Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(101) Dann wählte Ben Dorotheas Nummer.

Dann wählte Ben Dorotheas Nummer. Er rief an, um ihr zu sagen, wie sehr er sie vermisste. Er hatte Lust auf sie und fand, dass er für seine Teilnahme an dem langweiligen Familienfest eine Belohnung verdiente. „Es wird nicht so spät werden hier, es sind jetzt schon alle geistig eingeschlafen“, erklärte er ihr am Telefon. „Leg dich nachher einfach nackt ins Bett. Ich komme und überrasche dich.“

Enttäuscht musste er sich anhören, dass Dorothea andere Pläne hatte. Ihre beste Freundin Diane hatte sie gerade angerufen und am Telefon geheult. Ihr Mann habe sie betrogen. Diane war völlig am Ende gewesen. Dorothea erklärte Ben, sie müsse sofort hinfahren, das ginge nicht anders.

Ben war frustriert. Er hatte sich auf Sex gefreut und empfand es als unfair, dass Dorothea ihm nicht zur Verfügung stand. „Soll ich dich nachher dort abholen“, bot er ihr an. „Nein, es wird spät werden und ich übernachte bei ihr. Die Ärmste, sie ist völlig fertig.“ Es hatte keinen Sinn, erkannte Ben, das würde heute nichts mehr werden mit Dorothea. Er verabschiedete sich und sagte ihr, dass er sich melden würde.

Ben spazierte auf dem Parkplatz zwischen den Autos umher und fühlte sich einsam. Die runden Schweinwerferaugen schauten ihn erwartungsvoll an, als ob sie alle bei einer Besprechung zusammensäßen und er mit ihnen das weitere Vorgehen abgleichen würde.

Im Kopf besprach er systematisch seine Alternativen: a) Dorothea war heute Abend keine Option; b) auf der Feier würde er niemanden treffen; c) Clara war nicht möglich, nachdem er vor einer Woche angefangen hatte, sich auf eine Scheidung einzuschießen (Vorwürfe, Nachlässigkeiten, unerklärte Abwesenheit); d) Niemanden aus der Firma; e) Bars und Hotelbars unergiebig.

Es war offensichtlich: Ben brauchte professionelle Hilfe. Es war auch ehrlicher gegenüber Dorothea, denn er mochte sie sehr und wollte sie nicht verlieren. Er schlug in seinem Adressbüchlein und rief dann an.

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(100) Sein erster Anruf galt einem Autor, der ihm ein Treatment geschickt hatte.

Sein erster Anruf galt einem Autor, der ihm ein Treatment geschickt hatte. Der Stoff passte nicht zu Bens Produktionsfirma, aber er fand die Story interessant und vermittelte den Autor an Boris, einen anderen Produzenten weiter.

Im Treatment ging es um eine Episode im Leben des französischen Bankräubers und Gewaltverbrechers Jacques Mesrine. Er war 1969 verdächtigt worden, eine Hotelbesitzerin in der kanadischen Provinz Québec ermordet zu haben. Darauf flüchtete er mit seiner Geliebten Jeanne Schneider in die USA. Dort wurden die beiden nach weniger als einem Monat verhaftet. Die Story konzentrierte sich auf die 20 Tage, in denen Mesrine und seine Geliebte in den USA auf der Flucht waren. Ihre Reise begann in Percé am Sankt-Lorenz-Strom und endete in Arkansas.

Für Mesrine war es die entscheidende Periode in seinem Leben, in der er von einem Kleinkriminellen zum Großverbrecher wurde. Dabei entstand auch die Bezeichnung ‚Staatsfeind Nr. 1‘, sie war ihm von kanadischen Zeitungen verliehen worden. Parallel dazu die Entwicklung seiner Beziehung zu Jeanne. Die anfängliche Leidenschaft fand ein jähes Ende in einer Auseinandersetzung in den Appalachen. Gleichzeitig war dies auch der höchste geografische Punkt der Reise. Danach wurde ihre Beziehung nur noch durch die gemeinsam verübten Verbrechen zusammengehalten. Jeanne war nur eine Etappe in der Karriere von Mesrine. Als sie ihm nicht weiter helfen konnte, wurde er ihrer schnell überdrüssig.

Diese Entwicklung fand Ben sehr interessant und deshalb hatte er bereitwillig den Autor unterstützt. Sein Freund Boris würde sich dafür revanchieren.

Dann fiel ihm ein, dass er Boris über Clara kennen gelernt hatte. Wenn die Scheidung erst öffentlich war, würde Boris wahrscheinlich nicht mehr mit ihm reden. Er schimpfte mit sich, weil er daran nicht gedacht hatte. Der Stoff war gut gewesen, er hätte auch andere Produzenten finden können. Zu dumm.

(99) „Ben, warst du schon mal in Disneyland?“

„Ben, warst du schon mal in Disneyland?“ Natürlich war er in Disneyland gewesen. Nämlich, um dort eine Fernsehgala zu produzieren. „Nein“, antwortete er seiner Kusine Antonia. Das war auch keine gute Antwort, das merkte er sofort. Sie fing an, ihm Disneyland zu erklären. Vor zwei Wochen war sie mit ihrem Sohn Ianni dagewesen. Am meisten hatte ihr daran gefallen, dass sie Ianni nicht wie sonst selbst bespaßen musste, sondern dass es dafür Personal gab. Sie erzählte Ben von der Main Street und den Gebäuden, die sehr alt aussahen. Ianni hatte geglaubt, dass es eine richtige Stadt sei und wollte unbedingt da wohnen. Bei allen Passanten, die ihnen entgegenkamen, fragte er: „Glaubst du, sie wohnen hier? Oder sind sie auch nur zu Besuch hier?“

Sie erklärte ihm, dass es keine richtigen Häuser waren, sondern nur Bilder von Häusern, wie die Dekorationen beim Schultheater. Ianni wollte ihr nicht glauben, aber sie hatte es dabei belassen.

Plötzlich konnte sie Ianni nicht mehr finden, er war verschwunden. Sie schaute überall in den angrenzenden Läden, suchte bis hinüber zum Schloss und wieder zurück. Er war weg. Sie wandte sich an einen Disney-Mitarbeiter, der sie bat, auf ihn zu warten, er würde sich kümmern. Nach schier endloser Zeit kehrte Ianni an der Hand des Mitarbeiters zurück. Ihr Sohn hatte sich in die Kulissen geschlichen und war durch eine Angestelltentür in den Servicekorridor gelangt, der alle Gebäude verband.

Ianni war froh, wieder bei seiner Mutter zu sein und enttäuscht, dass alles nur Dekoration war. Er weigerte sich, weitere Attraktionen anzuschauen und stampfte wütend mit dem Fuß auf. „Es war sehr schade, aber unser Besuch in Disneyland dauerte nur etwas über eine Stunde.“ – „Das war bestimmt ein Rekord“, pflichte Ben ihr bei und entschuldigte sich, er müsse noch zwei Anrufe erledigen.

(98) Das Foto war Ben Endzweigs früheste Erinnerung an seinen Vater gewesen.

Das Foto war Ben Endzweigs früheste Erinnerung an seinen Vater gewesen. Seine Mutter hatte ihm das Bild gezeigt, auf dem sein Vater eine hohe militärische Auszeichnung bekam. Lange Jahre war dieses Foto für Ben realer gewesen, als es der Vater selbst war während dessen weniger Besuche Zuhause. Erst als Ben schon weggezogen war und selbst sein Glück in der Welt machte, hatte sich seine Sicht auf Konrad Endzweig geändert. Sein Vater hatte sich in den Ruhestand zurückgezogen und war nun öfter Zuhause, wenn Ben seine Mutter besuchte.

Jetzt stand Ben im Wohnzimmer vor diesem Foto und wartete auf seine Eltern. Es war ihre Saphirhochzeit, 45 Jahre Ehe. Seine Tante hatte ein großes Fest ausgerichtet, aber seine Eltern wussten nichts davon. Er sollte die beiden abholen, unter dem Vorwand, mit ihnen zu einem ruhigen Dinner ins Restaurant zu fahren. Dort warteten bereits die Verwandten und viele Freunde.

Seine Mutter tauchte plötzlich hinter ihm auf und erschreckte ihn etwas. „Du siehst nicht glücklich aus, Ben. Was ist los? Wie geht es in deinem Job?“ – „Sehr gut, es läuft sehr gut.“ – „Wie geht es Clara? Warum hast du sie nicht mitgebracht? Ist alles ok zwischen euch?“ – „Ja, weißt du, es läuft momentan nicht so gut“, antwortete er. „Ich wusste doch, dass etwas nicht stimmt. Einer Mutter kann man nichts vormachen.“ – „Wir werden uns scheiden lassen.“ – „Oh. Ich dachte, diesmal wärest du glücklich. Das ist schade.“ Sie legte ihre Hand in seinen Nacken. „Gibt es eine andere Frau?“ Er lächelte. „Na, dann ist ja alles gar nicht so schlimm“, meinte sie und streichelte ihm die Wange. Er war erleichtert.

Während der Autofahrt war Ben seiner Mutter dankbar, dass sie das Thema dem Vater gegenüber nicht aufgriff. Konrad Endzweig hatte nicht nach Clara gefragt, wahrscheinlich hatte er sie bereits vergessen und er würde Dorothea ohne Zögern in den Familienkreis aufnehmen.

Als er seine Eltern in das Restaurant geleitete, war ihre Überraschung echt gewesen. Alle hatten spontan applaudiert, als sie in den Raum hereinkamen. Sogar sein Vater war gerührt gewesen.

Während des Essens langweilte sich Ben und ging mehrmals vor die Tür, um Anrufe zu erledigen. Er verspürte wenig Lust, seiner tumben Verwandtschaft zum wiederholten Male zu erklären, was er eigentlich beruflich mache.

(97) Ben war sich nicht sicher gewesen…

Ben war sich nicht sicher gewesen, ob Clara die Richtige war. Sie hatten sich bei einem Dinner mit gemeinsamen Freunden kennen gelernt und er hatte sofort Feuer gefangen. Sie trug ein smaragdgrünes Kleid mit tiefem Ausschnitt und er hatte darauf gebrannt, zu erfahren, wie ihre Brüste ohne dieses Kleid aussehen würden. Die Formen von außen waren klar definiert und er konnte es sich sehr gut vorstellen, aber es fehlte ihm der Beweis. Sie trug keinen BH und die Kette mit der goldenen Muschel hing tief in ihrem Ausschnitt. Am liebsten hätte er seinen Zeigefinger zwischen ihre zweifellos etwas schwitzigen Brüste gesteckt und dann in die Hautfalte unterhalb. Er war fasziniert. Ihre Augen hatten die Farbe ihres Kleides und ihre gelockten blonden Haare fielen wie eine duftig-dekadente Pyramide über ihre Schultern. Sie war für ihn gemacht. Ständig kehrten seine Augen zu ihrem Ausschnitt zurück. Das Licht beschien sie von beiden Seiten, daher schien ihr Busen von einer so lebendigen Plastizität, dass es ihn schier um den Verstand brachte.

Nach dem Essen fuhr er sie nach Hause. Zu sich nach Hause. Gleich hinter der Wohnungstür waren sie übereinander hergefallen. Er hatte noch nie so oft Sex gehabt wie in jener Nacht. Irgendwann mussten sie beide bewusstlos geworden sein. Gleich am nächsten Morgen um neun Uhr, als er die Augen aufschlug und ihre perfekten Brüste im Sonnenlicht beschaute, hatte er gleich wieder Lust gehabt und sie geweckt. Um zehn Uhr hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht, den sie annahm. Um zwölf Uhr bekam er leichte Zweifel, weil sie die Zahnpastatube nicht verschlossen hatte. Ein weiterer Blick auf sie, als sie wieder angezogen vor ihm stand und er die Muschel in ihrem Ausschnitt sah, genügte aber als Schlüsselreiz. Er vergaß augenblicklich alle Bedenken. Sie sollte seine Frau werden.

So geschah es auch. Clara wurde für Bens Karriere sehr förderlich und war eine Zierde an seiner Seite bei allen gesellschaftlichen Ereignissen.

Bis er Dorothea kennen lernte. Sie waren sich bei einem Dinner bei gemeinsamen Freunden begegnet und er hatte sofort Feuer gefangen.

(96) Ben Endzweig war ganz sachlich…

Ben Endzweig war ganz sachlich, als Peggy eine Woche später anrief und sich erkundigte, wann die Produktion von ‚Swinging by‘ stattfinden würde. Er erklärte ihr, dass die Studioaufnahmen bereits abgeschlossen seien. Peggy war still. Endzweig fragte, ob sie noch dran sei und dann, ob sie den Vertrag missverstanden habe? Er habe die Rechte an dem Song gekauft. „Das heißt, ‚Swinging by‘ wird nicht von BTK eingespielt?“ – „Nein“, antwortete er, „das habe ich auch nie gesagt. BTK ist eine Punkband, das würde gar nicht zu der Serie passen.“ Es war wieder still in der Leitung und dann sprach sie mit gebrochener Stimme: „Ich habe verstanden. Das war dann wohl ein Missverständnis…“ Sie legte auf.

Ben fand die Vorstellung abstrus, dass die speckigen Punkrocker den Song spielen würden. Er war am Tag vorher bei der Aufzeichnung dabei gewesen. Neues Arrangement, opulente Streicherpassagen von Studiomusikern eingespielt, perfekte Professionalität. Die Vorabmischung mit dem Videotrack des Serientitels hatte perfekt gepasst. Der Entwicklungsregisseur hatte ihm auf die Schultern geklopft. Alle waren happy. Eigentlich unvorstellbar, dass dieser tolle Song von diesen kaputten Punkern kommen konnte. Er lehnte sich in seinem Ledersessel zurück und drehte sich zufrieden zum Fenster, durch das die warmen Strahlen der Mittagssonne fielen. Ein Gedanke ging ihm durch den Kopf. Er drehte sich zurück zum Schreibtisch und ergriff noch einmal den Telefonhörer. Mit einem Tastendruck wählte er die letzte Nummer. Peggy war in der Leitung, sie schien zu weinen. „Ich rufe an wegen des Vertrags und weil es wegen des Inhalts wohl ein Missverständnis gab. Deshalb wollte ich Sie darauf hinweisen, dass wir den Song gekauft haben und dass ohne unsere Zustimmung BTK den Song nicht mehr spielen darf.“ Er machte eine Pause, Peggy schwieg. „Und ich kann Ihnen bereits jetzt sagen, dass unsere Produktionsfirma BTK diese Erlaubnis leider nicht geben wird, weil es nicht im Interesse der Serie sein würde. Das wollte ich noch einmal klarstellen. Alles Gute, Ihnen und der Band. Grüßen Sie Ted von mir. Wirklich ein Wahnsinnssong.“ Er legte auf und drehte sich wieder zu dem hellerleuchteten Fenster hin.

(95) ‚Pinhead‘ kommt als zweitletzter Song auf die Setlist.

„‚Pinhead‘ kommt als zweitletzter Song auf die Setlist“, Ted biss in den Bleistiftstummel. „Und ‚Swinging by‘ kommt an den Schluss. Der Typ von der Produktionsfirma wollte in der zweiten Hälfte hier auftauchen.“ – „Warum kommt er, das Stück hat er doch schon auf Tape gehört…“ – „Er will halt ein besseres Gefühl für uns bekommen, schätze ich“, antwortete Ted und klopfte seinem Schlagzeuger auf den Stahlhelm. Darauf war mit weißer Farbe ‚Born to Kill‘ aufgepinselt.

Es war verrückt. Nach der Rückkehr aus dem Urlaub hatten sie das neue Stück schnell in ihrem Kellerstudio einstudiert und aufgenommen. Ted schickte immer noch Demotapes an diverse Leute, er hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Drei Monate später bekam er einen Anruf von Ben Endzweig, einem Stoffentwickler von einer Fernsehproduktionsfirma. Er habe ‚Swinging by‘ von einem befreundeten Musikjournalisten erhalten. Momentan sei er auf der Suche nach Musik für eine neue Serie und ‚Swinging by‘ könnte passen. Ob er die Band mal live hören könne.

Nach dem Telefonat hatte Ted einen Jubelschrei ausgestoßen und Peggy fest an sich gedrückt und geküsst. Sie riet zu Zurückhaltung und Vorsicht. Ted hörte nicht zu und rief die Jungs an. Mit einem alten Kumpel, der mehrere Nightspots betrieb, machte er aus, dass sie in zwei Wochen einen Gig in einem seiner Clubs haben würden. Und so kam der Abend, an dem Ted den Besuch des Produzenten erwartete. Endzweig tauchte auch wirklich auf, etwa nach zwei Dritteln der Setlist. Peggy nahm ihn in Empfang und machte Ted zur Bühne hin das verabredete Zeichen. Das Cover von Pinhead heizte das treue Fanpublikum noch weiter an und dann kam ‚Swinging by‘. Ted und die Jungs gaben alles. Die Fans ebenfalls. Viele wussten, dass es an dem Abend um etwas Besonderes ging und waren aufgeregt, dass BTK endlich Erfolg haben könnte.

Nach zwei Zugaben (‚Blitzkrieg Bop‘ und noch einmal ‚Swinging by‘) begrüßte Ted Ben Endzweig selbst.

Ben war begeistert von dem Song und versprach Ted für den nächsten Tag einen Vertragsentwurf. Sie stießen mit Bierflaschen auf das Geschäft an. Den Vertrag erhielten sie wirklich am nächsten Tag, sogar per Kurier. Die Summe, die Ben für den Song bot, war mehr Geld, als die Band in den letzten zehn Jahren bei ihren Gigs eingenommen hatte. Peggy verhandelte mit Endzweig und konnte den Betrag sogar noch erhöhen. An dem Tag, als das Geld auf dem Konto war, gingen Ted und Peggy mit den Jungs groß aus. „Jetzt haben wir es geschafft: ‚Born to Kill‘ wird endlich bekannt.“

(94) Ted hatte sich wirklich um nichts kümmern müssen.

Ted hatte sich wirklich um nichts kümmern müssen. Peggy, ganz die perfekte Organisatorin, hatte alles im Griff. Die Buchungen, die Transfers zum Flughafen und am Zielort zum Hotel, sogar das Packen hatte sie für ihn erledigt.

Als Ted im Hotel seinen Koffer öffnete, stockte ihm der Atem: Peggy hatte ihm neue T-Shirts, Hosen, Shorts und so weiter gekauft, in hellen Farben, ganz wie das Zeug, das Touristen trugen. „Aber ich bin Punkrocker“, beteuerte er ihr, worauf sie ihn auslachte und ihm sagte, er solle mal die Shorts anziehen, sie wolle zum Strand gehen. Er tat es, kam sich aber wie der letzte Spießer darin vor. Aus Protest trug er noch einen weiteren Tag das schwarze Ramones-T-Shirt, das er am Reisetag angezogen hatte. Am nächsten Morgen war es verschwunden und er wagte nicht, Peggy danach zu fragen.

An einem der Urlaubstage waren sie zu einem antiken Hafen hinaus spaziert und genossen den Schatten der hohen Bäume. Es gab einen alten Weg, der auch im Reiseführer verzeichnet war. Von dort sollte man von der Seeseite her eine herrliche Aussicht auf den neuen Hafen haben. Peggy wollte unbedingt diese Strecke erkunden. Allerdings brauchte man dafür einen Führer. An einem im Reiseführer erwähnten Treffpunkt fanden sie einen Einheimischen mit Matrosenmütze, der ihnen den Weg zeigen wollte. Neben Peggy und Ted gehörten noch drei andere Paare der Expedition an.

An einer Stelle des Weges war der alte Pfad komplett weggebröckelt und es war eine Lücke entstanden, durch die man tief unten die Brandung an den Steilfelsen erblickte. Die Wanderer mussten sich an einem Felsen festhalten, während sie auf die andere Seite der Bresche pendelten. Ted sah nervös zu, wie Peggy den Abgrund ohne Probleme bezwang. Jetzt waren nur noch er und der Matrose zurück geblieben. Der Matrose machte eine einladende Handbewegung, aber Ted schüttelte den Kopf. Der Matrose rollte die Augen. Er erklärte Ted, dass es eine Alternative gebe, die er aber sonst nur für kleine Mädchen anwenden würde. Dabei grinste er verächtlich. Ted hatte keine andere Wahl. Der Matrose hielt sich mit einem Arm am Felsen fest, umklammerte mit der anderen Hand Ted an der Taille und stieß sich ab. Mit Ted an der Außenkante umzirkelten sie den Abgrund. Ted wurde flau im Magen, aber dann standen sie auch schon wieder auf dem Pfad. Seine Knie zitterten, der Matrose lachte und zeigte eine Zahnlücke unten rechts. Peggy hatte die Aktion fotografiert. „Nicht fair“, murmelte Ted, „wehe, du zeigst das Bild den Jungs.“

An dem Abend legte Peggy sich früh ins Bett. Ted blieb auf dem Balkon sitzen mit einem reichen Vorrat an Bier, Whiskey und Zigaretten. Wenn er schon den Urlaub, auch noch in Spießerklamotten, über sich ergehen lassen musste, wollte er wenigstens abends etwas Spaß haben. Seine aufregende Erfahrung des Nachmittags verarbeitete er in einem neuen Song, ‚Swinging by‘, den er zu Ende schrieb, bevor er betrunken auf dem Klappsessel einschlief.

(93) Ted, ich will, dass das Bad noch in diesem Jahr renoviert wird.

„Ted, ich will, dass das Bad noch in diesem Jahr renoviert wird. Am günstigsten ist es im Sommer, wenn es warm ist.“ Peggy war ungehalten. Seit sie vor drei Jahren in das Haus am Rande der Stadt gezogen waren, lag sie Ted damit in den Ohren. Natürlich hätte die Badsanierung vor dem Einzug passieren sollen, aber dazu war damals keine Zeit gewesen. Ted verbrachte sehr viel Zeit mit seiner Band BTK und die Jungs träumten auch heute noch davon, einen Charterfolg zu landen. Peggy wollte ihn nicht entmutigen, aber sie wusste, dass die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs im 31. Jahr nach der Bandgründung gegen Null tendierte. Glücklicherweise hatte Ted einen festen Job bei der Gemeindeverwaltung. Deshalb ließ sie ihm die Freude, ein Mal in der Woche mit den Jungs zu proben und sich dabei eine glänzende Zukunft auszumalen. Nur bei manchen Dingen wie der Badrenovierung wurde sie stinkig, wenn er sich ständig aus der Verantwortung stahl. Dann war es höchste Zeit und Ted bemühte sich, Peggy zufrieden zu stellen. Er wusste, was er an ihr hatte.

Nach seiner Hippie- und Hausbesetzerzeit war Ted Punker geworden und gründete BTK, eine Punkrock-Band. Der Name bedeutete ‚Born to Kill‘. Über die Jahre entwickelten die Band eine treue Fangemeinschaft, aber der große Durchbruch war nie gekommen. Peggy hatte während der Anfangsjahre mit Ted ihr Jurastudium abgeschlossen und arbeitete in einer Anwaltskanzlei als Archivarin. Das regelmäßige Gehalt half Ted, die Band über die Jahre zusammenzuhalten. Allerdings ging das anfängliche Lodern von BTK über in ein Flackern, ein Glühen und dann in ein Glimmen. Die Bandmitglieder waren Punkrocker in ihrer Freizeit, so wie andere zum Fußball gingen oder sich im Sommer am Fluss zum Grillen trafen.

Peggy fügte hinzu: „Außerdem will ich, dass wir dieses Jahr in den Urlaub fahren. Das Hotel habe ich bereits ausgewählt. Es gibt keine Widerrede. Wir fliegen im August und im September renovierst du das Bad.“ Der Punkrocker nickte.

(92) Oban setzte sich an den Schreibtisch vor dem Fenster.

Oban setzte sich an den Schreibtisch vor dem Fenster. Von dort aus konnte er einen weiten Teil der Stadt überblicken. Er klappte seinen Laptop auf und schaltete ihn damit wieder ein. Er öffnete die Datei ‚memoiren.docx‘. Die ersten Worte waren: ‚Und wir sind doch nicht allein… von John Oban‘. Er blätterte zu Seite 109 und las den letzten Absatz.

‚Es war eine Arbeitersiedlung aus den Anfangszeiten der Industrierevolution, in die wir einzogen. In der Nähe waren neue Häuserblocks gebaut worden und die Einwohner hatte man nach dort umgesiedelt. Zu sechst besetzten wir eines der leer stehenden Häuser und arbeiteten daran, es wieder instand zu setzen. Das war harte Arbeit. Wir versuchten, aus den anderen Häusern das Beste von allem zu organisieren und es bei uns einzubauen, zum Beispiel eine Badewanne oder Klosettschüsseln. Wir hatten ja kein Geld, um etwas Neues zu kaufen.

Wir waren sechs junge Leute: vier Jungs, darunter Ted, und zwei Mädchen, darunter Peggy. Ted kannte ich noch aus der Grundschule, er hatte mich in die Gruppe geholt. Alle kannten jeweils einen oder maximal zwei der anderen, es war mehr wie eine Kette. Damals war auch die Zeit der freien Liebe und wir haben diese Freiheit genossen. Genauso wie es für uns kein Eigentum gab und unser Haus für alle offenstand, so gab es auch keine feste Beziehung. Wir teilten alles.‘

Oban schlug ein Notizbuch auf und las in seinen Notizen. Dann schrieb er weiter.

‚Einmal kehrte ich mit Ted von einer Tour zu anderen Häusern zurück und wir trugen einen schweren Eisenofen auf zwei Holzbalken. Als wir uns unserem Haus näherten, bemerkten wir einen Streifenwagen davor. Wir hatten schon vorher Kontakt mit der Polizei gehabt, aber da die Stadt noch nicht entschlossen hatte, was mit dem Gelände passieren sollte, waren wir zunächst geduldet, wenn auch nicht erwünscht.

Wir stellten den Ofen ab und schlichen von der Seite ans Haus, um herauszufinden, worum es ging.

Ted zischte mir zu und winkte mich zu sich hinüber. Vorsichtig schauten wir über das Fensterbrett hinein in unseren Gemeinschaftsraum. Auf dem Esstisch lag Peggy. Rechts und links davon zwei Polizisten. Ihr Kleid war hochgeschoben, einer hatte seine Hand zwischen ihren Beinen. Bei dem anderen hatte sie die Hand im Hosenschlitz. Ted feixte.

Mich machte es betroffen, denn ich mochte Peggy sehr gern und, freie Liebe hin oder her, mit ihr hätte ich mr eine feste Beziehung gewünscht. Wir warteten, bis die Polizisten wieder wegfuhren und gingen dann hinein. Peggy erzählte uns, dass die beiden sehr freundlich gewesen seien und in der Siedlung nach dem Rechten schauten – sie wollten verhindern, dass sich dort Kleinkriminelle niederließen. Peggy meinte, sie habe die beiden scharf gefunden in ihren Uniformen und so habe das eine das andere ergeben. In diesem Augenblick war mir Peggy schlagartig fremd geworden. Nach ein paar Tagen merkte ich, dass das Gemeinschaftsgefühl mir ebenfalls abhanden gekommen war. Bei einem Vorsprechen lernte ich einen anderen Schauspieler kennen und zog mit ihm zusammen. So war ich indirekt von der Polizei zwangsgeräumt worden. Peggy und Ted haben später geheiratet und wir sind weiterhin in gutem Kontakt.‘