Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(75) Hannelore Moll saß in einem Sessel neben dem Speiseraum des Altersheims.

Hannelore Moll saß in einem Sessel neben dem Speiseraum des Altersheims. Kriminaloberkommissar Stadler begrüßte sie freundlich und setzte sich neben sie. Er überreichte ihr eine Schachtel mit Konfekt. Es war nicht das erste Mal, dass er sie im Altersheim besuchte. Schon längere Zeit war er hinter ihren vier Söhnen her, die Serieneinbrüche verübten. Leider hatten sie bislang keine eindeutigen Spuren hinterlassen.

„Frau Moll, ich mache mir Sorgen um Ihre Söhne. Bisher ging es nur um Einbruch. Jetzt haben sie, alles schaut danach aus, einen bewaffneten Raubüberfall verübt.“ Frau Moll war hin- und hergerissen. Sie wollte die Details hören, aber ihre Söhne nicht belasten. Stadler erzählte ihr bereitwillig den Hergang der Tat und dass keiner verletzt worden war. Sie schien erleichtert. Er fuhr fort und sagte, dass damit die Karriere ihrer Söhne eine neue Dimension erreichte und es künftig auf beiden Seiten zu mehr Gewalt kommen würde. Es werde nicht mehr lange dauern und es würde jemand verletzt oder gar getötet werden. Sie schwieg. „Frau Moll, ich habe hier in der Tasche einen Durchsuchungsbefehl für Ihr Zimmer. Draußen sind vier Polizisten, die ich dazu hereinrufen kann. Sie können mir aber auch einfach geben, was Sie für Ihre Söhne aufbewahren und wir vermeiden jegliches Aufsehen.“ Stadler nickte lächelnd einer alten Dame zu, die, über ihren Rollator gebeugt, langsam an ihnen vorbei schlurfte und dabei versuchte, möglichst viele Gesprächsfetzen aufzufangen. Als sie vorbei war, meinte Frau Moll: „Was passiert mit meinen Jungen?“ Er erklärte ihr, dass vielleicht alle für einige Zeit ins Gefängnis kämen. Er gehe aber davon aus, dass die Tat nur von einem verübt worden war. Es würde aber auch die Entwicklung der Brüder zu weiteren Gewalttaten bremsen. Er zückte den Hausdurchsuchungsbefehl. Sie seufzte und bat ihn, ihr zu folgen. „Aber welcher es war, das werde ich Ihnen nicht verraten!“

In ihrem Zimmer zeigte sie auf einen Karton, der oben auf dem Schrank stand. Stadler zog seine Schuhe aus und stieg auf einen Stuhl, um ihn zu erreichen. Er nahm ihn herunter und klappte den Deckel zurück. Mit einem Kleiderbügel aus Holz stocherte er darin. Unter anderem enthielt die Kiste eine schwarze Schimaske, etwas Schweres, in ein Tuch gewickelt (der Form nach eine Pistole) sowie einen dicken Umschlag, in dem Stadler einen Bündel Geldscheine erkennen konnte. „Ist es das, was Sie wollten?“, fragte Frau Moll und sah ihn traurig an. Der Polizist nickte. „Ich habe eine Bitte. Würden Sie meinen Söhnen bitte nicht sagen, dass ich Ihnen die Kiste freiwillig gegeben habe? Ich hatte schon soviel Kummer mit den Kerlen. Nicht mal jetzt, in meinen letzten Tagen, lassen sie mich in Ruhe.“ Stadler versprach ihr, dass er nichts von ihrer Mitarbeit erwähnen würde. „Ich muss jetzt wieder an meinen Platz. Bald gibt es Essen. Sie finden bestimmt alleine wieder hinaus.“

(74) Der Mann trug eine schwarze Schimaske.

„Der Mann trug eine schwarze Schimaske. In der Hand eine Pistole, mit der er auf mich zielte.“ Dietrich Sporleder erzählte Holger Bach ein weiteres Mal die Geschichte des Raubüberfalls auf seinem Eisenwarenladen.

Kurz vor Ladenschluss hatte der Unbekannte Sporleder gezwungen, ihm den Inhalt von Registrierkasse und Tresor auszuhändigen. Über 20.000 Euro. Sporleder war in den Tagen vorher nicht dazu gekommen, die Einkünfte zur Bank zu bringen. „Wer ist sonst noch bei Ihnen im Laden?“, fragte Bach. „Normalerweise mein Sohn Hanno. Er war aber zu dem Zeitpunkt bereits auf dem Weg nach Hause.“ – „Soso, das ist aber ein Zufall. Keine weiteren Zeugen. Auch Fingerabdrücke gibt es keine… “ – „Wie ich sagte, der Mann trug Handschuhe.“ – „Wir haben gehört, dass die Geschäfte momentan nicht so gut laufen, stimmt das, Herr Sporleder?“. Der Geschäftsmann rückte seine Brille zurecht. „Es gab schon bessere Zeiten und es werden auch wieder bessere kommen.“ Bach blätterte in seinem Notizblock zurück. „Wissen Sie, ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass dieser Überfall inszeniert wurde, und zwar von Ihnen und Ihrem Sohn.“ – „Herr Kommissar, mein Sohn war auf dem Weg nach Hause…“ – „Es gibt aber keine Zeugen dafür. Und ich bin übrigens Oberkommissar.“ – „Meinetwegen. Ich habe Ihnen erzählt, was geschah. Dabei bleibe ich.“

Bach blieb ebenfalls bei seiner Sicht der Dinge und nahm Vater und Sohn fest. Während die Presse bereits von dem fingierten Raubüberfall berichtete, suchte er krampfhaft nach Beweisen, um die Festnahme zu rechtfertigen. Die Eisenwarenhandlung lief wirklich sehr schlecht und die beiden Sporleders waren am Rande der Insolvenz. Neben der Aussage von Dietrich Sporleder gab es keine Anhaltspunkte, dass wirklich ein Raub stattgefunden hatte. Auch ergaben sich keine Verdachtsmomente daraus, dass Sporleder die Einnahmen nicht zur Bank gebracht hatte. Laut der Bank kamen die Einzahlungen aus der Eisenwarenhandlung immer sporadisch rein. Bach hatte bei dem Sohn Handschuhe gefunden, deren Fasern identisch waren mit denen, die man am Tresor gefunden hatte. Das war aber kein Beweis, denn Sporleder Junior war ja ständig in dem Laden. Bach ließ die Wohnungen von Vater und Sohn durchkämmen auf der Suche nach dem verschwundenen Geld. Auch den Laden und das Lager ließ er zweimal durchsuchen. Bis hin zum Spülkasten der Toilette wurde alles auseinandergenommen. Nichts. Schließlich musste Bach beide Sporleders wieder freilassen. Sein Übereifer trug ihm einen Tadel ein.

(73) Ich glaube, es gibt etwas zu feiern.

„Ich glaube, es gibt etwas zu feiern“, Holger umarmte Franziska und folgte ihr in die Küche, wo sie das Bündel Fleisch in den Kühlschrank legte. „Es sieht wirklich so aus, als ob Nowak versetzt wird. In die Hauptstadt. Er hat es mir heute quasi selbst gesagt.“ – „Das ist gut?“, fragte Franziska und goss sich ein Glas Weißwein ein. „Aber ja, denn wer sollte ihn sonst ersetzen? Ich bin jetzt schon seit zwei Jahren Kriminaloberkommissar und warte auf eine Führungsposition. ‚Stellvertretender Leiter des Dezernats Raub und Erpressung‘ ist zwar nett, aber irgendwann reicht es nicht mehr. Ich habe mich weiter entwickelt.“ – „Das klingt gut. Magst Du auch ein Glas?“ Sie schenkte ihm ein Glas ein, reichte es ihm und ging ins Wohnzimmer weiter. „Und sonst will keiner den Job haben? Das ist ja schön für dich.“ – „Ja vielleicht einer. Der Stadler, aus dem Einbruchsdezernat. Aber ich glaub‘, der hat weniger Chancen. Ist aber auch schon länger Stellvertreter dort und sein Chef wird erst in fünf Jahren in Ruhestand gehen. Bis dahin passiert da nix.“

Franziska hatte sich auf das Sofa gesetzt und eine Zeitschrift aufgeschlagen. Sie blätterte darin. Böhm trank einen Schluck und sah nachdenklich aus. „Aber er hat wenig Ahnung von Raub und Erpressung.“ Franziska schaute auf: „Wer entscheidet denn die Nachfolge?“ – „Das gewichtigste Wort hat bestimmt der Polizeipräsident…“ – „Und was würdest Du entscheiden, wenn du Polizeipräsident wärst?“ Holger schaute in sein Glas. „Na ja, ich würde nach den bisherigen Erfolgen schauen, das Ansehen in der Organisation… Sowas halt.“ – „Und wie vergleicht Ihr Euch da, Du und der andere…“ – „Stadler. Er ist schon sehr erfolgreich. Gute Aufklärungsquote. Gerade auch im Schnittbereich zum bandenmäßigen Einbruch. Hmm… Womöglich sieht es bei ihm besser aus als bei mir. Ich hatte in letzter Zeit etwas Pech. Vielleicht könnte ich mich in den nächsten Wochen stärker ins Zeug legen. Was meinst Du?“

Franziska legte die Zeitschrift weg. „Das kann ich nicht beurteilen, mein Lieber. Du musst tun, was du tun willst. Ich mach‘ uns jetzt mal ein Steak.“ Sie ging in die Küche. Holger setzte sich mit dem Glas Wein auf das Sofa. Aus Franziskas Reaktionen wurde er nicht klug. Mal hatte er den Eindruck, dass sie ihn antrieb, Karriere zu machen. Dann wieder war ihr Desinteresse so groß, dass er am liebsten gar nichts erzählte von seinem Job. Auf keinen Fall aber durfte er Stadler an sich vorbei lassen. Er würde sonst zum Gespött der Kollegen werden. Genauso gut könnte er sich wieder zur Streife melden.

(72) Franziska Bach stemmte sich mit den Schultern gegen die Rückenlehne des Fahrersitzes…

Franziska Bach stemmte sich mit den Schultern gegen die Rückenlehne des Fahrersitzes, hob den Hintern an und zog das Bündel mit den Steaks aus ihrer Unterhose. Das Fleisch fühlte sich warm an hinter der spiegelnden Glätte der Folie. Sie legte ihre Beute auf den Beifahrersitz und ließ den Motor an. Bis Holger von seiner Schicht zurück war, würde sie zu Hause sein und sein Steak zubereitet haben. Als sie vom Parkplatz auf die Straße bog, baute sich das Adrenalin in ihrem Körper ab. Sie lächelte sich im Rückspiegel an.

Ab und zu brauchte sie einen Kick in ihrem Leben. Nachdem sie Jogging, Pilates und Yoga versucht und für langweilig befunden hatte, war sie dem Ladendiebstahl verfallen. Die Idee war ihr gekommen, als sie eines Nachmittags ‚Frühstück bei Tiffany‘ im Fernsehen sah. Danach war sie zu einer Drogerie gefahren und hatte beim Durchstöbern ‚versehentlich‘ (darauf hatte sie sich für alle Fälle bereits mental vorbereitet) eine Flasche ihres Lieblingsparfüms in die Handtasche gesteckt. Sie war sehr aufgeregt gewesen und hatte am ganzen Körper geschwitzt. Sie erwartete, dass die Kassiererin sie entlarven würde und war schon drauf und dran, ungefragt das Fläschchen auf das Laufband zu legen. Aber sie hielt durch und die Kassiererin hatte nichts bemerkt, so wie die anderen Menschen im Laden. Aber als sie wieder draußen vor der Tür stand, fühlte sie sich wie neu geboren, oder wie nach einem unendlich langen Orgasmus.

Seitdem ging sie ’shoppen‘, wie sie es nannte, wann immer ihr langweilig war. Parfüm machte ihr dabei genau so viel Freude wie Fleisch, Alkohol oder ein Mörser. Es kam immer nur auf die Gefahr des Entdecktwerdens an. Obwohl bisher alles glatt gelaufen war und sie noch nie von einem Ladendetektiv angehalten worden war, war sie immer noch sehr vorsichtig. Sie brauchte den Kick, aber sie war nicht leichtsinnig.

Einmal wäre sie fast erwischt worden mit einem Bündel Socken für Holger, aber sie hatte die Anwesenheit des Detektivs hinter ihr gespürt und das Bündel in ein Regal zwischen die Müllbeutel gelegt. Niemand hatte sie angehalten. Eine Entdeckung wäre ihr sehr unangenehm gewesen. Auch wegen Holger. Immer wieder versuchte sie auch andere Beschäftigungen, aber nichts gab ihr mehr Schwung als Ladendiebstahl. Sie musste halt nur vorsichtig sein und sich nicht erwischen lassen. Als sie in die Einfahrt einbog, sah sie, dass Holger schon zu Hause war.

(71) Die Frau an der Kühltheke benahm sich seltsam.

Die Frau an der Kühltheke benahm sich seltsam. Böhm konnte nicht sagen warum, es war zuerst nur ein Gefühl aus vielen Jahren Erfahrung. Er zoomte die Überwachungskamera heran. Sie stand bei den Steaks und hielt zwei oder drei in Plastikfolie abgepackte Steaks in der Hand. Die Frau trug ein pastellfarbenes Kostüm und eine Perlenkette. Gute Figur, sehr adrett. Sie sah nicht aus wie jemand, der es sich zweimal überlegen musste, ob er sich die Steaks leisten konnte oder nicht.

Sie schaute nach rechts und links. Böhm schaltete routinemäßig den zusätzlichen Videorekorder ein, der ihm einen schnellen Zugriff erlaubte. Kaum lief das Band, da sah er wie die Frau das Fleisch unter den Arm klemmte, mit einer Hand den Rock hob, mit der anderen Strumpfhose und Unterhose herunterzog, die verpackten Steaks in die Unterhose platzierte und mit der Strumpfhose wieder nach oben zog. Sie glättete den Rock und schaute sich noch einmal um. Böhm blieb der Mund offen stehen. Er sah sich um, aber er war gerade alleine im Raum und konnte seine Beobachtung mit niemand teilen.

Die Frau ging jetzt den Gang hinunter in Richtung Hülsenfrüchte. Böhm verfolgte sie, wechselte dabei immer die Überwachungskameras. Er zoomt auf ihr Gesicht. Es zeigte eine Mischung von Aufgeregtheit und Erregung. Es sah aus, als ob es ihr Freude bereiten würde, mit einem Pfund Fleisch in der Unterhose in dem Supermarkt zu gehen. Während er ihr dabei zusah, wie sie sich in Richtung der Kassen bewegte, merkte er, dass er selbst erregt war. Er stellte sich das Fleisch unter der dünnen Folie direkt an ihrem Genital vor. Wie es beim Gehen daran rieb. Ihm wurde heiß. Er müsste jetzt die Kollegen an der Kasse informieren, damit sie die Kundin abfangen konnten. Stattdessen drückte er auf den Stoppknopf des Videorekorders und spulte das Band wieder zurück. Er zoomte der Kundin auf den Schritt. Man konnte nichts erkennen, sie würde ohne Probleme durch die Kasse gehen können. Sie war jetzt im Kassenbereich angekommen und musste in einer kurzen Schlange warten, obwohl sie keine weiteren Einkäufe hatte. Böhm zoomte auf ihr Gesicht. Sie sah sehr nett aus. Als sie, es muss ein Zufall gewesen sein, direkt auf die Überwachungskamera blickte, hatte er den Eindruck, dass sie genau ihn ansah. Als ob sich ihre Blicke für ein paar Sekunden kreuzen würden. Dann ging sie zügig durch die Kasse, grüßte die Kassiererin dabei. Böhm überlegte kurz, ob er schnell zu ihr hinlaufen sollte, um sie selbst zu stellen. Doch dann folgte er ihr nur weiter mit der Videokamera und verlor sie in dem großen Gedränge am Ausgang zu den Parkhäusern.

(70) Er hätte sein Namensschild abnehmen sollen.

Er hätte sein Namensschild abnehmen sollen. Oder verdecken. Arme verschränken, Tasche davor halten, irgendwas. Was ist, wenn sie sich beschwerte? Firma war ja sichtbar. Protect Security. Würde eine Abmahnung geben. Wegen so einem Blödsinn. Gummipuppe. Hatte sie sich das ausgedacht? Unwahrscheinlich. Die schrägsten Geschichten sind wahr. Überhaupt Namensschild. Wenn nicht im Dienst ist es nicht notwendig. Nachher daran denken. Morgen. Ohne Schild im Dienst gibt auch eine Abmahnung. Immer die Angst vor den Abmahnungen. Als ob das ein Traumjob sei. Eingeschränkt von allen Seiten.

Dr. Mantel drückte Böhms Kopf noch etwas mehr zur Seite und führte den kühlen Trichter des Otoskops in sein Ohr. Böhm spürte, wie der HNO-Arzt auch ein schlankes, ebenfalls kühles Besteck einführte. Als wollte er ein Schloss in meinem Kopf knacken, dachte Böhm. Wie eins der vielen Schlösser, die er auf seinen Kontrollgängen überprüfen musste. Immer der gleiche Trott. Kaum hatte er die Tür, das Fenster oder den Rollladen überprüft, war die Mühe schon vergeblich gewesen, denn jemand könnte es ja mittlerweile geöffnet haben. Daher der nächste Rundgang und der nächste und so weiter. Er hatte mal einen Artikel über Zwangsneurosen gesehen. Leute, die immer alles mehrfach überprüfen mussten. Gas aus, Licht aus, Tür zu. Das war der Inhalt seines Jobs. Checken und überprüfen an einem Stück.

Dr. Mantel hatte jetzt ein paar Tropfen Flüssigkeit in den Gehörgang geträufelt und schien auf dessen Wirkung zu warten. Saß einfach nur da, als ob jemand den Aus-Knopf gedrückt hatte. Dann nahm er wieder das Otoskop und die Sonde auf. Dann zog er etwas aus Böhms Ohr. Als ob er einen Filzstopfen herausgezogen hätte, fühlte es sich für Böhm an. Es war als ob er viele Winde hören würde, die an ihm vorbeirauschten. „Es war ein gehöriger Wachspfropfen, den Sie ganz dicht am Trommelfell hatten. Jetzt müssten Sie wieder die Mäuse im Gebälk hören.“ Böhm bestätigte es lächelnd. Er war erleichtert, dass sein Gehör wieder intakt war.

Dr. Mantel wiederholte die Prozedur am linken Ohr, das aber weniger befallen war. Böhm sagte, dass es sich anhörte, als ob er am Meer stünde und der Brandung zuhörte. Dr. Mantel war bereits dabei, die Instrumente zu sortieren und sagte beiläufig, das sei normal und würde sich nach ein paar Minuten wieder legen. Er stand auf und reichte Böhm die Hand zum Abschied. Dann war er auch schon mit seiner Sprechstundenhilfe aus dem Behandlungszimmer gerauscht. Böhm hörte, wie er nebenan den nächsten Patienten begrüßte.

(69) Arnold Böhm blieb stehen und hielt sich das rechte Ohr zu.

Arnold Böhm blieb stehen und hielt sich das rechte Ohr zu. Er lauschte und nahm die abdeckende Hand weg. Er lauschte wieder und wiederholte den Vorgang nochmals mit dem anderen Ohr. Es war eindeutig, er hörte das Vogelgezwitscher wesentlich schlechter auf dem rechten Ohr. Böhm arbeitete als Sicherheitsmann in einem Einkaufszentrum und befand sich auf dem Weg zur Arbeit. Vorher wollte er sich bei einem HNO-Arzt durchchecken lassen. Gutes Hören war in seinem Beruf eine Voraussetzung – ein Hörgerät keine Alternative.

Er kam an einer Parkbank vorbei, auf der Dana Friedrich saß und schluchzend weinte. Böhm blieb neben ihr stehen und räusperte sich. „Kann ich etwas für sie tun?“

Sie schaute mit verheulten Augen zu ihm hoch. Böhm trug schon seine Uniform und sah vertrauenerweckend aus. Er sah auf die Uhr, er hatte noch Zeit bis zu seinem Arzttermin. Sie schüttelte den Kopf und weinte weiter mit zuckenden Schultern. Er ging vor ihr in die Hocke. „Ist etwas passiert?“ Sie öffnete sich erst nicht weiter und er bereute es, stehen geblieben zu sein. Aber jetzt konnte er nicht einfach weg. Irgendwann hatte seine ruhige Stimme eine Wirkung auf sie. Sie erzählte ihm, dass sie gerade erfahren habe, dass ihr Mann sie betrüge. Böhm war schon seit 13 Jahren geschieden, „glücklich geschieden“, wie er meistens hinzufügte. Sein Mitleid mit der Unbekannten nahm ab. Aber jetzt war sie im Erzählmodus und konnte nicht so leicht gestoppt werden. Er schaute wieder auf die Uhr und setzte sich neben sie auf die Bank. Sie berichtete von dem Hausmeister, dem Schlüsselbund und ihrem Besuch in der Wohnung. „Warten Sie“, unterbrach sie Böhm. „Habe ich das richtig verstanden? Ihr Mann betrügt Sie mit einer Gummipuppe, für die er eigens eine Wohnung angemietet hat?“ Ungläubig schaute er sie von der Seite an. Sie nickte. Dann hielt es ihn nicht mehr. Er musste laut heraus prusten und wiederholte: „Eine eigene Wohnung für die Gummipuppe…“ Ihr Gesicht versteinerte und sie hörte mit Schluchzen auf. „Gehen Sie jetzt. Ich möchte allein sein. Gehen Sie.“ Böhm stand auf. „Verstehen Sie mich nicht falsch. Es tut mir Leid für Sie. Aber eine Gummipuppe!?“ Er schüttelte den Kopf. „Hey, wissen Sie was? Vielleicht wollen Sie sich ja mal an Ihrem Mann rächen. Und zwar nicht mit einem Gummikerl. Ich komme jeden Tag um diese Zeit hier vorbei. Vielleicht kann ich Ihnen ja mal etwas Gutes tun. Keine Fragen. Sehr diskret. Nichts für Ungut. Ist ja nur ein Angebot. Ich finde Sie wirklich Spitzenklasse. Ihr Mann hat sie nicht verdient, ehrlich.“

(68) Die Hausnummer stimmte.

Die Hausnummer stimmte. Dana steckte den Schlüssel in das Schloss der Wohnungstür. Er passte! Sie war zwar auf dem richtigen Weg, aber wollte sie ihn auch bis ans Ende beschreiten? Roman verhielt sich ihr gegenüber bereits seit einiger Zeit abweisend. Sie hatte es auf seine anstrengenden Geschäfte zurückgeführt. Die Künstler, mit denen er sich beschäftigen musste, waren wirklich anstrengend. Manche waren lebensuntüchtig oder komplett durchgeknallt. Deshalb hatte sie es auch abgelehnt, bei Abendessen, Ausstellungseröffnungen oder dergleichen dabei zu sein. Sie fühlte sich danach immer ausgezehrt und erniedrigt.

Am Tag vorher hatte sie zuhause einen seltsamen Anruf entgegen genommen. Ein Hausmeister wollte mit Roman sprechen. Es sei wegen der Wohnung in der Einwaldstr. 199. Dana wusste nichts von dieser Wohnung. Sie befragte Roman. Ihr Mann gab vor, auch nichts davon zu wissen.

Seine Reaktion schien ihr seltsam. Sie durchsuchte seinen Schreibtisch zuhause und fand einen Wohnungsschlüssel, den sie nicht kannte. Schon jetzt fühlte sie sich betrogen. Am nächsten Tag fuhr sie in die Einwaldstr. Das Haus lag in einer Wohngegend, angenehm, wenn auch nicht wohlhabend. Der Schlüssel hatte gepasst. Sie schaute auf die Klingelleiste. An einem Klingelschild stand nur ‚3B‘, genau wie auf dem Schlüssel. Sie drückte den Knopf. Nichts passierte, die Gegensprechanlage blieb stumm. Dana ging ins Haus und stieg die drei Treppen zu Fuß hoch. Sie schloss die Wohnung auf und öffnete die Tür einen Spalt. Sie klopfte. Nichts geschah. Dann ging sie hinein und zog die Tür hinter sich zu.

In der Wohnung war es sehr still. Sie konnte kaum den Verkehrslärm ausmachen. Die Wohnung war wenig möbliert, nur das Nötigste stand darin. Die Wände im Eingangsbereich waren in einem ekelhaften Grünton gestrichen. Im Wohnzimmer standen zwei Weingläser auf dem Couchtisch, eines war leer, das andere halb gefüllt. Auf dem Sofa entdeckte sie ein rotes Spitzenhöschen. Dana starrte angeekelt darauf. Die Küche war sauber und schien kaum genutzt zu sein. Ebenso das Bad, dessen Tür sie mit dem Fuß aufschob. Dana fiel auf, dass keine Schmink- oder Pflegemittel darin standen. Hier wohnte niemand. Es war eine Wohnung für den schnellen Fick. Vielleicht mit dieser Studentin, die ihm in der Galerie half und die sie vom ersten Augenblick an im Verdacht hatte. Sie ging weiter ins Schlafzimmer und blieb abrupt in der Tür stehen. Unter der Bettdecke zeichnete sich eine menschliche Form ab. „Hallo?“, fragte sie laut. Keine Antwort. Entschlossen trat sie an das Bett und riss die Decke herunter. Ein Schrei entfuhr ihr, als sie in Coralies kalte Augen schaute. Der Mund der Puppe war leicht geöffnet, ihre rosaroten Nippel schienen auf Dana zu zeigen. Breitbeinig lag sie im Bett und zeigte ihre haarlose Scham. Dana ließ den Schlüsselbund, den sie immer noch in der Hand hielt, fallen und flüchtete aus der Wohnung.

(67) Als Roman Friedrich von seinem Mittagessen mit einem Kurator zurückkehrte…

Als Roman Friedrich von seinem Mittagessen mit einem Kurator zurückkehrte, stand die große Kiste aus ungehobelten Brettern in seinem Büro. Absender ‚Simulacrum‘. Er sagte Chiara, dass er nicht gestört werden wollte und verschloss seine Bürotür. Mit einem Brecheisen hebelte er die Front ab. Da saß sie auf einem schlichten, in die Kiste eingelassenen Holzbrett und schaute ihn an. Ihr Blick traf ihn tief im Innern. Später musste er sich selbst zugeben, dass sein Zusammentreffen mit Coralie intensiver war, als sein erstes Treffen mit Dana, seiner Ehefrau. Er musste sich erst einmal auf seinen Bürostuhl setzen und so starrten sie sich gegenseitig an. Coralie war nackt, bis auf einen BH und eine duftige Unterhose. An den Seiten war sie mit Schaumstoff geschützt. Sie sah sehr verletzlich aus. Nach einiger Zeit hatte Roman eine Besprechung und musste die Kiste wieder zunageln.

Am nächsten Tag nahm er sich die Zeit, sie noch einmal anzuschauen. So entwickelte sich zwischen Roman und Coralie eine Beziehung im Wechsel zwischen Brecheisen und Hammer. Bald schon wollte er mehr Zeit mit ihr verbringen, sie aus der Kiste holen und auf seinen Schoß setzen. Deshalb gab es nur eine Möglichkeit: er brauchte eine Wohnung, eigens für Coralie und ihn.

Roman wählte ein kleines Zwei-Zimmer-Apartment, das er minimalistisch aber geschmackvoll einrichtete. Es war ein feierlicher Moment, als er sie endlich aus der Kiste heben durfte. Ihre Haut fühlte sich aufregend an und Roman war verlegen, als er ihre Geschlechtsorgane aus der Nähe untersuchte. Später, als Coralie auf dem Sofa saß und er die Holzkiste in den Sperrmüll gegeben hatte, wurde ihm bewusst, dass er damit eine längerfristige Beziehung eingegangen war – es gab für Coralie kein Zurück mehr in die Kiste.

Er besuchte sie fast an jedem Tag der Woche auf seinem Weg von der Galerie nach Hause. Dana war seit kurzem schwanger und fühlte sich von ihm vernachlässigt. Nachdem er sich ihre Sicht der Dinge sehr gut vorstellen konnte, fühlte er sich erst recht wie ein wahrer Betrüger. Das daraus resultierende schlechte Gewissen hielt ihn aber noch mehr davon ab, mehr Zeit mit Dana zu verbringen. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen. Natürlich verschlimmerte dies die Situation um ein Vielfaches.

Dann gab es dieses unsägliche Gespräch, als Dana die Wahrheit herausgefunden hatte. Im Anschluss daran ergänzte er Coralies Wohnungseinrichtung, zog bei Dana aus und bei Coralie ein. Es war für ihn die einzig richtige Konsequenz.

(66) In den letzten Monaten hatte Roman überlegt, wie er endlich mit Kessler Geld verdienen konnte.

In den letzten Monaten hatte Roman überlegt, wie er endlich mit Kessler Geld verdienen konnte. Die Lösung waren Multiples. Es musste etwas geben, das man in größerer Stückzahl verkaufen konnte. Kessler hatte ihm jetzt unwissentlich auf die Sprünge geholfen: man würde Eng und Chang oder wie die beiden Clowns heute hießen, nicht miteinander vernähen. Sondern man würde eine Form von ihnen erstellen und davon Abgüsse in Kunststoff herstellen, um sie an reiche Privatleute zu verkaufen. Duane Hanson auf Steroiden. So musste es gehen.

Er bat Chiara ihm Kontaktdaten von Plastikspritzgießern heraus zu suchen. Am nächsten Tag lag eine Kladde mit Details auf seinem Schreibtisch. Er überflog die Liste. Niemand in Europa oder USA. Niemand der bereits Erfahrung mit Kunst hatte. Sein Zeigefinger stoppte bei Malaysia. Teck See Plastic. Er griff wieder nach dem Telefonhörer und wählte die angegebene Nummer. Nachdem er fünfmal weiterverbunden worden war, kam Friedrich zu dem Entschluss, dass das Unternehmen nicht geeignet war.

Er legte auf und ergriff wieder die Kladde. Vielleicht doch eher ein Unternehmen aus dem Westen, aber keines mit Bezug zur Kunst. Sein Fingernagel kerbte das Papier unterhalb von ‚Simulacrum – Tactile Simulation Products‘ ein. Chiara hatte daneben ‚Porno‘ geschrieben. Neugierig schaute Roman im Internet nach. Simulacrum stellte realistisch aussehende Sexpuppen aus Silikon her. Die auf den Fotos dargestellten Exemplare sahen wirklich sehr natürlich aus. Wenn Simulacrum in der Lage war, realistische Sexpuppen herzustellen, dann müsste das Unternehmen es auch schaffen, Enno und Burk aka Eng und Chang in zusammengenähter Ausführung herzustellen. Die Preise waren recht hoch, allerdings gäbe es bei einer größeren Menge bestimmt Rabatte. Außerdem konnte man hier natürlich auf die Körperöffnungen und die damit verbundenen Zusatznutzen verzichten. Er würde Kessler nicht erzählen, wo die Multiples hergestellt wurden. Alteingesessener Handwerksbetrieb. Spezialisiert auf Kirchenmadonnen. Vermittelt von Maurizio Cattelan. Roman lächelte, zensierte den Gedanken aber gleich wieder. Dieser Scherz würde seinen Plan bei Kessler garantiert scheitern lassen. Roman wählte die Nummer, erwähnte das Wort „Kunst“ und wurde mit einem Mann verbunden, der ihm zuhörte, die richtigen Fragen stellte und sich bereit erklärte, eine Vertraulichkeitserklärung zu unterschreiben. Der Mann sagte zu, Roman ein Muster in die Galerie zu schicken. Ein echter Dienstleister. Roman war zufrieden.

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