Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(47) Alhena Koubek, die begnadete Pianistin, hatte vor ihrer ersten Reise in den Westen Durchfall.

Alhena Koubek, die begnadete Pianistin, hatte vor ihrer ersten Reise in den Westen Durchfall. Es war, als ob sie noch nie ein Konzert gegeben hätte. Dabei war sie routiniert und selbst bei den schwierigsten Concerti hatte sie nur mäßig Lampenfieber. Als sie in Paris vor ihrem ersten Auftritt in der Garderobe saß, war es ihr, als ob sie nicht in der Lage sein würde, die schwarz-weißen Tasten zu befehligen. Der Parteiobmann, der sie begleitete, musste zum Äußersten greifen: Er ließ sie ein Glas Champagner trinken. Dann war Alhena ruhig genug, um sich hinter dem noch verschlossenen Vorhang hinter den Flügel zu setzen. Der Alkohol hatte den Teil ihres Gehirns betäubt, der sie verkrampfte. Der Rest funktionierte noch tadellos. Ihr Auftritt wurde ein sensationeller Erfolg. Danach ging ihre Tournee nach Deutschland, England und in die USA. Ihre zweite Auslandsreise sehnte sie herbei, bei der dritten überlegte sie, dass sie am liebsten im Westen bleiben wollte.
Bei der vierten Reise lernte sie Pierre Dumas kennen, einen französischen Architekten, der sie schon dreimal in Konzerten gesehen hatte und sich in ihre Garderobe schmuggelte, um ihr seine Liebe zu erklären. Er reiste ihr bis nach Japan nach. In Yokohama schliefen sie zum ersten Mal miteinander. Ihre fünfte Reise endete in Paris, weil sie dort um Asyl bat. Kurz darauf heiratete sie Pierre Dumas an einem verregneten Novembertag. Pierres Familie mit den vielen schrulligen Onkeln und Tanten war sehr lustig und sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie jetzt erst wirklich eine Familie gefunden hatte.
Pierre war die Liebe ihres Lebens. Allerdings stellte sich heraus, dass er sehr eifersüchtig war und es nicht ertragen konnte, wenn sie alleine in der Welt umherreiste, um Konzerte zu geben. Sie blieb deshalb bei ihm und wurde Klavierlehrerin. Das war am Anfang schwer, dann weniger und irgendwann überkam sie nur noch sporadisch Trauer deswegen. Später erkrankte Pierre an Lungenkrebs. Die Krankheit war bereits fortgeschritten und nachdem alle brachialen Versuche nicht halfen, wurde Pierre zum Sterben nach Hause entlassen. Er bekam Morphium und war die ganze Zeit in einem Dämmerzustand und nicht ansprechbar.
Alhena verbrachte Zeit mit ihm. Sie saß am Kopfende und hielt seine Hand, die manchmal im Schlaf zuckte. Dabei starrte sie das Foto an, das Pierre auf seinem Nachttisch stehen hatte. Es zeigte Alhena bei ihrem ersten Auftritt in der Salle Pleyel. Mit dem Champagnergrinsen im Gesicht sah sie dämlich aus. Pierre röchelte im Schlaf und Sabber lief ihm an der Wange herunter. Sie schaute resigniert durch das Fenster nach draußen. Wieder ein regnerischer Novembertag. Bald war ihr Hochzeitstag.
Alhena stand auf und verließ das Krankenzimmer. Sie nickte der Krankenschwester zu, die gerade Pause machte und eine Klatschzeitschrift las. Alhena ging in ihr Musikzimmer, stellte das Telefon auf den Flügel und zögerte. Dann nahm sie den Hörer ab und wählte Mebsutas Nummer. Ihre Nummer. Die Nummer ihrer Kindheit.

(46) Milena Koubek lehrte am Astronomischen Institut der Prager Karlsuniversität.

Milena Koubek lehrte am Astronomischen Institut der Prager Karlsuniversität. Ihre Helden waren Brahe und Kepler. Als sie Jiří Pokorny, ein Beamter der KSČ, der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, kennenlernte, hatte sie den Gedanken an Kinder fast schon aufgegeben. Sie heiratete Pokorny und setzte es sich in den Kopf, Kinder zu bekommen, denen sie die Namen Castor und Pollux geben konnte. Das erste Kind war ein Mädchen und Milena nannte sie Mebsuta, nach einem anderen Stern im Bild der Zwillinge. Dann folgte ein Sohn, der den Namen Castor erhielt. Das dritte Kind war wieder ein Mädchen und wurde Alhena genannt, nach einem weiteren Stern der Zwillinge. Danach hatte Pokorny keine Lust mehr, vielleicht auch weil das Sternbild der Zwillinge aus 35 Sternen bestand, wovon 9 Namen trugen.
Milena widmete sich wieder ihrer Lehre und überließ Pokorny die Erziehung der Kinder.
Mebsuta war intelligent, ordentlich und besorgt um andere Menschen; Castor war ein Träumer, der in den Tag hinein lebte und Alhena war die Überfliegerin, der alles zufiel. Als sie älter wurde, war Mebsuta die tragende Säule im Haushalt. Sie achtete darauf, dass Castor nicht zuviel naschte und seine Hausaufgaben machte oder dass Alhena nicht nur Klavier spielte, sondern ab und zu auch mal an die frische Luft ging. Als Castor sich mit 15 Jahren für Fotos interessierte, gab sie nicht eher Ruhe, bis ihr Vater ihm zu Weihnachten eine sündhaft teure Leica schenkte. Dann hatte Alhena ihr erstes Konzert als Pianistin und wurde gefeiert. Als sie von Gustáv Husák, dem Generalsekretär der KP, empfangen wurde, platzte Pokorny fast vor Stolz. Milena erlitt einen Schlaganfall und Mebsuta pflegte sie zu Hause. Castor studierte und Alhena wurde zu einer Musterstudentin am Prager Konservatorium.
An einem Tag im Sommer rief Pokorny seine beiden Töchter in Milenas Zimmer. Milena saß mit rot geweinten Augen im Bett und schluchzte. Pokorny erklärte, dass Castor versucht hatte, aus der Tschechoslowakei zu flüchten, dass er aber in der Nähe von Cheb von einer Patrouille der Grenzwachenbrigade erschossen worden sei.
Als die schreckliche Nachricht etwas eingesackt war, fragte Mebsuta, ob sie Castor sehen könnte. Der Vater erwiderte rasch, dass dies nicht möglich sei und er auch nichts tun könne. Noch Jahre später fragte sich Mebsuta, warum Castor ihr nichts von seinen Plänen erzählt hatte. Sie verstand es nicht.
Ein paar Monate später hatte Milena einen weiteren Schlaganfall, den sie nicht überlebte. Alhena unternahm Konzertreisen, zuerst im Ostblock und dann in der ganzen Welt. Mebsuta blieb zurück in Prag, wo sie den Haushalt des Vaters weiter führte und auch ihn pflegte, als er altersdement wurde. Die Samtene Revolution hatte er nicht mehr bewusst mitbekommen.

(45) Mit großen Träumen im Gepäck hatte Pokorny Prag verlassen…

Mit großen Träumen im Gepäck hatte Pokorny Prag verlassen und war damit in der Neuen Welt angekommen. Sein Vorbild war Edward Steichen gewesen. Auch für Pokorny bestand Fotografie nicht nur darin, Kunst zu schaffen, sondern er wollte damit auch Erkenntnisse über den Menschen sammeln. Sein Startkapital in New York bestand aus einer alten Leica und einer Sammlung von Aufnahmen, die er in Prag gemacht hatte. Die besten daraus stellte er in einem Portfolio zusammen, mit dem er hausieren ging. Schon nach wenigen ablehnenden Gesprächen bei Galeristen und Zeitschriften war klar, dass seine Bilder aus Europa niemanden interessierten. Einerseits zu verschieden. Andererseits nicht verschieden genug, um exotisch zu wirken.
Mit großem Eifer stürzte sich Pokorny in das New Yorker Leben um ein neues, besseres Portfolio zu erschaffen. Er hatte seine Barschaft eingeteilt und gab sich drei Wochen Zeit, um etwas Verwertbares zu erstellen. Weil es günstiger war, fotografierte er ausschließlich auf der Straße. Ein Landsmann, Karel Smejkal, bei dem er wohnte, erlaubte es ihm, das winzige Badezimmer als provisorische Dunkelkammer zu nutzen.
Nach drei Wochen zeigte Pokorny seinem Gastgeber, was er hatte. Smejkal war beeindruckt. Viele Orte, an denen Pokorny fotografiert hatte, waren Smejkal trotz der zehn Jahren, die er jetzt in New York lebte, noch unbekannt geblieben. Wahrscheinlich lag es daran, dass er Elektriker im Hauptquartier der New Yorker Polizei war und immer nur zwischen Center Street und der Wohnung in der 49. Straße hin- und herpendelte. Von Tür zu Tür knapp eine halbe Stunde mit dem R Train.
Allerdings hatte Smejkal aber auch keine Ahnung, was Galeristen und Bildredakteure sehen wollten. Sie fanden nämlich, dass Pokornys Aufnahmen zu gewöhnlich seien. Ein Galerist meinte, dass er solche Bilder als Dämmmaterial in seinem Ferienhaus auf Long Island verwendete.
Pokorny war am Boden zerschmettert. Aus Mitgefühl öffnete Smejkal eine Flasche Becherovka und sie verbrachten einen doch angenehmen Abend in Gesellschaft der grünen Flasche. Dann fiel Smejkal plötzlich ein, dass ja auch bei der Polizei fotografiert wurde. Erst vor Kurzem hatte er sich um die Entsorgung von Laborchemikalien kümmern müssen, die bis dahin einfach nur in den Abfluss gekippt wurden. Er versprach seinem Untermieter, sich umzuhören.
Am nächsten Tag kam er freudestrahlend nach Hause und eröffnete Pokorny, dass eine Stelle als Assistenzfotograf im Erkennungsdienst frei war. Er hatte gleich einen Vorstellungstermin verabredet.
Pokorny bekam den Job und dachte, dass es nur vorübergehend sein würde. Er fand eine eigene Wohnung; zog mit dem NYPD in das neue Gebäude in 1 Police Plaza um. Smejkal feierte seinen Ruhestand und kurz darauf war Pokorny bei seinem Begräbnis dabei. Die Zeit war verflogen und alles, was er vorweisen konnte, waren 21 Fotoalben mit interessanten Fotos, die nach seinem eigenen Ableben in den Müll wandern würden.

(44) Pokorny löschte das Licht in seinem Atelier und ging nach Hause.

Pokorny löschte das Licht in seinem Atelier und ging nach Hause. Nach den Aufnahmen mit Krips hatte er die Fotos noch entwickelt und hatte dann Feierabend. In einem Umschlag trug er die Fotos, die er für sich selbst gedruckt hatte. An dem Tag hatte er sieben Beschuldigte behandelt, von Krips gab es zwei Sets. Also 8×4 Fotos im Umschlag.
Auf dem Nachhauseweg holte er sich ein Pastrami-Sandwich, das er sich einwickeln ließ. Zuhause holte er es aus der Papiertüte und legte es auf den Teller, den er dazu bereits am Tag vorher verwendet hatte und der auf der Spüle stand. Er goss sich ein großes Glas Milch ein und setzte sich im Wohnzimmer an seinen Schreibtisch. Er biss in das Sandwich, kaute und spülte den Bissen mit einem großen Schluck Milch hinunter. Dann schaltete er die helle Schreibtischlampe ein und nahm die Fotos aus dem Kuvert. Er ordnete sie in acht Haufen, zuerst frontal, dann die Profile, dann das Überraschungsfoto. Das Letztere studierte er mit einer großen Lupe. Er schaute sich die kleinsten Regungen im Gesicht genau an. Dann betrachtete er das Foto mit ausgetrecktem Arm. Zwischen jedem Set biss er ein weiteres Stück von seinem Pastrami-Sandwich ab und trank einen Schluck Milch. Als das Sandwich aufgegessen und das Glas leer war, hatte er alle Sets durchgeschaut und teilte sie in drei Haufen: ein Set, das von Krips in Clownschminke, war sehr gut (Kategorie A), ein anderes ausreichend (Kategorie B) und der Rest war schlecht. Die Fotos in der letzten Kategorie zerriss er und warf sie in den Papierkorb unter dem Schreibtisch. Er trug den Teller und das Glas in die Küche. Das Glas spülte er aus und stellte es in den Aufguss. Der Teller kam wieder an seinen Platz neben der Spüle.
Im Wohnzimmer nahm er zwei Fotoalben aus dem Regal und legte sie auf den Tisch. Im Regal 29 Alben der Kategorie A und 61 der Kategorie B. Es waren Einsteckalben mit säurefreiem Fotokarton und Einstecktaschen. Auf jeder Seite waren drei Taschen, in die er die Setfotos einordnete. An der Seite notierte er das Datum und den Namen des Beschuldigten.
Sein Traum war es, seine spezielle Art der Porträtfotografie in einem Buch zusammen zu stellen, das er bei seiner Pensionierung veröffentlichen würde. Er wollte zeigen, dass er genug Talent hatte, um auch in der unkreativsten Ausprägung des Fotografentums, gute und anspruchsvolle Werke zu vollbringen. Eigentlich ging es beim Erkennungsdienst ja gerade darum, den Zufall als Bildgestalter auszuschließen. Jedes Foto sollte so neutral wie möglich sein und den Beschuldigten in gleicher Pose, gleichem Licht und gleicher Regungslosigkeit darstellen. Es gab eigentlich keine künstlerische Freiheit, genauso, wie es für die Beschuldigten in der Regel am Tag der Festnahme auch keine Freiheit gab. Trotzdem fand Pokorny, dass viele Bilder auch seiner eigenen Kritik standhalten konnten. Es waren verdammt gute Porträts. Was ihn manchmal beschäftigte, war, dass er voraussichtlich weder von seinem Arbeitgeber und auch nicht von den Abgelichteten die Erlaubnis bekommen würde, die Fotos zu veröffentlichen. Pokorny schlug das aktuelle Kategorie B-Album zu und stellte es wieder ins Regal. Die Freigabe war nicht wirklich die Schwierigkeit. Immerhin hatte er auch noch niemand getroffen, der an einer Publikation Interesse hatte. Aber auch das war ja nichts Neues.

(43) Was für einen Clown schleppst du mir denn heute an, Flo?

“Was für einen Clown schleppst du mir denn heute an, Flo?”, scherzte Castor Pokorny, als Detective Flo Lopez mit Eric Krips zur erkennungsdienstlichen Behandlung kam. Sie steuerte ihn mit der Handschellenkette, die sie in der Hand hielt. “Unser Freund hat einen Juwelierladen mit einem Selbstbedienungsladen verwechselt”, sagte Flo. Krips war 1,70m groß und hatte einen recht massigen Körper, dessen Fasstorso in einen dicken Hals überging, auf dem ein übermäßig großer Kopf steckte. Unterhalb der Glatze trug er einen Kranz signalrot gefärbter Haare. Sein Gesicht war wie das eines Clowns geschminkt. Spitze Augenbrauen auf der Stirn, große gemalte Lippen auf einem weitflächig geweißten Kinn und rote Punkte an den Jochbeinen. Ober- und unterhalb der Augen verliefen senkrechte Linien.
Es war ein grauenhaftes Clownsgesicht, fand Pokorny. Krips schien mit den Gedanken woanders. Er sprach nicht, schaute sich nicht um, aber tat genau das, was Detective Lopez von ihm verlangte. Sie zeigte auf den Fotostuhl, der vor einer weißen Papierwand stand. Krips ließ sich auf den Stuhl plumpsen, denn mit den auf dem Rücken fixierten Händen konnte er sich nicht auf die Armlehnen stützen.
Pokorny war stolz auf den aus rohen Brettern zusammengebauten Stuhl, den er mit seinem Vorgänger vor zwanzig Jahren in vielen Schichten gebaut hatte. Die Besonderheit des Stuhls war, dass er auf Rollen gelagert war und von dem Erkennungsdienstbeamten per Fernbedienung rotiert werden konnte. Fast so wie auf der Geisterbahn. Pokorny schaltete die Kamera ein, die auf einem Stativ fest montiert war. Er überprüfte routinemäßig die Einstellungen, aber da immer die gleichen Fotos aus der gleichen Perspektive gemacht wurden, war es eigentlich unnötig. Er drehte die Scheinwerfer hoch und schoss das erste Foto. Dann trat er auf einen Schalter neben dem Stativ und Krips’ Stuhl drehte sich ruckartig um 90° nach links. Im gleichen Augenblick drückte Pokorny noch einmal auf den Auslöser. Es war seine private Leidenschaft, die Bilder zu sammeln, auf denen die Beschuldigten erschraken, weil der Stuhl sich unter ihnen drehte. Jeder hatte dabei einen seltsamen Blick drauf. Als der Stuhl wieder stand und Krips sich wieder konzentriert hatte, gab ihm Pokorny ein paar Anweisungen zur Kopfhaltung und drückte ein weiteres Mal auf den Auslöser. Schließlich noch das andere Profil. Detective Lopez half Krips auf und geleitete ihn nach nebenan, wo sie ihm mit einem feuchten Lappen die Farbe vom Gesicht wischte. Dann machten sie noch einmal Fotos mit einem leidlich ungeschminkten Krips. Auch diesmal erschrak der Beschuldigte, als Pokorny den Fußschalter betätigte.
Als sie fertig waren, brachte Detective Lopez den Beschuldigten ein Zimmer weiter, wo ihm noch die Fingerabdrücke genommen wurden. “Dann noch einen schönen Abend, Flo”, rief Pokorny ihr hinterher. “Bis ich mit dem Papierkram fertig bin, wird es Mitternacht sein”, antwortete sie ihm und war verschwunden.

(42) Silvester Jules betrachtete seinen mit Marabufedern besetzten Bisammantel wohlgefällig im Juwelierschaufenster.

Silvester Jules betrachtete seinen mit Marabufedern besetzten Bisammantel wohlgefällig im Juwelierschaufenster. Er hatte sein Eigenbild als Pop-Musiker transzendiert. Er war ein wunderbarer Gitarrist, ein begnadeter Sänger und hatte eine unglaubliche Bühnenpräsenz. Das wurde ihm auch von den Kritikern bestätigt. Seine Gegner taten ihn als Mainstream-Musiker ab. Darüber konnte Jules nur lachen. In seiner Eigensicht war er eher der weise Messias, der in allen Dingen, vor allem ästhetischen, das letzte Wort haben sollte. Und weil er Gegenworte nicht ertragen konnte, engagierte er für seine Konzerte und Aufnahmen grundsätzlich immer nur Studiomusiker. Er zahlte ihnen einen Stundenlohn und sie spielten die Noten vom Blatt. Keine Gefahr, dass sie ihm Vorschläge machten, wie er seinen Stil verändern sollte. Die Silvester-Jules-Band gab es nur auf dem Papier und Jules war das einzige ständige Mitglied.
Die hervorgehobene Position, die er in seinen Gedanken einnahm, hatte er immer mehr auch über sein Äußeres zum Ausdruck gebracht. Sein Kleidungsstil definierte quasi den Ausdruck ‘exzentrisch’. Aber seine wahre Leidenschaft war Schmuck. Dabei hatte er einen einfachen Geschmack: Gold und Diamanten(Ketten, Ringe, Ohrringe und Armbänder). Gelbgold passte sehr gut zu seinem Hautton und Diamanten gaben ihm die nötigen Strahleffekte.
Neben dem Tragen von Schmuck mochte er das Erwerben davon. Es beschleunigte sein Herz und gab ihm dieses Kribbeln im Unterleib, das sich so gut anfühlte. Jetzt stand er in New York in der 47. Straße vor einem Juwelierladen, dem Bellagio Diamond Center, und besah die Auslagen. Die meisten ausgestellten Stücke waren zu filigran für Jules Geschmack. Schmuck war in erster Linie ein Statement und das sollte man auch gleich sehen. Gold diente nicht nur dazu, die Diamanten festzuhalten, sondern es sollte mit seiner schieren Masse sofort sichtbar sein. Viele Juweliere waren einfach zu zaghaft. Einige Stücke im Fenster von Bellagio gaben Anlass zur Hoffnung. Er fand die Ohrclips mit ihren breiten Goldbändern und den darin eingearbeiteten Diamanten recht passabel. Allerdings kamen Clips für ihn nicht in Frage. Das Gold sollte mit seinem Körper verschmelzen. Ein dicker Brillantring fiel ihm ebenfalls ins Auge. Es war anzunehmen, dass Bellagio im Tresor weitere interessante Modelle lagern hatte. Es kam auf einen Versuch an.
Jules raffte seinen Pelzmantel mit dem Marabukragen und klopfte mit dem Goldknauf seines Spazierstocks an die Glastür. Drinnen, in der Schleuse zwischen der Außen- und der Innentür stand ein uniformierter Wachmann und schaute ihn misstrauisch an. Er öffnete die Außentür und befragte Jules nach seinem Namen und seinen Wünschen. Das fand Jules unfreundlich. Er wollte schon gehen, aber dann trat der Wachmann zur Seite und ließ ihn eintreten. “Entschuldigen Sie, Mr Jules, Sir”, sagte er. “Wir hatten am Vormittag einen Überfall durch einen anderen Clown und da muss ich sichergehen.” Ihre Augen trafen sich. Der Blick des Wachmanns wurde unruhig. “Sir, das klang jetzt falsch. Treten Sie herein. Wir sind einfach noch schockiert wegen heute Vormittag.”

(41) Noch zwei Stunden bis zum Auftritt von Tear/Slash&Plunder, der angesagten Trash Metal Band.

Noch zwei Stunden bis zum Auftritt von Tear/Slash&Plunder, der angesagten Trash Metal Band. Die Multifunktions-Arena war ausgebucht, die Zuschauer hatten schon mit der Party begonnen und der Verkauf von Fanartikeln lief beständig.
In einer guten Stunde würde die Vorgruppe loslegen. Rick Delvecchio, der Gitarrist und Sänger von Tear/Slash&Plunder und Stiff Richter, der Bassist, saßen in der Garderobe und tranken Bier aus der Flasche. Sie trugen bereits ihre Bühnenklamotten aus Leder mit den Ketten und den rostigen Nägeln. Das Blut und Mehl-Makeup legte sie immer erst im letzten Augenblick auf, denn sonst hielt es nicht durch bis zum Ende des Auftritts. Dan Russo, der Schlagzeuger, schlief noch im Tourbus, wie er es immer vor Auftritten tat. Es verbesserte seinen Rhythmus, wie er sagte. Aber Schlagzeuger hatten ja immer irgendeine Macke.
“Ich habe letztlich etwas Interessantes gelesen”, sagte Rick. Stiff nickte ihm aufmunternd zu und bewegte das Ende seines Kettengürtels, das ihm zwischen den Beinen hing, in Schlangenlinien. “Ich habe immer gedacht, dass The Number of the Beast, also die 666, einfach nur eine Marke sei. Etwas um den Teufel zu erkennen, wenn man ihn sieht. Wie der Mercedesstern, in etwa.” – “Und?”, fragte Stiff. “Nun, es stellt sich heraus, dass die 666 in der Bibel eine besondere Bedeutung hat. Das hat damit zu tun, dass hebräische Buchstaben auch immer Zahlen darstellen.” – “Du meinst, so wie bei einem Geheimcode?” – “Ja genau. So wie der Buchstabe A eine Eins darstellt, B eine 2 und so weiter. Da gibt es eine ganze Wissenschaft dazu. Die heißt Gematrie. Ganz verrückt.” Stiff schaute skeptisch und wirbelte das Kettenende in einem kleinen Kreis. Es klirrte leicht, wenn es an der Bierflasche entlang glitt.
“Auf jeden Fall steht 666 für Kaiser Nero, habe ich gelesen. Nero ist der Teufel und man hat die Botschaft damals verschlüsselt, um der Zensur zu entkommen. Verstehst Du?” Stiff antwortete nicht. “Die hatten damals mit der Bibel die gleichen Probleme wie wir. Sie hatten eine wichtige Botschaft, aber sie durften sie nicht veröffentlichen. Deshalb mussten sie sie verschlüsseln.” – “Wir verschlüsseln doch nichts”, antwortete Stiff. “Bei uns heißen Gehirnstückchen in einer Blutlache Gehirnstückchen in einer Blutlache. Es gibt keine Zensur. Du klingst ja so wie all die durchgeknallten Satanistenfreaks da draußen. Immer eine Bedeutung suchen. Durchgeknallt. 666 ist einfach nur ein geiles Bild. Das ist ein phallisches Symbol, die 6. Und drei davon ist dreimal phallisch. Das ist Sex Sex Sex, Mann.” – “Bullshit”, antwortete Rick. “Du hast eine total vereinfachte Sicht der Welt. Wenn du damit hausieren gehen willst, dann kannst du gleich in einem Konzert von Silvester Jules auftreten.”

(40) Als Ralf wieder in seiner Wohnung war, hatte er Daisy immer noch im Kopf.

Als Ralf wieder in seiner Wohnung war, hatte er Daisy immer noch im Kopf. Eigentlich wollte er weiter an dem mathematischen Modell des Thompson-Spencer Postulats arbeiten, aber er konnte sich nicht konzentrieren.
In solchen Fällen ging er online und schaute sich auf Flickr Fotos an, die in einer Primzahlen-Gruppe zusammengestellt waren. Das fokussierte seine Aufmerksamkeit auf jeden Fall.
Ein Rennwagen in rasanter Kurvenfahrt, bei dem Steine zur Seite wegspritzten. Startnummer 269 auf der Motorhaube. – Der 269. Tag eines Nicht-Schaltjahres war der 26.9.
Ein unheimliches Haus in einem Schneegestöber. Davor eine Reihe von fünf Mülltonnen. Auf der mittleren war ’193′ mit weißer Farbe aufgepinselt. – Der Unterschied zwischen Produkt und Summe der ersten vier Primzahlen.
Eine alte Straßenbahn der städtischen Verkehrsbetriebe irgendeiner Stadt. Auf dem unteren olivgrün gestrichenen Teil des Wagens in Gelb die Zahl 359. – Kordemskis 359 Moskauer Rätsel. Eines von Ralfs Lieblingsbüchern.
Eine Petrischale, in der schwarze Einschlüsse in der Nährlösung zu sehen waren. Mit Filzmarker war die Oberfläche mit ’137′ beschriftet. “Ha”, dachte Ralf verzückt, “hier haben wir die Feinstrukturkonstante und das Feynmanium gleichzeitig. Eine schöne Zahl.” Er klickte weiter.
Ein verschwitzter Marathonläufer mit Haarausfall an der Stirn, die von einem breiten Stirnband überquert wurde. Über dem Bauch war ein weißes Tuch mit Sicherheitsnadeln befestigt, darauf die Zahl 311. – Die kleinste dreistellige Primzahl, die die Summe war von drei weiteren dreistelligen Primzahlen, nämlich 101, 103 und 107.
Ein Schlüssel, der an einem Haken hing, und in dessen Kopf die Zahl ’79′ eingraviert war. – 79 war die Differenz zwischen zwei hoch sieben und sieben hoch zwei.
Eine riesige Stahlplatte, die von einer mächtigen Kette am Haken gehalten wurde. In großen weißen Zahlen stand darauf ’223′ gemalt. – Die Summe von sieben aufeinanderfolgenden Primzahlen, nämlich von 19 bis 43.
Bei dem nächsten Bild war er zuerst verdutzt. Es stellte eine Zeichnung dar, von einem gefolterten Christus, dem die Unterarme fehlten und der in einem Blutmeer stand, in dem andere Köpfe schwammen. Daneben stand “Slayer” und “Christ Illusion”. Es war wohl das Cover einer Schallplatte. Was Ralf aber zum Stirnrunzeln brachte, war die Zahl auf Christus’ Brust, die 666. Jemand musste das Foto versehentlich zu den Bildern mit Primzahlen einsortiert haben. Er schreib dem Besitzer des Fotos einen Kommentar, dass 666 natürlich keine Primzahl sei und er das Bild doch aus der Primzahlen-Gruppe entfernen möchte. Außerdem, das schrieb er natürlich nicht, war die 666 eine gewöhnliche Zahl, ohne großen Charme. Zwar war es die 36. Dreieckszahl und ein Zahlenpalindrom, mehr aber auch nicht.

(39) Ralf hatte den Sack mit Schmutzwäsche in der Waschküche ausgeleert,,,

Ralf hatte den Sack mit Schmutzwäsche in der Waschküche ausgeleert und seine Mutter hatte schon mit dem Sortieren begonnen. Das schien ihr Spaß zu machen. Für Ralf Söllner war das vorteilhaft, denn Wäschemachen, so schätzte er, würde ihm keine Freude bereiten. Er legte den zusammengefalteten Sack auf die Waschmaschine und wollte wieder in seine Studentenbude zurück radeln. Gerade als er schon in der Kellertreppe war, rief sie ihn noch einmal zurück.
“Kannst du dich an Daisy erinnern?” – “Ja”, antwortete er, Sie waren gemeinsam zur Schule gegangen und Daisy hatte nicht studiert. “Sie ist wieder zurück aus Australien.” Seine Mutter hielt Ralf immer auf dem Laufenden, was ehemalige Schulfreundinnen betraf. Insbesondere, wenn es um Daisy ging, denn mit der Mutter von Daisy hatte Ralfs Mutter einen regen Austausch, wann immer die beiden Damen sich auf der Straße oder beim Einkaufen trafen. Seine Mutter hatte Ralf auch von dem Beinahe-Unfall beim Campen in Spanien erzählt und hatte ihn darüber informiert, mehrmals sogar, bevor Daisy zu diesen Inseln geflogen war. Sie hatte wohl die Hoffnung, dass durch diese ständigen Wiederholungen sein Interesse an Daisy geweckt werden würde. “Wie lief es denn in Australien?” – “Ich weiß es nicht”, sagte die Mutter. “Warum rufst du sie nicht mal an und triffst dich mit ihr. Das wäre doch schön.” – “Ich überlege es mir”, murmelte er und lief die Kellertreppe hoch. Daisy, dachte er, als er durch die Haustür ging und auf seinem Rad davonfuhr. An der Kreuzung musste er stehenbleiben, weil die Tram der Linie 43 kreuzte. Die siebte Heegner-Zahl. Daisy, dachte er noch einmal, als er weiterradeln konnte. Unerreicht und unerreichbar. Der einzige Berührungspunkt war, dass er ihr mal bei Hausaufgaben geholfen hatte. Und einmal hatte er einen linkischen Annäherungsversuch bei einem Schulfest unternommen. Allerdings war der Versuch derart verkrampft gewesen, dass ihn Daisy nicht mal als solchen wahrgenommen hatte. Ralf fuhr an dem ExpressSushi113 vorbei, dessen große orangefarbene Werbung ihm immer ins Auge sprang. Die Summe von zwei aufeinanderfolgenden Quadraten, 7 und 8, dachte er, wie immer, wenn er das Schild sah. Auf dem Schulfest hatte er es länger als normal für ihn ausgehalten. Er hatte sich vorgenommen, etwas Unerhörtes zu wagen. Allerdings war ihm nicht klar, was und wie. Er hatte sie die ganze Zeit im Auge behalten. Es war schon dunkel geworden und die Schulband hatte mit ihrem lauten Konzert angefangen. Er hatte zwei Flaschen Bier gekauft und war zu Daisy hinübergeschlendert. Sie stand mit zwei Freundinnen an der Hauswand gelehnt. Er bot ihr ein Bier an und zu seiner Überraschung nahm sie es. Ab dort hatte er improvisieren gemusst, denn seine Fantasien hatten nicht weiter gereicht. Er wusste nicht mehr, wovon er redete. Nach einer Ewigkeit, die seitens Daisy damit verstrich, dass sie das Bier trank, während er vor sich hin sabbelte, drückte sie ihm das leere Bier in die Hand, schob ihn zur Seite und ging auf die Tanzfläche. Eigentlich hatte er nichts weiter gewünscht, denn er konnte sich nicht vorstellen, wie es sonst weitergegangen wäre. Auf die Tanzfläche wäre er nicht gegangen, denn das war nicht seine Welt. Genausogut hätte er in einem Lavastrom schwimmen können.

(38) Und wie haben Sie dann Ihr Leben verändert?

“Und wie haben Sie dann Ihr Leben verändert?”, fragte Pitz Daisy. “Das war nicht so einfach. Sie werden mich auslachen.” Pitz erklärte, dass er Ethnologe sei und daher keine Gefahr bestünde, dass er über ihre Handlungen lachen würde.
“Ich suchte etwas, das meinem Leben mehr Tiefe geben würde. Einen Sinn. Zelten in Spanien ergibt an sich keinen Sinn. Zumindest nicht mehr für mich und nicht an diesem Punkt meines Lebens. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber Lebensweisheit war für mich immer mit Asien verbunden. Von Buddhismus bis Mutter Teresa, alles zeigte auf Asien.”
Pitz dachte, dass es nicht angebracht sei, an dieser Stelle anzumerken, dass Mutter Teresa Albanerin war. Stattdessen fragte er: “New Ireland gehört geografisch ja nicht zu Asien. Wie kamen Sie hierher?” – “Ich weiß. Genauso wie Mutter Teresa keine Asiatin ist. Aber so funktioniert nun mal das menschliche Gehirn.” Sie warf Pitz einen strengen Blick zu. “Ich weiß”, sagte er entschuldigend. “Wie kamen Sie denn hierher?”
“Ein Fall von Serendipität. Sie wissen schon, man sucht eine Sache und findet etwas völlig anderes. Purer Zufall. Ich suchte nach Erleuchtung in Asien und finde ein Job-Angebot von Guy Morton im Internet. Titel des Angebots war: ‘Möchten Sie mal etwas ganz anderes machen?’. Zwei Wochen später war ich hier.” – “Und?” – “Es ist anders als Zelten in Spanien, das ist sicher. Aber ansonsten war es ein Reinfall. Morton ist, falls Sie es noch nicht selbst bemerkt haben, ein Trinker. Er suchte jemand, der seine diversen Aktivitäten irgendwie managed, denn zu 90% der Zeit ist er dazu nicht selbst in der Lage. Ich bin eine von vielen Studentinnen, die er sich immer wieder herholt, bis sie dann merken, was los ist.” – “Aber er missbraucht sie nicht, oder?” – “Nicht ausgeschlossen, aber bei mir hat er bisher noch nichts versucht. Und nachts schließe ich hinter mir ab.” Pitz schaute zu dem Strand hinüber, an dem sie gerade vorbei fuhren. “Es geht mich ja nichts an und ich werde morgen auch wieder abreisen, denn ich komme zu spät hierher. Aber, Sie sollten hier nicht bleiben.” – “Ach was”, grinste sie. “Wollen Sie mich unter Ihre Ethnologenfittiche nehmen?” – “Nein, ich versuche nur, Ihnen einen guten Rat zu geben.” Daisy griff in die Innentasche ihrer Cargojacke und zog einen Flugschein halb heraus. “Keine Sorge. Es ist schon alles geplant. Ich reise übermorgen nach Hause. Aber Morton weiß noch nichts davon, es soll eine Überraschung werden. Behalten Sie es für sich?” Pitz nickte. Auch er fühlte sich enttäuscht von Morton. Die Globalisierung verschlang die Insel und Morton interessierte sich nur für seine Gin-Tonics. “Kann ich Sie denn heute Abend zum Essen einladen?”, fragte er Daisy. Sie schüttelte den Kopf. “Jetzt werden Sie nicht zu freundlich, Herr Pitz. Nichts für ungut, aber ich gehöre nicht zu den Souvenirs dieser Insel.” Er wollte sagen, dass er nichts von ihr wollte, aber sie winkte ab. “Und was machen Sie, wenn Sie wieder zu Hause sind?”, fragte er sie schließlich.

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