Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(134) Prof. Ottmar Waldenbrück war wieder in Kinshasa.

Prof. Ottmar Waldenbrück war wieder in Kinshasa. Seine Feldforschungen der vergangenen drei Wochen waren sehr anstrengend gewesen. Erst jetzt, als er wieder im Venus Hotel eingecheckt hatte und frisch geduscht war, fühlte er so etwas wie Zuversicht in sich. Waldenbrück war Käferexperte und sein Spezialgebiet waren die Eudicella gralli, eine grünbraune Käferart, die in Zentralafrika sehr verbreitet war. Normalerweise waren die Tiere nur maximal 4 Zentimeter groß.

Sein Erstaunen war maßlos gewesen, als ihm ein Einheimischer ein Exemplar gezeigt hatte mit einer Größe von 122 Millimetern. Waldenbrück konnte zuerst nicht sprechen, als er den Käfer in Händen gehalten hatte. Als er wieder reden konnte, fragte er, wo das Tier herkam. Der Mann zeigte ihm auf der Karte einen Ort im Osten von Zaire, etwa 200 Kilometer nördlich von Goma.

Noch am gleichen Tag fing Waldenbrück mit den Reisevorbereitungen an, er wollte unbedingt der Erste sein, der über 10 Zentimeter große Eudicella gralli in freier Natur fand. Leider gab es zu dieser Zeit eine Art Bürgerkrieg in dem Teil von Zaire. Das fand Prof. Waldenbrück ärgerlich. Es schien unmöglich zu sein, bis dorthin zu gelangen, zumindest nicht, solange die Kämpfe tobten. Waldenbrück war deprimiert.

Dann traf er im Hotel einen Amerikaner namens Oliver Moller, der ihm erzählte, dass er mit einer ganzen Gruppe auf dem Weg nach Goma sei. Waldenbrück erzählte ihm, von seiner misslichen Lage und es stellte sich heraus, dass sie beide fast auf den Kilometer genau das gleiche Ziel hatten. Waldenbrück fragte, ob er die Gruppe begleiten könnte. Als Moller zögerte, bot Waldenbrück ihm Geld an. Moller nahm an und bereits am nächsten Tag war Waldenbrück mit dem Söldnertrupp in einem Transporthubschrauber unterwegs nach Goma. Die Söldner fragten ihn nicht, was er genau dort machen wollte und Waldenbrück stellte auch keine Fragen. Vom Flughafen in Goma ging es weiter mit Jeeps. Waldenbrück musste jetzt einen Kampfanzug in Flecktarn anziehen, worauf Moller bestanden hatte.

Nach einiger Zeit kamen sie in ein Dorf und trafen sich mit einem älteren Mann, der die Gemeinschaft vertrat. Er erzählte ihnen von großem Unglück. Es gab ein Rodungsprojekt in der Nähe, bei dem alle Männer des Dorfes arbeiteten. Er zeigte den Punkt auf der Karte und Waldenbrücks Herz setzte fast aus, als er erkannte, dass genau dies der Ort war, an dem sich die Eudicella gralli Waldenbrueckensi, so hatte er sie bereits benannt, befanden. Die Käfer würden Geschichte sein, bevor Waldenbrück sie entdeckte. Doch dann fuhr der Mann mit seiner Erzählung fort. Er sagte, dass die Rodung gestoppt sei, weil es einen Ausbruch von Ebola gab und über die Hälfte der Männer bereits gestorben sei. Die restlichen waren voraussichtlich infiziert. Das Wort ‚Ebola‘ machte unter den Söldnern die Runde und so mancher kam dabei ins Schwitzen. Sie waren auf den Krieg geeicht, aber mit einem tödlichen Virus wollten sie den Kampf nicht aufnehmen. Da sie nur im Einsatzfall bezahlt wurden, war der Ebola-Ausbruch keine gute Nachricht für sie. Waldenbrück hingegen frohlockte, denn Ebola hatte keinen Einfluss auf die Eudicella gralli. Seine Käfer waren sicher.

Er fuhr mit den Söldnern wieder zurück nach Kinshasa und beschloss, das Ende der Epidemie abzuwarten. Die Söldner hatten das Gleiche vor und zusammen konnten sie im Venus Hotel einen Sonderpreis für ihre Gruppe aushandeln.

(133) Nachdem Tante Agathe auch den zweiten Anfall überstanden hatte, ging Pfarrer Getschmann von der Hochzeit nach Hause.

Nachdem Tante Agathe auch den zweiten Anfall überstanden hatte, ging Pfarrer Getschmann von der Hochzeit nach Hause. Immerhin hatte er der alten Dame die Krankenölung gespendet, es konnte also nichts mehr schiefgehen.

Zu Hause widmete er sich seinem Lieblingsprojekt: ‚Waffen für Jesus‘. In seiner Post fand er einen Brief von Oliver Moller, der in Kürze zu einer Mission nach Afrika aufbrach. In dem Umschlag befand sich das Foto eines Barrett REC7-Sturmgewehrs sowie eine Banknote.

Getschmann war nämlich ein Waffennarr und das seit seinem Wehrdienst. Das Gefühl, eine schwere Waffe aus kaltem Stahl in den Händen zu halten, war für ihn tief bewegend. Seit der Eiserne Vorhang gefallen war, nahm er sich ab und zu Urlaub von seiner Pfarrgemeinde und ging zur Missionierung in den Osten. In Wirklichkeit verbrachte er die Zeit auf privaten, halblegalen Schießständen, die von ehemaligen Offizieren der Roten Armee geführt wurden. Dort konnte er mit allem schießen, was die Waffenkammer hergab. Ein wahres Erweckungserlebnis hatte er, als er in einem Steinbruch hinter dem Ural mit einem schweren Browning M2 Maschinengewehr schießen konnte. Mit den Händen umfasste er die Griffe der auf einem Dreibein montierten Waffe und spürte die ungeheure Feuerkraft der Kaliber .50 Munition. So überwältigt war er, dass er laut „Halleluja!“ schrie, während er den Abzug betätigte. Leider war es ein teures Vergnügen und so konnte er sich diese Freude nur ab und zu gönnen.

Da Getschmann ein schlechtes Gewissen hatte, suchte er nach einem Weg, seine Leidenschaft mit seinem Beruf zu verbinden. Deshalb gründete er ‚Waffen für Jesus‘, eine Vereinigung, deren einziges aktives Mitglied er selbst war. Die Vereinigung arbeitete zusammen mit Söldnerorganisationen und Getschmann segnete per Fernweihe die Waffen der Söldner, die in eine Schlacht zogen. Interessanterweise waren diese harten Männer oft sehr gläubig. Es hing wohl mit ihrer ständigen Nähe zum Tod zusammen. Die Idee war Getschmann gekommen, als er im Internet eine Werbung für ‚Soldier of Fortune‘, eine Söldnerzeitschrift gefunden hatte. Später inserierte er selbst in dieser Zeitschrift und hatte gleich zu Beginn einen ermutigenden Rücklauf. Für die Segnung schickten die Söldner ihm Fotos ihrer Waffen und eine Spende von 50 US-Dollar. Getschmann segnete das Foto, und damit die Waffe, und meldete seinen Auftraggebern per E-Mail Vollzug. Mit den Fotos der Waffen hatte er eine interessante Sammlung angelegt und mit den Spenden konnte er seine Reisen in den Osten finanzieren. Die Söldner, schließlich, waren zufrieden, denn sie fühlten sich nach der Segnung im Einklang mit dem Herrn und unter dessen Schutz. Getschmann war stolz auf das Arrangement. Jeder gewann dabei.

Er stellte das Foto der Barrett REC7 vor sich hin gegen eine Bibel und segnete es mit einem Kreuzzeichen. Dann schickte er Moller eine E-Mail und wünschte ihm viel Erfolg bei seiner Mission in Afrika.

(132) Holger Ditzel hatte Enrico versprochen, sich zu benehmen.

Holger Ditzel hatte Enrico versprochen, sich zu benehmen. Nun war das Hochzeitsessen vorbei und der Kuchen sollte kommen. Jetzt war es doch wohl gestattet, die Krawatte etwas zu lockern, oder?

Holger hielt Ausschau nach Vanessa. In ihrem engen roten Kleid sah sie rattenscharf aus. Außerdem sollte sie sich nicht so anstellen. Sie hatte ja auch schon was mit Enrico gehabt und im Vergleich zu Enrico sah Holger viel besser aus. Wenn alle Stricke reißen würden, konnte er immer noch sagen, dass Vanessa mit Enrico rumgevögelt hatte. Egal wann es war, es würde die Stimmung anheizen. Aber das wollte er natürlich nicht. Nur etwas Spaß mit Vanessa. Dann sah er sie, aber sie ging neben der Hochzeitstorte, die hereingetragen wurde. Holger grinste, dafür hatte er sich noch einen Spaß einfallen lassen. Auf der Torte war das Brautpaar als kleine Skulptur aufgesteckt. Braut und Bräutigam Hand in Hand. Holger hatte eine Spaßfassung davon gekauft, bei dem die Braut den Bräutigam mit nackten Beinen umklammerte, ihn quasi im Stehen bestieg. Wenn man es aus der richtigen Perspektive betrachtete, sah man, dass er ihr sein Ding reinsteckte. Sehr lustig. Nachdem die Torte angeschnitten war und das Blitzlichtgewitter abgeklungen, gab es eine Pause, weil irgendwelche Freunde von Charlotte einen Sketch vorführten. Ratzfatz hatte Holger das Brautpaar auf der Torte ausgetauscht. Dann sah er Vanessa und ging schnell zu ihr rüber, bevor sie wieder entwischen konnte.

Agathe Hollmann, Enricos Erbtante, war etwas schwerhörig, verstand den Sketch nicht und liebte Süßes. Sie pirschte sich an den Kuchen heran und wollte sich einen Nachschlag holen. Dann erblickte sie das Brautpaar auf dem Kuchen und was sie dort taten. Es war zu viel für die herzkranke Dame, die auch mit achtzig Jahren immer noch viel Wert auf ihre Jungfräulichkeit legte. Sie stieß einen spitzen Schrei aus und griff an ihr Herz. Sofort war Enrico zur Stelle und hielt sie. „Meine Herztropfen“, röchelte sie. Allerdings waren die Tropfen nicht in der guten Handtasche, die sie hielt, sondern in der Reisehandtasche, die auf dem Hotelzimmer lag. Enrico griff nach dem Zimmerschlüssel und schoss hinaus.

Aus beruflicher Neugier war auch der Pfarrer, Ernst Getschmann, zu der alten Dame gekommen. Sie hatte seine Predigt während der Hochzeitsmesse als modernes Geschwafel abgetan, aber jetzt verlangte sie nach ihm. Sie winkte ihn näher zu sich und flüsterte in sein Ohr. Sie wollte die Letzte Ölung, denn sie glaubte, dass es um sie geschehen war. Der Pfarrer bat um ein paar frische Tischdecken, die die Hochzeitsgäste um Pfarrer und Agathe spannten, um ihnen etwas Ruhe zu geben. Getschmann hatte bei Hochzeiten nie Krankenöl dabei. Er ließ sich deshalb ein Kännchen Olivenöl (erste Pressung) geben und wollte gerade mit der Zeremonie beginnen, als Enrico mit den Tropfen ankam. Er träufelte seiner Erbtante ein paar Tropfen auf die Zunge und sogleich erhellte sich ihr Gesicht. Nach ein paar Minuten, war sie in der Lage aufzusitzen und verlangte nach einem Stück Kuchen. Dann stand sie auf. Gerade wollte sie sich an ihren Platz setzen, als sie Holger sah, der diese ordinäre Frau im roten Kleid küsste und drückte, während sie ihre Hand in seine Hose zu stecken schien. Agathe, immer noch schwächlich, wurde wieder schwarz vor den Augen und sie fiel Pfarrer Getschmann bewusstlos vor die Füße.

(131) Hoffentlich würde sich Charlotte am Vortag ihrer Hochzeit nicht verspäten…

Hoffentlich würde sich Charlotte am Vortag ihrer Hochzeit nicht verspäten, dachte Vanessa Olberz, die designierte Brautjungfer. Sie wartete vor dem Hotel, in dem Charlotte zusammen mit ihr noch die Dekoration der Hochzeitstafel besprechen wollte. Wenigstens war es warm draußen und Vanessa genoss es, vor dem Eingang im Schatten zu stehen. Sie hielt Ausschau nach dem Mini ihrer Freundin und bemerkte den Hoteldiener, der einen Hund ausführte, erst, als dieser sie fast anrempelte. Er entschuldigte sich und ging weiter. ‚So eine Rasse habe ich ja noch nie gesehen‘, dachte Vanessa. ‚Ganz ohne Fell, eklig. Wenigstens war das Vieh an der Leine. Was die Hundezüchter sich alles einfallen lassen…‘.

Vanessa war innerlich sehr aufgewühlt. Sie hatte sich Charlotte für diese Besprechung fast aufgedrängt, denn sie hatte etwas auf dem Herzen. Bisher hatte sie sich nicht getraut, es zu sagen. Und es wurde immer schwerer. Sie kannte den Bräutigam, Enrico Schwenk, besser als Charlotte ahnte. Allerdings war es sehr harmlos. Einerseits. Sie hatte Enrico kennengelernt, bevor Charlotte dies tat. Sie waren für ein paar Wochen ein Paar gewesen und dann hatte Vanessa keine Lust mehr gehabt. Enrico und sein bester Freund, Holger Ditzel, den sie auch kennengelernt hatte, waren in Vanessas Augen von schlichtem Gemüt. Außerdem war Enrico, trotz des feurigen Namens, eine Lusche im Bett. Holger wahrscheinlich auch, aber diesen Versuch hatte sie nicht unternommen. Die Beziehung war also aus und dann kam Charlotte mit Enrico um die Ecke, wie ein Knochen, den sie im Hinterhof ausgegraben hatte. Das wäre natürlich der richtige Zeitpunkt gewesen, es ihr zu erzählen. Das wusste auch Vanessa. Aber sie hatte keine Lust gehabt und ehrlich gesagt, war es nicht zu erwarten, dass sie den Rohrkrepierer auch noch heiraten würde. Völlig absurd war das.

Vanessa sah Charlotte schon Weitem. Sie war groß, schlank und hätte, in Vanessas Meinung, jeden Typen haben können. Vanessa winkte, Charlotte winkte zurück.

Die ganze Zeit über hatte Vanessa nichts gesagt. Enrico auch nicht, vielleicht aus ähnlichen Gründen. Mittlerweile wäre es oberfaul, Charlotte davon zu erzählen. Sowohl für Vanessa, als auch für Enrico. Sie hoffte, dass auch Holger die Klappe halten würde. Wenn sie daran dachte, dass es nach der Hochzeit vielleicht noch sehr lange so weitergehen könnte, wurde ihr ganz flau im Magen. Was würde passieren, wenn sie jetzt Charlotte auf einen Kaffee einlud und ihr die Geschichte beichten würde? Ihr würde Charlotte vielleicht verzeihen, denn die Situation war nachvollziehbar. Aber würde sie Enrico verzeihen? Die Situation war Dynamit und konnte die Hochzeit noch zum Platzen bringen.

Vanessa lächelte Charlotte an, die etwas echauffiert vor ihr stand und sich für die Verspätung entschuldigte. „Macht nichts“, sagte Vanessa, „es läuft nichts weg.“

(130) An einem Tag im Mai setzte bei Rudger Ney der Verstand aus und er hielt sich für einen Hund.

An einem Tag im Mai setzte bei Rudger Ney der Verstand aus und er hielt sich für einen Hund. Dummerweise geschah es in einem Hotel und er war weder angeleint noch wurde er von einer Aufsichtsperson begleitet. Es geschah im dritten Stock, vor Zimmer 317. Dort stand eine große Vase mit einem Fliederbusch. Im Vorübergehen erhaschte Ney eine Nase voller Blütenduft und dann war es um ihn geschehen. Er riss sich die Kleider vom Leib und drapierte sie in den Fliederstrauß hinein. Dann hockte er sich auf alle viere vor die Vase, schnüffelte an der kühlen Keramikoberfläche, hob das rechte Bein und urinierte dagegen. Er schnüffelte noch einmal und sah dann erstaunt erfreut zu Frau Reimer hoch, die gerade die Tür von Zimmer 317 öffnete, weil sie ihren Mann aus der Fangotherapie abholen wollte. Sie sah den nackten Ney, gab einen spitzen Schrei von sich und schlug die Tür wieder zu. Das Türenschlagen hämmerte in Neys Hirn hin und her und er sagte sich, dass es besser war, jetzt zu gehen. Während Frau Reimer mit zittrigen Händen die Nummer der Rezeption wählte, ging Ney würdevoll auf allen vieren in Richtung Treppe. Weil es ihn amüsierte, setzte er sich mit dem Rücken nach unten auf die Treppe und stieß sich kontrolliert, Absatz für Absatz, die Treppe hinunter, das Hinterteil nach unten, die Beine hinter sich herziehend. So gelangte er zur zweiten Etage, wo ein Paar mittleren Alters ihm mit geöffnetem Mund zuschaute. Er sagte freundlich „Wuff“, sie verharrten aber nur in ihrer Pose, als ob sie aus Gips seien. Erst als Ney auch am Hosenbein des Mannes sein Revier markieren wollte, schlug dieser ihm mit dem Regenschirm in den Rücken. Ney heulte auf, wollte es aber nicht darauf ankommen lassen und bewältigte die nächste Treppe in das erste Stockwerk auf allen Vieren. Dort kam ihm aus der Lobby der Hausdiener entgegen. Der Empfangschef hatte ihn geschickt, um die Beobachtungen von Frau Reimer zu überprüfen. Man war ja an seltsame Gäste gewohnt und so waren zunächst sowohl der nackte Mannshund als auch die geisterhundesehende Frau mögliche Ausprägungen der Wirklichkeit. Der Hausdiener hatte für die Hundevariante eine Leine mit Halsband mitgebracht und für die andere ein Fläschchen Riechsalz, denn das brachte alle Frauen wieder zur Besinnung.

Ney knurrte den Hausdiener an und verkroch sich rückwärts in eine Nische im Treppenhaus. Das war taktisch ganz falsch, denn damit hatte der Hausdiener Ney unter Kontrolle. Er überlegte, was er machen konnte und da ihm nichts Besseres einfiel und er sich unter den Blicken der mittlerweile angesammelten Hausgäste spürte, legte er Ney kurz entschlossen das Halsband um den Hals und klinkte die Leine ein. Ney wollte sich zuerst nicht bewegen und es kostete den Hausdiener ein paar kräftige Züge an der Leine, bis er seine Autorität bewiesen hatte. Ney folgte ihm schließlich. Sie stiegen die Treppe hinunter in die Lobby. Da zumindest an dieser Stelle dem Leinenzwang für Hunde aller Größen im Hotel Folge geleistet war, verlor die Szene für die anderen Hotelgäste nunmehr an Interesse. Der Hausdiener führte Ney durch die Lobby zum Ausgang und dann nach rechts in den kleinen Hotelpark, in den er normalerweise immer Hunde von Hotelgästen ausführte. An dem großen Kastanienbaum ließ er Ney den Hinterlassenschaften anderer Hunde nachschnüffeln, bevor dieser schließlich selbst das Bein hob und seine Marke hinterließ.

(129) Mit heiserer Stimme berichtete Titus, der schwarz-weiße Bobtail, dass Luggi sich ein paar Minuten verspäten würde.

Mit heiserer Stimme berichtete Titus, der schwarz-weiße Bobtail, dass Luggi sich ein paar Minuten verspäten würde. Rex knurrte leise, als Zeichen, dass er verstanden hatte, und las noch einmal den Artikel über den von Hämorrhoiden geplagten Löwen. Er war glücklich, keine solchen Probleme zu haben. Grauenhaft. Dann bellte er Titus zurück in den Empfangsraum und sagte, dass er Malik hereinschicken sollte. Er musste Malik noch ein paar Verhaltensregeln klar machen, um diplomatische Verstimmungen mit Luggi zu verhindern.

Malik, ein noch junger Belgischer Schäferhund, kam mit demütig gesenktem Kopf herein. Rex ging um ihn herum und beschnüffelte ihn. Er tat es nur der Form halber, ohne großes Interesse. Aber als Mastino Napoletano und Chef von Titus und Malik wurde es von ihm erwartet. Malik schnüffelte auch, war aber gar nicht bei der Sache. Rex biss ihm ins Ohr. Malik jaulte kurz, obwohl es nicht wehgetan hatte. Es ging nur noch um den Schein. Rex seufzte und setzte sich wieder auf seine Decke. Er schaute Malik an und der Schäferhund wusste nicht, wohin er blicken sollte. Dann bellte Rex. Nur einmal, unaufgeregt und präzise wie immer. Schließlich schaute er wieder in die Zeitung. Malik ging wieder mit gesenktem Haupt aus dem Zimmer. Rex sah ihm nach. Hoffentlich würde er sich diesmal benehmen. Die letzte Delegation hatte er zuerst mit seinem Knurren verunsichert und dann hatte er einem filzigen Affenpinscher ins Hinterteil gebissen. Das war teuer geworden. Rex wusste, dass Luggi, eine pompöse Bordeaux Dogge, von seiner Beraterin Isa begleitet wurde. Isa war ein etwas verstörter Labrador und Rex hatte Angst, dass sie und Malik sich nicht verstehen könnten. Man würde sehen.

Als von draußen das fröhliche Gekläff von Titus ertönte, wusste er, dass Luggi und Isa angekommen waren. Rex schüttelte die Ohren in die richtige Position und wartete würdevoll auf Luggi. Mit erhobenem Haupt und zusammengekniffenen Augen kam die Bordeauxdogge an. Hier musste Rex sich anstrengen und er schnüffelte an Luggis Hinterteil, streng nach Etikette. Luggi, Rex bemerkte es aus den Augenwinkeln, war ebenfalls mit Eifer bei der Sache, obwohl er eben noch recht arrogant ausgesehen hatte. Sie waren doch beide von der gleichen Schule, Luggi und er. Vielleicht würden sie sich doch einigen können und den Markt zwischen ihnen aufteilen. Rex musste vorsichtig an die Sache herangehen und keinen Fehler machen. Besser sie wiederholten das Treffen noch einmal bei Luggi, als dass er jetzt übermütig wurde. Es stand zu viel auf dem Spiel.

Gerade als Luggi und er die zweite Runde hinter sich gebracht hatte, bei der es mehr um den korrekten Abschluss des Schnüffelns ging, als um die Informationserkenntnis, fuhr ein jähes Japsen in die ansonsten ruhige Stimmung im Empfangszimmer hinein. Es kam von Isa, die noch in der Tür stand und sich mit Titus bereithielt für die sekundäre Beschnüfflungszeremonie. Alle schauten zu Isa. Hinter ihrem Kopf sah man den von Malik, der sie mit freudig heraushängender Zunge bestiegen hatte. Rex blieb zuerst die Sprache weg. Was für ein Fiasko! Dann knurrte er sehr laut und Malik begriff, welchen Fauxpas er eben gemacht hatte. Er sprang nach hinten von der Labradorhündin herunter, überlegte, ob er noch etwas tun könnte und dann lief er von der Bildfläche weg. Rex beugte den Kopf nach vorne und hoffte, dass Luggi ihm, als Zeichen der akzeptierten Entschuldigung, ins Ohr beißen würde.

(128) Der Löwe Sultan war die Hauptattraktion im Safaripark Metzengerstein.

Der Löwe Sultan war die Hauptattraktion im Safaripark Metzengerstein. Seine prächtige Mähne und der schwungvolle Schwanz mit der buschigen Quaste waren ein Hingucker für alle Besucher, die mit ihrem Wagen in den Park hineinfuhren. Sultans rechtes Oberlid hing herunter und gab ihm einen etwas seltsamen Gesichtsausdruck, aber aus der normalen Distanz, aus der Löwen beobachtet werden, nahmen es die Gäste kaum wahr.

Als Sultan etwa 17 Jahre alt war, fing er plötzlich an, sich immer wieder am Darmausgang zu lecken. Der Direktor des Safariparks war darüber nicht begeistert und deshalb wurde Sultan eines Tages mit einem Betäubungspfeil eingeschläfert und von einem Tierarzt untersucht. Dieser fand, dass Sultan unter Hämorrhoiden litt, und verschrieb dem Löwen eine entsprechende Salbe. Der für Sultan zuständige Pfleger war Gerd Korn. Er kümmerte sich schon seit über 10 Jahren um das Tier. Er war es, der vom Tierarzt in der Behandlung der Hämorrhoiden unterwiesen wurde. Die erste Anwendung erfolgte, noch während Sultan betäubt war. Danach sollte der Schließmuskel einmal am Tag mit der Salbe eingeschmiert werden, voraussichtlich für eine Dauer von 14 Tagen.

Korn war ein Mann wie ein normannischer Kleiderschrank. Es gab im Safaripark bestimmt keinen Mitarbeiter, der Tiere mehr liebte als er. Er hatte keine Angst vor Sultan, war aber erst einmal ratlos, als der Veterinär ihm seine künftige Aufgabe erklärte.

Es war Korn sofort klar, dass der Löwe nicht jeden Tag betäubt werden konnte. Zuerst überlegte er, ob er eine mit Salbe bestrichene Bürste an einen langen Stab montieren konnte, um dann Sultan aus einem sicheren Auto heraus einzuschmieren. Ein Versuch ohne Löwe zeigte aber, dass ein genaues Handhaben der Salbe mit dieser Methode nicht funktionierte. Bei einem wachen und um seinen Schließmuskel besorgten Löwen würde es noch schwieriger werden.

Der nächste Tag kam und Korn hatte immer noch keine Idee. Der Löwe war natürlich längst wieder wach und bewegte sich in seinem Revier. Korns Problem hatte sich herumgesprochen und alle warteten gespannt darauf, wie er es lösen würde. Sogar der Direktor ließ sich über Korns Aktionen auf dem Laufenden halten.

Um zwölf Uhr Mittag stand Sultan ganz entspannt im Schatten der großen Eiche. Korn beschloss, den Löwen im wahrsten Sinne des Wortes am Schwanz zu packen. Er fuhr mit dem Jeep bis unter den Baum und stieg aus. Soweit war das kein Problem, denn generell akzeptierte Sultan Korns Präsenz ohne Zeichen der Unruhe. In der rechten Hand hielt der Pfleger den Topf mit der Salbe und schraubte mit der linken den Deckel ab. Er tauchte seine linke Hand in die Salbe und entnahm eine ausreichende Menge, wie ihm der Tierarzt gezeigt hatte. Den Topf samt Deckel stellte er auf den Kotflügel des Jeeps. Korn sprach ganz ruhig mit dem Löwen, während er sich ihm näherte. Sultan war immer noch ruhig. Korn streichelte den Rücken des Tieres, als er neben ihm stand. Nach und nach verlagerte er das Streicheln immer weiter nach hinten, dann bis hin zum Schwanz. Langsam hob er den Schwanz des Löwen und schmierte dann ruhig aber bestimmt die Salbe mit seiner linken Hand auf Sultans Schließmuskel. Der Löwe erschrak, sein Becken zitterte und dann machte er einen Satz nach vorne. Korn blieb ruhig stehen. Der Löwe merkte wie die Kühle der Salbe seine wieder einsetzenden Beschwerden linderte und beruhigte sich wieder.

Nachher sagte Korn, dass es ein Klacks gewesen sei. Aber in Wirklichkeit hatte er großes Herzklopfen, als er Sultan einschmierte. Es war gut gegangen, aber noch keine Garantie, dass die nächsten 13 Mal genauso problemlos verlaufen würden.

(127) Bei dem Gefangenen Milke war Gerald Klupsch immer besonders vorsichtig.

Bei dem Gefangenen Milke war Gerald Klupsch immer besonders vorsichtig. Nicht, dass er Milke selbst für besonders gefährlich hielt, aber er wollte es nicht riskieren, dass Milkes Bande plötzlich bei ihm zuhause auftauchte und sich für irgendeine Unachtsamkeit rächte. Deshalb hatte er Milke auch ohne Umschweife zum Anstaltsarzt gebracht, als dieser danach verlangte. Eigentlich hätte Klupsch vorher über die Direktion gehen müssen, aber der Direktor gab bei Milke eh‘ immer grünes Licht.

Danach hatte Klupsch Pause und saß im Gemeinschaftsraum der Gefängniswärter. Als Schutz vor seinen schmerzenden Hämorrhoiden hatte er sich ein Kissen untergelegt. Vor ihm lag die Bild-Zeitung ausgebreitet. Gerade las er einen Artikel mit dem Titel „Wiedergeburt – was ist dran?“ ‚Gar nichts‘, dachte Klupsch. Er war zwar katholisch erzogen worden, aber schon bald nach seinem Eintritt in den Staatsdienst aus der Kirche ausgetreten. Wenn du im Gefängnis arbeitest, verlierst du den Glauben, hatte er einem Cousin mal gesagt. Der ganze religiöse Hokuspokus schien ihm wie eine Maßnahme, um die Menschheit in einer Art Gefängnis zu halten. Feste Regeln, genau wie in der JVA. Natürlich musste es Regeln geben, ganz besonders in der JVA. Aber bei der Religion ging es ja nicht um Bestrafung, sondern, ja worum wohl?

Trotzdem las Klupsch weiter. Der Artikel berichtete über Hindus, für die Wiedergeburt ein zentrales Thema war. Zwei Sätze las er mehrmals: ‚Wie einer handelt, wie einer wandelt, ein solcher wird er. Aus guter Handlung entsteht Gutes, aus schlechter Handlung entsteht Schlechtes.‘ Dem konnte Klupsch folgen, denn das Gefängnis war ja ein lebender Beleg für diese Aussage. Wer gute Taten vollbrachte, wurde im nächsten Leben mit einer höheren Existenz belohnt. Wer schlechte Taten vollbrachte, der wurde als niedere Kreatur wiedergeboren. Als Hund vielleicht, als Fliege oder als Schabe zum Beispiel. Für Klupsch klang das wie das Strafvollzugsgesetz. Bei guter Führung erhielt der Gefangene Vollzugslockerung wie Hafturlaub, Freigang oder eine Außenbeschäftigung. Ansonsten gab es Disziplinarmaßnahmen nach §103 des Strafvollzugsgesetzes, bis hin zu Arrest. Früher gab es bei den Disziplinarmaßnahmen freilich noch andere Möglichkeiten, bei denen so mancher sich gewünscht hätte, als Fliege wiedergeboren zu werden. Aber heute war das ja anders.

Klupsch fragte sich, ob er in einem künftigen Leben eher befördert oder heruntergestuft würde. Für beide Varianten fielen ihm Begründungen ein. Überhaupt, was wäre schon eine höhere Existenz? Klupsch war sich im Klaren, dass Gefängniswärter nicht allgemein als Traumjob anerkannt wurde, aber irgendwie hatten alle Jobs ja ihre Nachteile. Würde er bei guter Führung als Gefängnisdirektor wiedergeboren? War der jetzige Direktor ein wiedergeborener Innenminister?

Diese Fragen beschäftigten Klupsch noch weiter, als seine Lider schwer wurden und sein Kopf leicht nach vorne sackte. Von hinten sah er aus, wie jemand der entspannt die Zeitung las. Von vorne sah er aus wie ein Gefängniswärter, der eingeschlafen war und dessen fülliger Bauch ihn davor bewahrte, den Kopf auf die Tischplatte zu legen.

(126) Nachdem Lehmann seine Strafe erhalten hatte, fühlte sich Milke unwohl.

Nachdem Lehmann seine Strafe erhalten hatte, fühlte sich Milke unwohl. Es war, als ob er um den Magen herum mit Luft gefüllt war und diese auf sein Herz drückte. Der Stress, hatte ihm der Anstaltsarzt erklärt. Er versteckte sein Leiden vor den Mitgefangenen, nahm aber wieder nicht am Umschluss teil, diesmal aus freien Stücken. Er wollte alleine sein und ohne Zuschauer und –hörer auf dem Klo sitzen, um sich Erleichterung zu verschaffen. Seltsamerweise war es gerade seine in vier Wochen bevorstehende Entlassung, die ihn stresste. Mehr noch als das psychologische Experiment, das nichts mit ihm zu tun hatte. Nur mit dem Kindsmörder Kugelmann und dem Hosenschisser. Egal was diese Psychoheinis sich alles ausdachten, da kam man einfach nicht mehr mit. Sie sollten sich am besten selbst behandeln. Die Abreibung für Lehmann war aber trotzdem eine gute Idee gewesen.

Nein, was Milke besonders stresste, war der Zwang zur Rache, der auf ihm lastete. Es hatte sich herumgesprochen, dass er von seiner Frau verpfiffen worden war. Milke glaubte nicht, dass Flora es getan hatte, aber das spielte keine Rolle mehr. In der ganzen Bande draußen, das hatten ihm unabhängig voneinander mehrere Besucher erzählt, war es die unumstößliche Erkenntnis, dass Flora ihn an die Bullen ausgeliefert hatte. Dagegen konnte sich Milke nicht stemmen, er musste es akzeptieren. Persönlich glaubte er, dass er selbst einige Fehler gemacht hatte und die Polizei einfach keine andere Wahl hatte, als ihn zu verdächtigen. Der Staatsanwalt hatte ein Leichtes, ihn anzuklagen und Beweise dafür vorzulegen, die dem Richter das Urteil praktisch vorgaben. Eine unglückliche Verkettung von Umständen. Flora hatte damit nichts zu tun. Aber draußen lieferten seine Kumpane gleich auch das Motiv mit: Sie hatte eine Affäre mit einem Bürgerlichen angefangen und wollte ihren Mann daher loswerden. Milke konnte sich vorstellen, dass Flora einen Geliebten hatte. Sie war nicht gerne alleine und er war nun mal nicht da. Dafür war Edgar Jankowski an ihrer Seite. Ein Buchhalter, hatte man ihm gesagt.

Immer wieder war Milke seine Optionen durchgegangen. Er war zu alt, um seinen Beruf zu wechseln, sogar wenn er es wollte. In seinem Job war Selbstachtung die Vorbedingung für jeden Respekt, den er einfordern konnte. Ohne Selbstachtung kein Respekt und ohne Respekt war sein Job nicht möglich. Kurzum, er musste Flora und Jankowski umbringen. Es ging nicht anders. Er konnte es auch nicht in Auftrag geben und von seinen Leuten ausführen lassen, dafür war es zu persönlich. Alle wussten, dass er nach seiner Entlassung zur Tat schreiten würde. Flora schien keine Vorahnung zu haben, zumindest hatte er bei ihren Besuchen nichts davon erkennen können. Es machte auch keinen Sinn, sie zu warnen und zur Flucht aufzufordern, denn dann müsste er sie auch noch suchen, finden und dann ermorden. Das machte es auch nicht besser und kostete dazu noch Kraft. Grimmig stand er auf und zog die Hose hoch. Er würde den Anstaltsarzt aufsuchen müssen und ihn um ein Abführmittel bitten.

(125) Bodo Milke lag auf dem obersten Stockbett und blätterte nervös im Hustler.

Bodo Milke lag auf dem obersten Stockbett und blätterte nervös im Hustler. Es war ein neues Magazin, das er sich eigentlich für eine besondere Gelegenheit hatte aufheben wollen. Aber jetzt vergeudete er die Attraktivität neuer, ihm noch unbekannter Bilder von entblößten Frauen, um seine Nervosität zu überspielen. Dabei half es ihm nicht einmal. Genauso gut hätte er eine vergilbte Ausgabe des ADAC-Magazins durchblättern können. Er verstand nicht, warum er nicht in den Fernsehraum durfte. Es gab sonst nie irgendetwas in der Vollzugsabteilung, an dem er nicht teilnahm. Was ging da vor sich? Der dicke Gefängnisschließer hatte etwas von einem psychologischen Experiment gemurmelt, aber gerade das war nicht beruhigend für Milke. Ging es darum, seine Stellung innerhalb der Abteilung zu destabilisieren? War das das Experiment? Milke schüttelte seine langen schwarzen Locken aus. In ihnen sah er so etwas wie seine Häuptlingswürde. Die anderen Insassen waren sein Stamm und er kümmerte sich um sie. Er verhandelte die Haftkonditionen. Wenn es sein musste, auch mit dem Gefängnisdirektor, diesem aalglatten Heini, der einem nie einen Satz sagen konnte, in dem er nicht drei Hintertüren eingebaut hatte. Milke befühlte seinen Schnurrbart. Vielleicht sollte er ihn an den Enden etwas trimmen. Das sah entschlossener aus, als wenn die Enden so undefiniert in verschieden langen Einzelhaaren endeten.

Wer sollte denn überhaupt seine Position einnehmen? Es waren doch alle gehemmt. Ohne dass ihnen jemand sagte, wo es lang ging, würden die noch nicht einmal Mittag bei zwölf Uhr finden. Lehmann, der Raubmörder, könnte vielleicht auf falsche Gedanken kommen. Vielleicht war er in letzter Zeit Lehmann gegenüber zu nachsichtig gewesen. Ein psychologisches Experiment. Sie waren doch keine Meerschweinchen! Auf jeden Fall würde er sich vorsorglich Lehmann vorknöpfen, bevor dieser irgendwelche Ansprüche entwickelte. Am besten, er ließ Lehmann ohne Begründung mal tüchtig durchprügeln. Es war nicht notwendig, dass Milke sich dafür einen Grund ausdachte. Irgendetwas war immer und Lehmann würde schon wissen, warum er die Abreibung erhielt. Am besten gleich am nächsten Tag, damit etwaige Effekte des psychologischen Experiments keine Chancen hatten, sich festzusetzen. So würde er es machen. Außerdem sollte er mal wieder mit dem Direktor sprechen. Wenn irgendetwas Seltsames in der JVA vor sich ging, dann wusste der das. Milke sagte sich, dass er sein Netzwerk besser pflegen sollte. Er war in seiner Position auf Verbündete angewiesen und es ging halt nicht, ohne ständig auf der Hut zu sein. Dann befühlte er wieder seinen Schnurrbart. Bevor die anderen Pfeifen aus dem Umschluss zurückkamen, wollte er die Enden noch trimmen. Niemals nachlässig werden, dachte er. Das wäre der Anfang vom Ende.