Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(159) Dr. Behmenburg war klar geworden, dass seine Spielsucht überhandgenommen hatte.

Dr. Behmenburg war klar geworden, dass seine Spielsucht überhandgenommen hatte. Frau Kramer hatte sich nach ihrem Ohnmachtsanfall auf dem Ergometer wieder beruhigt und er war sicher, dass sie nicht herumtratschen würde. Sie hätte natürlich auch einen Herzinfarkt erleiden können oder in seiner Praxis sterben können. Das wäre keine gute Werbung für einen praktischen Arzt und es war auch mit seinem Berufsverständnis nicht vereinbar. Da er selbst seine Begeisterung für Pferdewetten nicht mehr im Griff hatte, brauchte er professionelle Hilfe. Er suchte eine Beratungsstelle aus, die weit genug entfernt war, dass er dort keine Bekannten oder Patienten treffen würde. Natürlich könnte er sagen, dass es ein beruflicher Besuch war, aber besser noch, es würde ihn niemand erkennen.

So kam er an einem Mittwochnachmittag in die Beratungsstelle und das nett lächelnde Mädchen am Empfang hatte ihn gebeten im Wartezimmer Platz zu nehmen. Behmenburg hatte bei der Anmeldung verschwiegen, dass er Arzt war. Im Termin würde er es erwähnen, aber nicht vorher. Aus Diskretionsgründen, aber auch weil er keine Sonderbehandlung wünschte. Er war suchtkrank und wollte genauso behandelt werden wie andere Suchtkranke. Im leeren Wartezimmer griff er sich eine Zeitschrift. Die Titelgeschichte handelte von alkoholabhängigen Frauen. Rasch überblätterte er den Artikel.

Die nächste Reportage handelte von einem Fahrlehrer, der seine Erlebnisse in einem Buch veröffentlich hatte. Behmenburg las interessiert, was Holm Schütze berichtete.

‚Jeder Fahrschüler hat eine andere Voraussetzung, die er oder sie mitbringt. Das zeigt sich am besten an der Anzahl an Fahrstunden, die notwendig sind. Mein schnellster Schüler hatte den Lappen nach 19 Fahrstunden. Das war wirklich ein Naturtalent, obwohl er mir versicherte, dass er vorher noch nie gefahren sei. Am anderen Ende der Skala eine Frau, die auch nach 211 Fahrstunden noch Schwierigkeiten hatte, die Gänge richtig einzulegen und die Rechts vor Links-Regel anzuwenden.‘

Behmenburg blickte von der Zeitschrift auf. Er hatte eine Idee. Bei einer Führerscheinprüfung kamen nacheinander mehrere Kandidaten an die Reihe. Sie hatten alle unterschiedliche Hintergründe: Für manche war es das erste Mal, andere hatten schon mehrere erfolglose Prüfungen hinter sich. Manche kamen mit wenigen Fahrstunden, andere hatten sehr viele. Auch der Prüfer hatte eine Historie: Vielleicht war er besonders streng, vielleicht auch nicht. Vielleicht hatte er eine Vorliebe für kurzberockte Mädchen, vielleicht fand er das aufdringlich und war daher besonders pingelig mit ihnen. Man könnte diese Informationen zusammenstellen und dann ein Wettbuch aufmachen, wer in dieser Prüfungsrunde bestehen würde und wer nicht. Das wäre eigentlich ein gutes Konzept für eine Fernsehsendung, dachte Behmenburg.

(158) Dr. Behmenburg hatte schon seit einiger Zeit nach dem perfekten Pferderennen gesucht.

Dr. Behmenburg hatte schon seit einiger Zeit nach dem perfekten Pferderennen gesucht. Dann fand er es. Es war das fünfte Rennen des Tages, Rennbeginn um 16:35 Uhr. Am Start waren sieben Pferde: Siesta, Anaconda, Mr. Fuji, Uliana, Texas Star Party, Input und Smart Shuffle.

Behmenburg hatte sich auf dieses Rennen konzentriert, weil alle Pferde noch recht unerfahren waren und daher die Wettquoten bis zum Rennstart stärker schwanken würden, als bei anderen Rennen. Nur Mr. Fuji war ein erfahrenes Pferd, das bereits mehrere Rennen gewonnen hatte und daher als Favorit in das Rennen ging. Da die Quoten von Mr. Fuji stabil waren, hatte Behmenburg für dieses Pferd bereits eine Wette abgeschlossen. Im Laufe des Tages hatte er auch auf Anaconda, Input und Smart Shuffle gewettet, zu Quoten, die in sein System hineinpassten.

Jetzt war es noch eine Viertelstunde bis zum Rennbeginn und Behmenburg schaute gebannt auf die Entwicklung der Quoten der drei restlichen Pferde, auf die er noch wetten musste. Wie erwartet, schwankten sie noch immer sehr stark. Auf einem separaten Bildschirmfenster hatte Behmenburg seine Kalkulationstabelle aufgerufen, die ihm sagte, wie viel er bei bestimmten Quoten wetten musste, um sicher bei der Wette einen Gewinn einzufahren. Seine Einsätze waren nicht besonders hoch, denn er wollte zuerst testen, ob sein System überhaupt funktionierte.

Nacheinander konnte er die Wetten für Siesta und Uliana abschießen. Das sah nicht schlecht aus Jetzt blieb nur noch Texas Star Party, eine zweijährige Stute. Noch zehn Minuten zum Rennbeginn. Er musste auf jeden Fall diese Wette noch abschließen, sonst war seine Position nicht vollständig abgesichert. Dafür musste nur noch die Quote für Texas Star Party steigen. Gebannt starrte Behmenburg auf den Bildschirm. Sein Mund war trocken. Irgendetwas war da noch, woran er denken sollte, aber er wischte es gedanklich weg, dafür war jetzt keine Zeit.

Plötzlich fiel die Quote für Texas Star Party dramatisch. Behmenburg war verwirrt. Dann sah er, was los war: Mr. Fuji wurde als Nichtstarter gelistet. Er kniff die Augen zusammen. Damit kam sein System nicht klar. Natürlich, warum hatte er diese Möglichkeit außer Acht gelassen. Durch den Ausfall von Mr. Fuji waren alle anderen Quoten durcheinandergeraten und damit wurde die Wette zu einem völligen Glücksspiel. Wie ärgerlich.

„Herr Doktor…, Herr Doktor…?“

Behmenburg hörte eine Stimme, die aus dem Untersuchungszimmer nebenan kam. Es war das schwache Rufen von Frau Kramer, seiner Patientin, die auf einem Ergometer saß und bei der er gerade ein Belastungs-EKG durchführte. Er hatte sie völlig vergessen. „Wie lange… muss ich denn noch… Herr Doktor?“

(157) Dr. Alfred Behmenburg war praktischer Arzt.

Dr. Alfred Behmenburg war praktischer Arzt. Er kümmerte sich gerne um die praktischen Krankheiten seiner Patienten. Bei Grippe bis Herzklappenfehler fühlte er sich berufen, Diagnosen zu stellen und, wenn notwendig, seine Patienten zu den dazu am besten geeigneten Fachärzten zu schicken. Was Dr. Behmenburg hingegen überhaupt nicht interessierte, waren psychische Störungen. Wenn ein Patient ein Magengeschwür hatte, dann genügte es, zu sagen, „Sie haben ein Magengeschwür“ und dann konnte man in aller Ruhe vernünftig mit dem Patienten besprechen, was jetzt zu tun war. Wenn der Patient einen an der Waffel hatte, begann das Rumgeeiere. Sogar den Patient an einen Psychiater weiterzugeben, blieb nicht ohne Diskussionen, Rückfragen und anderes unerfreuliche Gehabe.

Allerdings gab es einen weiteren Grund für Dr. Behmenburgs Abneigung, sich mit Psychologie zu beschäftigen. In der Tat litt er selbst an einer solchen Störung: Er war nämlich süchtig nach Pferdewetten. Sogar während des Telefonats mit Herrn Schneider hatte er die Quoten für die letzten Rennen des Tages im Auge behalten und nachdem er aufgelegt hatte, schloss er gleich noch zwei Wetten ab.

Da in seinem Büro die Patienten nicht sahen, was er auf dem Computerbildschirm hatte, konnte er seine Wetten auch dann beobachten, wenn er eine Konsultation durchführte. Er sagte sich, dass er Weiteres in der Lage war, Diagnosen zu stellen und Wetten zu verfolgen. Nur wie gesagt bei psychischen Störungen hatte er eine Blockade. Es war so, als ob er den Weihnachtsmann spielen sollte, dabei aber ein Osterhasenkostüm trug. Es war einfach nicht richtig.

Unterschwellig wusste er, dass er selbst ein Problem hatte. Er ging nur noch ungern unter die Leute, weil er lieber Pferderennen schaute, jederzeit bereit ein paar Nebenwetten abzuschließen. Er schätzte, dass die verlorenen Wetten sich mit den gewonnenen die Waage hielten. Sicherheitshalber unterließ er es aber nachzurechnen. Den sinkenden Saldo seines Bankkontos führte er auf witterungsbedingte Saisonalitäten im Arztgeschäft zurück.

Schon seit längerer Zeit hatte Dr. Behmenburg festgestellt, dass die Quoten der Buchmacher nicht konsistent waren. Vor allem schien es möglich, Wetten nach und nach abzuschließen, um so die zeitliche Entwicklung der Inkonsistenzen zu nutzen. Er hoffte, ein System zu entwickeln, mit dem er diese Erkenntnis ausnutzen konnte.

Das würde ihm helfen, die Unwägbarkeiten des Arztgeschäfts auszugleichen. Den Arztberuf würde er nicht aufgeben, denn seine Patienten brauchten ihn und er brauchte sie. Er war mit Herz und Seele praktischer Arzt.

(156) Mit der Fliegenklatsche schlug sie wild um sich, Herr Doktor.

„Mit der Fliegenklatsche schlug sie wild um sich, Herr Doktor.“ Hansjoseph Schneider stand im Flur, das Telefon am Ohr, und schaute durch die Eingangstür die Straße hinunter, durch die Marliese mit den Einkäufen wieder hochkommen würde. Dr. Behmenburg, ihr Arzt aus der alten Heimat, räusperte sich. Bei ihm war es schon am späten Nachmittag, aber Schneider hatte nicht allzu viele Möglichkeiten zu telefonieren, ohne dass Marliese es merkte. „Herr Schneider, es ist natürlich äußerst schwierig aus der Distanz von mehreren Zeitzonen“, auf dem Wort Zeitzonen schien der Arzt etwas zu verweilen, „eine Diagnose zu stellen. Allerdings kenne ich Sie und besonders Ihre Frau schon sehr lange, deshalb erlaube ich mir, etwas zu raten. Sind Sie noch dran?“ Schneider hatte das Ohr kurz von der Muschel genommen, um besser auf die Straße schauen zu können. „Ja, Herr Doktor, ich höre Sie sehr gut.“ – „Fein, Herr Schneider. Als ihre Frau mir davon erzählte, dass Sie beide ihren Ruhestand am Äquator verbringen wollten, war ich schon etwas skeptisch. Genau wie Ihre Frau…“ – „Aber sie wollte es doch ganz besonders“, warf Schneider ein. „Nun, das würde hier vielleicht etwas zu weit führen, Herr Schneider. Es sollte reichen, dass ich meine Zweifel hatte, dass besonders Ihre Frau den Anstrengungen des tropischen Klimas gewappnet sei. Ich denke Ihre Frau hat einen leichten Nervenzusammenbruch. Da braucht es nur einen kleinen Auslöser, wie eine Fliege, die mit ihrem Summen die Sinne reizt, und schon spielt das Hirn verrückt.“ – „Es war nicht nur das Summen, Herr Doktor. Sie hat die Fliege behandelt, als ob sie giftig sei.“ – „Nun ja, die Insekten in den Tropen tragen natürlich öfter Krankheiten, als das hier der Fall ist. Aber eine gesunde Vorsicht reicht völlig aus. Ihre Frau scheint mir überreagiert zu haben. Und das klingt für mich wie eine, sagen wir mal, psychische Störung.“ Schneider war erschüttert. „Sie meinen, meine Frau ist verrückt geworden, hier?“ Dr. Behmenburg atmete tief ein und aus. „Nein, Herr Schneider, das heißt es nicht. Sie ist, kann ich mir vorstellen, etwas überfordert. Land und Leute sind anders. Sie fühlt sich nicht wohl und dann kommt so etwas. Es ist eine Art des Körpers, uns mitzuteilen, wenn er nicht zufrieden ist.“ – „Ich habe jetzt auf allen Fenstern Fliegengitter aufziehen müssen und wir haben für alle Gläser Schutzkappen, wenn wir draußen sitzen. Alles damit keine Fliegen reinkommen.“ – „Herr Schneider, ich muss jetzt wirklich los. Wann sind Sie denn das nächste Mal hierzulande?“ – „Wir hatten das soweit nicht geplant. Die Flüge sind so teuer.“ Als Dr. Behmenburg schwieg, fügte er hinzu: „Aber Sie haben wahrscheinlich recht. Das geht so nicht weiter. Ich sehe zu, dass wir in Kürze nach Hause fliegen und dann kann sie ja mal bei Ihnen vorbeikommen. Aber sagen Sie nicht, dass wir telefoniert haben…“ – „Ja, das machen wir so, Herr Schneider. Dann kann ich mir ein Bild machen und Ihnen besser raten, was zu tun ist. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit. Und grüßen Sie Ihre Frau“, fügte der Arzt hinzu und legte auf. In der Stille hörte Schneider wieder das Summen einer Fliege. Sie musste irgendwie eingedrungen sein. Oder war sie etwa im Haus geschlüpft. Er musste ihr den Garaus machen, bevor seine Frau nach Hause kam. Er griff nach der grellgelben Fliegenklatsche, die er immer in der Nähe hatte, und suchte hektisch überall im Raum.

(155) Bald wird sie merken, worum es dem klugen Delfin in Wirklichkeit geht!

„Bald wird sie merken, worum es dem klugen Delfin in Wirklichkeit geht!“ Hansjoseph Schneider saß auf der Veranda im Schatten und beobachtete die Hafenmole unterhalb des Hügels mit dem Feldstecher. Seit er und Marliese in das einfache Holzhaus eingezogen waren, um ihren Lebensabend in der Sonne zu verbringen, gehörte das Beobachten aller Aktivitäten im Hafen zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Marliese stand in der Küche und hielt eine grellgelbe Fliegenklatsche in der erhobenen Hand. Sie lauschte nach dem Summen der Fliege, die sie schon seit ein paar Minuten fast in den Wahnsinn brachte. „Was sagst du!“, rief sie durch den Fransenvorhang nach draußen.

„Da, jetzt kommt der süße Flipper wieder!“ Hansjoseph war ganz aufgeregt. Er hatte den Vorgang schon mehrmals beobachtet und freute sich schon auf den Augenblick, wenn die arglose Touristin, die den lieben Delfin streicheln wollte, merkte, dass das Tier sie nur als Masturbationshilfe missbrauchte. Normalerweise schimpfte Marliese dann mit ihm, wenn er wieder beobachtete, oder spannte, wie sie sagte. Zumindest kam sie raus und schnalzte abwertend mit der Zunge. „Was machst du da drinnen?“, fragte er, ohne den Feldstecher von den Augen zu nehmen. Es kam keine Antwort. Hansjoseph hielt den Atem an. Der Delfin drehte seine Kreise um die Touristin, eine ganz attraktive blonde Frau im Bikini. Es war schon seltsam, dass immer Frauen, sich mit dem Delfin beschäftigten Hansjoseph hatte noch nie gesehen, dass ein Mann derart im Mittelpunkt stand. Er fragte sich, ob es an den Vorlieben der Frauen oder an denen des Delfins lag. Das würde man wahrscheinlich nie klären können. Jetzt schwamm der Delfin ganz nah um die Frau herum. Jetzt, dachte er, jetzt ist der Moment der Wahrheit. Die Frau erstarrte und der Delfin drehte weiter seine Runden. Dann machte die Frau heftige Paddelbewegungen und bewegte sich auf die Leiter zu, die vom Meer auf die Mole führte. Hansjoseph lachte. Gerade als die Frau sich an der Leiter nach oben hievte, kam aus der Küche ein Scheppern, gefolgt von wildem Klatschen. „Jetzt mach ich dich alle, du Aas“, hörte er Marliese mit zusammengepressten Zähnen rufen. Hansjoseph sprang zur Haustür und teilte den Plastikvorhang mit dem Feldstecher, den er noch in der rechten Hand hielt. In der Küche lief Marliese wie von Sinnen durch die Küche und hieb mit der Fliegenklatsche scheinbar wahllos auf Geschirr, Gewürzdöschen, Trockenblumen… Kurzum, sie schlug alles klein, was um sie herum stand.

Zuerst schaute Hansjoseph ihr mit großem Erstaunen zu, dann stellte er den Feldstecher auf den Kühlschrank und packte Marliese mit beiden Armen. Sie wehrte sich und schlug ihn mit der Fliegenklatsche auf die Stirn. Er nahm sie ihr ab und ließ sie auf den Boden fallen. Als er sie ganz fest an sich zog, wurde sie ruhiger. „Alles ist gut, Marliese. Ganz ruhig, mein Schatz. Ganz ruhig.“ Nach und nach entspannte sie sich in seinen Armen. Es war still, bis eine Fliege sich vom Fensterglas erhob und laut summend durch die Küche flog.

(154) Die zwei Tage psychische Betreuung waren ein Hohn gewesen.

Die zwei Tage psychische Betreuung waren ein Hohn gewesen. Carola Rhode war von der Tat kaum schockierter als von der vorgeschlagenen Therapie. Die Tat selbst war wirr. Sie hatte in netter Runde einen süßen Witz erzählt von einem Tausendfüßler, der nie zum Skifahren kam, weil die Saison zu Ende ging, bevor er alle Schuhe gebunden hatte. Danach wollte sie ihren Lippenstift auffrischen. Jemand folgte ihr und ohrfeigte sie direkt vor der Damentoilette. Der Psychologe wollte diese Geschichte unendliche Male hören und wollte die Szene dann sogar noch einmal durchspielen. Der Ausdruck „realistisch durchspielen“ klang für Carola wie eine Drohung. Sie reiste ab.

Als sie zu Hause ankam, beschloss sie, den Rest des Urlaubs für eine zweite Reise zu nutzen, allerdings diesmal in die Südsee. Einen Tag später lag sie in der Sonne an einem schneeweißen Strand und hatte die Episode mit der Ohrfeige schon nach kurzer Zeit fast vergessen. Sonnenbaden war die beste Therapie, dachte sie.

Morgens, wenn am Strand wenig los war, ging sie bis ans Ende der langen Hafenmole und schwamm parallel an der Küste entlang. Im Hotel hatte man ihr gesagt, dass sie keine Angst haben sollte, falls sie eine Rückenflosse im Wasser sähe, das sei Sami, der Delfin. Eigentlich zahm, obwohl er völlig in Freiheit lebte. Er komme gerne an diese Stelle und freundete sich immer wieder mit Urlaubern an.

Und tatsächlich, kaum war sie im Wasser, sah sie die Rückenflosse und dann hob sich die lange Schnauze des Säugers aus dem Wasser. Am ersten Tag schwamm er nur ein paar Runden um sie herum. Sie lockte ihn, aber er ließ sich nicht berühren. Am zweiten Tag konnte sie ihn leicht auf der Stirn berühren und er stupste sie an der Schulter an. Freudig erzählte sie davon an der Rezeption. Man warnte sie, dass Sami unter Umständen aufdringlich werden könne und sie ihn dann einfach mit einem Klaps auf die Nase verscheuchen sollte. Carola winkte ab, sie würde den süßen Delfin ganz bestimmt nicht schlagen.

Am nächsten Tag kam Sami wieder. Er schien jetzt jede Scheu verloren zu haben und tauchte ganz dicht an ihr vorbei. Er legte sich dabei etwas zur Seite und streifte sie an Beinen und Rücken. Er wollte mit ihr spielen. Sie wollte nach ihm greifen, aber er tauchte dann immer schnell weg und kam wieder von hinten zu ihr zurück. Das Spiel ging ziemlich lange, bis Carola begriff, dass die rosafarbene Ausbuchtung am Bauch des Delfins sein Penis war und dass Sami diesen Penis ständig an ihr rieb. Zuerst war sie so schockiert, dass sie vergaß, Schwimmbewegungen zu machen. Ihr Kopf tauchte unter und sie musste strampeln, um wieder hoch zu kommen. Dann schob sie ihn weg, glaubte aber, dass sie sein fleischiges Glied berührte. Richtig angeekelt war sie, als Sami zum Ende kam und einen milchigen Schwall ins Wasser um Carola herum abdrückte. Dann schwamm Sami weg und Carola beeilte sich, dass sie aus dem Wasser kam. Sie fühlte sich von dem Delfin beschmutzt.

(153) Meine Herren, es ist jetzt Halbzeit der Skisaison.

„Meine Herren, es ist jetzt Halbzeit der Skisaison. Wir wollen das heute feiern, aber vorher noch ein ernstes Wort.“

Berndt Schießl, der überkommunale Leiter des Skigebiets Teufelstein Ski Panorama schaute in die Runde der Skilehrer, die im Gemeindesaal vor ihm standen. An den langen Tischen an der Wand standen schon die Gläser mit dem Ehrenwein, aber vorher durfte er das Unangenehme nicht aussparen.

„Die Allermeisten von Euch wissen davon… Wir haben heuer einen Gestörten unter uns. Ein Unbekannter, der insbesondere beim Après-Ski zuschlägt, aber nicht nur. Es gab auch schon Vorfälle in verschiedenen Hütten, wo er am helllichten Tage sein Unwesen getrieben hat.

Der Unbekannte ist etwa 50 Jahre alt, hat graue Haare, eher dünne Gestalt, etwa 1,80 Meter groß. Über die Bekleidung gibt es unterschiedliche Aussagen – wir können davon ausgehen, dass er derart normal gekleidet ist, dass er nicht auffällt.

Seine Vorgehensweise ist so einfach wie perfide. Er gibt sich jovial und nähert sich Gesprächsrunden. Er gibt vielleicht sogar eine Runde aus, was ja durchaus löblich ist. Allerdings kommt irgendwann der Moment, wo der Wolf die Ski… Pardon… die Schafsmaske fallen lässt und zuschlägt. Bei allen 19 Fällen gibt es eine Parallele und sie führt uns zum Auslöser der Taten. Wenn in der Runde ein Witz erzählt wird, scheint der Unbekannte aktiv zu werden. Ich möchte mir kein Urteil über Witze machen, denn es sollte die ureigenste Freiheit eines Jeden sein, Witze in der Qualität zu machen, die er für richtig hält. In allen 19 Fällen hat der Täter einen der Witzeerzähler unmittelbar nach Ende des Witzeerzählens aufgelauert, normalerweise beim WC-Besuch, und dabei übel zugerichtet. Einige konnten am nächsten Tag nicht mehr Skifahren! Allen Opfern haben wir natürlich psychische Betreuung zukommen lassen.

Es ist ein Anschlag auf unseren Lebensstil und unsere Geselligkeit! Jemand, der es uns verleiden will, dass Unbekannte sich bei einem Glas Wein oder einem Bier treffen und dabei zu Freunden werden. Das ist mindestens genauso wichtig als das Skifahren selbst. Und ich sage das nicht, weil ich der Wirt des Goldenen Ochsen bin.

Ich möchte Ihnen daher wärmstens ans Herz legen, dass sie der Polizei auffällige Personen melden. Aber agieren Sie nicht auf eigene Faust. Unsere Gäste sollen sich hier wohlfühlen und eine falsche Verdächtigung ist doppelt so schlimm wie die Tat selbst. Verbieten Sie keine Witze, ganz gleich wie schlecht. Unterbrechen Sie nicht vor der Pointe aus übertriebener Vorsicht. Aber, seien Sie wachsam, sowohl auf der Piste, bei der Jause oder beim Après-Ski.

Und jetzt meine Herren, kommen wir zum angenehmen Teil des Abends, bevor ich Sie wieder zu Ihren Schäfchen entlasse. Nehmen Sie sich ein Glas und lassen Sie uns auf eine erfolgreiche zweite Hälfte der Skisaison am Teufelstein Ski Panorama anstoßen.“ Als alle ihr Glas hatten, hob Schießl das seine und prostete den Skilehrern zu.

(152) Da wir gerade auf einer Fähre sind… Kennen Sie den?

„Da wir gerade auf einer Fähre sind… Kennen Sie den? Ein Schotte fährt mit der Fähre nach Irland. Als die Fähre ankommt, steigt gerade ein Taucher aus dem Hafenbecken. Der Schotte sieht das und sagt: ‚Wenn ich gewusst hätte, dass man da auch laufen kann…‘

Waldemar Popke wollte die niedergeschlagene Stimmung auf der Fähre verbessern. Eigentlich fand er, dass er dafür sowohl ein gutes Talent hatte, als auch ein hervorragendes Gedächtnis, mit dem er situationsaffine Witze abrufen konnte. Er kannte wahrscheinlich alle Witze, die es gab. Hier auf der Fähre lachte niemand. Manche drehten sich weg oder schlossen die Augen. Vielleicht waren die Menschen nach den Gefahren des Feuers auf der Insel noch zu sehr geschockt, um darüber zu lachen. Popke konnte eigentlich zu jeder Zeit über fast alles lachen. Ja, er würde von sich behaupten, dass er einen großartigen Sinn für Humor hatte. Und er könnte, so bildete er sich ein, sein Leben damit verdienen. Leider hatte er großes Lampenfieber, sonst hätte er vielleicht Kabarettist oder Comedian werden können. Wenn er im Scheinwerferlicht stand, verlor er die Stimme. Einfach so, zack weg. Im kleinen Kreis oder in einer informellen Runde wie auf der Fähre, das war etwas anderes.

Er war ja auch zu der Korkenschuss-Weltmeisterschaft gekommen, weil er es für sehr witzig hielt. Dadurch, dass bedingt durch einen Korken fast die ganze Insel verbrannt war, machte den Wettbewerb zu einem noch größeren Witz. Aber er wusste auch, wann er zu schweigen hatte, und gerade war dafür ein guter Moment.

Die Menschen um ihn herum stierten hinaus in die Nacht in Richtung des Feuerscheins, der von der Insel auf das Meer geworfen wurde. Es gab wohl auch eine Gruppe von Schiffbrüchigen, die auf der Insel gestrandet waren und wegen des Feuers nicht weg konnten. Natürlich hatte Popke auch ein paar der besten Schiffbrüchigen-Witze auf Lager. Aber er zensierte sich selbst. Er wollte sich nicht aufdrängen. Zur Sicherheit ging er nach draußen an Deck und stellte sich an die Reling. Er roch den Rauch, der von der Insel kommend dem Schiff hinterherwaberte. Jemand trat neben ihn. Ein etwa 50jähriger Mann, graue Haare, eher schlaksig. Der Mann schien auch den Geruch des Rauchs zu spüren. „Sie sind witzig“, sagte der Unbekannte unvermittelt. „Danke“, sagte Popke erstaunt und drehte sich etwas dem Mann zu. „Sie haben doch bestimmt auch einen Schiffbrüchigenwitz auf Lager, oder?“ Popke zierte sich, aber als der andere darauf bestand, erzählte Popke den Witz. Nachdem er geendet hatte mit „Ach der – der freut sich immer so, wenn wir hier vorbeikommen …“ holte der Unbekannte neben ihm mit dem Arm aus, schlug Popke mit der Faust auf den Kopf und stieß Popke über die Reling in das dunkle Meer. „Na dann schau mal, ob du dich auch freust“, brummelte Ludwig Rehlein für sich. Rehlein hatte eine Abneigung gegen schlechte Witze und er hatte es satt, immer nur weghören zu müssen. Er agierte!

(151) Die Fähre bewegte sich nicht vom Fleck.

Die Fähre bewegte sich nicht vom Fleck. Wolfdieter Kuhn war am Verzweifeln. Jetzt hatte er seine Familie aus dem Feuer gerettet und an Bord gebracht, aber diese halbgare Mannschaft mit dem dösigen Kapitän war nicht in der Lage, auszulaufen. Es konnte doch nicht sein, dass man das Leben der bereits auf der Fähre befindlichen Menschen in Gefahr brachte, bloß damit man noch mehr Passagiere auf die Fähre holen konnte. Kuhn fand, dass wenn er es aus der fast entferntesten Reihe geschafft hatte, zügig an Bord zu gelangen, dann hätten es alle anderen auch schaffen müssen, wenn sie sich denn richtig Mühe gegeben hätten. Er verlangte, den Kapitän zu sprechen, geriet aber nur an einen Untergebenen, der Kuhn nicht verstand. Währenddessen kamen die Flammen immer näher. Es wäre ja nicht ungewöhnlich, dass die Flammen irgendeinen Behälter mit Treib- oder Schmierstoffen erreichten und dann würde die Fähre mit allen Passagieren einfach in die Luft fliegen. Kuhn sagte sich, dass er dafür keine Verantwortung tragen wollte. Er kehrte zu Frau und Kind zurück und sagte ihnen, sie sollten sich bereithalten, denn er würde einen Ausfall versuchen.

Am hinteren Ende der Fähre hingen an Kranen vier orangefarbene Rettungsboote. Entschlossen öffnete Kuhn das Verdeck eines der Boote und schickte Tessa und Roland hinein. Tessa wollte diskutieren, aber dafür war jetzt wirklich keine Zeit. Auch Kuhn stieg hinein und suchte nach der Seilbremse, die er lösen musste, um das Rettungsboot zu Wasser zu lassen. Gerade rechtzeitig fand er sie und betätigte sie, bevor weitere Passagiere das Boot entern konnten. Einen davon musste Kuhn mit der Hand ins Gesicht wegdrücken, bevor endlich das Boot in die Tiefe sank.

Als sie im Wasser dümpelten, stieß Kuhn das Boot vom Rumpf der Fähre ab. Er sagte ihnen, wie sie rudern sollten, aber weder Tessa noch Roland waren dazu imstande. Allerdings hatten die paar Meter schon gereicht, damit das Rettungsboot eine Strömung erreichte, die es wegtrug.

Als Kuhn merkte, dass die Strömung das Rettungsboot wieder zur Insel trieb, in Richtung des hellsten Feuerscheins, konnte er nichts mehr machen. Nach ein paar Minuten hatte sich das Boot am Strand festgefahren. Wenigstens war an der Stelle der Strand etwa zwanzig Meter breit und bildete so eine natürliche Feuerschneise. Jetzt gab es nichts mehr zu tun, als zu warten, bis das Feuer aus war und sie jemand retten kam.

Tessa machte Kuhn Vorwürfe. Kuhn fand, dass sie undankbar war. Er hatte wenigstens nicht tatenlos zugesehen, wie seine Familie lebendigen Leibes verbrannte. Gerade in dem Augenblick legte die Fähre ab und fuhr mit einem lauten Tuten weg von der Insel. Die dadurch ausgelöste Welle hob das Rettungsboot weiter aufs Land, den Flammen ein Stück näher. Ein Baum fiel krachend um und legte sich lichterloh brennend quer über den Strand.

(150) Als junger Mann hätte Wolfdieter Kuhn selbst an der Korkenweitschuss-Weltmeisterschaft teilgenommen.

Als junger Mann hätte Wolfdieter Kuhn selbst an der Korkenweitschuss-Weltmeisterschaft teilgenommen. Jetzt mit fünf Kindern und einer Ehefrau in der Verantwortung wäre es nicht mehr passend. Die wilden Jahre waren vorüber, als er Tessa heiratete. Dennoch hatte er sich gefreut, als er drei Karten für die Veranstaltung ergattern konnte. Sein Schwager, der Bruder von Tessa, war Bürgermeister und hatte dafür gesorgt. So waren er, Tessa und ihr zweitältester, Roland, mit der Fähre zu der Insel gefahren. Der Älteste musste sich um den Rest der Brut kümmern, wie Wolfdieter manchmal im Spaß sagte.

Als das Feuer auf der Insel ausbrach, setzte bei Wolfdieter Kuhn ein archaisches Programm ein, bei dem es nur ein Ziel gab: die Familie zu retten. Als einer der Teilnehmer eine Stromleitung abgeschossen hatte und daraufhin in kurzer Entfernung etwas in die Luft flog, scheuchte Kuhn seine Frau und seinen Sohn aus ihren Plätzen in der zweiten Reihe. Seine Nachbarn hatten den Ernst der Lage nicht so schnell erkannt und wollten ihn nicht vorbeilassen. Er musste daher über ihre Beine steigen, Tessa und Roland vor sich herschiebend, denn ohne seine Hilfe hätte der Mob sie nicht durchgelassen. Die panikartige Flucht von Kuhn löst bei den Zuschauern aus den Reihen hinter ihm, Angst und Beklemmung aus. Man stellte sich vor, dass die Gefahr unmittelbar da war. Auch in den Reihen dahinter versuchten die Zuschauer ihre Haut zu retten und es entstand ein Tumult. Vier Ordner waren dazu eingeteilt worden, um Panik zu vermeiden, allerdings hatte man ihnen nicht gesagt, wie man Panik zurückdrängte, wenn sie denn einmal da war.

Nach kurzer Überlegung drängten drei der Ordner gleich am Anfang mit in Richtung Notausgang. Der vierte Ordner wollte die Zuschauer beruhigen, bekam aber von der Frau des Bürgermeisters die Handtasche um den Kopf gehauen, sodass er sich eines Besseren besann.

Jetzt stürmten alle nach hinten zu den Notausgängen. Allen voran Kuhn, der den Arm seines Sohnes gepackt hatte und ihn hinter sich herzerrte. Tessa zog ihre Schuhe aus, um besser voranzukommen. Sie eilten in Richtung der Fähre, die noch immer an der Anlegestelle lag. Kuhn bugsierte Frau und Kind an Bord, vorbei an den verdutzten Gesichtern der Seeleute, die gerade damit angefangen hatten, an Bord zu grillen. Kuhn lief instinktiv ganz nach oben an Deck und ganz nach hinten, weg von der nunmehr an mehreren Stellen lichterloh brennenden Insel. Fasziniert schauten er, seine Frau und ihr Sohn den Flammen zu, wie sie sich durch die Bühnenaufbauten fraßen. Die Scheinwerfer waren schon vorher ausgegangen und jetzt wurde die Szenerie nur mehr von dem gespenstischen Feuer ausgeleuchtet.