Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(282) Carsten sprach nicht viel.

Carsten sprach nicht viel. Sogar wenn er mit Linda Lohrer, seiner Mutter, alleine war, schien er immer nur seinen Gedanken nachzuhängen. Sie hatte ihm auch andere Bücher zum Lesen gegeben, aber nachdem er kurz hineingeschaut hatte, ließ er sie liegen und konzentrierte sich auf das Lexikon, das Linda ihm einmal aus einem Antiquariat mitgebracht hatte. Ansonsten brauchte er nur hin und wieder ein Malbuch und neue Buntstifte und dann war er wieder glücklich. Sie war froh, dass er zum Schießstand mitkam. Es wäre zu teuer, einen Babysitter für ihn zu organisieren, und Linda hatte eigentlich keine andere Freude, als die Zeit, die sie dreimal in der Woche mit den anderen Frauen auf dem Schießstand verbrachte.

Wenn Linda mit den Frauen nach dem Schießen noch einen Kaffee trinken ging, nahm sie Carsten selbstverständlich mit und auch hier, war es überhaupt kein Problem. Die anderen Gäste des Cafés kannten ihn bereits.

An einem Tag saßen die Frauen im Café und sprachen über Frau Mantel, die von ihrem Männerhass völlig eingenommen schien. Sie sprachen gerade darüber, dass es vielleicht besser sei, wenn sie ihre Waffe abgeben würde, bevor noch ein Unglück geschah. Als Frau Preuss das sagte, schaute Carsten unvermittelt auf und schrie ganz laut: „Frau Mantel. Bummbumm. Tod!“ Linda war erschrocken und versuchte Carsten zu beruhigen, aber es gelang ihr nicht. Er wiederholte ständig die gleichen Worte. Linda musste ihren Sohn nach Hause bringen. Am nächsten Tag rief Frau Preuss an und sagte, dass Frau Mantel am Abend vorher einen Mann auf der Straße erschossen hatte. Er habe sich ihr unsittlich genähert.

Eine Woche später saßen die Frauen wieder im Café und Carsten schrie plötzlich: „Onkel Kowalewski. Flammen. Tod!“ Den Frauen wurde es unheimlich. Frau Sackenreuther erbot sich, bei Herrn Kowalewski nachzusehen. Nach ein paar Minuten kam sie zurückgelaufen und meldete, dass Flammen aus dem Schießstand hervorschossen. Die Feuerwehr wurde gleich alarmiert. Der Schießstand brannte nieder. Als sicher war, dass keine Gefahr mehr bestand, dass Munition explodierte, fand man die Leiche von Herrn Kowalewski in den niedergebrannten Überresten. Seltsamerweise war seine Zigarre immer noch nicht angezündet. Das sagte ein Feuerwehrmann den Frauen, die in dem Café verblieben waren.

Mit Grauen schauten die Frauen zu Carsten, der am Tisch saß und mit Buntstiften in seinem Malbuch kritzelte. Frau von Hülsen war die erste, die danach etwas sagte. „Ich glaube, wir werden der Polizei davon erzählen müssen, Linda. Das kann doch kein Zufall sein.“ Linda stand sichtlich unter Schock. Sie antwortete nicht, beobachtete nur Carsten, wie er auf dem Feuerwehrauto die Umrisse der Zahl ‚263‘ mit gelber Farbe füllte.

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(281) In der Frauengruppe an Kowalewskis Schießstand waren neben Annegret Preuss noch vier weitere Frauen.

In der Frauengruppe an Kowalewskis Schießstand waren neben Annegret Preuss noch vier weitere Frauen.

Carmen Mantel war Mitte Zwanzig und schien Frau Preuss etwas paranoid zu sein. Sie hatte als einzige einen Waffenschein und trug bei abendlichen Spaziergängen immer eine Pistole bei sich. Es war nicht klar, ob sie sich damit bei ihren Spaziergängen schützen wollte oder ob sie spazieren ging, um bei Gelegenheit, die Waffe gegen einen Angreifer einzusetzen. Frau Mantel hatte Herrn Kowalewski gefragt, ob sie Fotos von Männern an die Zielscheibe hängen durfte, er hatte es aber abgelehnt.

Frau Sackenreuther kam zum Schießen, weil sie neben dem Schießstand wohnte und sie gerne etwas mit anderen Leuten unternahm. Sie schoss nicht sehr gut und Herr Kowalewski hatte sie bereits mehrmals gewarnt, nicht mit der Pistole in der Hand ein Schwätzchen mit der Standnachbarin zu halten. Frau Sackenreuther entschuldigte sich dann, legte die Pistole an ihren Platz und fuhr mit dem Schwätzchen fort. Kowalewski konnte ihr nicht böse sein, denn ziemlich oft brachte sie ihm selbst gebackenen Marmorkuchen mit, den er sehr gern mochte.

Dann war da noch die Seniorin, Frau von Hülsen. Früher war sie eine begeisterte Bogenschützin gewesen und hatte sich fast sogar für eine Olympiateilnahme in Mexiko 1968 qualifiziert. Jetzt war sie Mitte Sechzig und litt unter einer chronischen Sehnenscheidenentzündung im Schultergelenk der Zughand. Ihr Arzt hatte ihr gesagt, dass sie mit dem Bogenschießen aufhören musste. Deshalb war sie auf Pistolenschießen umgestiegen. Seit drei Jahren arbeitete sie verbissen daran, ihre persönlichen Bestleistungen immer weiter zu verbessern. Aber sie wusste schon, wo das nächste Hindernis herkommen würde: Ihre Augen wurden immer schwächer und die Vorstellung, mit einer Brille am Schießstand zu stehen, verletzte ihre Eitelkeit.

Schließlich gehörte auch noch Linda Lohrer zu der Gruppe. Sie war Anfang Vierzig und hatte einen geistig behinderten Sohn, den sie mit Erlaubnis von Herrn Kowalewski mit zum Schießstand brachte. Carsten Lohrer war zwanzig, aber im Entwicklungsstadium eines Sechsjährigen hängengeblieben. Er saß mit seinen Ohrschützern in der Ecke und kritzelte mit Buntstiften in einem Malbuch oder las in einem alten Lexikon, das er immer dabeihatte. Am Anfang hatte Kowalewski Sicherheitsbedenken gehabt, aber als er sah, dass der Junge auch bei voller Geräuschkulisse schussfest war, willigte er ein. Manchmal gab er Carsten ein Stück Marmorkuchen ab. Dafür bekam er von dem Jungen eine Zeichnung, auf die Carsten ‚Für Onkel Kowalewski‘ geschrieben hatte.

Wenn die Frauen fertig geschossen hatten, gingen sie meistens noch zusammen etwas trinken in das Café nebenan. Alle außer Frau Mantel, die immer andere Gründe anführte, warum sie nicht mitgehen konnte. Keiner glaubte ihr, aber ihre Anwesenheit wurde auch nicht sonderlich vermisst.

(280) Frau Preuss hatte es auch mit Boxen versucht…

Frau Preuss hatte es auch mit Boxen versucht und es hatte ihr besser gefallen, als erwartet. Guillermo wäre sicher erstaunt gewesen, denn es war ihm bestimmt nur darum gegangen, ihr zu bedeuten, sie möge sich mal die Fresse polieren lassen. Im Schnupperkurs Boxen fand Frau Preuss heraus, wonach sie eigentlich suchte. Sie brauchte kontrollierte Aggression, um ihren aufgestauten Gefühlen freien Lauf zu lassen. „Nicht einfach nur auf die Kacke hauen“, sagte Ray Grabowskis, der Boxlehrer, ein kleiner gedrungener Sechzigjähriger mit Blumenkopfohren und schiefer Nase. „Wenn Du draufhaust, dann auf ein Ziel zehn Zentimeter hinter dem Kopf. Und schlag erst, wenn du das Ziel hast.“ Nach einer Trainingsstunde war Frau Preuss ausgepowert, aber glücklich. Jeder Schlag gegen den Sandsack fühlte sich gut an, bis hinunter zur Becken-boden-muskulatur, dachte sie zufrieden. Trotzdem brach sie das Training ab. Was sie störte, war der herb-animalische Geruch in der Boxhalle. Normalerweise trainierten hier nur Männer. Nur an dreimal zwei Stunden pro Woche war die Halle für Frauen reserviert. Aber der Geruch von kämpfenden Männern musste sich über die Jahrzehnte tief in die Bausubstanz eingefressen haben und verleidete Frau Preuss den Aufenthalt. Grabowski bedauerte es. „Du hast den Killerinstinkt, Annegret. Aber ich kann nicht wegen dir umziehen.“ Sie hatte es mit Parfüm getränkten Wattebäuschchen in der Nase versucht, aber dadurch kam sie zu schnell aus der Puste. „Wie wäre es mit Schießen“, sagte Grabowski ihr zum Abschied. Er gab ihr die Adresse eines Schießstands, den ein Freund von ihm leitete.

Willi Kowalewski hieß Frau Preuss willkommen. Auch er bot einen Schnupperkurs an, und zwar im Pistolenschießen. Es gab sogar eine Frauengruppe, die sich dreimal in der Woche zum gemeinsamen Schießen traf. „Die meisten wollen nur Spaß haben“, sagte Kowalewski, ein dicker behäbiger Mann unbestimmten Alters, der meistens mit einer nicht angezündeten Zigarre im Mund herumlief.

Nach einer gründlichen Sicherheitseinweisung durfte Frau Preuss endlich selber schießen. Kowalewski zeigte ihr verschiedene Positionen, wie sie dabei die Pistole halten konnte. „Dann gibt es noch die sogenannte ‚Rock the Baby‘-Stellung, die sich gerade für Frauen anbietet. Sie halten die Pistole mit der rechten Hand. Die linke greift den rechten Ellbogen und die rechte liegt auf dem Ellbogen der linken. Jetzt haben sie die Arme auf Schulterhöhe. Perfekt. Das gibt viel Stabilität. Die Stellung wurde von Chic Gaylord erfunden, ein wirklich legendärer Hersteller von Holstern.“ Frau Preuss visierte die Zielscheibe an und drückte ab. Im gleichen Augenblick wusste sie, dass sie einen Sport gefunden hatte, der ihr gefiel. Sie mochte sogar den Pulvergeruch. Nachdem sie das Magazin geleert hatte, holte Kowalewski die Zielscheibe heran. „Respekt, Frau Preuss. Und Sie haben noch nie geschossen? Dann darf ich Ihnen mitteilen, dass Sie ein Naturtalent sind!“ Frau Preuss strahlte.

(279) Unsere Trainingsmethode basiert auf den wissenschaftlichen Studien des schwedischen Arztes namens Gustav Zander.

„Unsere Trainingsmethode basiert auf den wissenschaftlichen Studien des schwedischen Arztes namens Gustav Zander.“ Wenn Guillermo González, der Fitnesstrainer, den Namen ‚Zander‘ aussprach, klang es wie Thunder, und daher unbedingt dynamisch. Annegret Preuss folgte Guillermo, der sie in seinem rosa Trainingsanzug durch den Fitnesssalon führte und ihr die Philosophie des Ortes erläuterte. „Dr. Zander wanderte zuerst nach England aus, wo er ein berühmtes Buch über Fitness schrieb.“ In jedem Zimmer durch das sie gingen, standen Geräte, mit denen bestimmte Muskelgruppen gekräftigt wurden. Guillermo nannte immer jeweils, um welche Muskel es gerade ging, aber Frau Preuss hörte nicht zu. Sie fragte sich, ob sie am richtigen Ort war. Sie beschloss, Guillermos Redeschwall zu unterbrechen, um ihn darauf anzusprechen. „Guillermo, das gefällt mir gut, aber…“ Zu spät, Guillermo hatte nach ‚gut‘ eifrig genickt und hatte die Rede wieder an sich gerissen. Er leitete sie weiter in den nächsten Raum. Der Raum war menschenleer, aber es befanden sich drei riesige Geräte darin. Frau Preuss konnte nicht erahnen, wozu sie dienten. „Raten Sie mal, wozu diese Geräte dienen“, sagte Guillermo mit einem Blitzen in den Augen. Frau Preuss zuckte mit den Schultern. „Becken-boden-muskulatur!“ Bei Guillermo wurde das Wort selbst zur Dehnübung. Frau Preuss wurde indes rot im Gesicht. Wie sollte diese Maschine überhaupt funktionieren? Sie legte keinen Wert darauf, es von Guillermo herauszufinden. Vielleicht hatte sich Dr. Thunder mit der spanischen Inquisition zusammen getan. „Herr González…“, setzte sie noch einmal an. „Guillermo“, unterbrach Guillermo sie. „Guillermo“, antwortete Frau Preuss und wurde gleich wieder rot. Komisch, dachte sie, ich dachte, das hätte ich hinter mir gelassen. „Guillermo“, wiederholte sie, „ich suche eigentlich nach etwas, das mehr eine Erfahrung ist. Nichts, wo man nur ständig auf der Stelle bleibt. Etwas Spannendes…“ Guillermo schaute sie an und nach einiger Zeit sagte er: „Annegret, Sie sind sehr direkt. Ich schätze das an den deutschen Frauen. Und ich finde Sie auch attraktiv. Aber wollen wir uns nicht ein wenig besser kennenlernen? Ich… äh… bin noch nicht ganz so weit…“ Annegret Preuss brauchte ein paar Momente, bevor sie begriff, wovon Guillermo redete. Sie musste lachen, bei dem Gedanken mit dem Mann im rosa Trainingsanzug eine Affäre zu beginnen. Ihr Lachen verunsicherte Guillermo, der seine sorgfältig gepflegten Fingernägel prüfte. Als Frau Preuss sich eingekriegt hatte, fuhr sie fort. „Ich suchte nach einem Sport, der eine abenteuerliche Seite hat. Nichts, wo ich mich nur mit irgendwelchen Maschinen von Dr. Thunder abmühe. Und, nur zur Klarstellung: Ich meinte nicht Sex!“ Guillermo schaute etwas angewidert zu den Beckenbodentrainingsmaschinen und sagte dann: „Ich glaube, wir sind nichts für Sie. Warum versuchen Sie es nicht mit Boxen? Das soll, so sagt man mir, ziemlich abenteuerlich sein.“

(278) Leon Preuss prahlte gerne mit dem Mercedes W163, der aber eigentlich seiner Mutter gehörte.

Leon Preuss prahlte gerne mit dem Mercedes W163, der aber eigentlich seiner Mutter gehörte. Das wusste nur keiner. Der Wagen war zwar nicht das neueste Modell, aber es war ein SUV und sah recht bullig aus. Seine Mutter hatte ihn ausgewählt, weil sie sich darin geschützter fühlte. Leon fühlte sich darin männlicher.

Zuerst schaute sie in einer Kneipe vorbei, dann in einer Bar, danach wollte Leon in die Disco. Dennis fuhr mit. Im Très Sound Party kannte Leon den Türsteher und konnte das Auto direkt neben dem Eingang abstellen. Auf der anderen Seite stand ein aufgemotzter Golf. „Wem gehört denn der Bauernporsche?“, fragte Leon. „Irgendein Typ. Heißt Louis. Kannte ihn noch nicht“, antwortete der Türsteher. Drinnen tranken Leon und Dennis erst mal einen Gin Tonic. Dann fragte Leon den Barkeeper, wer denn Louis sei. Der Barkeeper zeigte auf einen schmalen blond gelockten Typ, der mit zwei Mädchen herumschäkerte. „Lass mal“, sagte Dennis noch, aber da war Leon schon auf die Gruppe zugegangen. Dennis verzog sich auf die Toilette. Als er zurückkam, fing ihn Leon ab. „Wir machen ein kleines Wettrennen“, sagte er. „Echt?“, Dennis war nicht überrascht. „Jetzt?“ Da kam schon Louis mit den beiden Tussen. Leon stellte Dennis vor. Dennis verstand die Namen der Frauen nicht, sie hatten aber auch kein Interesse an ihm. „Wo?“, fragte Dennis, kannte aber schon die Antwort. „Am alten Steinbruch.“

Meistens gewann Leon diese Rennen, bei denen es darauf ankam, den schnurgeraden Verbindungsweg zwischen der Bundesstraße und dem Steinbruch möglichst schnell zurückzulegen. Verkehr gab es dort keinen, es war also recht ungefährlich. Wenn mal ein Pärchen zum Fummeln an den Steinbruch fuhr, wurde es von dem Motorenlärm und dem Reifenquietschen früh genug gewarnt.

„Bist du in Form?“, fragte Dennis auf der Fahrt zum Steinbruch. Leon nickte und beobachtete seinen Kontrahenten im Rückspiegel. Als sie von der Bundesstraße abfuhren, hielt Leon an, Louis stellte sich daneben. Dennis erklärte die Regeln. Eine der beiden Tussen, die Nicht-Freundin, erklärte sich bereit mit einem Taschentuch das Startsignal zu geben.

Als das geklärt war, stiegen die anderen wieder ein. Louis und Leon traten die Gaspedale im Leerlauf durch. Als die Tussi das Taschentuch senkte, fuhren sie mit vollem Karacho los. Leon kam besser weg, aber Louis musste einen voll durchgetunten Motor in seinem Golf haben. Er holte sehr schnell auf und fuhr mit Leichtigkeit am Mercedes vorbei. Dann musste Leon einen Fehler gemacht haben, denn Dennis sah, wie der Wagen von der Straße abkam und in sehr spitzem Winkel auf den Graben zusteuerte. Wenigstens verlor er auf dem Schotterstreifen Geschwindigkeit und als er schließlich mit einer Seite komplett im Graben hing und frontal gegen das Bewässerungsrohr stieß, war er schon recht langsam. Dennis registrierte die roten Bremsleuchten des Golfs; die Airbags, die sich aufblähten und den Prospekt, der von der Rückbank nach vorne flog und den Dennis reflexartig ergriff. Benommen schaute Dennis auf den Prospekt für Zanders Fitnessstudio und fragte erstaunt: „Seit wann interessierst du dich für Fitness in den Wechseljahren?“

(277) Es war noch zu früh, um feiern zu gehen.

Es war noch zu früh, um feiern zu gehen. Leon hatte bestimmt, dass sie um 23 Uhr aus dem Haus gehen würden und jetzt war es erst 22 Uhr. Sie saßen in Leons Zimmer, tranken Bier und schaufelten Chips in sich hinein. Leons Eltern waren bei Verwandten und daher war er noch entspannter als sonst. Er blätterte in einer Zeitschrift und Dennis hatte sich aus dem Regal das Guinness Buch der Rekorde gegriffen.

„Weißt Du wie lange die längste Zucchini der Welt war?“, fragte Dennis. „Du wirst es mir sagen“, murmelte Leon und blätterte um. „Zwei Meter 39! Unglaublich. Das ist ja so lang wie ein Elefantenpimmel!“ – „Höre ich da Neid heraus?“ – „Quatsch. Stell Dir mal vor. Müsstest du um den Bauch wickeln.“ Sie lasen weiter. Leon schaute auf die Uhr. Noch fast eine Stunde. Aber es wäre nicht cool, jetzt zu sagen, dass sie aufbrechen würden, da Dennis die Order einfach so akzeptiert hatte. Bescheuert auch, dass sein Fernseher kaputt war. Sie könnten ins Wohnzimmer gehen, aber er hatte keine Lust, noch die Krümel wegzusaugen, bevor die Eltern zurückkamen.

„Hier hör dir das mal an: ‚Der weiße Hai ist der gefährlichste Hai.‘ Blablabla. Jetzt wird es interessant: ‚Von den Opfern von Attacken waren 93% Männer, 5% Frauen und bei den restlichen 2% konnte das Geschlecht nicht festgestellt werden.‘ Hat der Hai den Schwanz abgebissen.“ – „Na schon ein bisschen mehr, sonst könnte man es ja noch feststellen.“ – „Stimmt. Und die Brust. Das könnte man sonst ja auch feststellen.“ – „Und die Bartstoppeln.“ – „Vielleicht sind die Leichen auch zu lange im Meer getrieben und dann haben noch andere Fische dran geknabbert.“ – „Oder sie haben sich aufgelöst“. – „Oah, schon freakig. Kommt so ein Hai und reißt dich auf, dann fressen andere Fische Teile ab und dann löst du dich auf.“ – „Vielleicht wurde es bei den Funden auch einfach nicht angegeben. Von wann sind die Zahlen?“ Dennis schaute nach. „Die sind von 1900 bis 1999.“ – „Naja, da hat man das Geschlecht nicht immer dazu geschrieben und das kannst Du jetzt auch nicht mehr rausfinden.“ – „Vielleicht waren es ja Zwitter.“ – „Jaja, jetzt geht wieder die Samstagnachtfantasie mit dir durch.“ Dennis klappte das Buch zu und schaute auf die Uhr. „Wollen wir nicht jetzt losgehen? Ich langweile mich. Oder wenigstens Fernsehen. Auf dem Gerät deiner Eltern.“ Leon schaute auch auf die Uhr. „Ja, bis wir da sind, ist ja auch später. Wir können los.“

Sie tranken ihr Bier aus und schoben sich noch eine Handvoll Chips in den Mund. Als Dennis seine Jacke anzog, schob Leon die leeren Flaschen unters Bett. Er durfte sie nicht vergessen, denn es würde wieder Zoff geben, wenn seine Mutter sie beim Sauber machen fand. Er wollte sie aber auch nicht in Dennis‘ Anwesenheit wegbringen.

Dann gingen sie nach unten in die Garage. Am Wochenende durfte Leon das Auto seiner Mutter nutzen. Dennis hatte er gesagt, dass es sein Auto war, das er manchmal an seine Mutter verlieh. Auf jeden Fall war es besser als bei Dennis, der sogar am Wochenende mit dem Fahrrad unterwegs war.

(276) Carlheinz Förster tätschelte die Zucchini.

Carlheinz Förster tätschelte die Zucchini. Zärtlich strich er mit den Händen über die kühle, glatte Haut der Frucht. Er hatte sie gerade noch einmal gemessen: 139 Zentimeter. Sieben Zentimeter mehr als gestern. Fast schon so groß wie sein bisher größtes Exemplar vor zwei Jahren. Das waren damals 163 Zentimeter. Das Wachstum war zuerst langsam, aber irgendwann ging es ganz schnell. Einmal hatte eine Frucht elf Zentimeter an einem Tag zugelegt. Letztes Jahr war allerdings ein Desaster gewesen: sehr feucht und die Blütenblätter waren früh gewelkt. Er hatte es versäumt, sie abzuknipsen, und deshalb hatte ein Pilz die ganze Ernte dahingerafft. Dieses Jahr sah es sehr gut aus. Er hatte auch darauf geachtet, dass die Befruchtung gut funktionierte. Mit einer männlichen Blüte hatte er die Staubfäden selbst über die Narbe der weiblichen Blüte gestrichen. Das war bestimmt ein Schlüssel zum Erfolg. Das und das regelmäßige Wässern. Sein Ziel war es über 239 Zentimeter zu kommen, der jetzige Weltrekord. Förster wollte mit seiner Zucchini ins Guinness Buch der Rekorde.

Plötzlich riss ihn ein gewaltiger Krach aus seinen Gedanken. Er sprang auf und sah wie ein feuerrotes Motorrad mit einer Frau auf dem Sozius die Straße heraufpreschte und mit vollem Karacho an ihm vorbeischoss. Förster reckte protestierend die Faust und wollte dem Fahrer schon Verwünschungen hinterherschreien. Er hielt aber inne, denn fast wäre er auf die Zucchini getreten. Bestürzt hockte er sich wieder davor und befühlte den festen Fruchtkörper. Nein, es war noch einmal gut gegangen. Nicht auszudenken, wenn er wegen diesem Rüpel darauf getreten wäre.

Falls es dieses Jahr nicht klappen würde, wusste er nicht, ob er sich die ganze Mühe noch ein weiteres Mal antun würde. Seit der Aussaat im April hatte er die Pflanzen zweimal am Tag gegossen und ständig nach ihnen geschaut. Er wusste, dass Dorette wenig Verständnis hatte, sie sagte aber nichts. Ein weiteres Jahr würde sie bestimmt nicht stillhalten. Schon seit Längerem war es ihr Traum, im Frühling nach Santorin zu fahren. Dann sei die Landschaft wenigstens noch grün, hatte sie gesagt. Das war natürlich nicht vereinbar mit einem ernsthaften Zucchinianbau. Etwas anderes wäre es natürlich, nach Santorin zu fahren und das Guinnessbuch mit seinem Rekord dabei zu haben. Das hatte doch nicht jeder. Der jetzige Rekordhalter war Gurdial Singh Kanwal, ein nach Kanada ausgewanderter Inder. Wenn er den Rekord geknackt hatte, würde er mal Herrn Kanwal anschreiben, dachte Förster. Vielleicht könnte er ihn auch in Kanada besuchen. Das würde vielleicht auch Dorette interessieren. Nach Kanada fliegen und mit einem anderen Zucchini-Rekordhalter fachsimpeln. Aber zuerst hieß es weiterarbeiten. Förster stand auf und holte den Gartenschlauch. Dieser idiotische Motorradrowdy, dachte er noch. Das hätte ins Auge gehen können. Unverantwortlich.

(275) Während Frau Bachmann gedankenversonnen vor dem im Leerlauf tuckernden Rasenmäher stand…

Während Frau Bachmann gedankenversonnen vor dem im Leerlauf tuckernden Rasenmäher stand, wurde ihr nach und nach bewusst, dass ein anderes Motorengeräusch immer lauter wurde. Als sie sich umwandte, sah sie ein schweres sportliches Motorrad die Straße heraufkommen. Das Motorrad war knallrot, der Lenker (in ihren Gedanken gab es nie einen Zweifel, dass dies ein Mann sein müsste) trug eine schwarze Lederkombi und einen Helm in der gleichen Farbe wie das Motorrad. Er blieb auf gleicher Höhe zu ihr stehen. Dazwischen lag nur eine niedrige Hecke aus Buchensträuchern, die Frau Bachmann in den nächsten Tagen zurechtstutzen wollte. Der Motorradfahrer hatte aber keinen Blick für wuchernde Hecken. Er stellte den Motor ab und stieg aus dem Sattel. Frau Bachmann konnte ihre Augen nicht abwenden. Irgendwie erinnerte sie der Mann auf dem Motorrad an einen Studienkommilitonen, der natürlich auch ein Motorrad besessen hatte und mit dem sie sehr oft Ausflüge in die nähere Umgebung gemacht hatte. Dann hatte sie Nikolaus kennengelernt und den Motorradbesitzer verdrängt. Aber sie wischte auch diesen Gedanken weg.

Der Fremde trat an die Hecke und klappte das Visier seines Helms hoch. Darunter trug er eine verspiegelte Pilotenbrille. Obwohl oder gerade weil Frau Bachmann seine Augen nicht sehen konnte, fühlte sie sich ihnen ausgesetzt. Der Mann zog den Reißverschluss der Lederkombi auf und zeigte seine unbehaarte, muskulöse Brust. Frau Bachmann schluckte. Dann zog der Mann sich den Helm vom Kopf. Sie hielt den Atem an. Unter dem Helm kam eine dunkelbraune Haarmähne zum Vorschein, die ein schmales Gesicht und die Sonnenbrille umrandete. Er stellte den Helm, der vorne die Zahl ‚251‘ trug, auf die Hecke. Aus einer Satteltasche des Motorrads nahm er einen zweiten Helm heraus, auch er rot und mit der Aufschrift ‚271‘. Er stellte diesen neben den ersten. Frau Bachmann wagte es nicht, sich von der Stelle zu rühren. Dann nahm er seine Sonnenbrille ab. Er hatte Augen, grün wie Smaragde, sagte sie sich. Er steckte die Brille in die Brusttasche seiner Kombi.

So standen sie sich gegenüber, untermalt vom weitertuckernden Rasenmäher. „Frau Bachmann?“, fragte der Mann. Sie nickte begierig. Er hielt ihr den zweiten Helm hin. Sie ging zur Hecke und der Mann hob sie anscheinend mühelos über die Hecke an seine Seite. Schnell setzte sie den Helm auf und schwang sich hinter dem Mann in der Lederkombi auf den Sozius.

Das Motorrad fuhr mit unbeschreiblichem Getöse los. Frau Bachmann dachte noch kurz daran, dass sie vergessen hatte, den Motor des Rasenmähers abzuschalten, aber jetzt konnte sie darüber nur noch lachen.

Sie fuhren zuerst am Ufer des Sees entlang und an einer Abzweigung bogen sie in einen Waldpfad ein. „Wohin mag er mich wohl entführen?“, dachte sie. Doch dann wurde es immer dunkler, je länger sie in den Wald hineinfuhren. Und dann waren sie im dunklen Herz eines Fichtenwaldes, durch den kein Sonnenstrahl drang. Der Fahrer hielt das Motorrad an und vor ihnen, eingelassen im Waldboden, sah Frau Bachmann eine Grube von zwei Metern Länge.

(274) Ganz toll, der Super-Professor.

Ganz toll, der Super-Professor. Im Institut schwang er ein Skalpell von der Größe eines Buschmessers und führte die Autopsie eines Elefanten durch. Ha! Der große Prof. Nikolaus Bachmann, der sich mit einem ganzen Arm voller Elefantendarmschlingen fotografieren ließ. Der Akademiker, der sich nicht davor scheute, seine Hände schmutzig zu machen. Ha!

Marina Bachmann war gerade nicht gut auf ihren Ehegatten zu sprechen. Wie oft hatte er ihr schon versprochen, einmal im Monat den Rasen zu mähen. Nein, der feine Herr. Dafür hatte er immer eine Ausrede. Und an wem blieb es hängen? Natürlich an ihr. Sollte er sich doch mal dabei fotografieren lassen. Der feine Herr Professor mit einem Arm voller frisch gemähten Grases.

Frau Bachmann war am Ende des Gartens angekommen und wendete mit Mühe den schweren Benzinrasenmäher. Wenigstens hatte das Gerät einen eigenen Antrieb und musste nur mit Kraft gewendet werden. Wenn es denn einmal geradeaus ging, war es nicht mehr so anstrengend.

Der Professor hatte ja mal wieder kurzfristig ins Institut gemusst, weil ein Kamel eine Kolik hatte und unbedingt, die heilenden Hände des großen Tiermediziners benötigte.

Sie überlegte es sich, ob sie nach dem Mähen einfach mal im Institut vorbeischauen sollte, ob es das Kamel wirklich gab. Oder ob damit vielleicht sie gemeint war. Marina das Kamel. Die ohne Murren den Rasen mähte und auch sonst alles tat, was notwendig war. So war das nicht geplant gewesen. Sie war jetzt 53 Jahre alt und was hatte sie vorzuweisen? Ein Sohn, der Kunstgeschichte studierte und einen gemähten Rasen. Alle Träume von Biologieforschung waren nach einem Jahr zusammen mit Nikolaus in der Serengeti abgehakt. Sie war schwanger und musste, meinte Nikolaus, unbedingt nach Hause. Er forschte noch drei Jahre weiter, kam zurück und bekam die Stelle am Institut, später die Leitung. Komfortabel für ihn. Er hatte einen Namen, veröffentlichte Artikel und suhlte sich in seinem Ruhm. Der jeden banalen Fakt aufbauschen konnte. Wie die Erzählung, dass er in den Dickdarm des Elefanten hinein pikste, dieser ein unglaublich fies stinkendes Gascocktail verpfiff, der alle außer dem Professor aus dem OP-Raum vertrieb. Diese Geschichte erzählte er momentan jedem, der sich nicht vorher verdrückt hatte.

Wieder musste sie den Rasenmäher in eine andere Richtung wuchten. Noch drei Bahnen und sie war fertig. Dann duschen. Sollte sie ins Institut fahren? Besser nicht. Sie würde ihn nachher fragen, wie es dem Kamel ging. Dabei fiel ihr ein Witz ein. Ein Elefant sah ein Kamel und sagte: „Warum trägst du eigentlich deine Brüste auf dem Rücken?“ Darauf antwortete das Kamel: „Wenn ich einen Penis im Gesicht hätte, würde ich mal die Klappe halten.“ Genau, dachte sie und lächelte für sich selbst.

(273) Hofmüller, der Mitarbeiter in der Tierärztlichen Fakultät hatte Kröpp zuerst den aufgeschlitzten Elefantenkadaver gezeigt.

Hofmüller, der Mitarbeiter in der Tierärztlichen Fakultät hatte Kröpp zuerst den aufgeschlitzten Elefantenkadaver gezeigt. Das Tier lag da wie ein Berg und daneben war ein weiterer Berg, das waren die Därme. „Das ist wie beim Kofferpacken“, meinte Hofmüller. „Wenn man wegfährt, passt alles problemlos in den Koffer, aber wenn man zurückkommt, dann kriegt man den Koffer mit der schmutzigen Wäsche nicht mehr zu. Warum, ist ein Rätsel.“ Kröpp nickte überwältigt und ließ sich den Nebenraum zeigen, in dem er Mavinda zerteilen konnte. Wenigstens gab es einen fahrbaren Flaschenzug, mit dem er den Kadaver herüber schaffen konnte. „Womit werden Sie arbeiten?“, fragte Hofmüller. „Ich habe eine Kettensäge und ein paar mechanische Sägen dabei. Und natürlich Messer und Äxte.“ Hofmüller nickte. „Ja, bei Ihnen kommt es ja auf das Ergebnis an, da braucht man nicht mit dem Skalpell zu arbeiten.“ – „Nee“, sagte Kröpp. „Das kommt alles eh in den Fleischwolf. Da braucht man keine Rücksicht zu nehmen.“ – „Bewundernswert.“ Zusammen hievten Sie den Elefanten an den Flaschenzug und brachten ihn ins weiß gekachelte Zimmer. „Die Därme mache ich zum Schluss. Die stopf ich in ein Fass bis es voll ist, schneide ab und mache mit dem nächsten Fass weiter“, erklärte Kröpp. „Gut. Ich lasse Sie dann arbeiten. Sagen Sie Bescheid, wenn Sie Hilfe brauchen.“

Dann war Kröpp mit dem ausgeweideten Elefanten alleine. Er zog einen weißen Einweg-Schutzoverall an, die orangefarbenen Gummistiefel und setzte sich den Gesichtsschutz aus Plexiglas auf. Dann noch die stichfesten Handschuhe und er war bereit. Er schloss die Tür des Raumes. Er ging um die Elefantenleiche herum und überlegte sich, wie er sie am günstigsten zerteilen konnte. Nachdem er eine relativ klare Vorstellung von den notwendigen Schnitten hatte, startete er mit einem Ruck die Motorsäge. Er fing mit einem Bein an. Schon als er den Schnitt ansetzte, war ihm klar, dass das Sägeschwert von 43 Zentimetern eigentlich zu kurz war. So musste er um das Bein herum schneiden, anstatt einmal von einer Seite durchzusägen. Das Blut war an manchen Stellen noch flüssig und spritzte aus dem Schnitt heraus gegen die Kachelwand. Einmal, als Kröpp die Säge anders ansetzte, traf ihn ein ganzer Schwall ins Gesicht und er war froh, den durchsichtigen Gesichtsschutz zu tragen. Es war sehr anstrengend und er begriff nach kurzer Zeit, warum ein Elefant auch Dickhäuter genannt wurde. Es war sein Ziel, den Elefant in solche Stücke zu zerteilen, dass sie in eines seiner blauen Plastikfässer hineinpassten. Als er mit dem ersten Bein fertig war, schaltete er die Säge aus und fing an, das größte Beinstück in eines der Fässer zu stopfen. Dabei stellte er fest, dass die Stücke, die er geschnitten hatte, immer noch zu groß waren. Eigentlich hatte er sich vorgestellt, die Elefantensache alleine zu regeln. Aber er sah ein, dass er seine Mitarbeiter einbeziehen musste. Sonst würde der Elefant schon stinken, bevor er mit dem Abtransport fertig war.