Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(96) Fanny Urbach saß in dem Frisierstuhl unter einem Nylonumhang, der mit einem Leopardenmuster bedruckt war.

Fanny Urbach saß in dem Frisierstuhl unter einem Nylonumhang, der mit einem Leopardenmuster bedruckt war. Im Spiegel schaute sie Ronny an, der neben ihr stand. In einer Hand hielt er eine vergoldete Bürste und mit der anderen, der Hand mit dem goldenen Siegelring am kleinen Finger und der goldenen Rolex am Handgelenk, hob er eine Haarsträhne hoch. Seine Hände, stellte Frau Urbach wieder einmal fest, waren einerseits sehr muskulös, andererseits aber auch fast feminin zart. Ronny hatte definitiv die schönsten Männerhände, die sie jemals gesehen hatte.

„Sie haben wunderbares Haar, Frau Urbach. Sie sind eine der wenigen Frauen, bei denen ich eigentlich keine Pflegemittel brauche. So ein wunderschönes, gesundes, festes Haar. Einmal in der Woche Shampoo und Legen, und das war es schon.“ – „Danke, Ronny, Das freut mich. Aber Sie können bestimmt doch etwas Magisches mit meinen Haare tun.“ Sie zwinkerte ihm zu. Er zupfte an ihren Locken und beschaute im Spiegel, wie es wirkte. „Sie haben eine perfekte runde Kopfform“, erklärte er und beschrieb mit beiden Händen eine Kugelform um ihren Kopf herum. „Ganz interessant für Sie wäre zum Beispiel eine lockere Kurzhaarfrisur, vielleicht ein Bob – so – mit einer Stirnwelle – etwa so – und dann mit einem Außenschwung – so.“ Er deutete immer an, was er meinte und steckte dabei Haarklammern fest. Nachdem er wieder etwas länger nachdenklich geschaut hatte, entfernte er die Klammern wieder und sagte: „Wir sollten überlegen, dass Sie Ihre Haare etwas länger wachsen lassen. Vielleicht bis hierhin.“ Er zeigte mit der Hand auf ihre Schulter. „Dann würde ich ihnen ein paar Stufen hineinschneiden – so. Damit würden wir Ihr Gesicht optisch ausdrucksstärker gestalten.“

Frau Urbach hing an seinen Lippen. Mit seinen Ausführungen konnte sie sich die Veränderungen plastisch vorstellen. Vor allem aber genoss sie es seine flinken wuseligen Finger in ihren Haaren zu spüren. Es war keinesfalls sexuell, denn sie wusste, dass Ronnys Interesse an Frauen nur beruflich war. Aber er war ein Künstler, jemand der mit seinen Händen arbeitete und eine gewisse Sinnlichkeit ausstrahlte. Nicht so wie Ewald, der den ganzen Tag nur mit Akten und langweiligen Mandanten verbrachte. Sie war froh, dass sie einem saft- und kraftlosen Wochenende mit ihrem Mann entkommen war. Der Genuss der Schönheitsfarm war nur für sie, denn Ewald würde die Veränderungen nicht einmal bemerken. „Das hört sich fantastisch an, Ronny. Wenn ich bei Ihnen bin, fühle ich mich wie eine Göttin.“

(95) Nach kurzer Überlegung zog Lampe den Smoking bereits zuhause an.

Nach kurzer Überlegung zog Lampe den Smoking bereits zuhause an. So würde er nachher Zeit sparen. Urbach hatte ihn zu einem, wie er sagte, „kleinen Extra“ eingeladen, nur für sie beide. Ohne den Club mit seinen strengen Regeln. Urbachs Frau war an dem Wochenende in ein Wellnesshotel gefahren. Sie hatten also freie Bahn.

Urbach wohnte in einer Villa außerhalb der Stadt. Lampe hatte das Haus noch nie zuvor gesehen. Erst als er in die Einfahrt bog bemerkte er, dass das Haus eher einem Schloss ähnelte und mitten in einem weitläufigen Park lag. Als er den Wagen in der Auffahrt abstellte, kam Urbach bereits aus dem Haus. Auch er trug einen Smoking. „Hallo, Lampe. Schön, dass sie auch schon bereit sind. Dann können wir gleich loslegen. Sehr elegant, übrigens.“ – „Gucci“, antwortete Lampe. „Bei Ihnen Armani?“ – „Natürlich“, entgegnete Urbach. Lampe wusste immer noch nicht, worum es gehen sollte, er folgte aber Urbach, der um das Haus herum vorging.

Vor der hinteren Terrasse standen zwei Benzinrasenmäher. Jetzt verstand Lampe. Er jauchzte und Urbach lächelte erfreut. Lampe erinnerte sich irgendwann gesagt zu haben, dass er die Fokussierung des Clubs auf reine Sportaktivitäten limitierend fand und man das Angebot der Aktivitäten ausdehnen sollte. Natürlich war das nicht mit den Regeln des Clubs vereinbar.

Sie besprachen kurz die Vorgehensweise. Die Rasenflächen um das Haus herum waren ausgedehnt, sie würden sich nach Belieben austoben können. Zuerst stellten sie sich parallel zueinander auf und mähten die längste Rasenfläche. Dabei ging einer von ihnen nach hinten versetzt, so dass die Rasenreste durch den Auswurf des Rasenmähers auf den jeweils anderen geschleudert wurden. Am Wendepunkt wechselten sie die Aufstellung.

Bereits nach ein paar Runden waren ihre Smokings samt Hemden, Kummerbunden und Querbindern über und über mit einer grünen Matte bedeckt. Als sie schließlich mit dem Mähen fertig waren, duschten sie gemeinsam unter der Gartendusche hinter dem Gerätehaus, natürlich in ihren Smokinganzügen. Zweimal mussten sie das Gras aus der Duschwanne mit den Händen herausholen, weil der Abfluss verstopfte. Von ihren nassen Smokings bürsteten sie sich gegenseitig die letzten Grashalme ab. Die weißen Hemden hatten an der Vorderseite grüne Flecken und waren wahrscheinlich nicht mehr zu retten. Lampe war glücklich. Es war so, wie er es sich geträumt hatte. Unter freiem Himmel, quasi in der Natur, war es ein ganz besonderes Vergnügen. Völlig anders als in einem muffigen Fitnessstudio. Er fühlte sich gelöst. Urbach ging es genauso wie ihm. In diesem Augenblick fühlten sie sich einander verbunden. Als sie später in ihren noch triefendnassen Smokings auf der Terrasse saßen und Bier trinkend den Sonnenuntergang genossen, war es das traumhafte Ende eines schönen Sommertags.

(94) Herr Baumann, erzählen Sie mir noch einmal, was damals genau in dem Observationsposten vorfiel.“

„Herr Baumann, erzählen Sie mir noch einmal, was damals genau in dem Observationsposten vorfiel.“ Gerd Baumann lehnte sich nach vorne und erzählte Lampe von der Polarexpedition vor zwei Jahren. Er und zwei andere Forscher, darunter Sigmund Dinse, waren auf Grönland in einer Art Container postiert, um von dort aus das Verhalten der Eisbären zu beobachten. Es war Sommer und damit immer hell genug, um die Eisbären recht gut zu erkennen.

Nach der Expedition hatte Baumann ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben und Dinse daraufhin eine einstweilige Verfügung gegen die Veröffentlichung erwirkt. Baumann habe ihn falsch und ehrenrührig dargestellt. Der dritte Forscher war vor einem Jahr auf Spitzbergen von einem Eisbären zerfleischt worden, daher konnte er nicht mehr als Zeuge aussagen.

Baumann hatte geschrieben, dass Dinse es mit der persönlichen Hygiene nicht so ernst genommen hatte und man daher öfters das Containerfenster zum Lüften hatte öffnen müssen. Vorher war es absolut notwendig, sich zu vergewissern, dass keine Eisbären in der unmittelbaren Umgebung waren. Einmal hatten sie jedoch ein besonders neugieriges Männchen übersehen. Sie hatten den Eisbären Namen gegeben, um sie in den Berichten besser unterscheiden zu können. Dieser hieß Bronco.

Plötzlich streckte Bronco seinen Kopf und Hals durch das Fenster des Containers. Polarbären haben einen langen Hals und deshalb konnte Bronco fast die Hälfte des Raums im Container erreichen. Baumann sagte, er und der andere Forscher haben Ruhe bewahrt und sich gegen die Wand gedrückt. Dinse hatte allerdings den Kopf verloren, hatte geheult und wild gestikuliert, was Bronco beunruhigte. Der Eisbär versuchte, den Kopf zurück zu ziehen, verkeilte sich aber im Fensterrahmen und geriet in Panik. Mit seinen tödlichen Zähnen schnappte er nach links und rechts in den Container hinein. Dinse hatte sich daraufhin vor Angst eingenässt und -gekotet.

Dies hatte Baumann sachlich in seinem Buch ‚Von Polarbären und Menschen‘ dargestellt. Dinse hatte geklagt. „Interessant“, sagte Lampe. „Also Dinse war natürlich angezogen, denn es war ja immerhin Grönland, wenn auch im Sommer. Und er hatte sich wirklich in die Hose gemacht? Wie konnten Sie das denn feststellen? Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist nicht so, dass ich das persönlich wissen möchte. Aber das ist die Art von Fragen, die Ihnen der Richter auch stellen wird. Deshalb brauchen wir schon jetzt eine Antwort darauf.“

(93) Ein leiser Pfiff.

Ein leiser Pfiff. Ewald Urbach, Lampes Anwaltskollege war gerade in den Ankleideraum gekommen. „Canali“, erklärte Lampe. „Sieht schick aus. Letzter Schrei“, antwortete Urbach. „Ich freue mich auf das Spiel!“ An jedem Mittwochabend war das Fitness Studio für eine geschlossene Gesellschaft reserviert, einem privaten Club. Leute wie Lampe und Urbach, die heute Squash gegeneinander spielten. Oder auf dem Spinning Bike trainierten oder an den Kraftgeräten Gewichte stemmten.

Der Club wurde intern nur Suits genannt und offiziell gab es ihn gar nicht. Die meisten seiner Mitglieder waren Rechtsanwälte, Manager der C-Klasse und ähnliche Leistungsträger. Ihre gemeinsame Leidenschaft bestand darin, bei sportlichen Betätigungen Anzug, Hemd, Krawatte und rahmengenähte Cityschuhe zu tragen. Unterwäsche war ausdrücklich vorgeschrieben. Die Schuhe mussten abriebfeste Sohlen haben, um Striemen auf dem Bodenbelag zu vermeiden. Nach dem Sport wurde auch in der gleichen Montur geduscht. Die meisten zogen allerdings vor dem Duschen Schuhe und Socken aus.

Da alle Mitglieder mehr Geld verdienten, als sie sinnvollerweise ausgeben konnten, hatte es sich eingebürgert, dass die Anzüge zum Sporttreiben zumindest genauso schick und exklusiv sein sollten, wie die Straßenanzüge, in denen die Mitglieder ins Fitnessstudio kamen. Viele trugen Maßanzüge, manche ließen sich speziell für den Sport Anzüge schneidern, die zum Beispiel besonders gut zum Squashspielen geeignet waren. Verpönt waren Gore-Tex und Stretchmaterialien. Die großen Fenster des Studios wurden bereits am Nachmittag verhängt, damit niemand den Herren von außen bei ihren sportlichen Aktivitäten zuschauen konnte.

Für die Aufnahme im Club bedurfte es drei Bürgen, die bereits Mitglied waren. Ewald Urbach war der Hauptbürge für Lampe gewesen und fungierte als Sekretär des Clubs. Die beiden kannten sich seit ihrem Rechtsstudium. Die Mitglieder durften mit keinem anderen über den Club reden. Kameras und Mobiltelefone waren nicht gestattet. Frauen waren ebenfalls nicht erwünscht. Wer nicht mindestens zwei Mal pro Monat an den Vereinstrainings teilnahm, wurde automatisch ausgeschlossen. Zur Identifikation trugen die Mitglieder Schlüsselanhänger aus Silber, auf denen das Logo des Clubs eingraviert war, ein Windsorkrawattenknoten, sowie die laufende Nummer ihrer Mitgliedschaft. Lampe hatte die Nummer 157, Urbach die Nummer 71.

Lampe überprüfte den Sitz seiner Krawatte im Spiegel. Urbach stand im Nadelstreifenanzug (Armani) an der Tür und hielt ihm einen Squashschläger hin.

(92) Leah war ganz angetan von Tillmann Lampe.

Leah war ganz angetan von Tillmann Lampe. Seine Beschreibung an der Singlebörse im Internet hatte ihr gefallen. Sie hatten gechattet und Emails hin- und hergeschickt. Auch die beiden Telefonate waren ermutigend gewesen. Allerdings war es nicht ihr erstes Date und alle anderen davor hatten sich als Flops entpuppt.

Tillmann war Anwalt für Urheberrecht, war kulturell interessiert, konnte zuhören, hatte Tischmanieren und sah auch noch gut aus. Vom ersten Anblick, von der ersten Begrüßung an hatte Leah einen positiven Eindruck und war immer mehr von ihm und seiner ruhigen souveränen Art angetan. Tillmann redete kaum über seinen Job und fragte sie auch nicht aus. Ihr Gespräch drehte sich um gutes Essen; italienische Rotweine; Kinofilme; Bücher die sie vor kurzem gelesen hatten oder noch lesen wollten; Urlaubsziele, die sie bereits kannten und die sie noch bereisen wollten; Lieblingsfarbe, -schauspieler/in, -musikstil; Hobbys. Leah fragte sich, ob sie vielleicht gerade dabei war einen Mann kennen zu lernen, der zu ihr passte.

Nach und nach leerte sich das Restaurant, in dem sie sich getroffen hatten und sie wechselten hinüber zur Bar. Tillmann schien etwas befangen. „Ist irgendetwas? Du siehst nachdenklich aus“, fragte sie ihn. Er drehte den Barhocker halb zu ihr, stützte sich mit einem Ellbogen auf den Handlauf und schaute ihr in die Augen. „Ich will ganz ehrlich sein. Es ist nicht zum ersten Mal, dass ich ein Date wie dieses habe. Bisher hat es nie geklappt. Ich finde es unfair, wenn wir beide Zeit investieren, um uns besser kennen zu lernen. Denn es gibt etwas, das problematisch sein könnte.“

Leah hielt die Luft an. Es gab einen Haken, es hätte nicht anders sein können. Aber gut, besser jetzt denn später. Sie nickte langsam mit dem Kopf. Lampe erklärte ihr in gemessenen, aber klaren Worten, dass er ein Hobby, nein, ein Interesse habe, das nicht nach jedermanns Geschmack war. Er hatte ein Faible dafür, sich und seine Partnerin in angezogenem Zustand nass zu machen und dann, unter anderem, Sex zu haben. „Nass?“, fragte Leah. „Nass womit?“ Dabei war Lampe nicht festgelegt. Er zählte mögliche Flüssigkeiten auf: „Wasser, Milch, Bier, Wein, Urin,…“ Leah stand auf, nahm ihre Handtasche und wandte sich zum Gehen. Dann zögerte sie. „Wein?“, fragte sie. Er nickte. Sie nahm ihr noch fast volles Glas Rotwein und goss es ihm über den Kopf. Er schloss die Augen, als die Flüssigkeit unter seinem Hemdkragen durchfloss. „Es hätte ja sein können“, sagte er, als sie sich entfernte.

(91) Leah Bast legte den Zeitungsausschnitt neben das Telefon und wählte die Nummer ihrer Mutter.

Leah Bast legte den Zeitungsausschnitt neben das Telefon und wählte die Nummer ihrer Mutter. Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht bei jedem Anruf ein paar Anekdoten berichten zu können. Damit wollte sie verhindern, dass ihre Mutter einerseits zu sehr über ihre Probleme sprach, andererseits zu viele Fragen über Leahs Probleme stellen konnte.

Leider war es diesmal nur eine kurze Meldung. Ein 92-jähriger Amerikaner namens Paul Cole entdeckte sich selbst auf dem Cover der Abbey Road-LP der Beatles. Er war 1969 als Tourist in London gewesen und durch Zufall auf das Foto geraten. Man konnte ihn schräg oben hinter John Lennons Kopf erkennen, direkt neben dem schwarzen Polizeiwagen. In der Meldung stand, dass Cole zwar ein paar Lieder der Beatles gehört habe, die Musik ihm aber nicht gefalle. Er bevorzuge klassische Musik.

Die Vorteile der Story waren für Leah: Ihre Mutter konnte die Beatles einordnen; mit etwas Glück würde sie sogar das Foto der vier Musiker vor dem geistigen Auge haben, wie sie die Straße überquerten. Nachteile der Geschichte waren: Sie fragte nach dem alten Mann, wie er denn lebe, ob er „einsam“ lebe, ob er Kinder habe usw. „Hier steht, dass seine Frau Organistin ist“, antwortete Leah, die sich vorwarf, nicht mehr Geschichten gesammelt zu haben.

Frau Bast redete ständig von ihrem Alltag, der sich kennzeichnete durch: Rücksichtslosigkeit anderer Menschen unter besonderer Berücksichtigung ihrer Nachbarin, die egoistisch nur ihren eigenen Interessen nachging; die allgemeine Einsamkeit in ihrem Leben; dass sie keine weiteren Kinder gehabt hatte; dass ihr Mann schon so früh verstorben war und sie seither ihr Leben ganz alleine meistern musste; dass alles teuer geworden war; dass ihre Beine immer schwächer wurden; warum Leah immer noch keine Familie gegründet hatte, mit der sie vielleicht öfters zu Besuch kommen würde, gerne auch mit Kindern.

Leah hörte sich alles stumm an und gab nur von Zeit zu Zeit bestärkende, bemitleidende oder andere Laute von sich, mit denen sie zeigte, dass sie weiterhin in der Leitung war. Irgendwann glitten ihre Gespräche immer in diese Schienen. Sie hatte schon überlegt, ein Buch von Witzen (‚Lachen bis der Arzt kommt‘) neben das Telefon zu legen und systematisch Witze einzuwerfen, um die Gespräche erträglicher zu machen. Leider war ihre Mutter aber nicht so sehr an Witzen interessiert, das Unterfangen daher zum Scheitern verurteilt.

Nach den Telefonaten mit ihrer Mutter war Leah immer fertig, brauchte erst eine Erholungspause, um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. Sie wollte auf keinen Fall so enden wie ihre Mutter, war aber wahrscheinlich auf dem besten Weg dahin.

(90) Als Gerhard Johns sich das Leben genommen hatte, hatte Frau Bast sich sehr betroffen gefühlt.

Als Gerhard Johns sich das Leben genommen hatte, hatte Frau Bast sich sehr betroffen gefühlt. Im Nachhinein glaubte sie, dass sie den Schuss sogar gehört hatte, dabei aber eher an Straßenlärm gedacht hatte. Es konnte aber auch ein Irrtum gewesen sein und sie hatte Frau Johns nichts davon erzählt.

Sie selbst war bereits seit über zehn Jahren Witwe (Herzinfarkt) und wusste, wie schwer das Alleinsein oft war. Ihre Tochter Leah war selbst viel beschäftigt und der Kontakt mit ihr nur sporadisch. Insgeheim hoffte Sonja Bast, dass sie in Gabi Johns eine Gefährtin finden würde und dass die beiden Damen öfters Dinge gemeinsam unternehmen würden.

Am Anfang schien Frau Johns dankbar für die Fürsorge zu sein. Dann brauchte sie etwas Abstand, um mit ihrer Trauerarbeit voran zu kommen. Dafür hatte Frau Bast Verständnis, denn sie hatte es selbst so erlebt.

Nach einiger Zeit musste es Frau Johns aber wieder besser gehen, denn sie war viel unterwegs. Frau Bast bemerkte dies, da sie unwillkürlich zuhören musste, wenn Frau Johns ihre Wohnungstür auf- und zuschloss. Ein paar Mal hatte Frau Bast einen Vorstoß gewagt, wenn sie wusste, dass Frau Johns gerade nach Hause gekommen war. Immerhin ein Zeitpunkt, an dem sie am wenigsten stören würde. Sie hatte Frau Johns zu einem Spaziergang oder zu einem Theaterbesuch eingeladen. Es wurde ihr aber rasch klar, dass Frau Johns nichts weiter von ihr wissen wollte. Ihr letzter Versuch war es gewesen, Frau Johns ein Stück Kuchen zu bringen. Am nächsten Tag stand der Kuchenteller abgespült vor der Wohnungstür, ohne dass Frau Johns geklingelt hätte. Fassungslos bemerkte Frau Bast später, dass Frau Johns das Stück Kuchen in den Müll geworfen hatte. Ganz deutlich hatte sie ihr Gebäck durch die transparente Tüte unten im Mülleimer gesehen. So als ob Frau Johns ihr damit ausrichten wollte, dass Frau Basts Freundschaft ihr nichts bedeutete.

Frau Bast hatte bestimmt über eine Minute vor dem geöffneten Mülleimer gestanden, während sie die Botschaft in sich aufnahm. Sie schwor sich, für ihre Nachbarin keinen Finger mehr zu rühren. Sie nahm zum Beispiel keine Pakete aus dem Versandhaus mehr für sie an. Und als ein Polizist kam, um wegen einer Einbruchsserie zu warnen, gab sie die Nachricht auch nicht an Frau Johns weiter. Das übernahm, sie hörte es am darauffolgenden Abend, als sie zufällig an ihrer Wohnungstür in das Treppenhaus horchte, die Nachbarin aus dem Erdgeschoss. Mit der wollte Frau Bast fortan auch nichts mehr zu tun haben, grüßte sie auch nicht mehr auf der Straße. Sie war es leid, immer von allen ausgenutzt zu werden und nichts im Gegenzug dafür zu erhalten.

(89) Danke für den Tee, Frau Bast.

„Danke für den Tee, Frau Bast.“ Gabi Johns hob die Tasse an ihre Lippen. „Wofür hat man Nachbarn, Frau Johns. Sie sind sehr tapfer.“

Im Nebenzimmer waren zwei Polizisten in Zivil dabei, die Spuren zu sichern. Der Kommissar hatte gesagt, dass dies die Vorschriften in solchen Fällen seien. Frau Johns hatte ihren Mann gefunden, als sie von ihrer Arbeit als Bibliothekarin zurückkam. Er hatte sich mit einer Pistole in den Kopf geschossen. Dabei hatte sie nicht einmal gewusst, dass ihr Mann eine Waffe besaß. Der Kommissar hatte genickt und gesagt, man werde mehr über die Pistole herausfinden.

Nachdem sie Gerhard gefunden hatte, war sie als erstes zu Frau Bast gegangen. Die beiden Frauen kannten sich eigentlich nur flüchtig, aber Frau Bast hatte gleich alles in die Hand genommen und die Polizei gerufen. Sie hatte auch den Brief gefunden, den die Polizei an sich genommen hatte. Frau Johns hatte ihn mehrmals lesen können, bis die Polizei kam. Er war sehr kurz gewesen. ‚Meine liebste Gabi, es tut mir leid. Es hat nichts mit Dir zu tun. Ich liebe Dich. Ich bin unheilbar krank und habe Angst. Lebe Dein Leben weiter. Adieu, Gerhard.‘ Sie hatte nicht gewusst, dass Gerhard krank war. Er hatte sich vor zwei Monaten verändert, war sprunghaft gewesen und redete weniger. Aber das war nicht das erste Mal.

Sein Leben als Handelsvertreter war nicht einfach. Er war ständig auf der Reise gewesen, dabei viel allein und immer wieder der Ablehnung seiner Kunden schutzlos ausgeliefert. Außerdem rauchte er zu viel. Der Kommissar hatte gemeint, dass auf jeden Fall eine Obduktion stattfinden würde und man dabei herausfinden würde, ob Gerhard Johns krank war.

„Ich dachte ihn zu kennen. Gerhard und ich sind jetzt seit dreiunddreißig Jahren ein Paar, aber das scheint nicht ausreichend zu sein, um jemand wirklich zu kennen. Ich erinnere mich an die Hochzeit, als sei es gestern gewesen. Er hatte bei einer Ruderpartie um meine Hand angehalten. Ganz romantisch. Ich hatte sofort zugesagt. Ich war die erste meiner Freundinnen, die heiratete. Alle waren neidisch auf mich. Und ich war so stolz. Gerhard sah so hübsch aus. Er hatte volle glänzende Haare und eine tolle glatte Haut. Sie fühlte sich immer so seidig an.“ Sie stockte und ihre Gesichtszüge verzerrten sich. Sie fing an zu schluchzen. „Gerhard, wie konntest Du mir das antun? Warum hast Du Dir ins Gesicht geschossen?“ Frau Bast hielt ihr ein weiteres Papiertaschentuch hin.

(88) Sundermann zog die Klotür hinter sich zu und schloss die Augen.

Sundermann zog die Klotür hinter sich zu und schloss die Augen. In kurzen Zügen atmete er die Luft durch die Nasenlöcher ein und aus. Als er die Augen wieder öffnete, sah er einen Mann, der sich an die weißgekachelte Wand der Zelle lehnte und nach oben schaute. Auf dem heruntergeklappten Toilettendeckel saß eine Frau und hatte ihre Lippen um seine Eichel geschlossen. Mit den Händen bearbeitete sie Glied und Hodensack. Der Mann stöhnte.

Sundermann griff in seine Jackentasche und nahm sein Notizbuch heraus. Er notierte die Szene in ein paar Worten, die er später noch genauer katalogisieren würde. Dann klappte er den Deckel hoch, öffnete seinen Hosenschlitz, nahm seinen Schwanz heraus und urinierte in die Kloschlüssel. Seit er die Gabe des absoluten Geruchs hatte, war er in der Lage nicht nur Gerüche genau unterschieden zu können. Zusätzlich konnte er auch ganze Szenen visualisieren, ausgehend von dem Reiz, den seine Nase empfand. Es war wie ein Buch, das er aufklappte. Besonders Orte, an denen Körperflüssigkeiten ausgetauscht wurden, waren sehr ergiebig für ihn. Es war, als ob jede Zelle, die sich in Geruch auflöste, auch ein Teil der Persönlichkeit des Menschen aufbewahrte, dem die Zelle gehört hatte.

Wenn Sundermann in eine Toilette kam und es roch nach Fäkalien, konnte er bestimmen, ob der Geruch von einem Mann oder einer Frau stammte, wie alt, in welcher Stimmung er oder sie war. Es war faszinierend. Sundermann hatte das Gefühl, eins mit der Welt und den anderen Menschen geworden zu sein.

Wenn er in ein Hotelzimmer kam, konnte er sich zuerst den Geschichten widmen, die sich in dem Hotelzimmer abgespielt hatten und die seine Vorbewohner erlebt hatten. Wenn er morgens beim Auschecken ein Zimmermädchen sah, konnte er mit eindeutiger Sicherheit sagen, wann sie zum letzten Mal sein Zimmer gereinigt hatte.

Einmal hatte er beim Eintreten in ein Zimmer einen mittelalten Mann vor sich gesehen, der sehr traurig war und viele Stunden mit einer Pistole in der Hand auf dem Bett gesessen hatte. Er hatte sie immer wieder in die Hand genommen, sie angesehen und dann wieder abgelegt.

Sundermann spürte, dass es ein potenzieller Selbstmörder war. Er fragte am Empfang nach dem Namen des Vorbewohners, bekam ihn nicht. Er ging noch einmal zurück, als der Nachtportier im Frühstücksraum beschäftigt war. Sundermann entnahm den Namen (Gerhard Johns) und die weiteren Koordinaten aus dem Meldebuch, ging wieder in sein Zimmer und rief an.

Nach mehrmaligem Läuten nahm eine Frau ab. Sie meldete sich als Gabi Johns. Sundermann fragte nach Gerhard Johns und sie sagte ihm, dass ihr Mann seit drei Stunden tot war. Sundermann legte auf, hob den Hörer aber noch einmal an, um daran zu riechen. Lungenkrebs, dachte er. Gemischt mit kaltem Zigarettenrauch.

(87) Als Patrick Sundermann bei seiner Rückkehr aus Indien die Tür zu seiner Wohnung aufschloss…

Als Patrick Sundermann bei seiner Rückkehr aus Indien die Tür zu seiner Wohnung aufschloss und hineinging, war ihm, als ob seine Nase ein eigenes Leben entwickelt hätte. Noch nie hatte er Gerüche derart intensiv wahrgenommen. Er stellte den Rollkoffer aus dem Weg und drückte die Wohnungstür hinter sich zu.

Er riss das Gepäcklabel ab und ging in die Küche. Als er den Abfalleimer öffnete, schlug ihm ein barbarischer Müllgestank entgegen, obwohl die Tonne leer war. Als er sich umsah, bemerkte er einen anderen, fauligen Geruch und ging ihm nach. Hinter dem Brotkasten fand er schließlich ein Stück Schimmel, das er als Käserest identifizierte. Auf dem Klo war es der intensive Gestank von Urinstein, der ihn störte. Im Schlafzimmer belästigte ihn der Schweißgeruch des einzigen T-Shirts, das im Wäschekorb lag. An der Bettwäsche bemerkte er einen käsigen Geruch.

Sundermann ging zurück in die Diele und öffnete den Koffer. Gleich schien es ihm, als ob die Duftkulisse seiner Indienreise ihn ansprang und seine Wohnung erfüllte. Es war ihm so, als ob sich das Schwarzweiß-Bild eines alten Films von einem Moment zum anderen mit Farbe füllte. Es waren Gewürzdüfte von Pfeffer und Kardamom, die er erschnüffelte. Schwere blumige Gerüche. Im gleichen Augenblick hatte er den Aschram in Dayalbagh wieder vor Augen und verneigte sich vor der Erinnerung, die Hände vor der Brust gefaltet.

Der Aufenthalt im Aschram hatte ihm wirklich die Sinne erweitert und er fühlte sich auf dem Weg zur Erleuchtung.

Die Meditation hatte wohl seinem Geruchssinn eine völlig neue Dimension eröffnet. Vielleicht hätte er länger im Aschram bleiben sollen, anstatt an dieser unnötigen Rundreise teilzunehmen. Möglicherweise hätten sich ihm auch weitere Sinne geöffnet und er wäre auf seiner Lebensreise weiter gekommen. Aber das war jetzt nicht mehr zu ändern.

Sundermann stellte sich vor den Spiegel und schaute sich an. Seine Haut war für seine Verhältnisse sehr dunkel gebräunt. Ein langer, wenn auch spärlicher Bart bedeckte Mund und Kinn. Wenn er lächelte, schob sich das Barthaar auseinander und zeigte seine weißen Zähne. In den zwei Monaten waren auch seine Haare gewachsen und er fand, dass er etwas Messianisches an sich hatte. Vielleicht war der Geruchssinn seine persönliche Bestimmung. Er würde es herausfinden. Der erste Schritt war getan.

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