Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(187) Emma Heinemann überprüfte, ob der Scan ihrer Zeichnung dem Original entsprach…

Emma Heinemann überprüfte, ob der Scan ihrer Zeichnung dem Original entsprach, dann schloss sie die Datei und schickte die E-Mail an ihren Lieferanten ab. Damit hatte sie das letzte Stück für die neue Kollektion abgeschlossen. In einer Woche würde sie zu dem Fabrikanten nach China fliegen, um alle Muster abzunehmen. Dann konnte die Produktion beginnen.

Sie stellte eine leere Tasse in die Espressomaschine und drückte den Knopf. Sie konnte mit sich zufrieden sein. In den letzten fünf Jahren hatte sie aus einem Hobby ein gutgehendes Geschäft gemacht. Zuerst hatte sie ein Armband mit Magnetsteinen für sich selbst kaufen wollen. Es war ihr aber zu teuer gewesen. Deshalb hatte sie es nachgebaut. Freundinnen wollten das gleiche. Dann hatte sie eigene Entwürfe angefertigt und im Freundeskreis verkauft. Schließlich hatte ihr Friseur angeboten, die Schmuckstücke in seinem Salon anzubieten. Er gab ihr auch die Möglichkeit, bei einer Messe für Friseurbedarf auszustellen. Das war ein voller Erfolg gewesen. Sie konnte ihren Job bei der Konzert-Agentur kündigen.

Und jetzt war Emma mit ihrer Emma-Kollektion der größte Anbieter von Magnetschmuck bei Friseuren. Die tatsächliche Fertigung der Stücke hatte sie schon längst abgegeben. Eine Zeichnung genügte und der Schmuckhersteller in China lieferte ihr genau, was sie brauchte.

Die Selbständigkeit war für Emma ein Erfolg auf der ganzen Linie. Außerdem hatte sie damit auch Rüdiger besser im Griff. Während sie sich um Design und Logistik kümmerte, war er unterwegs und erledigte den Verkauf. Früher wusste sie nie, was er gerade machte, jetzt kannte sie zumindest seine Tourenplanung.

Sie liebte ihn, aber er war, wie sie von Anfang an wusste, ein Hallodri. Zum einen hatte er immer Frauengeschichten gehabt. Emma wusste davon, aber sie hatten das stille Einverständnis, dass er diskret sein würde und sie darüber hinweg sehen würde. Zum anderen hatte er ständig unausgegorene Geschäftsideen. Einmal hatte er die Idee, einen Antiquitätenhandel aufzuziehen mit Möbeln, die er auf Flohmärkten in England kaufen wollte. Von seiner ersten Erkundungstour kam er mit einem gebrauchten Rolls Royce zurück, den er in Knallrot umspritzen ließ. Der Kauf hatte zwar wenig gekostet, die Wartung war aber umso teurer. Wenigstens konnten sie das Auto von der Steuer absetzen, weil er es für Vertreterbesuche nutzte. Rudo, wie er sich nannte, wenn er sich für besonders unwiderstehlich hielt, war immer ein Kind geblieben. Deshalb konnte sie ihm nie lange böse sein.

(186) Ulrich Scharfenberg ging noch einmal für seinen Vater zur Apotheke.

Ulrich Scharfenberg ging noch einmal für seinen Vater zur Apotheke. Seit er ihm gesagt hatte, dass er wieder nach Hause fahre, redete sein Vater nicht mehr mit ihm. Um sein schlechtes Gewissen zu erleichtern und gleichzeitig dem alten Herrn aus dem Weg zu gehen, hatte sich Ulrich das Arztrezept geschnappt. In der Jackentasche fühlte er das Zugticket neben dem Rezept.

Kurz bevor er in die Straße zur Apotheke einbiegen wollte, bemerkte er Rüdiger Heinemann. Ulrich blieb abrupt stehen und hielt sich hinter der Hausecke von Schaffraths Gemüseladen versteckt. ‚Heinemann – Schweinemann‘, ging es ihm durch den Kopf.

Rüdiger hatte fast die gesamte Schulzeit von Ulrich begleitet. Grundschule und Gymnasium. Anfangs waren sie befreundet gewesen. Rüdiger bekam von seinen Eltern jede Menge Spielzeug geschenkt, vor allem Lego. Damit verbrachten sie viel Zeit gemeinsam. Auch die Schulaufgaben machten sie zusammen. Rüdiger lernte von Ulrich, der in der Schule besser vorankam. Dafür durfte Ulrich Rüdigers Spielzeug mitnutzen, denn dabei war er zu Hause kurz gehalten. Auch im Gymnasium ging diese Art Symbiose einige Zeit weiter, das Spielzeug wurde durch Musik ersetzt. Rüdigers Taschengeld schien unermesslich. Der Musikgeschmack von Rüdiger änderte sich dann aber immer mehr und der Nervenkitzel etwas Unerlaubtes zu tun, wurde bei Ulrich überholt von einem Unwohlsein, das er dabei empfand. Rüdiger war auch nicht mehr daran interessiert, die Schulaufgaben zu verstehen. Ihm ging es nur noch darum, jemand zu haben, von dem er abschreiben konnte.

Schließlich sahen sie sich nur noch in der Schule und Ulrich ging Rüdiger immer mehr aus dem Weg. Rüdiger wurde Mitglied einer Band und gründete selbst eine andere. Die Punkmusik, die sie spielten, führte zu einem Skandal bei einem Schulfest, als der Direktor persönlich die Verstärkeranlage vom Strom nahm. Bereits vorher beschäftigte sich Rüdiger, der sich jetzt Rudo nannte, immer mehr mit Mädchen. Dabei war er überhaupt nicht wählerisch, er nahm, was er kriegen konnte. Sogar die dicke Otti. Damals hatte Ulrich ihn im Gespräch mit Klassenkameraden als Schweinemann bezeichnet. Rüdiger hatte es mitbekommen und sie hatten im Flur gerauft. Sie mussten beide nachsitzen und danach hatten sie nie wieder miteinander gesprochen.

Jetzt stand derselbe Rüdiger keine fünf Meter von Ulrich entfernt, lehnte an einen roten Rolls Royce und schleckte ein Eis. Es schien sein Wagen zu sein. Ulrich kehrte um. Es gab noch eine andere Apotheke, zu der er gehen konnte.

(185) Du glaubst wohl, dass ich hier nur noch rumhänge und mich auf eine letzte Zigarette mit dem Tod verabredet habe.

„Du glaubst wohl, dass ich hier nur noch rumhänge und mich auf eine letzte Zigarette mit dem Tod verabredet habe. Falsch, mein lieber Ulrich. Je länger ich hier sitze, desto klarer werden die Dinge in meinem Kopf. Ich habe viel gelesen und ich sage dir, dass das Unglück in diese Welt gekommen ist, als die Menschen versucht haben, etwas anderes zu sein, als das, was sie waren. Ich könnte jetzt bei den Steinzeitmenschen, Rittern oder Neue-Welt-Entdeckern anfangen. Aber, das ist so lange her, dass es keinen mehr interessiert. Deshalb ein paar modernere Beispiele aus dem Bereich der technischen Errungenschaften.

Weißt du, wer das mechanische Butterfass erfunden hat? Nein? Es war Benjamin Georg Peßler. Und weißt du was er eigentlich in seinem Leben sein sollte? Theologe! Was hat ein Theologe mit einem mechanischen Butterfass zu tun? Mir fällt nichts ein. Er hätte mal bei der Theologie bleiben sollen.

Ein anderer Theologe war Johann Friedrich Bachstrom. Und weißt du, was er erfunden hat? Du errätst es nie: die Rettungsweste! Was für ein Schwachsinn. Ein Theologe preist die Wohltaten des Jenseits an und erfindet die Rettungsweste, die Gottes Willen zunichtemacht. Absurd!

Oder: was hat sich Herr Admiral Heinrich von Preußen gedacht, als er nacheinander Scheibenwischer und Hupe erfunden hat? Daneben hat er sich auch um das Mützenwesen bemüht: von ihm stammt die Prinz-Heinrich-Mütze, die Kanzler Schmidt so sehr schätzte.

Oder was hat ein Schiffskapitän damit zu tun, einen Taucheranzug zu bauen? Er soll dafür sorgen, dass sein Schiff fährt. Aber für Kapitän Peter Kreeft war es wohl ein Bedürfnis sich um die Unterwasserwelt zu kümmern. Hirnrissig.

Einen habe ich noch: der Erfinder des Elektromotors, Werner von Siemens, war eigentlich Artillerieleutnant. Ich sage nicht, dass die Welt unbedingt Artillerieleutnants braucht (außer vielleicht, um andere Artillerieleutnants wegzukartätschen). Aber was hat Siemens mit Elektromotoren zu tun?

Ich könnte so unendlich lange fortfahren. Mag sein, dass ich etwas konservativ bin. Aber glaube mir, es ist der Welt nicht gedient, wenn es schnellen Fortschritt gibt. In unserer Welt entwickeln sich die Dinge in langen Zeiträumen. Auch die Verwaltung. Ich kann es nicht glauben, dass du dich zu einem solchen Hitzkopf entwickelt hast.“

Raimund Scharfenberg zündete sich eine weitere Zigarette an. Ulrich nutzte den Moment, um einzufügen: „Aber, wenn es diese Leute nicht gegeben hätte, wärst Du wahrscheinlich schon tot. Sauerstoff wurde von Priestley entdeckt, und der war Priester.“ Raimund Scharfenberg blies den Rauch genüsslich aus: „Schön, mein lieber Junge, dass du auch mal etwas weißt. Aber glaub mir, ich sterbe so oder so, ob mit Sauerstoff oder ohne. Nur die Fallhöhe ist größer.“

(184) Du bist eine Schande für unsere Familie.

„Du bist eine Schande für unsere Familie. Dein Großvater würde sich im Grabe umdrehen!“ Raimund Scharfenberg steckte sich die Stutzen der Nasenbrille in die Nasenlöcher und schaltete mit zittriger Hand das Sauerstoffgerät an. Er schloss kurz die Augen, als er spürte, wie der Sauerstoff in seine Lungen drang.

Ulrich wollte etwas einwenden: „Papa…“, aber sein Vater hob die Hand und brachte ihn zum Verstummen. Als die Atemnot vorbei war, klopfte er eine Zigarette aus dem Päckchen und zündete sie an. „was habe ich an deiner Erziehung falsch gemacht? Mein Vater war mir immer ein Beispiel. Warum bin ich das nicht für dich? Ich kenne keinen einzigen Menschen, der im Dienst beurlaubt worden wäre. Das gibt es doch einfach nicht. Es ist ja gerade das Prinzip der Beamtenklasse, zu bewahren und zu schützen. Es geht uns nicht darum, die Dinge in ihren Grundstrukturen zu verändern. Schon gar nicht zu revolutionieren.“

Wieder wollte Ulrich ihm antworten, aber wieder brachte ihn sein Vater mit einer kleinen Bewegung seiner Hand zum Schweigen. Ulrich schaute auf die bleiche, altersfleckige Hand, die von Falten überzogen war. Sie war dürr und dennoch von großer nervöser Energie beseelt. Als ob die hervorgetretenen Sehnen unter Hochspannung stünden. „Aber wenn du glaubst, du könntest jetzt bei mir unterkriechen, wenn das Geld knapp wird, dann hast du dich getäuscht. Es reicht schon, dass du am Ende erbst, ohne etwas verdient zu haben.“

Ein freundlicher aufmunternder Vater war Scharfenberg Senior nie gewesen. Aber seit seine Lungenkrankheit ihn immer schneller ermatten ließ, hatte sich zusätzlich die Boshaftigkeit in sein Wesen geschlichen. Als ob er es allen heimzahlen wollte.

Nach seiner Beurlaubung hatte Ulrich nichts mit sich anzufangen gewusst und gedacht, dass es eine gute Gelegenheit sein könnte, mit seinem Vater eine Art Neuanfang zu versuchen. Aber es gab keinen Austausch zwischen ihnen. Ulrichs Beurlaubung wirkte auf das Gemüt seine Vaters wie ein rostiger Nagel in der Fußsohle. Ulrich würde am nächsten Tag wieder abreisen. „Ich weiß auch nicht, warum die Menschen immer versuchen müssen, alles zu verbessern. Dieser krankhafte Zwang, alles und jedem seinen Stempel aufzudrücken. Wie kommt jemand wie du auf die Idee, die Verwaltung verändern zu wollen. Ja, sie effizienter machen zu wollen. Haha, haha…“

Das blubbernde Lachen seines Vaters wurde von einem Hustenanfall unterbrochen. Er spuckte in sein Taschentuch, schaute rein, klappte es zu. „Du bist ein Narr, Ulrich. Ein eitler Narr.“

(183) Nehmen Sie bitte Platz, Herr Scharfenberg.

„Nehmen Sie bitte Platz, Herr Scharfenberg.“ Theodor Harpes deutete auf den mit rotem Samt bezogenen Besucherstuhl. „Danke, Herr Bürgermeister“, Scharfenberg setzte sich und schaute seinen obersten Dienstherrn erwartungsvoll an.

„Der Personalrat riet mir, dass ich mal ein bisschen Zeit mit Ihnen verbringen möge. Sie hätten da ein neues Verwaltungskonzept, das ich mir unbedingt anhören müsse.“ – „Das schmeichelt mir sehr, Herr Bürgermeister. Wenn Sie erlauben, würde ich es Ihnen gerne erläutern.“ – „Ich bitte darum.“

Scharfenberg holte aus und erzählte vom Frust mit dem er täglich konfrontiert war. „Verwaltung kann unmenschlich dickflüssig sein.“ Seit seinem Besuch der Veranstaltung zur Effizienzsteigerung in der Verwaltung hatte er sich mit Lösungsmöglichkeiten beschäftigt.

Die erste Frage, die er sich stellte, war: Wozu war eine Verwaltung da? Hierauf fand er die genauso verblüffende wie einfache Antwort: Die Verwaltung ist da, um zu verwalten. Darauf basierend die zweite Frage: Was behinderte die Verwaltung? Auch hierauf wusste Scharfenberg eine konkrete Antwort: es waren die Horden an Verwaltungsfremden. Es waren die Antragsteller, die Säumigen, die Verwarnten und Bestraften. Durch sie bekam der Verwaltungsapparat eine Schräglage und es kostete viel Mühe, ihn wieder zu stabilisieren.

„Sie meinen nicht etwa die Bürger?“, warf Harpes ein. „Wenn Sie die Verwaltungsfremden so nennen wollen, mir ist es recht. Wir haben auf der einen Seite professionelle, hoch ausgebildete und schlagkräftige Verwaltungsexperten, die ihr Äußerstes geben. Ihnen gegenüber stehen Amateure, manche sind des Schreibens, Lesens und Rechnens kaum mächtig. Sie füllen die falschen Formulare aus, stehen am falschen Schalter an und überweisen ihre Gebühren auf das falsche Konto. Sie sind es, die immer wieder Chaos in ein ansonsten hochpräzises und wohl austariertes System hineinbringen.

„Was schlagen Sie vor?“, fragte Harpes. Er versuchte heraus zu finden, ob er gerade von seinem Mitarbeiter auf den Arm genommen wurde. Scharfenberg hielt es für wahres Interesse und erkannte nicht die Ironie Harpes‘.

„Wir müssen den Beamten mehr Freiräume schaffen. Wir müssen sie vor diesen Horden der Barbarei schützen.“ – „Sie meinen mit den ‚Horden der Barbarei‘, die Bürger, die zu Ihrer Behörde kommen, ist das so richtig?“ – Scharfenberg nickte hefig. „Ohne Kontakt zu der Bevölkerung hätten wir einen Grad der Verwaltung erreicht, bei der es fast ausschließlich schlüssige, durchdachte Vorgänge gäbe.“

Harpes räusperte sich und sprach: „Herr Scharfenberg, ich glaube, man kann Ihr Engagement nicht genug Wert schätzen – aber Sie sind ab jetzt beurlaubt. Wir werden zu gegebener Zeit auf Sie zukommen.“

(182) Ulrich Scharfenberg konzentrierte sich.

Ulrich Scharfenberg konzentrierte sich. Vor ihm lag die Personalliste der gesamten städtischen Verwaltung. Er wollte gerade auswählen, an welcher Stelle er ansetzen sollte, als er in seinen Gedanken vom Telefonklingeln unterbrochen wurde. Genervt starrte er den Apparat an und hob schließlich mit einem Seufzen den Hörer ab. „Ja?“ – „Hallo, bin ich bei Herrn Scharfenberg?“ – „Ja?“ – „Sie kümmern sich um illegal gehaltene Tiere?“ – „Nicht um die Tiere, um deren Halter. Wer sind Sie?“ – „Mein Name tut nichts zur Sache. Ich wollte Ihnen etwas Ungeheuerliches melden.“

Die Frau erzählte Scharfenberg von einem Schimpansen, der in einem Privathaushalt in einem Käfig gehalten und gequält wurde. Scharfenbergs Blick richtete sich auf das Regal seinem Schreibtisch gegenüber und glitt mechanisch von einem Loch eines Leitz-Ordners zum nächsten. Er quittierte die Schilderung der Frau mit eingestreuten Jas, Ahas und Achs. Er ließ sich die Adresse geben und schrieb sie auf einen neuen weißen Zettel. Birkenstr. 293, ja ist notiert. Als er aufgelegt hatte, zerknüllte er den Zettel und warf ihn mit einem Kopfschütteln in den Papierkorb.

Seit Scharfenberg ein Seminar zum Thema Effizienz in Staat und Verwaltung besucht hatte, sah er seinen Beruf in einem völlig neuen Licht. Sein Vater und sein Großvater waren beide Beamte gewesen und für ihn hatte es nie einen Zweifel daran gegeben, dass eine Position in der Verwaltung seine Bestimmung war. Bei dem Seminar war es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen, dass die Art wie alle um ihn herum arbeiteten und ihre Position ausfüllten, falsch war. Nicht immer zu 100% falsch, aber doch im Ansatz komplett verkehrt. Scharfenberg hatte das Licht gesehen und er wollte seine Verwaltungsbrüder und –schwestern nicht länger in der Dunkelheit sitzen lassen.

Dazu brauchte er einen Schlachtplan. Bevor er die politische Führung überzeugen konnte, brauchte er die Zustimmung der höchsten Beamten. Diese waren vor allem durch das Verhalten des Personalrats beeinflusst. Aber noch bevor er sich mit dem unnachgiebigen Personalrat beschäftigte, brauchte er möglichst viele Verbündete. Auf der Liste der städtischen Abteilungen setzte er mit seinem frischgespitzten Bleistift rasiermesserscharfe Kreuzchen hinter Tourismusamt, Standesamt und Planungsreferat. Hier würde er ansetzen, denn er wusste, dass dort Kollegen arbeiteten, die seine Sicht am ehesten teilen würden. Erst wenn er deren Rückendeckung hatte, könnte er andere Abteilungen angehen. Ulrich Scharfenberg zog aus um das Verwaltungswesen zu revolutionieren.

(181) Niederträchtig sah er aus.

Niederträchtig sah er aus. Tiziana spürte wie seine Augen auf ihr lasteten, als sie in das Zimmer kam. Elvis lag in seinem Käfig auf der kleinen Matratze, die Eric mit einem Frotteebadetuch bezogen hatte. Er tat aber nur so, als ob er schliefe. Er beobachtete sie ganz genau aus den Augenwinkeln.

Tiziana schnüffelte. Der Schimpanse stank. Sie hatte den Geruch bis ins Wohnzimmer bemerkt. Seit sie das letzte Mal in diesem Zimmer war, hatte ihr Bruder es etwas umgebaut. Er sagte, dass Elvis (ein im wahrsten Sinne des Wortes affiger Name) sich nicht in der ungewohnten Umgebung wohl fühlte. Deshalb hatte er dieses Zimmer wie ein Labor hergerichtet. Er hatte die Wände weißgestrichen, allerdings schauten hinter der dünnen Übertünchung immer noch die Muster der dunklen Tapete des ehemaligen Elternschlafzimmers hervor. Ansonsten hatte Eric ein paar kaputte medizinische Geräte gefunden und sie aufgestellt. Auch die weißen Möbel hatte er von irgendwoher besorgt. Welche Geldverschwendung! Aber dass er sich für etwaige Bewerbungsgespräche mal einen neuen Anzug besorgte, das kriegte er nicht hin. Für einen Schimpansen sah der Raum jedenfalls aus wie ein Labor. Aber was sollte der schon wissen.

Sie trat an den Käfig. Der Affe schaute sie jetzt mit offenen Augen an. Das Tier stank. „Schmutziger Affe“, sagte sie und schlug mit der flachen Hand auf den Käfig. Der Schimpanse sprang auf und zog sich in die Ecke zurück. Er fletschte die Zähne und fing an zu zetern. Sie schlug noch ein paar Mal auf das Gitter, um ihn ruhig zu stellen. Es half nichts und irgendwann schlug er von innen auch gegen das Gitter. Vor Angst schiss er, und jetzt stank es wirklich. Tiziana schlug ein letztes Mal auf den Käfig und trat den Rückzug an. Sollte sich Eric doch um den Stinkeaffen kümmern. Auf jeden Fall konnte es so nicht weitergehen. Ein Schimpanse konnte 30-50 Jahre alt werden und Elvis war erst fünf. Der Affe würde sie wahrscheinlich überleben!

Außerdem beschäftigte sich Eric zu viel mit ihm, anstatt sich einen neuen Job zu suchen. Eben hatte sie ihn einkaufen geschickt – er tat ja auch sonst nichts im Haus. Sie dachte an Vergiften. Irgendein Gift in einem Apfel. So wie bei Schneewittchen. Klappe zu, Affe tot. Allerdings konnte sie nicht abschätzen, wie Eric reagieren würde. Vielleicht würde er den Affen untersuchen lassen und der Anschlag käme heraus. Eric würde sich vielleicht nicht mehr um sie kümmern. Und was dann? Töten war keine gute Lösung. Es bestand immer die Möglichkeit, dass ihre Rolle entdeckt werden würde und das würde nicht in ihrem Sinne ausgehen.

(180) Prof. Ludolf Rahm räusperte sich und schaute in die Runde seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter.

Prof. Ludolf Rahm räusperte sich und schaute in die Runde seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter. Als Institutsleiter war es seine Aufgabe, die traurige Nachricht selbst zu übermitteln. Er schaute auf seinen Sprechzettel, wo er die einzelnen Punkte notiert hatte, die er ansprechen wollte:

1. Dr. Kuhn bleibt verschwunden. Hatte USB Stick dabei. Kidnapper hatten es darauf abgesehen. Tochter wohlauf.

2. Große Sicherheitsbedenken des Geheimdiensts.

3. Verteidigungsministerium hat Raumprogramm erst einmal gestoppt. Wiederaufnahme möglich, aber nicht vor 12 Monaten.

4. Die meisten wissenschaftlichen Mitarbeiter werden wieder an ihre Unis zurückgehen. Institut wird mit Mindestbelegschaft weitergeführt.

5. Persönliches Bedauern.

Nachdem er seine Rede gehalten hatte, ging Prof. Rahm zurück in sein Büro. Als er die Tür schließen wollte, bemerkte er Eric Romano, der ihm gefolgt war. „Ah, Romano, es tut mir wirklich leid.“ – „Was ist mit Elvis?“, fragte Romano. Prof. Rahm starrte ihn an. „Nichts, der Affe bleibt hier unten.“ – „Aber in einem Jahr wird er zu groß sein, er passt dann nicht mehr in die Kapsel.“ – „Ich sehe. Dann wird er wohl nie fliegen. Ach, suchen Sie doch noch nach einem Platz für ihn, bevor Sie wieder zu Ihrer Uni zurückkehren.“ – „Ich habe keine Uni, Herr Professor“, entgegnete Romano. „Das tut mir leid. Aber ich bin sicher, dass jemand mit Ihren Qualitäten schnell etwas Neues findet. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden.“ Prof. Rahm schloss die Tür und ließ Eric Romano davor stehen.

Romano war im Institut für die Pflege von Elvis verantwortlich, dem Schimpansen, der die neue Raumkapsel testen sollte. Eigentlich wurde der Schimpanse als Nr. 149 bezeichnet. Romano hatte ihn Elvis genannt, wegen der Koteletten. Er ging ins Labor zurück und nahm Elvis aus seinem Käfig. Der Schimpanse schien zu merken, dass etwas nicht stimmte. Er schaute Romano fragend an. Es war ungewohnt laut, in dem Trakt mit den Wissenschaftlerbüros. Romano ging zur Glastür und sah, dass seine Kollegen dabei waren, ihre persönlichen Dinge in Kartons zu packen und sich voneinander zu verabschieden. Es sah so aus, als ob sich das Institut auflöste. Niemand kümmerte sich um Elvis, außer ihm. Er wartete bis die anderen gegangen waren, einige verabschiedeten sich sogar von ihm. Dann packte er Elvis in den Transportkäfig, über den er eine Plane hängte. So trug er den Schimpansen aus dem Institut zu seinem Auto. „Elvis has left the building“, dachte er und lächelte.

(179) Kuhn wusste, dass ihm wenig Zeit blieb.

Kuhn wusste, dass ihm wenig Zeit blieb. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Voss ihn auf ein Schiff verschleppen würde, um in Ruhe die Daten zu überprüfen. Im Schutz der Nacht hatten sie Kuhn auf einen ausgemusterten Trawler gebracht und waren damit in See gestochen. Mit an Bord waren neben Voss, dem Fahrer und dem Helfer noch zwei andere Männer. Kuhn war in einer engen, spärlich eingerichteten Kajüte eingeschlossen. Allerdings hatte das Bett eine Umrandung aus Stahlrohren. Kuhn mühte sich ab und schaffte es, ein Stück Rohr von etwa einem Meter herauszuschrauben. Er legte es griffbereit neben sich auf das Bett und wartete.

Die Schiffsmotoren brummten monoton und übertünchten jedes andere Geräusch. Plötzlich wurde die Tür aufgeschlossen und der Fahrer kam mit Pistole im Anschlag herein. Kuhn fragte, wohin das Schiff fahre, aber der Fahrer schüttelte nur den Kopf. Er stellte eine Gamelle mit Suppe auf den Tisch und legte einen Löffel daneben. Als er sich wieder zur Tür wandte, schlug Kuhn ihn mit dem Rohrstück nieder. Er nahm die Pistole an sich.

Als er auf dem Gang stand, verschloss er die Tür hinter sich. Er stieg die gegenüberliegende Treppe hoch. das Dröhnen war hier noch lauter, er musste ständig um sich blicken, um sicher zu gehen, dass man ihn nicht entdeckte. Langsam schlich er sich nach vorne, Richtung Brücke. Das Rohr hielt er zum Schlag bereit, die Pistole war in seiner anderen Hand. Ohne Zwischenfälle kam er durch den dunklen Gang bis zur Brücke. Er blickte um die Ecke. Ein Mann mit einer Schiffermütze stand am Steuer und schaute nach vorne. Zwischen ihm und Kuhn stand der Kartentisch und darauf lag ein Funkgerät.

Kuhn zog den Kopf wieder zurück. Er war Hobbysegler und erkannte, dass er mit dem Funkgerät einen Notruf absetzen könnte. Mittlerweile würde Lara von Polizei und Geheimdienst befragt worden sein und man würde ernsthaft nach ihm suchen. Wahrscheinlich hatte Lara gesehen, dass er einen USB-Stick übergab. Das würde die Anstrengungen noch einmal vervielfachen. Die Distanz zum Land war noch nicht so groß. Ein Sonderkommando wäre per Helikopter schnell zur Stelle. Würde er sich so lange auf dem Schiff verstecken können? Vielleicht vortäuschen, dass er ins Meer gesprungen sei? Er hatte keine Wahl. Voss saß irgendwo im Schiff und untersuchte die Daten. Bei der ersten Unstimmigkeit würde er Kuhn umbringen. Vielleicht hatte er dies schon immer vorgehabt. Ausschalten und ins Meer werfen.

Kuhn legte das Rohr vorsichtig nieder und sicherte es mit seinen Schuhen, die er auszog. Dann schlich er im Schutz des Kartentisches auf allen Vieren um die Ecke in Richtung Funkgerät.

(178) Es war ein Auftrag, wie Hakan Voss sie mochte…

Es war ein Auftrag, wie Hakan Voss sie mochte: ein langjähriger Kunde, ein klares Ziel, ein erkleckliches Honorar im Erfolgsfall. Hakan Voss war sicher, dass er die Pläne für die neue Raumkapsel bekommen würde.

Zuerst hatte sich dieser Wissenschaftler, Julius Kuhn, zwar geweigert, die Daten herauszurücken, obwohl Voss ihm eine Menge Geld geboten hatte. Sei es drum, es gab andere Wege. Kuhns Tochter Lara zu kidnappen war ein leichtes für ihn. Ein Telefonat später und er hatte Kuhn genau dort, wohin er ihn haben wollte. Das Leben von Lara gegen einen USB-Stick mit den Plänen der Kapsel. Das einfachste Geschäft der Welt.

Wenn man Voss nach seiner größten Stärke gefragt hätte, dann wäre seine Antwort gewesen: „Ich vereinfache Dinge. Bei mir kommt B direkt nach A. Und so war es auch hier. Nachfrage, Angebot, Geschäft.“ Einen Tag hatte Kuhn Zeit alle Dateien zusammen zu bringen. Dann würde Voss ihm einen Treffpunkt nennen. So einfach war das.

Dreimal hatte Julius Kuhn den Hörer in die Hand genommen, dreimal hatte er wieder aufgelegt, ohne die Polizei anzurufen. Das Leben seiner Tochter war in Gefahr. Er hatte aber auch mehrere Jahre als Projektleiter diese Kapsel entwickelt. Auch sie war wie ein Kind für ihn. Es musste einen Weg geben, beides zu retten. Systematisch ging er alle Möglichkeiten durch. Noch in der Nacht hatte er einen Lösungsweg gefunden. Er arbeitete den Tag durch an dessen Umsetzung.

Um 20 Uhr rief Voss wieder an und sagte ihm, dass er sich in Richtung Alter Hafen in Bewegung setzen sollte. Unterwegs bekam Kuhn noch zwei weitere Anrufe. Schließlich stand er im 5. OG eines Parkhauses, in zehn Metern Entfernung ein schwarzes Auto. Ein Mann stieg aus. Es war nicht Voss, die Stimme war eine andere.

Kuhn durfte seine Tochter sehen, sie schien ok. Er verlangte, dass man sie laufen ließ und er dafür ihre Rolle als Geisel übernahm. So geschah es. Zwei Minuten später stand Lara allein und frierend auf dem Parkdeck und Kuhn saß im Fonds des Wagens zwischen Voss und seinem Helfer. Der Wagen fuhr aus dem Parkhaus hinaus. Voss sah so aalglatt aus, wie Kuhn ihn sich vorgestellt hatte. Er hatte den USB-Stick in den Fingern gedreht, während sein Helfer Kuhn durchsuchte und der Fahrer ihn mit einer Pistole in Schach hielt. Lara hatte verschüchtert zugesehen.

„Dr. Kuhn“, sagte Voss, „Sie werden verstehen, dass ich die Daten genauer untersuchen muss, bevor ich Sie freigebe. Solange sind Sie mein Gast.“ Kuhn hatte Lara noch zugewunken, als er sich in den Kofferraum legen musste. Sein Plan war aufgegangen: Lara war sicher, auf dem Stick waren die wichtigsten Dateien verfälscht. Doch seine eigene Zukunft war sehr ungewiss.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 161 Followern an