Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(221) Wir brauchen zwei Statuen von Gloria, Jeff.

„Wir brauchen zwei Statuen von Gloria, Jeff. Das hatte ich dir von Anfang an gesagt!“ Albert Lang saß im Wohnwagen des Regisseurs, der missmutig einen Baseballschläger von einer Hand in die andere warf, so als ob er sich gerade überlegte, wem er damit das Hirn aus dem Schädel prügeln sollte.

Jeff schwieg und Albert fuhr fort. „Bei einer Größe von zehn Metern hängt es immer von der Kameraperspektive ab, wie die Statue wahrgenommen wird. Denk doch mal an die Verkürzung bei dem Jesusbild von Mantegna, das ich dir gezeigt hatte. Egal, vergiss es… Wichtig ist, dass wir zwei unterschiedliche Statuen bräuchten. Eine für Aufnahmen auf Gesichtshöhe und eine für Aufnahmen von unten. Diese ist natürlich für Aufnahmen auf Gesichtshöhe.“
Jeff ließ den Schläger auf die Schreibtischkante niedersausen. Es knallte laut und Albert zuckte zusammen. „Verdammt, Albert, es wird bei einer 10-Meter-Statue keine Aufnahmen auf Gesichtshöhe geben. Was hast du dir gedacht? Ich habe ja keine Schauspieler, die zehn Meter hoch sind und es steigt auch keiner in einen Helikopter in dem Film.“ Albert zuckte mit den Schultern, war aber etwas kleinlaut. „Weiß ich doch nicht. Hat mir keiner gesagt.“ – „Schwachsinn, Albert. Du musst es ändern lassen. Sie hat schon ihren Abflug gebucht. Ich habe die Massenszene verschoben, aber ich muss ihr sagen, dass wir die Statue ändern. Sonst ist sie weg und wir können den Film vergessen.“

Jeff warf den Baseballschläger in die Ecke, wo er einen Golfball traf, der aufdotzte und gegen eine Gitarre sprang. Die Gitarre fiel mit einem melodischen Klang um und verhedderte sich dabei in dem Ladekabel des iPhone, das Jeff gerade noch auffangen konnte, bevor es auf dem Boden aufprallte. „Gute Reflexe“, lobte Jeff sich selbst.

„Also was jetzt, Albert? Du hast es in der Hand. Willst du diesen Film auf dem Gewissen haben oder kriege ich eine neue Statue?“ Albert hatte den Golfball gestoppt, der über den Boden kullerte und hielt ihn in der Hand. Es sah aus, als ob er die Antwort auf die Frage aus den Grübchen des Balls ablesen wollte. „Ich werde mit Dannie Munk reden. Für die Statue hat er vier Wochen gebraucht. Ich weiß nicht, wie schnell er sie verändern kann.“ – „Vier Wochen ist völlig außer Frage. Eine Woche maximal. Mein Gott, er hat einen Vollkörperscan von Jessica. Da soll er sich mal dahinterklemmen.“ – „Er ist sehr mit Werbeaufträgen beschäftigt… Ich rede mit ihm.“

Albert ging aus dem Wohnwagen hinaus. Als er draußen war, öffnete Jeff auf seinem Laptop den Ordner mit den Fotos, die entstanden waren, als Munk den Ganzkörperscan anfertigte. Eigentlich hätten die hochaufgelösten Fotos gelöscht werden müssen, aber Jeff hatte sich eine Kopie behalten. Sein Lieblingsfoto zeigte Jessicas unbehaarte Scham in Großaufnahme.

Advertisements

(220) Diese Monstrosität sieht mir überhaupt nicht ähnlich!

„Diese Monstrosität sieht mir überhaupt nicht ähnlich!“ Jessica Thomas hatte nur einen Blick auf die zehn Meter hohe Statue geworfen und sich gleich davon abgewendet. Im Drehbuch von „Königin Gloria“ war vorgesehen, dass Gloria, gespielt von Jessica, ihre Untertanen dazu zwang, sie wie eine Heilige zu verehren. Zu diesem Zweck ließ sie auf dem Hauptplatz vor ihrem Schloss eine überdimensionale Marmorstatue von sich selbst errichten. Jeder Untertan musste sie mindestens einmal am Tag grüßen.

Die Statue war nur einen Tag vor dem Dreh der ersten Massenszene angeliefert worden und Jessica hatte jetzt zum ersten Mal das Requisit gesehen. Alles war falsch daran. Das Gesicht sah, von unten gesehen, total verzerrt und feist aus. Die Brüste blähten sich wie Heißluftballons und die Beine ähnelten denen von Elefanten.

Albert Lang, der Bühnenbildner, stand stumm daneben, während der Regisseur Jeff Zimmer versuchte, Jessica zu beruhigen. „Jessica, ich kann verstehen, dass eine so große Statue ein Schock ist. Das ist ja auch der Grund, warum wir sie im Film haben. Sie soll auch nicht ein realistisches Abbild von Königin Gloria sein. Sie soll zeigen, wie Gloria sich ihren Untertanen zeigen will. Es ist sozusagen durch ihre Brille gesehen…“ – „Ich brauche keine Brille. Ich will nicht, dass eine solche Scheußlichkeit von mir existiert. So etwas wird für alle Zeiten als Abbild von mir gezeigt. Das ist mein Ruin.“ Zimmer schaute Lang an, als wollte er ihn auffordern, selbst etwas zu sagen. Lang schüttelte kaum merklich den Kopf. Alles was er sagen konnte, würde die Situation nur noch verschlimmern. Zimmer unternahm noch einen Versuch. „Ich glaube, die Zuschauer, und natürlich auch die Presse, werden das auseinanderhalten. Es ist Teil der Geschichte. Entspann‘ dich bitte.“ In dem Moment, als er den letzten Satz gesagt hatte, wusste er, dass er gerade einen großen Fehler begangen hatte. „Entspann‘ dich? Ist es das, was du deiner wichtigsten Schauspielerin sagst, wenn sie Todesqualen erleidet? Jetzt pass mal auf, Jeff. Entweder es gibt eine andere Statue von mir, oder du kannst dir eine andere Schauspielerin suchen, die aussieht, wie die Statue.“ Damit ließ Jessica Zimmer und Lang stehen und ging mit schnellen Schritten zurück in ihren Wohnwagen. Drinnen kraulte ihre Assistentin den kleinen Hund, der ihr am Vortag zugelaufen war. Der arme Kerl hatte einen Verband und der Set-Arzt hatte gemeint, dass er gerade kastriert worden war. Jessica schickte ihre Assistentin raus. Sie sollte nach Flügen schauen. Es war zwar unwahrscheinlich, dass sie die Dreharbeiten abbrechen würde, aber Jeff zu zeigen, dass sie nicht nur darüber redete, würde ihrer Sache helfen.

Als sie alleine war, kraulte sie auch den Kopf des kleinen Hundes, den sie aus einer Laune heraus ‚Jeff‘ genannt hatte. „Na Jeff“, flüsterte sie dem Hund zu, „wie ist das so, wenn man keine Eier mehr hat?“

(219) Bobbys Kastration war erfolgreich verlaufen.

Bobbys Kastration war erfolgreich verlaufen. Der Hund war zwar noch etwas groggy, als Patrick ihn danach wieder sah, aber die Tierärztin meinte augenzwinkernd, dass er schon in Kürze wieder der alte sein würde. Sie gab Patrick noch ein paar Tipps, wie er mit dem Verband umgehen sollte und dann konnte er Bobby in seinem Körbchen wieder mitnehmen.

Als sie mit dem Wagen nach Hause fuhren, lag Bobby in seinem Körbchen auf dem Beifahrersitz. Er winselte leise. Patrick wollte dem Hund den Kopf tätscheln, zog den Arm aber jäh zurück, als Bobby ihm in die Hand biss. Es war zwar kein starker Biss und es blutete auch nicht, aber er hatte nach Patrick geschnappt. Erschrocken schlug Patrick dem Hund auf die Schnauze. Bobby duckte sich und knurrte. Wenn das eine Vorschau auf das Leben nach der Kastration war, dann würde es ja noch spaßig werden, dachte Patrick.

Auf dem Weg nach Hause kam Patrick an den Studios von Tivoli & Splendid Productions vorbei. Direkt neben dem Gelände bemerkte er vor einer Kurve einen Stau. Ein gutes Dutzend Autos hielten vor ihm. Normalerweise gab es hier nie Verkehrsprobleme, es war ein Schleichweg, den nur Eingeweihte kannten und mit dem man gerade Staus vermied. Die Fahrer aus den Autos vor ihm waren ausgestiegen und standen an der Kurve. Neugierig machte Patrick den Motor aus und stieg ebenfalls aus. Bobby schien wieder zu dösen.

Als er in die Kurve hineinschauen konnte, erkannte Patrick den Grund für den Stau. Ein Sattelschlepper versperrte die Straße und darauf lag die riesige Skulptur einer nackten Frau. Sie war bestimmt zehn Meter hoch und lag bäuchlings auf der Ladefläche, abgestützt durch Holzblöcke und Unmengen an Schaumstoff. Die Skulptur schien aus Marmor zu sein. Über dem Sattelschlepper ragte ein Kran aus dem Studiogelände herüber. Männer standen neben der Frau und wollten die Skulptur an den Haken des Krans hängen. Neben ihr sahen sie aus wie Liliputaner. Gurte waren der Skulptur über Kreuz vor den Brüsten gespannt und im Rücken bildeten sie eine Schlaufe, in die der Haken eingehängt wurde.

Auf ein Kommando eines Arbeiters straffte sich das Seil und die Frau wurde mühelos angehoben. Nachdem sie an allen Stellen den Kontakt mit den Stützblöcken verloren hatte, stoppte der Hubvorgang und die Arbeiter inspizierten die Unterseite. „Das sind Möpse!“, meinte der Fahrer neben Patrick bewundernd. „Aber leider kalt wie Marmor“, kommentierte ein anderer. „Quatsch, das ist Fiberglas, das ist doch Kintopp“, sagte ein dritter. Der Arbeiter gab wieder ein Kommando und jetzt hob die Skulptur recht schnell an. Wie eine Superheldin überflog sie die Bäume, die das Studiogelände hinter der Mauer umsäumten und dann senkte sich die Skulptur wieder und war verschwunden. Der Fahrer des Sattelschleppers machte sich bereit zur Abfahrt und Patrick ging zurück zu seinem Wagen. Erst als er eingestiegen war, bemerkte er, dass Bobbys Körbchen leer war. Er war auch nicht im Wagen. Patrick stieg aus und schaute umher, konnte den Hund aber nicht finden. Ungeduldige Fahrer hupten hinter ihm. Patrick war ratlos, was er jetzt machen sollte.

(218) Warum schaut mich Bobby in letzter Zeit so seltsam an?

„Warum schaut mich Bobby in letzter Zeit so seltsam an? Es ist irgendwie unheimlich. „Astrid schaufelte noch ein paar Tomatenviertel auf Patricks Teller. Patrick schaute auch zu Bobby, der im Wohnzimmer in seinem Korb lag. In der Tat, er starrte zu ihnen herüber. „Es ist mir auch schon aufgefallen“, sagte Patrick. „Als ich letztens mit ihm zum Zeitungskiosk ging, ertappte ich ihn dabei, wie er mich ganz fies anschaute.“ Sie aßen weiter. Hin und wieder schauten sie zu Bobby hinüber, der sie nicht aus den Augen ließ. „Vielleicht plant er ja, die Weltherrschaft an sich zu reißen. So wie Blofeld.“ – „Wer ist Blofeld?“, fragte Astrid. „Dieser Oberschurke bei James Bond. Ernst Stavro Blofeld. Wurde von Telly Savalas, Donald Pleasence, Max von Sydow und Charles Gray gespielt.“ – „Ach jetzt… Das ist der mit der weißen Katze auf dem Arm.“ – „Ja genau. Aber ich glaube nicht, dass Bobby sich mit einer Katze vergnügen würde, wenn er die Welt übernimmt.“ – „Was meinst du, wird er mit uns machen, wenn er alles unter seiner Kontrolle hat?“ – „Weiß nicht. Eigentlich hat er es ja gut bei uns. Er soll froh sein, dass er die Welt nicht kontrollieren muss. Das wäre doch ein anstrengender Job für einen kleinen Hund.“ – „Stimmt. Er schafft ja kaum zehn Meter, ohne an hundert verschiedenen Stellen zu schnüffeln. Wie soll das erst werden, wenn er ständig in der ganzen Welt unterwegs wäre?“ – „Nicht auszudenken.“

Sie aßen weiter schweigend. Bobby hatte sie im Blick.

„Vielleicht sollten wir Bobby kastrieren lassen“, sagte Patrick. „Wirklich? Du warst doch vehement dagegen.“ _ „Vielleicht hatte ich unrecht. Es ist ja möglich, dass er wirklich eifersüchtig und damit aggressiv wird. Ich denke, eine Kastration würde helfen, dass er sich mehr entspannt.“ – „Ich bin einverstanden. Bei uns zuhause waren alle Hunde kastriert. Mein Vater sagte immer, das mache sie gefügiger. Aber du wolltest nicht.“ – „Gut, dann lassen wir es machen. Dann ist es Schluss, Bobby. Dann machst du hier nicht mehr den Blofeld.“ – „Fährst du mit ihm zum Tierarzt?“ – „Ich dachte, du hättest da mehr Routine.“ – „Nein, das ist Männersache. Das machte immer mein Vater.“ Patrick schien sich nicht so wohl zu fühlen, bei dem Gedanken, Bobby dem Tierarzt zuzuführen. „Du brauchst es ja nicht selbst zu machen. Gehst mit ihm hin. Beruhigst ihn, übergibst ihn und holst ihn wieder ab danach.“ – „Ja, ok. Ich mache es ja.“

Sie waren fertig mit Essen. Astrid räumte Teller und Besteck ab und trug sie in die Küche. Als sie zurückkam, fragte sie: „Und wann machst du das?“ – „Mein Gott, Astrid, du scheinst es ja nicht mehr erwarten zu können.“ – „Er ist mir unheimlich, wie er daliegt und uns anstarrt. Ich will, dass etwas passiert. Deshalb will ich von dir wissen, wann du es machst. Da ist doch nichts dabei. Es geht ja nicht um deine Eier!“ – „Soweit kommt es auch noch“, antwortete Patrick. „Meine Eier gehören mir!“

(217) Es stimmt nicht, dass ich eine Pudel/Jack-Russell-Mischung bin.

„Es stimmt nicht, dass ich eine Pudel/Jack-Russell-Mischung bin. Das ist eines der vielen Missverständnisse, die unser Zusammenleben prägen. Ich weiß, Astrid und Patrick, dass ich in unserer Wohngemeinschaft eine Spezies in der Minderheit darstelle, die sich nicht ausreichend Gehör verschaffen kann. Ihr sprecht meine Sprache nicht. Das ist schade, denn immerhin habe ich es geschafft, euch zu verstehen.

Wie gerne würde ich ein paar Dinge gerade rücken. Meine Mutter war Jack-Russell-Terrier. Soweit habt Ihr Recht. Mein Vater aber war kein Pudel, sondern ein Blauschimmel Cocker Spaniel. Von ihm habe ich die ruhige, ausgeglichene Art, ohne die ich es bei euch gar nicht aushalten könnte. Meine Mutter, von der ich die Energie habe, wäre schon längst weggelaufen. Aber gut, jeder wie er muss.

Ein weiterer Aspekt, bei dem es immer Missverständnisse gibt, ist das Schamgefühl. Ja, ich lecke mir die Eier. Und ich bin euch auch wirklich dankbar, dass ich sie noch habe. Leider ist das ja nicht selbstverständlich. Viele Kollegen haben mir erzählt, wie sie zum ersten Mal im Auto mitgenommen wurden und danach für immer traumatisiert waren. Aber das Lecken meiner Eier ist ein Zeichen von Vertrauen von mir an euch. Wenn wir draußen unterwegs sind und ich schnüffele an Wänden und Pfosten – das ist leider die einzige Möglichkeit, Informationen auszutauschen. Sonst treffe ich ja kaum jemand, mit dem ich reden kann. Ich finde es ja selbst etwas eklig, aber Ihr lasst mir keine Wahl. Und da wir gerade bei Ausscheidungen sind: Natürlich mag ich es nicht, wenn man mir dabei zuschaut. Ihr macht ja auch die Tür zur Toilette zu. Es ist doch erniedrigend, wenn man da hockt, und versucht, sich zu konzentrieren, und dann steht jemand daneben und schaut dir direkt ins Gesicht. Macht gar noch Gesten, du sollst dich beeilen. Das ist einfach nicht nett. Ich würde das nie mit euch machen. Gut, ich habe euch letztens vom Sex abgehalten. Das tut mir auch leid. Ich war einfach in einer schlechten Stimmung, weil Ihr mir das immer vorenthaltet. Wenn ich einer sexy Hündin begegne, werde ich immer gleich weitergezogen, auch wenn ich mich dagegen wehre. Ich habe meine Eier noch, aber in Wirklichkeit frage ich mich, wozu. Es ist doch absurd, dass das Einzige, was ich damit machen kann, ist, sie zu lecken, und sogar dagegen habt Ihr etwas. Und Ihr habt etwas dagegen, wenn ich sie einsetze, wofür sie eigentlich dienen sollten. Das ist doch absurd. Je mehr ich es mir überlege, umso weniger sehe ich ein, warum ich dieses Spiel weiter mitmachen soll. Gut, ich bekomme jeden Tag, etwas zu fressen von euch. Ich habe es zwar immer noch nicht fertiggebracht, euch mitzuteilen, was ich mag, aber immerhin. Das ist traurig, nicht? Der einzige Grund, warum ich bei euch bleibe ist, dass ich nicht weiß, woher ich sonst mein Essen herbekomme. Als Abkömmling der Wölfe ist das eine Bankrotterklärung. Ich hasse euch. Ihr habt ein Nichts aus mir gemacht. Ein bettelnder Haussklave, weiter nichts. Schande über Euch!“

(216) Musste Bobby wirklich Gassi gehen?

Musste Bobby wirklich Gassi gehen? Das fragte sich Patrick Scheffler, als er mit dem Hund die Treppe nach unten ging. Vielleicht war er eifersüchtig, weil Herrchen und Frauchen gerade eine Aktivität begonnen hatten, bei der er nicht mitmachen durfte. Vielleicht hatte Bobby aber auch gemerkt, dass Patrick weniger von Astrids Überraschung angetan war, als sie es selbst glaubte. Auf jeden Fall hatte der Hund einen Sinn für Timing.

Als sie vor dem Haus standen, fragte Patrick: „Und jetzt?“. Bobby schnüffelte zuerst an der Hauswand und marschierte dann in Richtung Flussufer. Der übliche Weg also, dachte Patrick. Vielleicht musste er ja wirklich raus.

Es war nicht so, dass Patrick keine Lust auf Sex gehabt hätte. Am liebsten wäre ihm eine schnelle Nummer gewesen. Happy Birthday, herzlichen Glückwunsch. Ab in die Kiste und fertig. So aber fühlte er sich unter Druck gesetzt. Astrid hatte extra Kleidung gekauft, von der sie glaubte, dass Patrick sie besonders scharf finden würde. Und dann diese Inszenierung mit Licht aus, Musik an, Augen zu. Dann zack stand sie da vor ihm, wie aus dem Zylinder gezaubert. Es machte aus einer ganz einfachen Handlung wie Sex, etwas Kompliziertes, bei dem man nicht wusste, was man machen musste und wie lange. Und alles nur für einen Orgasmus. Natürlich waren das Oberteil und der Rock scharf gewesen. Auch dass sie nichts darunter trug. Aber so etwas fand doch besser in Filmen statt als im richtigen Leben. So etwas in die Realität zu mischen, machte es zu komplex.

Bobby hatte sich jetzt am Ufer ins Unterholz begeben. Er mochte es nicht, wenn man ihm beim Kacken zuschaute. Vielleicht wollte er selbst auch nicht zuschauen, wenn Herrchen und Frauchen Sex hatten. Ein Hund mit Schamgefühl. Quatsch, so etwas gab es nicht, sonst würde Bobby sich auch nicht ausgiebig die Eier lecken, in aller Öffentlichkeit. Oder an den Pissspuren anderer Hunde riechen. Sonst machte er auch keinen Stress, wenn sie Sex hatten. Allerdings passierte das meistens abends spät, wenn Bobby schon in seinem Körbchen lag und es ging dann auch so schnell, dass der Hund sich dadurch vielleicht nicht gestört fühlte.

Es raschelte im Gebüsch, dann kam Bobby schwanzwedelnd wieder heraus. Er stellte sich vor Patrick und schien zu fragen: „Was jetzt, Chef?“

Patrick schaute auf die Uhr. Es war noch etwas früh. Womöglich war Astrid immer noch scharf und wartete auf ihn. „Wir gehen noch einmal um den Block“, sagte er zu Bobby und ging voraus. Wenn Astrid sich erst einmal abgeschminkt hatte und im Bett lag, wäre sie vielleicht noch für eine schnelle, unaufwendige Nummer zu haben. Allerdings durfte sie nicht zu müde sein. Es war eine delikate Frage von Timing.

(215) Es war Patrick Schefflers 31. Geburtstag.

Es war Patrick Schefflers 31. Geburtstag. Die Party mit Freunden war für Samstag geplant, aber dieser Abend gehörte seiner Lebensgefährtin, Astrid Köhler. Sie hatten schon Sekt getrunken und er hatte seine Geschenke ausgepackt. Als Krönung hatte sie sich noch etwas für ihn aufgehoben: sich selbst in aufreizender Verpackung. Geheimnisvoll hatte sie Patrick gesagt, dass er sich nicht vom Sofa rühren durfte. Dabei hatte sie die Hand auf seinen Schritt gelegt und definitiv seine Aufmerksamkeit erhalten. Im Bad zog sie von ganz unten aus dem Wäschekorb die Einkäufe, die sie vor Patrick versteckt hatte: eine weiße Satinkorsage und einen Minirock aus schwarzem glänzenden Leder. Dazu weiße halterlose Netzstrümpfe und spitze Lederstiefel, die sie bereits gehabt hatte. Keine Unterhose. Das würde ihn so richtig in die Gänge bringen, erwartete sie. Die Vorhänge im Wohnzimmer hatte sie schon zugezogen, denn sie wollte die Show ja nicht den Nachbarn bieten.

Nachdem sie ihren Lippenstift aufgefrischt und sich beduftet hatte, betrachtete sie sich im Spiegel. Natürlich würde sie so nicht auf die Straße gehen, aber das war ja nicht der Zweck der Sache. Sie nahm noch einmal den Sprühflacon und spritzte sich eine Wolke Eau de Toilette unter den Rock. Es prickelte. Das hatte sie noch nie gemacht und es fühlte sich verrucht an.

Bevor sie aus dem Bad trat, sagte sie Patrick, dass er die Augen schließen müsse. Sie löschte das Deckenlicht im Wohnzimmer. „Halte die Augen geschlossen, ja!“ – „Ja“, murmelte er, erregt wie ihr schien. Sie knipste eine weitere Stehlampe an, damit es schummrig, aber nicht zu dunkel war. Dann legte sie eine CD mit Lounge Musik in das Abspielgerät. Als die Musik spielte, stellte sie sich vor ihn und sagte, dass er die Augen öffnen sollte.

„Wow“, waren seine ersten Worte und sie hatte auch nichts anderes erwartet. Er wollte die Hände nach ihr ausstrecken, aber sie wehrte sich. „Nicht anfassen!“, befahl sie. „Noch nicht.“ Sie tanzte vor seinen Augen und bewegte sich so, dass er erkennen konnte, dass sie unter dem Minirock nichts trug. Als er erregt genug war, kniete sie sich auf ihn, griff seine Handgelenke und presste seine Hände gegen die Sofalehne. Sie rieb ihr Becken an seinem Schoß und küsste ihn dann.

In diesem Augenblick fing Bobby an zu heulen. Er stand an der Wohnungstür und schaute vorwurfsvoll zu ihr herüber. Bobby war ihr Hund, ein Straßenköter aus dem Tierheim. Eine Mischung aus Jack Russell-Terrier und Pudel. „Aus, Bobby!“, rief Astrid scharf. Aber Bobby hörte nicht auf. Sie versuchte es noch einmal – wieder kein Effekt. Am Ende war die Stimmung weg. Sie hatten schon einmal Bobby nicht ernst genommen, als er, an einem eisigen Winterabend, noch einmal vor die Tür wollte. Damals hatte er auf den Teppichboden gekackt. Das wollten sie nicht riskieren.

Es war klar, dass Astrid in dem Outfit nicht auf die Straße gehen konnte und so musste Patrick sich aufraffen. „Ich mache schnell“, sagte er. Allerdings hing die Geschwindigkeit nicht von ihm ab, sondern von Bobby. Astrid war ziemlich sicher, dass sie nach Patricks Rückkehr für eine Wiederholung ihrer Darbietung zu müde sein würde.

(214) Schauplatz: die Dessous-Abteilung eines Kaufhauses.

Schauplatz: die Dessous-Abteilung eines Kaufhauses. Eine junge schlanke Frau kommt die Rolltreppe hinauf und geht an den Schlagerkörben mit herabgesetzten Unterhosen und den Rundständern mit BHs vorbei. Sie scheint nach etwas zu suchen, ohne genau zu wissen, was.

An einem Regal zieht sie einen Büstenhalter aus besticktem Netz, verziert mit schimmernden Strassdetails, hervor. Sie schaut ihn an und legt ihn zurück. Sie geht weiter.

An einer Regalstange hängen kurze Babydolls in verschiedenen Ausführungen. Sie nimmt einen Bügel mit einem durchsichtigen schwarzen Negligé heraus und hält es gegen sich. Aber auch dies scheint ihr nicht zu gefallen. Allerdings wird klar, dass sie nach etwas Besonderem sucht.

Dann kommt sie zu einer Kleiderstange mit Korsagen. Sie zieht eine weiße Satinkorsage hervor. Ihr Gesicht erhellt sich – das ist es wohl, wonach sie sucht. Sie hält das Kleidungsstück gegen sich und schaut sich im Spiegel an. Sichtlich gefällt ihr, was sie sieht. Sie prüft das Etikett, es ist die falsche Größe. Sie sucht auf der Kleiderstange nach ihrer Größe, findet sie und will den Kleiderbügel herausziehen. Allerding steht auf der anderen Seite der Kleiderstange eine ebenso schlanke Frau, die gleichfalls an diesem Kleiderbügel zieht. Offensichtlich will sie diese Korsage ebenfalls kaufen. Beide Frauen überprüfen schnell das restliche Angebot auf der Stange: es gibt das Teil in jener Größe nur einmal. Hin und her ziehen sie am Bügel. Sie heben ihn gleichzeitig von der Stange, dann greifen sie beide nach der Korsage, der Bügel fällt hinunter und sie zerren jetzt an dem Kleidungsstück. Ihre Gesichter sind wutverzerrt. Es sieht aus, als ob es zu einem unschönen Kampf kommen wird.

Dann hat eine der Frauen einen Einfall. Mit einer Hand hält sie immer noch an der Korsage fest, mit der anderen greift sie in ihre Handtasche und zieht eine Flasche Whisky heraus. Sie hält sie mit einem Lächeln der anderen Frau hin. Deren Gesichtszüge entspannen sich daraufhin ebenfalls und sie greift in ihre Handtasche und zieht zwei Whisky-Tumbler heraus. Jetzt müssen beide Frauen lachen.

In der nächsten Einstellung sieht man die Frauen auf einem Sofa in der Dessous-Abteilung sitzen. Zwischen ihnen steht die nunmehr geöffnete Flasche Whisky. Die Frauen halten die Tumbler in Händen und plaudern angeregt miteinander.

Im Vordergrund, etwas unscharf, hängt die Korsage, um die der Streit gegangen war, über der Kleiderstange. Dann kommt eine Verkäuferin dazu und zeigt, dass sie im Lager eine weitere identische Korsage in der richtigen Größe gefunden hat. Darauf müssen alle drei Frauen herzlich lachen. Die Verkäuferin hat ebenfalls ein Whiskyglas dabei, bekommt eingeschenkt und setzt sich mit auf das Sofa. Die Frauen plaudern weiter. Überblendung zum Whisky-Logo. Ende Spot drei der Kampagne „Whisky für Frauen“.

(213) Wir wollen, dass Frauen mehr Hochprozentiges trinken.

„Wir wollen, dass Frauen mehr Hochprozentiges trinken. Da liegt unser Wachstumspotenzial, das zeigen alle Marktstudien.“ Roberts schaute gespannt, was McCoy dazu sagen würde. McCoy ließ sich Zeit und trank noch einen Schluck Single Malt. Während er die Flüssigkeit in kleinen Schlucken aus dem Mund entließ, schaute er in die Ferne zum Horizont, der durch die untergehende Sonne wie ein orangefarbener Strich aussah. Fast glaubte er, von hier aus die Erdkrümmung erkennen zu können.

„Mir fällt da gerade das Sprichwort ein von den Pferden, die man zwar zur Tränke führen kann, die sich aber nicht zum Trinken zwingen lassen.“ – „Das können Sie uns überlassen, Jim. Wir werden die Frauen schon zum Trinken bringen. Aber wir wollen verhindern, dass in der Öffentlichkeit Stimmung dagegen gemacht wird. Wenn sich so was mal festgesetzt hat, wird man das so schwer los wie ein klebriges Heftpflaster.“ – „Ich verstehe, Norman. Nun, das ist ein interessantes Projekt und ich glaube, dass ich in der Lage bin, Ihnen und Ihren befreundeten Unternehmern unter die Arme zu greifen.“ Norman nahm die Whiskyflasche, die auf einem silbernen Unterteller zwischen ihnen stand und goss McCoy und sich selbst nach.

McCoy erzählte Norman ein paar Storys aus der aktuellen Kampagne gegen die Schwarzbrennerei. „Es ist unglaublich, aber die ganzen Klischees von den Höhlen in den Appalachen mit den Kupferkesseln oder den Autokühlern als Kondensatoren – diese Geschichten stimmen alle. In der Nähe von Memphis haben wir eine Schwarzbrennerei in einem alten Goldbergwerk gefunden und sie wurde betrieben von einer Gruppe Nazis.“ – „Nazis? Die Südstaaten können es wohl nicht lassen.“ – „Aber die waren ziemlich gut vernetzt. Zusammen mit den lokalen Drahtziehern haben wir auch einen deutschen Verbindungsmann einkassiert. Als die Razzia stattfand, war der auch vor Ort und hat sich die Anlage angeschaut.“

Norman schüttelte ungläubig den Kopf. „Das ist wirklich eine andere Welt da unten. Aber wir haben den Markt aufgegeben. Schon mein Großvater hat sich darüber geärgert und mein Vater auch. Ich habe es satt. Deshalb unterstützen wir das ATF auch nicht mehr bei diesen Operationen. Wir bekommen dadurch keinen zusätzlichen Kunden. Sollen sie doch alle an den Fuselalkoholen erblinden.“ – „Ich dachte, die Fuselalkohole wären für den Geschmack wichtig?“ – „Jim, da müssen Sie doch noch etwas lernen. Die Fuselalkohole und die Fuselöle sind zwei ganz verschiedene Dinger. Fuselöle geben Geschmack, Fuselalkohole bringen Sie um.“ – „Aha. Wieder etwas gelernt, Norman. Aber Sie stellen mich ja nicht ein zum Destillieren. Und bei diesem Tropfen sind die Fuselöle einfach perfekt.“

Norman Roberts gab McCoy recht.

„Noch eine Frage habe ich, Norman. Nur aus Neugier. Welche Kampagnen planen Sie denn, um Frauen Hochprozentiges schmackhaft zu machen? Es hat keinen Einfluss auf meine Entscheidung, es interessiert mich nur.“

(212) Wir agieren ausschließlich zum Wohl der Gemeinschaft.

„Wir agieren ausschließlich zum Wohl der Gemeinschaft. Das Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives, kurz ATF genannt, ist eine Bundespolizeibehörde und eines ihrer Ziele ist es, die Öffentlichkeit vor der Schwarzbrennerei zu schützen.“ Es war Jim McCoys Job, die Arbeit des ATF der Öffentlichkeit zu präsentieren. Noch vor zwei Monaten hatte er für einen Hersteller von Handfeuerwaffen gearbeitet und davor war er Lobbyist für einen Tabakkonzern gewesen.

ATF war nur ein Zwischenschritt für McCoy. Er wollte dort Kontakte knüpfen, die ihm bei seinem nächsten Karriereschritt Vorteile verschaffen würden. McCoy hatte in schwierigen Fragen ein untrügliches Gespür dafür, was man der Öffentlichkeit zumuten konnte und wie man es schaffte, auch bei eisigem Gegenwind erfolgreich auszusehen. In der PR-Branche nannte man ihn den Mann mit dem goldenen Touch.

Nachdem er eine Reihe von harten Razzien gegen die Schwarzbrennerei erfolgreich vermarktet hatte, war es an der Zeit, den nächsten Schritt zu wagen. Er traf sich mit Norman Roberts, dem Chef und Mehrheitsgesellschafter von Egonyx, dem größten Spirituosenkonzern weltweit.

Roberts‘ Büro war ein Penthouse im 23. und letzten Stockwerk eines Hochhauses am großen Fluss. Drei Wände des Büros bestanden vollständig aus Glasfenstern und erlaubten einen atemberaubenden Blick auf die Stadt und das Land. Die vierte Wand bestand aus einem Regal, in dem alle Variationen aus allen Ländern von allen Egonyx-Produkten aufgestellt waren. Die Produkte waren unterteilt nach Gin, Rum, Tequila, Cognac, Whisky, Wodka, Fruchtschnäpse, Liköre und weitere Köstlichkeiten. Oder, wie Roberts zu sagen pflegte, „die hochprozentigste Wand der Welt“.

Vor dieser Wand traf er sich mit McCoy, den er unbedingt für Egonyx gewinnen wollte. Die beiden kannten sich von vielen Veranstaltungen her und Roberts hatte die Karriere von McCoy schon seit Jahren genau verfolgt.

Jetzt saßen sie in tiefen Clubsesseln in einer Ecke des verglasten Penthouse-Büros und tranken 30jährigen Single Malt aus Islay. McCoy lobte die komplexe Struktur des Getränks. „Es ist der beste, den wir haben und ich weiß, dass Sie in der Lage sind, ein solches Kunstwerk zu schätzen.“ Sie genossen in Stille einen weiteren Schluck, bevor Roberts fortfuhr. „Leider sind in unseren Stammmärkten die guten Zeiten vorbei. Asien boomt, natürlich. Aber wir wollen auch Europa und die Staaten nicht verlieren. Jim, wir brauchen kluge Köpfe wie Sie, um uns den Weg zu zeigen.“ McCoy wurde warm ums Herz, aber das war der Whisky. Er wusste selbst, was er wert war und die Tatsache, dass Roberts ihn sehen wollte, war Zeichen genug, dass er gebraucht wurde. „Wir sind unter uns“, fuhr Roberts fort. „Ich stehe mit befreundeten Unternehmern im ständigen Dialog. Wir haben uns verabredet, unsere Werbestrategien zu harmonisieren.“ McCoy nickte. Das war ein üblicher Vorgang in Branchen, die im Fokus der Öffentlichkeit standen. Es war nicht möglich, dass ein Marktteilnehmer alleine die Spielregeln änderte. Man musste, Kartellrecht hin- oder her, miteinander arbeiten. Das war die Arbeitsgrundlage für Leute wie McCoy, die mit Leichtigkeit und Diskretion die Kontakte knüpfen konnten, an denen das Wohl und Wehe der Branche hing.