Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(224) Guten Tag, Vater. Wie geht es Dir?

„Guten Tag, Vater. Wie geht es Dir?“ – „Danke, gut.“ Wie jeden Sonntag, fügte Livius Engler im Kopf hinzu. Er fragte sich, zu wessen Vorteil seine zweiwöchentlichen Einladungen zum Mittagessen dienten. Aber es machte keinen Sinn, Kraft darauf zu verschwenden, diese Frage zu klären. Die offensichtliche Antwort war „Niemand.“

Ina kam dazu, als ob sie aus der Küche käme. Dabei war klar, dass die Mahlzeit von der Haushälterin gekocht wurde. Bald saßen die drei am Tisch und aßen die Suppe. Jeder schien beflissen, die Zeremonie unfallfrei durchzustehen. Hans‘ und Inas Sohn, Kassian, war in Oxford auf der Uni. Es gehe ihm gut, versicherte Ina. Die Behandlung bei Prof. Knebel laufe nach Plan, erklärte Livius. Die Firma habe weiterhin ein überdurchschnittliches Jahr, bekräftigte Hans.

Später, als Ina wieder so tat, als ob sie noch in der Küche beschäftigt wäre, saßen Hans und Livius bei einem Glas Portwein zusammen. „Wie laufen die Gespräche mit den Japanern?“, fragte Livius. Vor sieben Monaten war MFE von einem japanischen Hersteller von Industrierobotern angesprochen worden. Es ging um ein Joint Venture für China.

„Fragst Du als Vorsitzender des Aufsichtsrats?“ – „Nein, als dein Vater und als Gründer des Unternehmens.“ – „Es könnte sein, dass es bei den Gesprächen nicht nur um ein Joint Venture geht, sondern um mehr.“ – „Aha, sie wollen uns also ganz kaufen.“ – „So direkt sagen die das nicht. Aber, wäre das für dich ein Problem?“ Livius lächelte Hans an, der ihn genau beobachtete. „Nein, die Zeit läuft nur in eine Richtung. Wenn es dorthin führt, dann muss es wohl so sein.“ Hans schien erleichtert. „Es ist sehr schwer, unsere Position in dem Markt zu halten. Die Entwicklung des IR251 ist viel teurer als gedacht. Ein Verkauf wäre der beste Weg, um Standort und Marke zu erhalten.“ – „Sicher“, meinte Livius.

Früher hatte er große Hoffnungen in Hans gesetzt, aber schon vor Jahren eingesehen, dass die Realität anders war. „Nehmen wir mal an, der Verkauf geht über die Bühne für einen stolzen Preis. Was wirst du dann machen?“, fragte er Hans. Sein Sohn überlegte kurz und zuckte die Schultern. „Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Das Leben genießen, schätze ich.“ Livius nickte. Wahrscheinlich Scheidung (dank des Ehevertrags möglich), jüngere Geliebte (dank des Reichtums zu erwarten), eine Yacht kaufen und mit ähnlich hohlköpfigen Freunden ein Jet Set-Leben antreten (dank Hans‘ Vorstellungen von einem erfüllten Leben).

‚Was soll’s‘, dachte Livius. ‚Dieses Elend werde ich nicht mehr miterleben. Und am Ende wird er genauso kalt und blass im Sarg liegen, wie ich.‘

(223) Liebste Irene, ich war heute bei Prof. Knebel und habe ihm gesagt, dass ich die Therapie abbrechen möchte.

Liebste Irene, ich war heute bei Prof. Knebel und habe ihm gesagt, dass ich die Therapie abbrechen möchte. Die paar Monate, um die ich mein Leben verlängern könnte, werden mir vergällt durch die Qualen der Therapie selbst. Ich sagte ihm: „Egal was noch kommt, ich hatte ein tolles Leben. Und den Rest davon möchte ich nicht hier und nicht so verbringen.“

Ich habe ihm sozusagen keine Wahl gelassen und am Ende hat er eingesehen, dass gegen meinen Altersstarrsinn kein Kraut gewachsen war. Du fragst Dich bestimmt, was ich mit meiner Zeit anfange. In der Firma habe ich kaum etwas zu tun, Hans macht seine Sache sehr gut. Wir haben einen prachtvollen Sohn in die Welt geschickt. Natürlich hätte ich hier und da Verbesserungsvorschläge, aber fast immer schweige ich. Zumindest versuche ich es.

Alle zwei Wochen bin ich zum Essen bei Hans und Ina eingeladen und ich möchte diese Zeit nicht verderben. Sie wissen auch nicht, wie es um mich steht. Würde ich es ihnen sagen, würde ich sie nicht mehr besuchen wollen und es würde alles noch komplizierter machen. Wahrscheinlich lachst Du jetzt und sagst, dass ich immer noch ein Feigling bin.

Eines muss ich Dir noch gestehen und Du musst versprechen, mir deswegen nicht böse zu sein. Ich habe eine Freundin. Ach, das ist zu viel gesagt. Ich habe eine junge Frau kennengelernt, die sich für mich uralten Mann interessiert. Ich verstehe es nicht, aber es schmeichelt mir natürlich gewaltig. Auf mein Geld kann sie es nicht angesehen haben, denn davon besitze ich keines mehr, außer der Rente, die Hans mir zahlt. Aber denke jetzt nicht, dass ich Dich mit ihr betrüge. Mit Lotti betrüge, so heißt sie. Ich versuche es erst gar nicht, denn es wäre ein Fiasko und ich will ihr den Anblick meines deformierten Körpers ersparen. Ich habe sie gebeten, sich für mich nackt auszuziehen und auf das Bett zu legen. (Es geschah im Hotel, keine Sorge, nicht in unserem Bett).

Dann habe ich die Augen geschlossen und ihre Haut gestreichelt. Sie war so schön glatt und so straff. Es war wie eine Zeitreise, denn sie hat mich an Dich erinnert, als wir zum ersten Mal beieinander lagen. Es war, als ob meine faltige, rissige Hand die Essenz des Lebens berührte. Was hätte ich dafür gegeben, wenn Du es gewesen wärst.

Meine liebste Irene, mein größter Schatz. Du fehlst mir so sehr, dass ich vor Sehnsucht vergehe, wie ein Schneeball in der Sonne. Bald werden wir uns wiedersehen, ich freue mich so sehr auf Dich. Prof. Knebel meint, dass es nur noch eine Frage von Wochen sein wird. Viel zu lange schon bin ich ohne Dich alleine hier. In ewiger Liebe, Dein Livius.

(222) Wieder eine Horrornacht.

Wieder eine Horrornacht. Prof. Knebel hatte viermal aufstehen müssen, um Harn zu lassen. Die Medikamente, die er gegen die Prostatavergrößerung einnahm, wirkten nicht ausreichend. Er würde einen Kollegen konsultieren müssen, es konnte so nicht weitergehen.

Er stieg aus dem Wagen, den er eben auf seinem reservierten Parkplatz vor dem Krankenhaus abgestellt hatte. Er fühlte sich zerschlagen. Erst am frühen Morgen hatte er richtig einschlafen können, war deshalb auch später dran als geplant. Der Frau am Empfang winkte er im Vorbeigehen zu. An ihren Namen konnte er sich nicht mehr erinnern. Während er darüber nachdachte, kam er an einer Gruppe Assistenzärzte vorbei. Von weitem hatte er gesehen, dass sie über irgendetwas lachten. Als er sich näherte wurden sie ernst, grüßten ihn zwar, aber eher misstrauisch. Wahrscheinlich erzählten sie sich ihre Karnevalsabenteuer. Wenigstens war dieser Wahnsinn zu Ende. Er hatte noch nie verstehen können, warum sich Erwachsene für so etwas hergaben. Seltsam, dass die Assistenzärzte nicht freundlicher zu ihm waren. So als ob er nicht zu ihnen gehörte. Dabei war er doch immer sehr darauf bedacht, die jungen Leute nicht auszunutzen, sondern ihr Fortkommen zu fördern.

Prof. Knebel kam zu seinem Büro, grüßte die Sekretärin, die ihm ankündigte, dass der Patient Freese bereits weggegangen sei. Schade, er hätte noch einmal mit Freese sprechen wollen. Freese hatte bei seiner Aufnahme reich gewirkt und deshalb hatte man das große Programm durchgezogen. Anscheinend war Freese aber gar nicht so wohlhabend gewesen. Auf jeden Fall hatte Knebel ein schlechtes Gewissen. Den Entlassungstermin hatte er vergessen. Er musste endlich mal wieder richtig durchschlafen. Er fühlte sich alt und schlaff.

In seinem Arbeitszimmer öffnete er den Wandschrank mit dem Waschbecken und beschaute sich im Spiegel. Blass sah er aus. Dunkle Augenringe. Zum Fürchten. Kein Wunder, dass die Assistenzärzte ihn nicht ansprachen. Haben sich wahrscheinlich gefragt, ob er als Arzt oder als Patient da war. Oder war der Moment gekommen, den ganzen Kram hinzuschmeißen und sich noch ein paar schöne Jahre irgendwo an der Sonne zu genehmigen. Die Forschung würde er in den kommenden Jahren nicht mehr voranbringen und Ärzte, die sich um die Patienten kümmerten, gab es wirklich genügend.

„Was ist dir jetzt noch wichtig, Trautwein?“, fragte er sein Gegenüber im Spiegel. Und schon wieder verspürte er Harndrang.

(221) In den letzten Tagen hatte Freese sich keine Gedanken um seine Zukunft gemacht.

In den letzten Tagen hatte Freese sich keine Gedanken um seine Zukunft gemacht. Wir werden sehen, dachte er. Jetzt stand er an einem grauen Aschermittwoch-Vormittag vor dem Eingang des Krankenhauses und wusste nicht, was er tun sollte.

Freese ging erst einmal Richtung Innenstadt, eine Plastiktüte mit seinen Habseligkeiten in der Hand. Er machte eine Bestandsaufnahme seiner Lage:

1. Er war gesund. Die letzten Tests hatten gezeigt, dass die Hirnschwellung zurückgegangen war. Er hatte den Unfall ohne bleibende Schäden überstanden.

2. Er war pleite. Die Behandlung hatte seine Barmittel erschöpft und außerhalb der Barmittel gab es nichts. Es blieben ihm nur ein paar Geldscheine in der Tasche.

3. Er war heimatlos. Da er mit der Miete im Rückstand war und der Inhalt der Wohnung weniger wert war als der Mietrückstand, hatte er beschlossen, nicht mehr dahin zurück zu kehren.

Was waren seine Optionen? Er könnte die Bischöfe bluten lassen. Er hatte genügend an der Hand, um jeden einzelnen der Exzellenzen auffliegen zu lassen. Manche Aktivitäten waren sogar strafrechtlich wirksam. Er konnte die ganze Bandbreite von peinlicher Bloßstellung bis zu Gefängnis bedienen.

Plötzlich stand er vor einer Kirche. Er überlegte kurz und ging hinein. Bereits hinten im Kirchenschiff empfing ihn der starke Weihrauchgeruch. Er war in die Messe zum Aschermittwoch geraten. Die Bänke waren zu weniger als einem Viertel gefüllt und da die Besucher weit auseinandersaßen, schien die Kirche fast leer. Freese setzte sich in eine Bank.

„Barmherziger Gott, du bist den Demütigen nahe und lässt dich durch Buße versöhnen. Neige dein Ohr unseren Bitten und segne alle, die gekommen sind, um das Aschenkreuz zu empfangen.“ Während der Priester sich daran machte, die Aschen zu segnen, hatte Freese eine Eingebung. Vielleicht war der Autounfall keine Folge seiner Unachtsamkeit gewesen. Vielleicht war es vielmehr eine Warnung an ihn. So wie der Wagen über die Böschung geflogen war, hätte er eigentlich dabei umkommen müssen. Er hatte es aber überlebt. War es ein Signal Gottes an ihn, sein Leben zu ändern? Als ob Gott ihm sagen wollte: „Ich weiß, dass meine Bischöfe schwach und korrupt sind. Es ist aber nicht deine Aufgabe, sie deswegen zu bestrafen. Das mache ich selbst. Ich gebe dir jetzt eine Chance, dich zu bessern.“

Freese fühlte sich bei diesem Gedanken befreit. Er hatte nichts, das ihn mit seinem bisherigen Leben verband. Er konnte neu beginnen.

Als der Priester anfing das Aschenkreuz auszuteilen, stand Freese auf und stellte sich in die kurze Schlange der Gläubigen. “Memento homo, quia pulvis es, et in pulverem reverteris.“

(220) Am Vormittag des Aschermittwochs überließ Angela den Kostümverleih für ein paar Stunden der Studentin, die ihr aushalf.

Am Vormittag des Aschermittwochs überließ Angela den Kostümverleih für ein paar Stunden der Studentin, die ihr aushalf. In den letzten Tagen war wegen Karneval so viel los gewesen, dass sie ihre Mutter nicht hatte besuchen können. Angela wohnte in der Nähe ihres Ladens, während ihre Mutter nie aus der alten Wohnung ausziehen wollte, in der Angela aufgewachsen war. Jedes Mal wenn Angela jetzt zu ihrer Mutter fuhr, hatte sie Angst vor einer katastrophalen Entwicklung. Christa Fischer ließ ihre Umwelt unter fortschreitender Demenz leiden. Am Anfang schien sie nur vergesslich oder etwas nachlässig. Irgendwann erkannte sie ihre Tochter nicht mehr.

Als Angela jetzt die Wohnungstür aufschloss, roch es nach Keksen. Das war ein gutes Zeichen. Ihre Mutter war zwar noch im Morgenmantel, aber immerhin rege genug, um zu backen. Irgendwann würde sich an dieser Situation alles ändern. Angela war nicht in der Lage, sich wirklich um ihre Mutter zu kümmern. Bald würde es nicht mehr gehen, sie über Tage hinweg alleine zu lassen. Eine ständige Betreuung in der Wohnung war zu teuer. Sie würde in ein Pflegeheim gehen müssen.

An manchen Tagen empfing ihre Mutter sie mit „Wer sind Sie? Was machen Sie hier?“ Heute erkannte sie Angela und machte ihr Vorwürfe, dass sie nie etwas von sich hören ließ. Dann, dass sie ihren Mantel über den Stuhl hing und ihre Handtasche auf den Tisch stellte. Artig hing Angela den Mantel an den Mantelständer und stellte die Handtasche auf den Fußboden. Aus Erfahrung wusste sie, dass es keinen Sinn machte, eine Diskussion mit ihrer Mutter anzufangen. Vor allem, weil ihre Mutter den Streitpunkt bereits in fünf Minuten vergessen haben würde.

„Es riecht gut. Wie früher. Ich habe deine Kekse immer sehr gemocht“, sagte sie. „Sie sind jetzt fertig, ich kann sie herausnehmen.“ Angela registrierte zufrieden, dass ihre Mutter zuerst den Backofen ausschaltete und erst dann die Tür aufklappte. Eine warme feuchte aromatische Hitze ergoss sich in die Küche. Mit zwei dicken Topflappen ergriff Christa Fischer das Backblech, zog es heraus und stellte es auf der Arbeitsplatte ab. Angela dachte, sie hätte sich getäuscht und stand auf, um besser zu sehen. Aber nein, sie hatte richtig gesehen. „Mutter, was sind das für Keksformen?“ – „Die sind schön, nicht wahr? Eine ideale Form für Kekse.“ Angela starrte ungläubig auf das Backblech. Darauf lagen 17 säuberlich ausgestochene Kekse in Hakenkreuzform. „Wir können sie noch nicht gleich essen“, sagte ihre Mutter, „sie müssen erst noch abkühlen.“

(219) When the day is long and the night, the night is yours alone.

When the day is long and the night, the night is yours alone. Bernhard Rüwe saß an seinem Küchentisch. Auf dem Stuhl gegenüber lag das Kuhkostüm, der Euter reckte sich ihm obszön entgegen.

Der Abend hatte eigentlich gut begonnen. Sie hatten sich beim Hausball in einer Kneipe getroffen. Katrin fand sein Kostüm witzig. Diesen Test, der ihn vorher so nervös gemacht hatte, bestand er. Sie trug nur eine rote Pappnase. „Wenn man Lachmann heißt, braucht man sich nicht zu verkleiden“, erklärte sie.

Dann zogen sie weiter zu einer privaten Party bei Freunden von Katrin. Ein Riesenloft mit unheimlich vielen Leuten, alle irgendwie aus der Kunstszene. Sie kannte fast alle und irgendwann blieb Rüwe einfach an der Bar stehen. „Tolles Kostüm“, sagte ein glatzköpfiger Typ neben Rüwe. Er deutete auf den Euter und fragte: „Ist der echt?“ Lando und Bernhard stellten sich einander vor. Lando war Kunststudent. Bernhard sagte, dass er in einer Bank arbeitete. Lando fragte ihn weiter aus, Banker schien ihm ein exotischer Beruf zu sein. Dabei streichelte er immer wieder über die Zitzen von Bernhards Euter und drückte die Spitzen.

Sometimes everything is wrong. „Bitte, lass das“, bat ihn Bernhard. „Was ist denn genau deine Tätigkeit bei der Bank?“ – „Ich bin verantwortlich für die Abwicklung von Wertpapiergeschäften. Bitte lass den Euter in Ruhe.“ – „Kaufen! Verkaufen! Kaufen! Verkaufen!“ – „Nein, das ist nicht so. Es geht darum aufzupassen, dass alle Regeln eingehalten werden und das Geld und die Papiere genau da ankommen, wo sie hingehören.“ – „Ihr seid doch die Spekulanten, die den normalen Leuten die Butter vom Brot nehmen.“ – „Nein, das ist nicht so. Wir sind sehr wichtig. Wenn es uns nicht gäbe, würde die Wirtschaft zusammenbrechen. Geh von den Zitzen weg, ich warne dich nicht noch einmal.“ – „Jetzt hab‘ dich doch nicht so. Aber du hast ja wirklich Nerven. Im richtigen Leben der blutsaugende Kapitalist und hier auf der Party eine unschuldige Milchkuh.“ – „Jetzt hör mal zu, du kleiner Künstlerarsch. Bloß weil du irgendwelches unverkäufliches Zeug produzierst, gibt dir nicht das Recht, Leute zu beleidigen, die arbeiten und Steuern zahlen.“

Zu spät bemerkte Bernhard, dass Katrin schon einige Zeit neben ihm stand. Der Euterbonus war weggefallen. Er versuchte sich zu erklären. Es machte alles nur noch schlimmer. If you’re on your own in this life, the days and nights are long. Er verließ die Party. Versuchte sein Glück noch einmal in der Kneipe, in der er Katrin getroffen hatte. Versuchte sich zu betrinken. Fand plötzlich alles sinnlos und nahm ein Taxi nach Hause. Legte sich ins Bett und stand am Morgen auf. Schaltete das Radio ein. Everybody cries. And everybody hurts sometimes.

(218) Verzeih uns unsere Sünden, erneuere uns nach dem Bild deines Sohnes und schenke uns durch seine Auferstehung das unvergängliche Leben.

„Verzeih uns unsere Sünden, erneuere uns nach dem Bild deines Sohnes und schenke uns durch seine Auferstehung das unvergängliche Leben. Darum bitten wir durch ihn, Christus, unseren Herrn.“

Schellenberger beugte sich über die Schale mit der Palmasche und sprenkelte Weihwasser darüber. Der Thuriferar schwenkte das Weihrauchfass und Rauch umhüllte den Altar. Dann drehte der Bischof sich zur Gemeinschaft um. Nach Bänken hatten die Gläubigen vier Schlangen gebildet. Eine für Schellenberger über den Hauptgang, die drei anderen für die assistierenden Priester.

Schellenberger stellte sich vor seine Schlange und markierte die erste Wartende, eine Frau mit blassem, krankem Teint. „Bedenke Mensch, dass du Staub bist, und zum Staub zurückkehrst.“ Diesen Spruch würde er über hundert Mal aufsagen müssen. Mit dem Daumen drückte er das Aschekreuz auf die Stirn der Frau. Sie ging zur Seite und der nächste rückte auf. Wahrscheinlich ihr Mann. „Bedenke Mensch, dass du Staub bist, und zum Staub zurückkehrst“ Und wieder rückte einer auf. „… Staub… Staub…“ Wie oft er diesen Satz schon gesagt hatte. „Staubstaub.“ Was er getan hatte, bewirkte gar nichts bei den Leuten. Es ist die Kraft („staubstaub“) der Vergangenheit, die die Leute berührt. Diese Aschezeichen waren nur ein Symbol dafür („staubstaub“). Wie oft würde er noch hier stehen und genau das gleiche machen, wie vor ihm Tausende anderer Priester, Bischöfe etc.

Aus der Nummer würde er nicht mehr herauskommen. Es ging darum, den Weg als Ziel zu betrachten. Sehen, welchen Trost das Leben auf seinem Wege für ihn bereithielt. Freese hatte sich schon lange nicht mehr gemeldet. Ob ihm etwas passiert war? Welcher der Bischöfe die ganzen Aktionen wohl organisierte. Ihm fiel keiner ein, der die notwendige Traute hätte. Schellenberger war der jüngste Bischof. Die anderen hatten sich wohl mit ihrem Schicksal abgefunden. Warum machte Freese große Ankündigungen und ging dann auf Tauchstation? („staubstaub“). Die Schlange vor ihm schien nicht enden zu wollen. Wenn die Kirche auch an den anderen Tagen so gefüllt wäre, bräuchte man sich keine Gedanken zu machen. Staub. Klar, niemand würde irgendeinen Vorteil für das Leben danach mitnehmen dürfen. Irgendwann würde das Jüngste Gericht anbrechen, und alle würden gleich sein. „Tilge, Herr, meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen.“ Der Chor sang sehr schön. Die Melodie ließ ihn die Monotonie des Aschekreuzmalens vergessen. Staubstaub. Irgendwann hatte er seine Reihe beendet. Er registrierte mit Stolz, dass seine Schlange länger gewesen war, als die der anderen Priester. Schellenberger setzte sich wieder hin. Noch die Fürbitten, die Eucharistie und dann aus die Maus.

Als Schellenberger nach der Messe in der Sakristei sein Messegewand ablegte und sich im Spiegel musterte, fiel ihm auf, dass er der einzige Teilnehmer der Messe war, der kein Aschekreuz trug.

(217) Noch der heutige Dienstag und der Wahn hatte ein Ende.

Noch der heutige Dienstag und der Wahn hatte ein Ende. Ab Aschermittwoch bis spätestens Freitag müssten die verliehenen Kostüme alle wieder eingetrudelt sein. Danach flicken, reinigen lassen und alles wieder verstauen. Wieder eine Karnevalssaison vorbei.

Angela Fischer hatte ihren Laden erreicht und schloss auf. Kaum hatte sie die Beleuchtung eingeschaltet, kam auch schon der erste Kunde. Ein junger Mann, Anzug, Managertyp, gehetzt. „Ich brauche ein total verrücktes Kostüm.“ – „Das passt gut, wir sind ein Kostümverleih. Was schwebt ihnen denn genau vor? Wenn es etwas ganz Besonders sein soll, empfehle ich Ihnen die Nacktstrategie. Wird allgemein als verrückt anerkannt.“ Sie mochte den Schnösel nicht. „Nein, es muss ausgefallen sein, originell.“ Der Mann lief im Laden auf und ab. Dabei versuchte er mit den Augen etwas einzufangen, das sein Problem löste. Immerhin, dachte Angela, Geld schien keine Rolle zu spielen.

Durch gezielte Fragen fand sie heraus, dass Bernhard Rüwe, so hieß der Jungbanker, eine Frau kennengelernt hatte, eine Künstlerin. Am Abend dieses Tages war er mit ihr verabredet. Er wollte ihr unbedingt imponieren. Mittlerweile hatte er sich auch beruhigt und war sogar einverstanden, dass Angela erst einmal für beide einen Espresso bereitete. „Das ist ja nicht trivial, da müssen wir sogfältig überlegen.“ Die Frau war Malerin, bisher noch nicht erfolgreich. Deshalb schied eine teure Kostümierung aus, denn damit würde Rüwe nur die potenziell durchscheinende Überheblichkeit steigern. Es könnte etwas ironisches sein oder etwas, womit er ihr zeigen konnte, dass er sich selbst nicht so ernst nahm. „Ich habe eine Idee“, sagte sie. Das Koffein hatte ihre Hirnzellen angeregt.

Angela ging in ihr Lager und brachte ein Kostüm zurück. Rüwe wollte schon protestieren, aber sie schnitt ihm das Wort ab. „Anprobieren“, sagte sie und hielt ihm den Karton hin. Nach einigem Zureden verschwand er in der Umkleidekabine. Sie machte sich noch einen Espresso. Sinnvoller wäre es gewesen, ihm einen teuren Rokoko-Fummel anzudrehen, aber das hätte ihn bei der Malerin bestimmt aus der Kurve geworfen. Rüwe schob den Vorhang beiseite und trat vor. Mit einem kreisenden Zeigefinger bat sie ihn, sich umzudrehen. „Passt gut“, sagte sie nickend.

Rüwe beschaute sich im Spiegel. Er war als schwarz-weiße Holstein-Kuh verkleidet, auf dem Kopf eine Kapuze mit Hörnern und vorne auf der Taille ein prachtvoller fleischfarbener Euter mit fingerlangen Zitzen. Angela sagte anerkennend: „Glauben Sie mir, bei diesem Kostüm kann keine Frau widerstehen.“

(216) Angela ist sonst ein richtiger Sonnenschein, Herr Doktor.

„Angela ist sonst ein richtiger Sonnenschein, Herr Doktor. Aber seit drei Tagen lässt sie sich kaum berühren und ist immer schlecht gelaunt. Manchmal ist sie richtig jähzornig und man hält es kaum mit ihr aus. Ich glaube, sie hat eine Grippe.“

Dr. Knebel untersuchte den Säugling, hörte Herz und Lungen ab, schaute ihr in den Mund und in die Ohren. Dann bewegte er ihre Arme und Beine. Er stutzte, als er merkte, dass die Beinbewegungen der Kleinen Schmerzen bereiteten. Vorsichtig legte er ein Kissen unter ihren Kopf und schaute sich die Schädeldecke an. Mit den Fingern strich er ganz sanft die Umrisse der großen Fontanelle ab. Er spürte, wie sie leicht nach außen gewölbt war. Seine Vermutung war bestätigt.

Er stand auf und wusch sich die Hände. Christa Fischer, die Mutter, begann Angela wieder anzuziehen. Knebel setzte sich an seinen Schreibtisch. „Frau Fischer, es ist keine Grippe. Wenn ich mich nicht täusche hat die kleine Angela eine Hirnhautentzündung.“ Frau Fischer sah ihn mit großen Augen an. „Wir haben großes Glück, dass wir es so früh entdecken. Deshalb stehen unsere Chancen recht gut. Wir werden folgendes machen: Angela muss in ein Krankenhaus, damit man dort zur Bestätigung Rückenmarkflüssigkeit entnimmt und analysiert. Dazu bekommen Sie von mir eine Überweisung. Gleichzeitig bekommen Sie von mir schon mal ein Medikament, damit wir gleich mit der Behandlung beginnen. Das müssen Sie dem Arzt im Krankenhaus mitteilen. Haben Sie das verstanden?“

Frau Fischer flossen die Tränen an den Wangen herunter. Sie nickte aber. Dr. Knebel kam um den Schreibtisch herum und half ihr beim Anziehen von Angela. „Wie schlimm könnte es werden?“ – „Schlimm wäre es nur, wenn wir sie nicht behandelten. Sie hätte sterben können.“

Als Angela fertig angezogen war, reichte Dr. Knebel Frau Fischer zwei Schachteln Medikamente, die er aus dem Glasschrank mit den Vertreterproben genommen hatte. Er erklärte ihr die Einnahme und gab ihr einen Zettel mit den Anweisungen.

„Was schulde ich Ihnen?“ Knebel schaute auf ihren schäbigen Mantel und auf die schon vielfach benutzte Babykleidung der Kleinen. „Das ist in Ordnung, Frau Fischer. Ich habe heute Nachmittag meine offene Sprechstunde. Für die weitere Behandlung gehen Sie am besten in das Krankenhaus in der Neustraße. Da bekommen Sie die beste Pflege für Angela. Und bei den Kosten wird man Ihnen entgegenkommen.“

Christa Fischer bedankte sich noch einmal bei ihm. Er hielt ihr die Türe offen und wünschte ihr alles Gute. Er fragte sich, was aus dem kleinen Mädchen, dem er eben das Leben gerettet hatte, werden würde. Viel Zeit hatte er nicht für diese Gedanken, denn schon stand ein übelriechender Alkoholiker mit blutverschmiertem Verband an der Hand vor ihm.

(215) Prof. Knebel schaute die Behandlungsakte durch und lächelte.

Prof. Knebel schaute die Behandlungsakte durch und lächelte. „Ich glaube, Herr Freese, dass es eine gute Entscheidung von Ihnen war, in den Neubau zu wechseln. Hier konnten wir Ihnen wirklich helfen. Es ist zwar, ich gebe es zu, sehr teuer. Aber irgendwie müssen wir die Leasingraten für unsere Maschinen ja bezahlen, nicht wahr.“

Freese saß vor ihm und schaute auf eines der vielen Fotos an der Wand hinter dem Professor. Er deutete mit dem rechten Zeigefinger darauf: „Ist das nicht der Politiker Ewert?“ Prof. Knebel drehte sich um.

„Aber ja, Konrad Ewert, mein Taufpate. Daneben ich als junger Student.“ – „Das war bestimmt hilfreich für Ihre Arztkarriere, oder?“ – „Nein, im Gegenteil“, antwortete Prof. Knebel. „Sie haben ja keine Idee, Herr Freese, wie sehr das mein Leben durcheinander gebracht hat. Nichts gegen Konrad, er ist ein guter Mensch. Aber das war nicht hilfreich für mich. Natürlich standen mir dadurch nach dem Studium alle Türen offen. Ich hätte bereits nach ein paar Jahren eine Professur haben können. Aber, ich wollte meinen eigenen Weg gehen, ohne Konrads Unterstützung. Kommilitonen von mir eröffneten eine kleine Praxis oder blieben am Krankenhaus. Nur ich musste es mir selbst beweisen. Ich ging in eine Großstadt und arbeitete als Hausarzt für die Unterschicht. Sie können sich ja keine Vorstellung davon machen, wie das ist. Die geistige Trägheit, der abgestumpfte Blick und die üblen Gerüche – das ist unvorstellbar. Und ich war mittendrin, als kleiner Hausarzt.“

Freese wand ein, dass das doch eine noble Geste war und ein glücklicher Meilenstein in seinem Lebenslauf, im Nachhinein. „Nein, Herr Freese. Das stellen Sie sich so vor. So war es aber nicht.“ Knebel zündete sich eine Zigarette an. „Es stört Sie doch nicht, wenn ich rauche? Ich habe den Eindruck, meine Patienten zahlen meine Rechnungen mit weniger Widerwillen, wenn Sie wissen, dass ich die Früchte meines Erfolgs nicht so lange genießen kann. Als Arzt kann ich Ihnen natürlich keine Zigarette anbieten und muss Sie auf die schädliche Wirkung von Passivrauchen hinweisen.“

Knebel öffnete ein Fenster.

„Die Zeit, die ich in der Unterschicht verbrachte und mich kasteite, hätte ich hier sehr viel besser nutzen können. Ich hätte forschen sollen, irgendwelche Heilungsmethoden entdecken. Anstatt den guten Menschen aus Lambarene zu markieren. Aber das war alles nur, weil Konrad Ewert mir alle Wege ebnen wollte.“ – „Aber Sie haben doch nun ein sehr erträgliches Auskommen gefunden, Herr Professor.“ – „Das glauben Sie, mein lieber Freese. Aber ich kann Ihnen sagen: wenn Sie hier die Leasingraten für den Maschinenpark abziehen, bleibt nicht besonders viel übrig. Es ist ein Leben am finanziellen Abgrund.“