinein.

Alles an der Wohnung war ihm fremd. Ein älterer drahtiger Mann mit Bürstenhaarschnitt kam aus der Küche. Erst sah er Baines skeptisch an, dann erkannte er ihn. Er lächelte und kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Sie setzten sich ins Wohnzimmer. Cornel Faust, der Mann seiner Mutter, erzählte ihm von ihren letzten Jahren. Sie hatte immer wieder von Nigel geredet und sich dafür interessiert, was er gerade machte, welche Filme er drehte. Faust brachte ein Album mit den Zeitungsausschnitten, die sie gesammelt hatte. Etwas verlegen gab er zu, auch nach dem Tod von Loretta die Sammlung fortgesetzt zu haben. „Für Loretta“, sagte er.

„Sie hat nie versucht, mit mir in Kontakt zu treten“, sagte Baines. „Sie waren weggegangen. Sie wären jederzeit willkommen gewesen. Sie war Ihnen nicht böse. Aber sie brachte es nicht übers Herz, Sie anzusprechen.“ Baines fühlte sich beschämt. „Ihre Mutter war sehr einsam, als sie mich bei sich aufgenommen hatte. Auch vorher war sie lange einsam gewesen. Wahrscheinlich war sie es ihr ganzes Leben lang.“

Baines‘ Hals war zuerst wie zugeschnürt. Dann ließ er seinen Tränen freien Lauf. Phasen des Weinens wechselten mit kleinen Schreien und Seufzern, die er hervorstieß. Mit seinen Händen rieb er sich die Augen und verteilte die Tränenflüssigkeit im Gesicht. Faust sah ihm zu.

„Wie ist sie gestorben?“, fragte Baines, als er sich wieder gefasst hatte. „Sie stand auf dem Balkon, mit einer Zigarette im Mund. Sie schimpfte gerade darüber, dass das Viertel von den Spekulanten zu Schande geritten wurde und dass sie diese Wohnung nur als Leiche verlassen würde. Mitten im Satz wurde es zuerst still, dann hörte ich sie zusammensacken. Der Notarzt war schnell da, aber es war schon zu spät. Und Sie kommen auch zu spät.“ Baines fing wieder an zu heulen und nickte dabei.

(284) Es war Weihnachten gewesen.

Es war Weihnachten gewesen. Normalerweise erhielt Nigel seine Geschenke am Abend, nach dem Abendessen. Er konnte sich nicht an jede der vorherigen elf Weihnachtsfeiern erinnern, die es in seinem Leben bisher gegeben hatte, aber die Regel war klar.

Beim zwölften Mal eröffnete ihm seine Mutter am Weihnachtstag selbst, dass die Bescherung bereits am frühen Nachmittag sein würde. Er protestierte, aber sie ließ nicht mit sich reden.

Später am Tag rief sie ihn ins Wohnzimmer. Sie trug ihren türkisfarbenen Morgenmantel, hatte Lockenwickler im Haar und, wie fast immer, eine Zigarette zwischen den Lippen. Sie nahm einen Zug und legte zwei Pakete in Geschenkpapier vor ihn. Bevor er etwas sagen konnte, meinte sie: „Mach sie auf.“

Er riss das Papier herunter. Sie saß ihm gegenüber und rauchte. Ein Geschenk war ein Pullover und das andere eine Lokomotive für seine Modelleisenbahn. Sie schien nicht mit seiner Dankbarkeit zu rechnen, aber er bedankte sich trotzdem. Sie stieß die Zigarette im Aschenbecher aus und antwortete: „Klar, ist ja Weihnachten.“ Dann fügte sie hinzu: „Ich denke, Du kommst klar heute Abend. Ich treffe einen Freund.“ Das hatte er sich gedacht. Einer der vielen Freunde, die er manchmal sah, manchmal nicht. Sie hatte ihm erklärt, dass es wichtig sei, viele Freunde zu haben, wenn man erwachsen wird. Warum, hatte er sie gefragt. „Weil man mit den Freunden immer sehr viel Spaß hat.“ Bei Nigels Schulfreunden zuhause war es anders. „Bei denen ist immer die Familie wichtiger“, sagte er ihr. Sie lachte heiser auf und hustete den Raucherschleim ab.

Dann zündete sie sich eine neue Zigarette an. „Warum haben wir keine Familie?“, fragte Nigel. „Familie? Klar, die Familie.“ Nigel wartete. „Die Familie ist immer noch da“, erklärte sie. „Auch wenn alle sich von dir abwenden, kannst du es immer noch bei der Familie versuchen. Die verfluchte Familie verfolgt dich dein ganzes verdammtes Leben lang. Sie hängt an dir wie eine Stahlkugel am Fuß. Und wenn du Glück hast, dann helfen sie dir. Und wenn nicht, dann bist du am Ende.“

Nigel erinnerte sich noch immer sehr gut an das Gespräch. Mit 19 Jahren war er zu Hause weggelaufen. Er hatte nie versucht, noch einmal Kontakt mit seiner Mutter aufzunehmen. Wo sie jetzt wohl war? Würde man ihn finden, wenn sie sterben würde? Er hatte seinen Namen geändert. Loretta Benz, die Mutter von Nigel Baines. Vielleicht lebte sie gar nicht mehr. Sollte er versuchen, sie zu finden? Vielleicht einen Privatdetektiv beauftragen? Nein. Er hatte sie abgestreift wie die Stahlkugel, die sie selbst erwähnt hatte. Wahrscheinlich war sie mittlerweile an Lungenkrebs gestorben.

(283) Bereits als er in den Feinkostladen hineingegangen war…

Bereits als er in den Feinkostladen hineingegangen war, war ihm die alte zahnlose Frau aufgefallen. Sie kam Nigel wie eine Obdachlose vor, allerdings war sie dafür zu gut gekleidet und auch zu sauber.

Als er den Laden wieder verließ, schob er einen großen Einkaufswagen vor sich und steuerte die Heckseite seines Geländewagens an. Die Alte stand etwas weiter weg und beobachtete die Passanten. Mit der Fernbedienung öffnete Nigel die Heckklappe.

Er hatte Getränke und Essen gekauft für die Party am kommenden Tag. Dazu hatte er eine ganze Menge wichtiger Leute eingeladen, um mit Ihnen Ritas Einzug zu feiern. Die junge, scharfe Frau an seiner Seite würde zeigen, dass er es immer noch drauf hatte. Ein paar Produzenten und Regisseure hatten zugesagt, dass sie nach Möglichkeit kommen würden. Dazu ein paar Freunde, die auch in den Jahren zu ihm hielten, als es nicht mehr so gut lief. Echte Freunde halt. Dafür hatte er auch keine Kosten gescheut. Ein Innenarchitekt hatte zusammen mit Rita das Haus auf Vordermann gebracht. Er hatte guten Single Malt und Champagner gekauft. Französisches Gebäck, Austern, Kaviar und vieles mehr. Die ganze Einkaufsliste von Rita hatte er abgearbeitet. Er stellte den Karton mit den Spirituosen in den Kofferraum zusammen mit den Kisten von Lebensmitteln. Das meiste würde am Nachmittag noch geliefert werden.

Zuerst wollte sie nicht bei ihm einziehen. Erst als er sie fragte, ob sie ihn denn nicht liebte, hatte sie eingewilligt. Man musste sie zwingen, denn sie wussten nie, was sie wollten.

„Du hast großen Hunger?“ Die Alte hatte sich unbemerkt neben ihn gestellt und schaute in den Kofferraum. Er lachte und verneinte. „Du hast eine große Familie?“, forschte sie weiter. “Nein, auch das nicht. Ich habe viele Freunde und die kommen alle, um mich zu besuchen“, erklärte er. Die Alte schien nachzudenken. „Freunde, aha. Soso. Das ist ja sehr schön. Wenn du mich einlädst, bin ich auch deine Freundin“, sagte sie und lächelte ihn an. Ihre beiden oberen Scheidezähne fehlten und in der Zahnlücke spielte ihre rosige Zunge an den Nachbarzähnen. “Würde dir das gefallen, mein Sohn?“ Nigel schlug den Kofferraumdeckel zu. „Ich bin nicht ihr Sohn“, sagte er. „So, wessen Sohn bist du denn? Du toller Mann mit einem großen Auto, vielen Lebensmitteln und wahnsinnig vielen Freunden, die er durchfüttert. Wo ist denn deine Familie, hä?“

Nigel schubste den Einkaufswagen auf sie zu und setzte sich auf den Fahrersitz. Als er den Motor startete, machte es Klonk an der Außenseite des Wagens. Die Alte hatte den Einkaufswagen dagegen geschoben und war weiter gegangen. Als er den Wagen aus der Parklücke manövrierte, schrammte der Einkaufswagen etwas an der Tür entlang, bevor das Auto sich befreit hatte und sich in den Straßenverkehr einordnete.

(282) Nigel hielt das Glas mit dem Rotwein gegen das Licht…

Nigel hielt das Glas mit dem Rotwein gegen das Licht, schnüffelte daran, probierte ihn schließlich. Einige der anderen Gäste im Restaurant hatten ihn erkannt. Rita hatte das Gefühl, dass sich alle fragten, mit welcher Frau Nigel Baines jetzt zusammen sei und wie die beiden zueinander standen. Sie hatte sich für Nigel entschlossen. Mit Gabriel hatte sie nach dem unsäglichen Rennen nur noch einmal telefoniert.

Nigel war gut aussehend, lustig und der Mittelpunkt jeder Gesprächsrunde. Mit ihm entstand keine Langeweile. „Was hast Du denn gedacht, als Du mich zum ersten Mal sahst?“ – „In Wirklichkeit oder im Kino?“ – „In Wirklichkeit.“ Rita konnte jetzt nicht sagen, dass er kleiner wirkte als auf der Leinwand. „Du warst die Sonne dieser Party. Zum Niederknien.“ Diese oder ähnliche Fragen hatte er schon mehrfach gestellt. Jedes Mal hatte sie bei der Antwort etwas draufgelegt. Mittlerweile waren sie bei einem Niveau angelangt, bei dem Nigel zufrieden schien.

Noch während des Hauptgangs bestellte er eine weitere Flasche Rotwein. Rita war schon etwas betrunken, Nigel merkte man nichts an. Er erklärte ihr seine künftigen Projekte. Jedes Mal klang es etwas anders, neue Namen kamen vor. Immer aber war es die Geschichte eines unglaublichen Comebacks ins Charakterfach. Nigel schien ihr sehr glaubwürdig. Er rückte immer näher zu ihr. Als sie ihr Dessert löffelte und er einen Cognac trank saß er dicht neben ihr auf der Bank.

Als sie mit dem Dessert fertig war, nahm er ihre Hand und führte sie unter die Tischdecke auf seinen Schoß. Er musste irgendwann seinen Hosenschlitz geöffnet haben. Sie spürte seinen warmen erigierten Schwanz der unter dem Tisch auf- und niederwippte, als sie ihn berührte. Sie zog ihre Hand zurück. Er grinste. Sie sah ihn schockiert an. „Bitte“, sagte er.

Durch ihren Kopf ratterten alle Handlungsmöglichkeiten durch. Jede Handlungsmöglichkeit erhielt einen Wert. Als alle Berechnungen durchgeführt waren und das Ergebnis feststand, steckte sie die Hand wieder unter die Tischdecke und umfasste den Schaft. Ein Lächeln ging über seine Lippen und sein Körper sackte etwas zusammen, als er sich entspannte. Nachdem er abgespritzt hatte, wischte sie ihre Hand an der Leinenserviette trocken. Er nahm ihr die Serviette ab und säuberte sich selbst unter dem Tischtuch.

Ritas Zukunftserwartungen hatten sich innerhalb dieser Minuten geändert. Sie konnte nicht mit ihm schlussmachen, denn es wäre für sie eine Kapitulation ohnegleichen. Sie würde mit ihm zusammenziehen, denn auch das war geplant. Aber sie würde ihn nach ein paar Monaten verlassen. Sie hatte sich getäuscht in ihm. Trank ihren Espresso aus und zerknüllte die Serviette, die vor ihr lag.

(281) Rita brauchte nicht lange nach ihm zu suchen.

Rita brauchte nicht lange nach ihm zu suchen. Das Glitzern der bunten Schmucksteine an seinem weißen Kostüm hob ihn aus der Masse der Läufer heraus. Gabriel stand ziemlich weit vorne, fast an der Startlinie. Sie versteckte sich in einer der hintersten Reihe der Zuschauer und sah ihn nur zwischen den Köpfen der Menschen, die vor ihr standen. Zuerst wollte sie winken, aber dann war sie zu faul gewesen, den Arm aus dem Pulk zu heben, um sich zu zeigen.

Gabriels Mitläufer schienen wie Parodien von Gabriel zu sein. Sie hatten Perücken, er hatte echte Haare, die er vor jedem Auftritt fast eine Stunde lang mit diversen Ölen und Wachsen bearbeitete, damit sie genauso aussahen, wie die seines Idols. Er trug ein maßgeschneidertes Bühnenkostüm nach Originalvorlagen, sie trugen irgendwelche weißen Overalls aus den verschiedensten Quellen. Manchmal schlackernd weit, manchmal so eng, dass die Fettpolster an der Taille den Gürtel zu sprengen drohten. Billige Sonnenbrillen, Plastikringe an den Fingern.

Gabriel war anders. Er hatte sich dem King völlig hingegeben. Lebte in einer anderen Welt. War das ihre Welt?

Die Zuschauer um sie herum waren nur da, um ein ungewöhnliches Spektakel zu genießen. Dutzende von erwachsenen Männern, die einen Wettlauf in Kostümen rennen würden. Manche kannten den einen oder anderen Läufer. Andere suchten sich einen Favoriten nach völlig subjektiven Kriterien. Keiner schien auf Gabriel zu setzen. Er war in seiner Rolle zu perfekt. Für dieses Spaßrennen war er fehl am Platz. Er sah auch nicht glücklich aus. Spürte wohl, dass ihm die Teilnahme nicht den gewünschten Werbeeffekt bringen würde.

Es war zum letzten Mal, dass sie Gabriel zu einem Auftritt begleitet hatte. Es war seine Welt, nicht ihre. Er wusste es noch nicht. Wahrscheinlich würde es ihm auch egal sein. Er brauchte keinen Partner, sondern eine Assistentin, die ihm den schneeweißen, frischgebügelten Schal um den Hals hing, bevor er auf die Bühne trat. Nigel, ihr neuer Freund, hatte zwar auch die guten Zeiten bereits hinter sich gelassen. Aber er suchte nach einer eigenen Zukunft. Gabriel suchte nur nach der goldenen Vergangenheit eines anderen. Gabriel hatte keine Zukunft.

Die Musik hörte auf. Die Läufer brachten sich in Position. Gabriel sah konzentriert aus. Verbissen sogar. Dann fiel der Startschuss und die Elvisse setzten sich in Bewegung, Gabriel mittendrin. Rita wartete bis alle die Startlinie überschritten hatten und die Zuschauermenge den freigewordenen Platz einnahm und sich auflockerte. Dann wandte sie sich ab und ging.