Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(238) Jedes Mal wenn Frau Nebel ihren Sohn sah, fragte sie ihn, wer er denn sei.

Jedes Mal wenn Frau Nebel ihren Sohn sah, fragte sie ihn, wer er denn sei. Manche Tätigkeiten erledigte sie noch aus Automatismus, aber vieles schaffte sie nicht mehr. Sogar die Hühner waren völlig panisch und nicht mehr in der Lage, Eier zu legen.

Der Grund für den Zustand seiner Mutter und den der Hühner war das Tiefflugtestgebiet für Kampfhubschrauber, das die Luftwaffe direkt an das Dorf heran angelegt hatte. An jedem Tag der Woche übten dort Piloten ihre Flugkünste und es war ein Wettbewerb zwischen ihnen, wer am tiefsten über die Bauernhöfe und Straßen fliegen konnte. Nicht nur war der Lärm unerträglich, es war auch der ständige Druck, dass plötzlich ein Kampfhubschrauber direkt hinter einem auftauchen konnte, der Mensch und Vieh zutiefst verstörte. Das hatte dazu geführt, dass alle, die es irgendwie arrangieren konnten, das Dorf verließen und nur noch die Alten und Gebrechlichen zurückblieben. Viele der restlichen Einwohner der Stadt waren in einem ähnlich katatonischen Zustand wie Frau Nebel. Das Dorf war in Auflösung begriffen. Einmal in der Woche kam eine Sozialarbeiterin vorbei, um zu sehen, wer zwischenzeitlich gestorben war und um die Feuerwehr zu rufen, damit sie Häuser öffneten und Leichen offiziell auffinden konnten. Sie konnte Johnny nur sagen, dass sie keine Ahnung hatte, an wen er sich wenden konnte. Für sie war es nur ein Job, ließ sie ihn wissen. Sie fügte hinzu, dass sie nur einen befristeten Arbeitsvertrag erhalten hatte. Anscheinen dachte man, das Problem innerhalb der nächsten elf Monate zu lösen.

Johnny telefonierte mit einem alten Schulfreund, der schon längst weggezogen war. “Du musst ins Kreiskrankenhaus zu Dr. Heppner gehen. Dr. Heppner ist Internist und stellt Atteste aus, die den Zustand deiner Mutter beschreiben. Damit kannst du gegen die Luftwaffe klagen und dann werden sie dir Geld für die Umsiedlung geben. Es ist der einzige Ausweg, Johnny. Du musst deine Mutter da rausholen, weil sonst…”. Dann war die Leitung tot, denn ein Huhn hatte das Kabel durchgepickt.

Johnny erklärte seiner Mutter, was er vorhatte. Sie schaute ihn nur verständnislos an und dabei klappte ihr der Mund offen. Johnny schob ihn wieder zu.

In der Scheune stand der Trecker. Es war immer noch das gleiche Gefährt, mit dem sein Vater sich in einem Hang beim Heumähen überschlagen hatte. Es gab immer noch keinen Überrollschutz, aber Johnny hatte auch keine Absicht, in einen Hang zu fahren. Er machte den Trecker startklar und half seiner Mutter auf einen der Seitensitze auf den Kotflügeln des Treckers. Er band sie mit einem Strohballenseil fest an den Sitz. Beim Herausfahren vom Hof überfuhr er ein Huhn, das planlos herumgelaufen war. Johnny blieb kurz stehen und starrte zurück auf das rotgefärbte Bündel, der sich neben der schon längst ausgetrockneten Mistgrube befand. Er fuhr schnell weiter, bevor seine Mutter etwas von dem Unfall mitbekam. Sein Ziel war das Kreiskrankenhaus und dort ganz speziell Dr. Heppner, der Mann, der alle erlösen konnte.

(237) So was muss man selbst erlebt haben.

So was muss man selbst erlebt haben. Das war das Motto von Johnny Nebel, dem er die ganzen Jahre seiner Seemannskarriere treu blieb. Wenn er an Bord arbeitete, gab es nichts, das ihn ablenkte konnte. Aber wenn er freihatte oder bei Landgängen, ließ er nichts aus. Nein zu sagen entsprach nicht seiner Natur. Auch wenn er Unfug anstellte – es ging immer gut.

Er überstand unzählige Schlägereien in Hafenkneipen und bei einigen war er der Auslöser gewesen. Manche davon hatte er sogar absichtlich angezettelt. Elf Mal musste er infolge dieser Ereignisse in Krankenhäusern versorgt werden, sieben Mal verbrachte er die Nacht in Arrestzellen. Er hatte Diskussionen mit Prostituierten wegen der Bezahlung, manchmal auch mit ihren Zuhältern. Zweimal wurde er von Zuhältern zusammengeschlagen, einmal mit einem fiesen Totschläger. Mehrmals ging er mit Frauen nach Hause, die von einem Matrosen auf Landgang angeregt wurden. Einmal war der Ehemann dabei und schaute zu. Er hatte Männer getroffen, die einem Matrosen gerne einen Drink und mehr spendierten. Nächte hatte er in dreckigen Ecken unter Brücken verbracht und hatte sich schmutziges Hafenwasser über den Kopf gegossen, um wieder klar zu werden. Ein Rikschafahrer hatte ihn im Streit in einen Kanal gekippt, aus dem er mit Dutzenden Blutegeln am Körper wieder entstieg. Mehrmals wurde ihm in Bordellen die Brieftasche mit der letzten Heuer geklaut. Die Polizei hatte ihn verwarnt, weil er unter dem Fenster einer jungen Frau mit einem anderen Matrosen Shantys sang. In mehreren Häfen hatte er Frauen geschwängert und nie auf ihre Briefe geantwortet.

All das gehörte zu seinem Seemannsleben und es hätte noch lange so weiter gehen können. Aber dann kam eine Nacht, in der Johnny Wache hatte. Das Schiff lag im Hafen von Durban und sollte am nächsten Tag fertig beladen werden. Johnny ging an Deck umher und glaubte plötzlich hinter einer Ladeluke einen Schatten gesehen zu haben. Er trat näher und leuchtete mit seiner Taschenlampe. Da war aber niemand. Allerdings stand die Ladeluke einen Spalt weit offen. Es war nicht ausgeschlossen, dass sich ein blinder Passagier darin versteckt hatte. Das war schon mehrmals passiert. Er beugte sich über die offene Luke und leuchtete mit seiner Lampe hinunter. Dabei verlor er das Gleichgewicht und fiel ausgerechnet in den Teil des Laderaums, den die Schauerleute noch nicht befüllt hatten. Acht Meter tief fiel er. Er kam zwar umgehend ins Krankenhaus, aber seine Wirbelsäulenverletzung beendete die Matrosenkarriere. Er kehrte zu seiner Mutter zurück, die in einem kleinen Bauerndorf fünfzig Kilometer entfernt von der Küste wohnte. Es war Johnnys Heimatort und für ihn war die Rückkehr die höchste aller Strafen. Als er nach Hause kam, saß seine alte Mutter in der Küche und fütterte die Hühner, die ihr überall hin folgten. Sie erkannte ihren Sohn nicht.

(236) Trotz oder gerade wegen der Pleite mit dem Boot wurde es doch ein unvergesslicher Abend für Felix.

Trotz oder gerade wegen der Pleite mit dem Boot wurde es doch ein unvergesslicher Abend für Felix. Der Großvater schoss in der Abenddämmerung noch eine Ente, die er ausnahm und am Lagerfeuer briet. Noch nie hatte eine Ente so gut geschmeckt. Nach dem Essen saßen sie weiter am Feuer und erzählten sich Geschichten. Vor allem Großvater Max, denn er hatte natürlich viel mehr erlebt als Felix.

Als junger Mann war Max Klinger zur See gefahren. Als Matrose auf Frachtschiffen kam er viel herum auf allen Weltmeeren. Er sagte immer, dass es das Leben auf See war, das ihn dazu gemacht hatte, was er war.

“Aber es war nicht immer alles toll. Viele Erfahrungen, die du machst, sind erst mal schmerzhaft und erst später weißt du, dass du etwas daraus gelernt hast. Das wird dir auch so gehen, Felix. Aber man kann natürlich auch aus den Fehlern von anderen lernen. Soll ich dir mal eine solche Geschichte erzählen?” Felix sagte ja, das würde er sehr gerne hören.

Großvater Max fuhr dann fort: “Einmal legten wir in Veracruz, Mexiko, an. Damals hatte man als Matrose noch Zeit, die Stadt anzuschauen. Heute geht das nicht mehr, weil die Schiffe ruckzuck be- und entladen werden. Damals wurde jeder Sack, jede Kiste noch einzeln getragen und dafür brauchten die Schauerleute ein paar Tage. Ich machte mich also auf, um mit Johnny Nebel, einem anderen Matrosen, die Stadt zu erkunden. Johnny war ein guter Kerl, aber nicht besonders hell in der Birne. Ohne mich wäre er wahrscheinlich gar nicht aus dem Hafenbezirk rausgekommen. Er wäre am liebsten in irgendein Sündenlokal hineingegangen und hätte die Heuer verprasst, aber ich wollte nicht.”

Großvater Max legte noch einen Ast in die Glut des Lagerfeuers und fuhr fort: “Als wir so daherkamen, sah ich ein Plakat für ein Baseballspiel der Roten Adler von Veracruz gegen die Tiger von Mexiko City. Baseball war für uns damals ja fast völlig unbekannt – da wollte ich hin. Johnny war natürlich einverstanden. Als wir in den Rängen saßen und versuchten, das Spiel zu verstehen, saß neben uns ein freundlicher US-Amerikaner, der uns alles erklärte. Nach dem Spiel wollte er uns zum Essen einladen und gerade als wir mit dem Taxi vor dem Restaurant vorfuhren, fiel ihm ein, dass er sein Geld vergessen hatte. Dann lud er uns zu sich nach Hause ein. Ich war schon skeptisch, aber Johnny fand das alles Klasse. Der Mann hatte auch ein sehr schönes Apartment. Die Adresse weiß ich heute noch, Boulevard Camacho 347. Aber er wollte nicht mit uns essen, sondern Dinge machen, die Männer nicht tun sollten. Du bist noch zu jung für so etwas, Felix. Aber es gibt Männer, die versuchen, Dinge mit Männern zu tun, die Männer nicht mit anderen Männern tun dürfen. Das ist eine große Sünde. Sei auf der Hut vor solchen Männern!” Felix versprach, dass er sich die Worte von Großvater Max merken würde.

(235) Sero war bestimmt der dümmste Jagdhund, den es gab.

Sero war bestimmt der dümmste Jagdhund, den es gab. Max Klinger hatte keine Idee, mit welchem Rüden Minna sich gepaart hatte, aber das väterliche Erbgut musste jämmerlich gewesen sein. Sero war klein, hatte einen markanten Überbiss und schien ausschließlich von seiner Fressgier geleitet zu werden. Klinger hatte schon gedacht, Sero einfach zu erschießen, aber solange Minna noch lebte, wollte er ihr das nicht antun. So nahm er immer beide Hunde mit auf die Entenjagd. Minna holte die abgeschossenen Tiere und Sero lag rum und döste solange, bis ihm die Schüsse Angst machten.

Klinger war froh, dass sein Enkel Felix die Entenjagd mochte. Anders als sein Vater, der zwar ein Restaurant betrieb, aber nichts davon wissen wollte, wo das Fleisch denn herkam. In Klingers Augen ein Weichei. Felix sollte anders werden. Zupackend und bereit, den Problemen in die Augen zu sehen.

“Hast Du das Boot schon vorbereitet?”, fragte Klinger seinen Enkel, als sie Abendbrot aßen. “Alles bereit, wir können morgen gleich los.” Und das taten sie auch. Bevor es hell wurde, standen sie auf und ruderten mit dem Boot am Ufer entlang. Da der See von einem Fluss durchzogen wurde, gab es starke Strömungen und man musste genau aufpassen, wie man fuhr. Mit im Boot Minna, die wachsam am Bug stand wie eine Galionsfigur und Sero, der auf einer Decke pennte.

Großvater und Enkel erreichten eine gute Entenstelle auf einer Insel im Strom und gingen an Land. Das Boot vertäuten sie und dann legten sie sich in die schilfgepolsterte Grube, um auf die Enten zu warten. Minna hielt sich sprungbereit, Sero pennte weiter. Zufrieden beobachtete Klinger, wie Felix fachmännisch sein eigenes, kleines Gewehr überprüfte, lud und auf den Grubenrand legte.

Als sie wieder aufbrachen, sagte sich Klinger, dass es ein guter Tag gewesen war. Er selbst hatte 6 Enten geschossen, Felix fünf. Eine davon hatte Minna nicht gefunden. Felix legte die zehn Enten sorgfältig in das Boot und kam zurück, um die Decken einzusammeln. Klinger stand daneben und beobachtete ihn mit Vergnügen. Dann ging Felix noch einmal zurück, um die Flinten zu holen. Klinger löste das Tau und warf es in das Ruderboot. In dem Augenblick kam Sero aus der Grube geschossen, denn nichts war ihm lieber, als nach Hause zu fahren. Er sprang in das Boot, das dadurch in Bewegung geriet und vom Land abstieß. Klinger bemerkte es nicht sofort, weil er zu Felix schaute und als er es sah, trieb das Boot bereits in der Strömung. Minna sprang ins Wasser, aber es war aussichtslos – Klinger rief sie zurück. Auf der Bank im Boot stand Sero und heulte erschrocken. Schnell wurde das Boot abgetrieben und verschwand hinter einem Schilfgürtel. “Das ist jetzt blöd”, meinte Klinger. “Wir werden die Nacht hier verbringen müssen.”

(234) Klinger entschuldigt sich bei Sonja.

Klinger entschuldigt sich bei Sonja. “Mir sind in letzter Zeit so viele Fehler passiert. Es tut mir leid, dass Sie auch darunter gelitten haben. Die Kosten für das Restaurant waren immer sehr hoch gewesen. Das war auch so geplant, denn ich wollte die beste Qualität bieten. Aber irgendwann, es muss zu der Zeit gewesen sein, als dieser Klee anfing, stiegen die Kosten immer weiter in die Höhe. Das Restaurant machte Verluste. Ich sprach mit Niemann darüber, aber er war aufbrausend und sagte nur, dass Qualität seinen Preis habe. Mir war nicht bewusst, dass er sich gar nicht um die Einkäufe und die Kosten kümmerte, sondern das seinem Sous Chef überließ. Niemann war wie besessen darauf, die Rezepte immer weiter zu verfeinern. Alles andere war ihm egal. Und dann ist mir der Kragen geplatzt. Ich habe Sie ansprechen lassen, weil ich eine andere Führung der Küche haben wollte. Jemand, der es gewohnt ist, gut zu kochen, aber dabei auch immer die Kosten im Auge hatte. Niemann habe ich feuern lassen, aber den eigentlichen Missetäter hatte ich nicht einmal identifiziert. Und ich habe Sie alleine in diese Räuberhöhle gelassen. Es tut mir leid.”

Sonja hatte nicht damit gerechnet, dass jemand wie Klinger so einfach seine Fehler zugab. “Es ist alles in Ordnung. Seit Klee weg ist, hat sich das Klima in der Küche deutlich verbessert. Und die Kosten haben wir unglaublich reduziert. Beppo bedankt sich bei Ihnen für die großzügige Prämie.” Klinger wehrte ab. “Wie geht es Ihrem Sohn?”, fragte sie vorsichtig. Klinger atmete einmal tief durch. “Noch ein Bereich, wo ich nur Fehler gemacht habe. Ich weiß nicht genau, was ich falsch gemacht habe, aber irgendetwas ist bei der Erziehung von Felix schief gelaufen. Es ist auch ein Armutszeugnis für mich, dass ich jetzt mehr Zeit als vorher mit ihm verbringe, seit er auf Kaution draußen ist und sich auf den Prozess vorbereitet. Wenn er nicht mein Sohn wäre, würde ich ihn verabscheuen.” Sonja tat es leid, dass sie das Thema angeschnitten hatte. Sie wollte Klinger nicht in einem Moment der Schwäche erleben. Sie spürte, wie sie den Respekt vor ihm verlor. Aber sie konnte Klinger nicht stoppen. “Er wuchs ja im Wesentlichen bei den Großeltern auf. Ging mit dem Großvater viel zur Jagd. Hatte schon als Kind ein Gewehr. Vielleicht ist das der Ursprung dieser Gewalt. Ich weiß es nicht. Eigentlich dachte ich, dass er weltoffen und tolerant sei. Das war aber nur meine Sichtweise, weil ich in ihm das sehen wollte, was mir selbst wichtig ist. In Wirklichkeit ist er zu einem bornierten, dummen Spießer herangewachsen. Ich weiß nicht, wo das herkommt. Und wie man es wieder wegbekommt. Im schlimmsten Fall kommt er mit einer Bewährungsstrafe davon. Wahrscheinlich nicht einmal das, der Anwalt ist sehr gut. Aber was dann? Was kann ich machen, damit er so wird, wie ich mir das vorstelle? Vielleicht sollte ich Beppo als Erzieher einstellen, der ihm jedes Mal eins mit dem Plattiereisen überzieht, wenn er davor ist, Blödsinn zu machen.

(233) In den nächsten Tagen schaute Sonja sich die Fleischrechnungen genau an.

In den nächsten Tagen schaute Sonja sich die Fleischrechnungen genau an. Beppo hatte recht, es war unmöglich, dass derart viel Fleisch im Restaurant verbraucht wurde. Beim nächsten Mal überprüfte sie den Lieferschein mit der angelieferten Menge. Der Lieferschein erhielt doppelt so viel Filet wie tatsächlich angekommen. Zur Sicherheit wollte sie auch noch die nächste Lieferung abwarten. Gleichzeitig rechnete sie anhand der Bons der letzten drei Monate hoch, wie viel Fleisch an die Gäste verkauft worden war und verglich mit den eingekauften Mengen. Auch diese Zahlen zeigten, dass Beppo richtig lag.

An einem frühen Morgen durchsuchte sie Viktors Spind und fand darin einen aufgefalteten Origami-Zettel, in dessen Falzen noch weiße Pulverreste hingen. Darin stand auch eine angebrochene und zwei volle Flaschen Wodka. Dem Stempel nach stammten sie aus dem Bestand des Restaurants.

Nach der nächsten Fleischlieferung, die ähnlich ablief wie die davor, hatte Sonja genügend Fakten. Sie überlegte, ob sie zuerst mit Klinger sprechen sollte, entschied sich aber dagegen. Der Eigentümer kam kaum mehr ins Restaurant und kümmerte sich fast ausschließlich um den Mordprozess gegen seinen Sohn. Sie würde es alleine durchziehen müssen.

Sie bestellte Viktor in ihr Büro. Zur Sicherheit hatte sie Beppo gebeten, draußen vor der Tür zu warten, für den Fall, dass Viktor gewalttätig werden würde.

Viktor fläzte sich vor sie hin in den Besucherstuhl. “Haben Sie noch ein paar Verbesserungsvorschläge für den Arbeitsablauf?”, fragte er höhnisch. Sonja hielt den in ihr aufsteigenden Zorn zurück und sagte nur: “Ich habe ein paar Fragen, Herr Klee.” Sie nahm einen Stapel Papier und bereitete die ersten Blätter vor sich auf dem Schreibtisch aus. “Es betrifft die Fleischlieferungen.”

Viktor schaute gelangweilt auf die Papiere und sagte nur: “Das brauchen Sie nicht zu tun. Das ist mein Job. Es ist alles in Ordnung.” – “Den Eindruck habe ich nicht, Herr Klee. Ich habe den Fleischverbrauch der letzten Wochen überprüft und gesehen, dass wir mehr einkaufen, als wir verbrauchen.” Klee sagte nichts, schob nur seinen Unterkiefer noch vorne und zurück. “Außerdem scheinen die Lieferscheine für die Fleischlieferungen falsch zu sein.” – “Was wollen Sie damit sagen?” – “Auf den Lieferscheinen ist Ihre Unterschrift, Herr Klee. Das wirft Fragen auf.”

Klee setzte sich aufrecht in den Sessel und legte seine großen Hände zusammen. “Jetzt hören Sie mal gut zu, Chefin. Die Küche führe ich. Um die Lieferungen kümmere ich mich. Das geht Sie alles nichts an. Wenn Ihnen das nicht passt, dann gehen Sie doch wieder.” – “Irrtum, Herr Klee. Ich werde Herrn Klinger über diese Betrügereien berichten, die Sie anstellen, um Ihren Kokainkonsum zu finanzieren. Dann werden wir ja sehen, was dann kommt.” Mit einem Schrei sprang Klee auf und lief um den Schreibtisch herum. Bevor Sonja um Hilfe rufen konnte, hatte er sie an der Gurgel gepackt und drückte zu. Mit zusammengepressten Zähnen zischte er “Du machst mich nicht fertig, du Imbissschlampe!”.

Doch dann kam Beppo ins Büro und schlug Klee mit einem Plattiereisen nieder. “So mag ich mein Schnitzel”, sagte Beppo zufrieden.

(232) Bisher hatte Viktor Klee noch kein freundliches Wort zu ihr gesagt.

Bisher hatte Viktor Klee noch kein freundliches Wort zu ihr gesagt. Sonja Holbeins Sous Chef machte keinen Hehl daraus, dass er seine Chefin nicht schätzte. Mit den anderen Köchen würde sie keine Probleme haben, schätzte sie, aber an dem Sous Chef kam sie nicht vorbei. Sie war zwar die Küchenchefin, aber Viktor managte die Küche.

Es war nicht so, dass er sich widersetzte oder offensichtlich respektlos verhielt. Es war die Art, wie er sie anstarrte, seine ablehnende Körperhaltung oder sein süffisantes Nicken oder Kopfschütteln. Selbst kleinere Änderungen in der Küche hatte er abgelehnt. Sie hatte zum Beispiel angeregt, die Mise en Place jeweils auf die Erfahrungen und Bestellungen der vergangenen Tage abzustellen anstatt sie von rigiden Vorgaben abhängig zu machen. Viktor hatte nur den Kopf geschüttelt und war weggegangen. Oder als sie den Kombidämpfer näher zum Entremetier schieben wollte, der ihn hauptsächlich benutzte. Viktor hatte wieder abgelehnt.

Das restliche Küchenteam schien abzuwarten, wie dieses Kräftemessen zwischen Küchenmeisterin und Sous Chef enden würde. Allerdings hatte alle Angst vor Viktor und waren deshalb Sonja gegenüber reserviert.

Alle außer Beppo, dem Abwäscher. Er hatte die niedrigste Stellung in der Küche und war länger da, als alle anderen. Er war immer da und Sonja hatte schon den Verdacht, dass er in der Küche lebte.

Eines Morgens, bevor alle anderen zur Arbeit kamen, saß sie verzweifelt in ihrem Büro und überlegte ernsthaft, ob sie den Job hinschmeißen sollte. Dann klopfte es an der Tür und Beppo kam herein. Er war bestimmt weit über 60 und hatte ein derart runzliges Gesicht, dass die Falten fast wie Maori-Tätowierungen aussahen. “Sie dürfen nicht aufgeben.” Sonja schnaubte abwehrend. “Lassen Sie es mich anders sagen: Sie brauchen nicht aufzugeben.” Beppo erklärte ihr, dass Viktor, seit er im Klinger’s arbeitete, ihm das Leben erschwerte. Viktor stand unter dem Schutz des vorherigen Kochs und Beppo konnte sich nicht wehren. “Und in meinem Alter findet man keine andere Stelle.”

Beppo erklärte ihr, dass Viktor ein Drogenproblem habe. “Er nimmt Kokain und dann trinkt er auch noch. Wenn er richtig drauf ist, sollte man ihm nicht dumm kommen.” Um seinen Drogenkonsum zu finanzieren, betrog Viktor bei der Fleischabrechnung. Den Gewinn daraus teilte er mit dem Fleischlieferanten. “Mit dem Fleisch was hier abgerechnet wird, könnte man locker zwei Restaurants führen. Deshalb musste auch Niemann gehen. Er hatte den ganzen Papierkram an Viktor übertragen und seine Kosten nicht im Griff. Klinger reagierte zwar, erwischte aber den Falschen.” Sonja schaute Beppo prüfend an. “Warum haben Sie das Klinger nicht gesagt?” – “Ich bin hier nur der Plongeur, der letzte Mann. Auf mich hört keiner. Legen Sie Viktor das Handwerk. Egal, was Sie mit ihm tun, er hat es verdient.”

(231) Sie musste ganz einfach scheitern.

Sie musste ganz einfach scheitern. Wieso sollte eine Frau, die bisher nur eine Kaschemme, einen besseren Imbiss geleitet hatte, in einem der besten Restaurants der Stadt Erfolg haben? Und Erfolg, das war Udo Niemann klar, würde daran gemessen werden, ob sie besser sein würde als er. Höchst unwahrscheinlich, fand er.

Er saß in dem Café gegenüber vom Klinger’s und beobachtete den Haupteingang. Er wollte Klinger abpassen und ihn dann zur Rede stellen. Es war Mittagszeit und zuerst kamen immer nur mehr Gäste an. Anzugträger, Sesselfurzer. Eigentlich hatte er die Gäste noch nie richtig gesehen. Aber es ging auch nicht um die Gäste. Es ging darum, seinen eigenen Maßstäben treu zu bleiben. Das beste Essen aufzutischen, was die Gäste erwarten konnten.

Man hatte ihn einfach so vor die Tür gesetzt. Nachdem er das ‘Klinger’s’ erst dazu gemacht hatte, was es jetzt war: einer der beliebtesten Treffpunkte für die High Society. Welche Mühe er sich gegeben hatte, einen Stil zu entwickeln, der zwar dem traditionellen Brasserie-Stil entsprach, aber dennoch eine innovative Weiterentwicklung war. Und jetzt sollte das alles nichts wert gewesen sein?

Klinger hatte ihm die Kündigung nicht einmal selbst überbracht. Das hatte der Personalheini seiner Firmen erledigt. “Herr Klinger fand, dass Ihre und seine Pläne für die weitere Entwicklung des Restaurants nicht mehr deckungsgleich sind.” Absurd. Schließlich ging es darum, immer besser zu werden. Natürlich, das hatte seinen Preis und die ganzen Zutaten waren auch nicht billig. Aber Herrgott noch mal, warum macht man ein Restaurant auf, wenn es nur darum gehen sollte, schnell Kohle zu machen? “Herr Niemann, Herr Klinger hat mir aufgetragen Ihnen zu sagen, dass er Ihnen alles Gute für die Zukunft wünscht.” Ha, das konnte er sich woanders hinstecken. So schnell konnte er Niemann nicht abservieren. Der Ex-Küchenchef bestellte noch ein Glas Rotwein. Wenn er schon nicht arbeiten durfte, konnte er tagsüber wenigstens Wein trinken.

Die Mannschaft stand immer noch hinter ihm, das wusste Niemann. Allen voran Viktor Klee, der Sous Chef. Niemann hatte Klee eine Chance gegeben, nachdem er wegen Kokain seinen vorherigen Job im ‘Schwarzen Adler’ verloren hatte. Das würde er ihm nicht vergessen. Außerdem war es kaum vorstellbar, dass Klee für eine Frau arbeitete.

Und wenn diese Sonja Holbein nicht herausgeschmissen würde, dann würde Niemann eben ein neues Restaurant aufmachen und seine Leute mitnehmen. Sie warteten doch nur darauf, dass er sie ansprach und fragte, wieder mit ihm zu arbeiten.

Die Mittagszeit war vorbei, langsam leerte sich das Restaurant. Klinger tauchte nicht auf. Er hatte wahrscheinlich immer noch beide Hände voll zu tun mit seinem Sohn, Felix. Dumme Sache, diese Mordanklage. Das war bestimmt auch einer der Gründe, warum Niemann den Job verloren hatte. Klinger hatte einfach keine Zeit, sich seine Entscheidungen zu überlegen. Ein Schuss aus der Hüfte.

(230) Bevor ich zusage, wollte ich mir meinen Arbeitsplatz ansehen.

“Bevor ich zusage, wollte ich mir meinen Arbeitsplatz ansehen.” Sonja Holbein schaute sich in der Küche des ‘Klinger’s’ um. Der Arbeitsbereich war sehr großzügig ausgelegt und optimal zum Gastraum gelegen. Joachim Klinger stand am Eingang und beobachtete, wie sie zwischen den Stationen umherging. Das Klinger’s hatte einen guten Ruf, weniger für die Küche als für die Mischung der meist prominenten Gäste. Es war angesagt. Sonja arbeitete momentan in einem viel kleineren Restaurant und es war bereits ein Aufstieg für sie, dass Klinger ihr den Job angeboten hatte. “Was ist mit Udo Niemann?”, fragte sie und schaute in den großen Kombidämpfer hinein. Klinger räusperte sich und erklärte, dass er mit Niemann sprechen wollte, sobald Sonja zugesagt hatte. Klinger blieb an der Tür stehen, als ob er sich nicht traute, in die Küche zu kommen. Dabei war er groß und selbstsicher. Umso besser, dachte sie. Je weniger der Eigentümer in der Küche war, desto unabhängiger konnte sie das Team leiten. Klinger hatte ihr gesagt, dass sie die Speisekarte weiterentwickeln durfte, aber er wollte bei dem gehobenen Brasserie-Stil bleiben. Das war in Ordnung. Zuerst einmal musste sie lernen, das viel größere Team in den Griff zu bekommen. Gastronomische Experimente standen da nicht auf der Tagesordnung. Zudem waren die anderen Köche schon lange im Klinger’s und viele waren von Niemann eingestellt worden. Nicht auszuschließen, dass es zu einem offenen Machtkampf kommen könnte. Da war es wichtig, sich erst einmal nicht in Stildiskussionen zu verlieren. Sie würde seine Unterstützung brauchen. “Warum wollen Sie eine andere Küchenleitung?” Diese Frage sollte sie unbedingt stellen, hatte ihr Freund ihr eingeschärft. Klinger räusperte sich und wollte gerade antworten, als sein Telefon klingelte. Er zuckte bedauernd mit den Schultern und ging ran. “Klinger.”

Es war die Polizei. Sie fragten ihn, ob er der Vater von Felix Klinger sei. “Ja. Was ist mit ihm los? Ist ihm etwas zugestoßen?” Plötzlich hatte er eine düstere Vorahnung. Er spürte, wie er an der Oberlippe zu Schwitzen anfing. “Ihr Sohn ist unversehrt, Herr Klinger. Allerdings ist er in einen Fall von schwerer Körperverletzung verwickelt und es sieht unserer Meinung nach so aus, dass er angefangen hat. Wollen Sie mit ihrem Sohn sprechen?” Klinger wischte mit der Hand über die Lippe. “Ja, natürlich.” Es raschelte, dann war sein Sohn dran. “Papa?” – “Du hältst jetzt die Klappe. Kein Wort über irgendetwas. Ist das klar?” – “Ja, kommst du hierher?” – “Ich schicke dir einen Anwalt. Der wird dich rausholen. Du sagst ab jetzt kein Wort mehr, bis der Anwalt dir sagt, was zu tun ist. Ist das klar?” – “Ja.” Klinger ließ sich noch die Adresse des Polizeireviers geben und legte auf. Er dachte kurz nach, dann spürte er, dass Sonja Holbein ihn beobachtete. “Ich brauche noch einen Augenblick. Muss noch einen Anruf erledigen. Dort in dem Regal finden Sie die aktuellen Rezepte. Schauen Sie doch da mal rein. Bin gleich wieder bei Ihnen.”

(229) Ist das einer von ihnen?

“Ist das einer von ihnen?” Jan Grube tippte seinen Freund Felix Klinger auf den Arm. Gemeinsam schauten sie durch die Windschutzscheibe hinüber zu dem Haus, das sie beobachteten. Die beiden jungen Männer im BMW Z3 hatten ihre Sitze nach hinten gelehnt, damit man sie nicht so leicht von außen erkennen konnte.

Vor der Haustür von Nr. 149 stand ein etwa 30jähriger Mann in weißem Hemd und Jeans. Er schaute nach rechts und links, als wusste er nicht, in welche Richtung er gehen wollte.

“Das muss einer von ihnen sein. Die schwule Sau!”

Jan Grube wohnte einen Block weiter in der Straße. Die Wohnung in Haus Nr. 149 war in der ganzen Nachbarschaft für ihre wilden Schwulenpartys berüchtigt. Jan oder seine Eltern hatten damit im Alltag zwar nichts zu tun, aber es störte ihn gewaltig, dass dieser Schmutz in seiner Nachbarschaft Einzug gehalten hatte. Felix, mit dem er zur Schule ging, dachte genauso.

Jan freute sich, dass er ein interessantes Thema in ihre Freundschaft eingebracht hatte, denn Felix kam aus reichem Haus und war in allem unendlich abgeklärt. Aber Schwule mochte er auch nicht. Deshalb hatten sie sich vor dem Haus auf die Lauer gelegt. Noch hatten sie keinen Plan. Es ging darum, Informationen zu sammeln. “Und wenn sich etwas ergibt, dann machen wir auch etwas”, hatte Felix beschieden. In der Nacht hatte es auf jeden Fall eine Party gegeben. Dunkle Gestalten hatten das Haus betreten und keiner war bisher herausgekommen. Die Lichtblitze der Disco-Beleuchtung und das Stakkato des Stroboskops hatten sie sehr gut mitbekommen. Sie hatten daran gedacht, die Polizei zu rufen, aber das würde nichts bringen – es war kein guter Plan.

“Was machen wir?”, fragte Jan. Eigentlich war es ja sein Projekt und er hätte sagen müssen, was zu tun war. Aber das würde seine Beziehung zu Felix auf den Kopf stellen.

“Wir folgen ihm”, sagte Felix. “Und dann?” – “Dann werden wir sehen. Vielleicht können wir ihn etwas aufmöbeln. Ihm einen Denkzettel verpassen, dass er nicht mehr    herkommt. Er wird es weiter erzählen und es wird die anderen auch abschrecken.” Jan nickte. Das klang wie ein guter Plan.

Der Mann im weißen Hemd ging nach links die Straße hinunter.

Felix öffnete vorsichtig die Fahrertür und stieg aus. Er drückte die Tür wieder zu, ohne ein Geräusch zu machen. Jan tat es ihm nach. Dann öffnete Felix den Kofferraum des Z3 und nahm einen Baseballschläger heraus. Jan bedauerte es, dass er nicht daran gedacht hatte, sich eine Waffe mitzunehmen. Er hatte einfach nicht so weit gedacht wie Felix.

Sie überquerten die menschenleere Straße. An diesem frühen Samstagmorgen gab es keinen Verkehr und keine Zeugen. Sie folgten dem Mann im weißen Hemd, der sich seiner Verfolger nicht bewusst war.

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