Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(153) Meine Herren, es ist jetzt Halbzeit der Skisaison.

“Meine Herren, es ist jetzt Halbzeit der Skisaison. Wir wollen das heute feiern, aber vorher noch ein ernstes Wort.”

Berndt Schießl, der überkommunale Leiter des Skigebiets Teufelstein Ski Panorama schaute in die Runde der Skilehrer, die im Gemeindesaal vor ihm standen. An den langen Tischen an der Wand standen schon die Gläser mit dem Ehrenwein, aber vorher durfte er das Unangenehme nicht aussparen.

“Die Allermeisten von Euch wissen davon… Wir haben heuer einen Gestörten unter uns. Ein Unbekannter, der insbesondere beim Après-Ski zuschlägt, aber nicht nur. Es gab auch schon Vorfälle in verschiedenen Hütten, wo er am helllichten Tage sein Unwesen getrieben hat.

Der Unbekannte ist etwa 50 Jahre alt, hat graue Haare, eher dünne Gestalt, etwa 1,80 Meter groß. Über die Bekleidung gibt es unterschiedliche Aussagen – wir können davon ausgehen, dass er derart normal gekleidet ist, dass er nicht auffällt.

Seine Vorgehensweise ist so einfach wie perfide. Er gibt sich jovial und nähert sich Gesprächsrunden. Er gibt vielleicht sogar eine Runde aus, was ja durchaus löblich ist. Allerdings kommt irgendwann der Moment, wo der Wolf die Ski… Pardon… die Schafsmaske fallen lässt und zuschlägt. Bei allen 19 Fällen gibt es eine Parallele und sie führt uns zum Auslöser der Taten. Wenn in der Runde ein Witz erzählt wird, scheint der Unbekannte aktiv zu werden. Ich möchte mir kein Urteil über Witze machen, denn es sollte die ureigenste Freiheit eines Jeden sein, Witze in der Qualität zu machen, die er für richtig hält. In allen 19 Fällen hat der Täter einen der Witzeerzähler unmittelbar nach Ende des Witzeerzählens aufgelauert, normalerweise beim WC-Besuch, und dabei übel zugerichtet. Einige konnten am nächsten Tag nicht mehr Skifahren! Allen Opfern haben wir natürlich psychische Betreuung zukommen lassen.

Es ist ein Anschlag auf unseren Lebensstil und unsere Geselligkeit! Jemand, der es uns verleiden will, dass Unbekannte sich bei einem Glas Wein oder einem Bier treffen und dabei zu Freunden werden. Das ist mindestens genauso wichtig als das Skifahren selbst. Und ich sage das nicht, weil ich der Wirt des Goldenen Ochsen bin.

Ich möchte Ihnen daher wärmstens ans Herz legen, dass sie der Polizei auffällige Personen melden. Aber agieren Sie nicht auf eigene Faust. Unsere Gäste sollen sich hier wohlfühlen und eine falsche Verdächtigung ist doppelt so schlimm wie die Tat selbst. Verbieten Sie keine Witze, ganz gleich wie schlecht. Unterbrechen Sie nicht vor der Pointe aus übertriebener Vorsicht. Aber, seien Sie wachsam, sowohl auf der Piste, bei der Jause oder beim Après-Ski.

Und jetzt meine Herren, kommen wir zum angenehmen Teil des Abends, bevor ich Sie wieder zu Ihren Schäfchen entlasse. Nehmen Sie sich ein Glas und lassen Sie uns auf eine erfolgreiche zweite Hälfte der Skisaison am Teufelstein Ski Panorama anstoßen.” Als alle ihr Glas hatten, hob Schießl das seine und prostete den Skilehrern zu.

(152) Da wir gerade auf einer Fähre sind… Kennen Sie den?

“Da wir gerade auf einer Fähre sind… Kennen Sie den? Ein Schotte fährt mit der Fähre nach Irland. Als die Fähre ankommt, steigt gerade ein Taucher aus dem Hafenbecken. Der Schotte sieht das und sagt: ‘Wenn ich gewusst hätte, dass man da auch laufen kann…’

Waldemar Popke wollte die niedergeschlagene Stimmung auf der Fähre verbessern. Eigentlich fand er, dass er dafür sowohl ein gutes Talent hatte, als auch ein hervorragendes Gedächtnis, mit dem er situationsaffine Witze abrufen konnte. Er kannte wahrscheinlich alle Witze, die es gab. Hier auf der Fähre lachte niemand. Manche drehten sich weg oder schlossen die Augen. Vielleicht waren die Menschen nach den Gefahren des Feuers auf der Insel noch zu sehr geschockt, um darüber zu lachen. Popke konnte eigentlich zu jeder Zeit über fast alles lachen. Ja, er würde von sich behaupten, dass er einen großartigen Sinn für Humor hatte. Und er könnte, so bildete er sich ein, sein Leben damit verdienen. Leider hatte er großes Lampenfieber, sonst hätte er vielleicht Kabarettist oder Comedian werden können. Wenn er im Scheinwerferlicht stand, verlor er die Stimme. Einfach so, zack weg. Im kleinen Kreis oder in einer informellen Runde wie auf der Fähre, das war etwas anderes.

Er war ja auch zu der Korkenschuss-Weltmeisterschaft gekommen, weil er es für sehr witzig hielt. Dadurch, dass bedingt durch einen Korken fast die ganze Insel verbrannt war, machte den Wettbewerb zu einem noch größeren Witz. Aber er wusste auch, wann er zu schweigen hatte, und gerade war dafür ein guter Moment.

Die Menschen um ihn herum stierten hinaus in die Nacht in Richtung des Feuerscheins, der von der Insel auf das Meer geworfen wurde. Es gab wohl auch eine Gruppe von Schiffbrüchigen, die auf der Insel gestrandet waren und wegen des Feuers nicht weg konnten. Natürlich hatte Popke auch ein paar der besten Schiffbrüchigen-Witze auf Lager. Aber er zensierte sich selbst. Er wollte sich nicht aufdrängen. Zur Sicherheit ging er nach draußen an Deck und stellte sich an die Reling. Er roch den Rauch, der von der Insel kommend dem Schiff hinterherwaberte. Jemand trat neben ihn. Ein etwa 50jähriger Mann, graue Haare, eher schlaksig. Der Mann schien auch den Geruch des Rauchs zu spüren. “Sie sind witzig”, sagte der Unbekannte unvermittelt. “Danke”, sagte Popke erstaunt und drehte sich etwas dem Mann zu. “Sie haben doch bestimmt auch einen Schiffbrüchigenwitz auf Lager, oder?” Popke zierte sich, aber als der andere darauf bestand, erzählte Popke den Witz. Nachdem er geendet hatte mit “Ach der – der freut sich immer so, wenn wir hier vorbeikommen …” holte der Unbekannte neben ihm mit dem Arm aus, schlug Popke mit der Faust auf den Kopf und stieß Popke über die Reling in das dunkle Meer. “Na dann schau mal, ob du dich auch freust”, brummelte Ludwig Rehlein für sich. Rehlein hatte eine Abneigung gegen schlechte Witze und er hatte es satt, immer nur weghören zu müssen. Er agierte!

(151) Die Fähre bewegte sich nicht vom Fleck.

Die Fähre bewegte sich nicht vom Fleck. Wolfdieter Kuhn war am Verzweifeln. Jetzt hatte er seine Familie aus dem Feuer gerettet und an Bord gebracht, aber diese halbgare Mannschaft mit dem dösigen Kapitän war nicht in der Lage, auszulaufen. Es konnte doch nicht sein, dass man das Leben der bereits auf der Fähre befindlichen Menschen in Gefahr brachte, bloß damit man noch mehr Passagiere auf die Fähre holen konnte. Kuhn fand, dass wenn er es aus der fast entferntesten Reihe geschafft hatte, zügig an Bord zu gelangen, dann hätten es alle anderen auch schaffen müssen, wenn sie sich denn richtig Mühe gegeben hätten. Er verlangte, den Kapitän zu sprechen, geriet aber nur an einen Untergebenen, der Kuhn nicht verstand. Währenddessen kamen die Flammen immer näher. Es wäre ja nicht ungewöhnlich, dass die Flammen irgendeinen Behälter mit Treib- oder Schmierstoffen erreichten und dann würde die Fähre mit allen Passagieren einfach in die Luft fliegen. Kuhn sagte sich, dass er dafür keine Verantwortung tragen wollte. Er kehrte zu Frau und Kind zurück und sagte ihnen, sie sollten sich bereithalten, denn er würde einen Ausfall versuchen.

Am hinteren Ende der Fähre hingen an Kranen vier orangefarbene Rettungsboote. Entschlossen öffnete Kuhn das Verdeck eines der Boote und schickte Tessa und Roland hinein. Tessa wollte diskutieren, aber dafür war jetzt wirklich keine Zeit. Auch Kuhn stieg hinein und suchte nach der Seilbremse, die er lösen musste, um das Rettungsboot zu Wasser zu lassen. Gerade rechtzeitig fand er sie und betätigte sie, bevor weitere Passagiere das Boot entern konnten. Einen davon musste Kuhn mit der Hand ins Gesicht wegdrücken, bevor endlich das Boot in die Tiefe sank.

Als sie im Wasser dümpelten, stieß Kuhn das Boot vom Rumpf der Fähre ab. Er sagte ihnen, wie sie rudern sollten, aber weder Tessa noch Roland waren dazu imstande. Allerdings hatten die paar Meter schon gereicht, damit das Rettungsboot eine Strömung erreichte, die es wegtrug.

Als Kuhn merkte, dass die Strömung das Rettungsboot wieder zur Insel trieb, in Richtung des hellsten Feuerscheins, konnte er nichts mehr machen. Nach ein paar Minuten hatte sich das Boot am Strand festgefahren. Wenigstens war an der Stelle der Strand etwa zwanzig Meter breit und bildete so eine natürliche Feuerschneise. Jetzt gab es nichts mehr zu tun, als zu warten, bis das Feuer aus war und sie jemand retten kam.

Tessa machte Kuhn Vorwürfe. Kuhn fand, dass sie undankbar war. Er hatte wenigstens nicht tatenlos zugesehen, wie seine Familie lebendigen Leibes verbrannte. Gerade in dem Augenblick legte die Fähre ab und fuhr mit einem lauten Tuten weg von der Insel. Die dadurch ausgelöste Welle hob das Rettungsboot weiter aufs Land, den Flammen ein Stück näher. Ein Baum fiel krachend um und legte sich lichterloh brennend quer über den Strand.

(150) Als junger Mann hätte Wolfdieter Kuhn selbst an der Korkenweitschuss-Weltmeisterschaft teilgenommen.

Als junger Mann hätte Wolfdieter Kuhn selbst an der Korkenweitschuss-Weltmeisterschaft teilgenommen. Jetzt mit fünf Kindern und einer Ehefrau in der Verantwortung wäre es nicht mehr passend. Die wilden Jahre waren vorüber, als er Tessa heiratete. Dennoch hatte er sich gefreut, als er drei Karten für die Veranstaltung ergattern konnte. Sein Schwager, der Bruder von Tessa, war Bürgermeister und hatte dafür gesorgt. So waren er, Tessa und ihr zweitältester, Roland, mit der Fähre zu der Insel gefahren. Der Älteste musste sich um den Rest der Brut kümmern, wie Wolfdieter manchmal im Spaß sagte.

Als das Feuer auf der Insel ausbrach, setzte bei Wolfdieter Kuhn ein archaisches Programm ein, bei dem es nur ein Ziel gab: die Familie zu retten. Als einer der Teilnehmer eine Stromleitung abgeschossen hatte und daraufhin in kurzer Entfernung etwas in die Luft flog, scheuchte Kuhn seine Frau und seinen Sohn aus ihren Plätzen in der zweiten Reihe. Seine Nachbarn hatten den Ernst der Lage nicht so schnell erkannt und wollten ihn nicht vorbeilassen. Er musste daher über ihre Beine steigen, Tessa und Roland vor sich herschiebend, denn ohne seine Hilfe hätte der Mob sie nicht durchgelassen. Die panikartige Flucht von Kuhn löst bei den Zuschauern aus den Reihen hinter ihm, Angst und Beklemmung aus. Man stellte sich vor, dass die Gefahr unmittelbar da war. Auch in den Reihen dahinter versuchten die Zuschauer ihre Haut zu retten und es entstand ein Tumult. Vier Ordner waren dazu eingeteilt worden, um Panik zu vermeiden, allerdings hatte man ihnen nicht gesagt, wie man Panik zurückdrängte, wenn sie denn einmal da war.

Nach kurzer Überlegung drängten drei der Ordner gleich am Anfang mit in Richtung Notausgang. Der vierte Ordner wollte die Zuschauer beruhigen, bekam aber von der Frau des Bürgermeisters die Handtasche um den Kopf gehauen, sodass er sich eines Besseren besann.

Jetzt stürmten alle nach hinten zu den Notausgängen. Allen voran Kuhn, der den Arm seines Sohnes gepackt hatte und ihn hinter sich herzerrte. Tessa zog ihre Schuhe aus, um besser voranzukommen. Sie eilten in Richtung der Fähre, die noch immer an der Anlegestelle lag. Kuhn bugsierte Frau und Kind an Bord, vorbei an den verdutzten Gesichtern der Seeleute, die gerade damit angefangen hatten, an Bord zu grillen. Kuhn lief instinktiv ganz nach oben an Deck und ganz nach hinten, weg von der nunmehr an mehreren Stellen lichterloh brennenden Insel. Fasziniert schauten er, seine Frau und ihr Sohn den Flammen zu, wie sie sich durch die Bühnenaufbauten fraßen. Die Scheinwerfer waren schon vorher ausgegangen und jetzt wurde die Szenerie nur mehr von dem gespenstischen Feuer ausgeleuchtet.

(149) Am Anfang lief alles nach Plan.

Am Anfang lief alles nach Plan. Die erste Runde der Tre Sorelle-Korkenweitschuss-Weltmeisterschaft hatte eine hervorragende Medienresonanz und brachte Einsendungen von 353 Kandidaten, die ihren besten Schuss dokumentierten. Der Favorit war Philip Rumker, ein 31-jähriger Informatiker, etwas verschroben, aber liebenswert. Auch die anderen neun Finalisten, die auf die Pfaueninsel eingeladen wurden, lagen ganz genau in der demografischen Zielgruppe von Tre Sorelle Prosecco. Dafür hatte Frau Dumont gesorgt. Herr Wansor zeigte sich zufrieden.

Es hatte ein paar Probleme gegeben, als sich herausstellte, dass die Pfaueninsel ein Vogelschutzgebiet war. Frau Dumont hatte ein Vieraugengespräch mit Bürgermeister Steffens und konnte ihn überzeugen, dass seinen Vögeln nichts passieren würde. Die Karte mit den Nestern der geschützten Kreaturen hatte sie an Tilo weitergegeben.

Dann kam der große Tag der Finalen Entscheidung. Das Regionalfernsehen war präsent, sogar mit ziemlichem technischen Aufwand, wie Frau Dumont zufrieden feststellte. Auf die Schnelle musste Tilo deshalb noch einen größeren Generator auftreiben, denn das Stromnetz auf der Insel war für diese Spitzenbelastung nicht geeignet.

Als die letzte Fähre mit Honoratioren angekommen war und Publikum und Journalisten auf ihren Plätzen saßen, begann die Show. Es hatte sich ausgezahlt, dachte Frau Dumont schon nach wenigen Minuten, einen professionellen Moderator aus dem Fernsehen engagiert zu haben, um den Wettbewerb zu leiten.

Alles lief gut, bis Philip Rumker antrat. Aufgrund seiner vorherigen Bestleistung kam er als letzter Bewerber an den Start. Wie auch schon auf dem Video, setzte er auch jetzt auf Trickserei. Er hatte einen kleinen Sprengsatz entwickelt, den er hinter den Proseccokorken platzierte. Für Zuseher war das nicht erkennbar und der Effekt war so kalkuliert, dass nur der Korken nach vorne geschleudert wurde und die Energie, die bei der Explosion freiwurde, Philip nicht schadete. Durch den aus der Flasche austretenden Schaum wurde auch der Rauch des Sprengsatzes kaschiert.

Philip trat an, zündete auf Kommando des Moderators den Sprengsatz mit einer in der Hand gehaltenen Batterie und der Korken flog mit Karacho aus der Flasche heraus. Allerdings entzündete der Sprengstoff die am Korken angebrachte Papierschlange. Das mit dem Papier war Tilos Idee gewesen, damit der Flug von den Zuschauern besser verfolgt werden konnte. Philips Korken flog in eine Stromleitung und die Papierschlange setzte das geteerte Kabel in Brand. Dann gab es einen Kurzschluss in einer Abzweigdose und auf der rückwärtigen Seite der Insel explodierte der Generator. Ein Feuer brach aus. Leider waren genau neben dem Generator die drei Nester der Lachseeschwalben und die Eier darin verbrannten. Es war nicht klar, ob die Eltern überlebten, auf jeden Fall waren sie seither verschwunden und kehrten auch nicht wieder.

Panik brach unter Publikum und Personal aus und es kam zu unschönen Szenen, als die Fähre gestürmt wurde. Die Fernsehnachrichten berichteten von einem explosiven Abend und gaben den Anschein, dass Prosecco die Explosionen verursacht hatte. Herr Wansor war mit dem Ergebnis der Kampagne extrem unzufrieden.

(148) Stefanie Dumont präsentierte Gernot Wansor die Ergebnisse der Marktstudie über seinen Prosecco.

Stefanie Dumont präsentierte Gernot Wansor die Ergebnisse der Marktstudie über seinen Prosecco. Ihr blonder Pferdeschwanz wippte über den Schultern ihres Chanel-Kostüms, als sie die Aufsteller vor Wansor aufrichtete. Die Firma Tre Sorelle Prosecco war von Wansors Vater gegründet worden und vermarktete Prosecco, den sie in Italien zusammenkaufte. “Unser Problem, Herr Wansor, ist, dass Kunden unter 40 Jahren Tre Sorelle nicht kennen, weder ungestützt noch gestützt. Da der Konsum in dieser Zielgruppe proportional stärker steigt, resultiert dies in einem fortschreitenden Marktanteilsverlust.” Wansor presste die Lippen zusammen. Er führte die Firma nicht anders als sein Vater dies getan hatte. Eher hatte er sie verbessert, da er die Abläufe gestrafft hatte und den Bedarf an Umlaufvermögen drastisch reduziert hatte. “Was schlagen Sie vor, Frau Dumont?” Stefanie Dumont war auf diese Frage vorbereitet gewesen, schließlich war sie Chefin von PR und Marketing bei Tre Sorelle. Sie stellte neue Aufsteller hin und erklärte, dass das Unternehmen auf die jungen Leute zugehen müsse. Am besten eigne sich dafür ein Preisausschreiben mit einer aktiv-dynamischen Komponente vor Ort. Wansor schien skeptisch, daher musste sie noch weiter ausholen. Mit ihrem Freund Tilo Lenz, der zufälligerweise Chef einer Eventagentur war, hatte sie ein vollständiges Konzept ausgearbeitet. Tilo war fünf Jahre jünger als Frau Dumont und verdiente sein Geld mit der Organisation von Endkundeninteraktionen für die Tabakindustrie. Frau Dumont wusste, dass Tilo ständig mit jungen Frauen in Kontakt war, die als Hostessen für ihn durch die Kneipen gingen. Je mehr sie ihn beschäftigen konnte, desto geringer war die Gefahr, dass sie ihn an irgendein vollbusiges Flittchen verlor.

Im Kern sollte Tre Sorelle ein Preisausschreiben ausloben, das junge Leute ansprach. Gewinnen sollte derjenige sein, der den Korken einer Tre Sorelle-Flasche am weitesten schießen konnte. Dadurch Bezug zur Marke und Fun-Element inclusive. Junge Leute mochten so etwas, bekräftigte Frau Dumont.

In einer ersten Runde sollten die Teilnehmer sich mit Fotos und Zeugenaussagen über die erzielte Länge bewerben. Dies würde durch eine Werbekampagne befeuert werden. Aus diesen Bewerbungen würden zehn Teilnehmer zur Endausscheidung eingeladen. Dadurch weiteres Spannungselement und das Umschalten in den dynamischeren Eventmodus, der für journalistisches Coverage sehr affin war.

Als Location für die Endausscheidung hatte Frau Dumont sich eine kleine Insel an der Küste ausgesucht. “Das hat den Vorteil, dass die Journalisten nicht gleich wieder abhauen. Wir bestimmen, wann die Fähre geht.”

“Außerdem!”, Frau Dumont hielt eine Satellitenaufnahme hoch, “Die Pfaueninsel hat in etwa die Umrisse einer Tre Sorelle-Flasche, finden Sie nicht auch? Das ist das perfekte Logo für die Kampagne” Wansor legte den Kopf etwas nach links und konnte die Umrisse einer Flasche entdecken, wenn auch vage.

Der Firmenchef willigte ein, die Planung der Kampagne weiterzubetreiben. Bei der nächsten Besprechung hatte Frau Dumont Tilo Lenz mitgebracht, den sie als einen ausgewiesenen Experten vorstellte. Nachdem das entscheidungsreife Konzept vorgestellt war, musste Wansor bei der Folie mit dem Kostenvoranschlag schlucken. Doch nachdem Frau Dumont in Aussicht gestellt hatte, dass sie durch extrem hartes Verhandeln die Preise um bis zu 10% senken könnte, willigte Wansor unter dieser Maßgabe ein. Die Tre Sorelle-Korkenweitschuss-Weltmeisterschaft war geboren. Tilo musste sich vollständig auf dieses Projekt konzentrieren und war daher voll unter Frau Dumonts Kontrolle. Sie fand, dass sie einen hervorragenden Job gemacht hatte.

(147) Die Pfaueninsel war für Bürgermeister Werner Steffens seit seinem Amtsantritt ein Problem gewesen.

Die Pfaueninsel war für Bürgermeister Werner Steffens seit seinem Amtsantritt ein Problem gewesen. Zuerst die Hippies, die nachts mit ihren Lagerfeuern die Bevölkerung der kleinen Stadt beunruhigt hatten. Dann das Vogelschutzgebiet, das von irgendwelchen Naturspinnern beantragt worden war. Steffens hatte den Antrag zuerst nicht ernst genommen und dann war er plötzlich durch. Wegen Lachseeschwalben, einer Vogelart, die ihm völlig unbekannt war, obwohl er sein ganzes Leben am Meer verbracht hatte. Dann kam die Sache mit der Proseccofirma, an das er sich schon gar nicht gern erinnerte.

Und heute tauchte Frau Poll in seinem Büro auf und erzählte ihm tadelnd, dass ein junger Mann auf der Pfaueninsel vergewaltigt worden sei. Vergewaltigt! Er konnte es kaum glauben. Gendarm Pauly ermittelte, sagte die Dienststelle, und er war auch über sein Mobiltelefon nicht zu erreichen. Steffens hoffte, dass Pauly Augenmaß walten ließ. In letzter Zeit war das Städtchen immer nur mit Horrormeldungen in der Presse gewesen. Er sagte der Dienststelle, dass Pauly bei seiner Rückkehr sofort bei ihm anrufen sollte, auf jeden Fall bevor er mit der Presse sprach.

Für die darauffolgenden Woche war eine Inspektion des Vogelschutzgebietes auf der Pfaueninsel angekündigt und seit der Ankündigung vor drei Wochen hatte Steffens nachts kein Auge mehr zugemacht. Wenn er keine Lösung dafür finden würde, käme es auch auf die Vergewaltigung nicht mehr an, denn er würde sein Amt verlieren. Nicht durch die Wähler, aber von der Regionalregierung abgesetzt. Und alles wegen dieser verdammten Lachseeschwalben. Nach der Sache mit der Proseccofirma waren die Vögel weg und er hatte versucht, alles zu vertuschen. Er hatte gehofft, die Tiere einfach austauschen zu können. Aber leider gab es keine Lachseeschwalben in der Tierhandlung zu kaufen. Es gab sie in der Tat nirgendwo zu kaufen, deshalb waren sie ja auch geschützt. Er würde der Inspektionskommission auch nicht sagen können, dass die Lachseeschwalben gerade mal einen Ausflug machten und am nächsten Tag bestimmt wieder da seien. Das waren Experten, hatte man ihm gesagt. Die würden sich nicht an der Nase herumführen lassen. Was für eine Schande. Und nicht nur das. Er würde auch wegziehen müssen. Er wusste, dass seine Mitbürger eines auf den Tod nicht ausstehen konnten und das war, dass ihr Wohnort durch den Kakao gezogen wurde. Er war am Ende. Nach sechzehn Jahren im Amt, jetzt drohte das Nichts. Was sollte er mit seinem Leben anfangen? Wo sollte er hinziehen? Und alles wegen der Lachseeschwalben und dieser verdammten Proseccofirma.

(146) Zuerst dachte Elfriede Poll, dass der junge Mann sich einfach nur ausruhte.

Zuerst dachte Elfriede Poll, dass der junge Mann sich einfach nur ausruhte. Er lag angelehnt an den Sockel des Denkmals für Heinrich den Eroberer. Es war noch früh am Morgen und Frau Poll drehte ihre morgendliche Runde am Strand. Als sie nach einer halben Stunde wieder am Denkmal vorbeikam und der junge Mann noch immer in der gleichen Position dasaß, schaute sie ihn sich näher an. Sie patschte ihm leicht auf die Wangen, aber er reagierte nicht. Auch nicht, als sie ihm eine kräftigere Ohrfeige gab. Da sie nun am Ende ihrer Erste-Hilfe-Maßnahmen angekommen war, rief Frau Poll aus ihrer Wohnung die Polizei an.

Als Gendarm Pauly den Jungen etwas schüttelte, kam er langsam zu sich. “Er kommt zu sich”, bemerkte Frau Poll, die natürlich wieder herausgeeilt gekommen war, als der Gendarm auftauchte. “Ich sehe es”, grummelte der Gendarm, der alte Damen, die sich in alles einmischten, nicht ausstehen konnte. Schließlich kam der Notarzt, dann die Ambulanz und brachte den jungen Mann ins Krankenhaus. Er sprach nicht, obwohl er sichtlich alle Fragen verstand.

Gendarm Pauly hatte bei dem Mann einen Personalausweis auf den Namen Benedikt Arnold gefunden. Über die Kollegen am Wohnort des Mannes fand er heraus, dass der Student in einem Ferienhaus wohnte, und sogar in welchem. Gendarm Pauly fuhr hin, schaute sich das luxuriöse Ferienhaus von allen Seiten an und klingelte dann. Er fragte die junge blonde Frau, die ihm öffnete, wo denn Herr Arnold zu finden sei. Gendarm Pauly fragte am Liebsten zuerst Dinge, bei denen er die Antwort bereits kannte. So wusste man schneller, ob der Zeuge kooperierte oder nicht. Die junge Frau, die sich als Celia Finke auswies, sagte, dass Arnold sich auf der Insel befinde. “Die Pfaueninsel?”, fragte Gendarm Pauly. Die Frau zuckte die Schultern, aber da es keine andere Insel gab, lag die Vermutung nahe. Ein Anruf im Krankenhaus ergab, dass der junge Mann beharrlich schwieg, obwohl er den Ärzten zufolge in der Lage war, zu sprechen. “Auf zur Pfaueninsel”, beschloss Gendarm Pauly und nahm die drei Freunde des Opfers mit.

Unterwegs im Polizeiwagen und dann im Motorboot erzählten sie ihm von ihrer Begegnung mit dem schwarz gekleideten Mann. Gendarm Pauly ließ sie den Mann detailliert beschreiben, konnte sich aber nicht vorstellen, den Unbekannten zu kennen. Da er Arnolds Freunde nicht einschätzen konnte, erzählte er vorerst nicht, dass Arnold im Krankenhaus war.

Pauly kannte die Insel noch aus seiner Jugend, als er mit seinen Freunden an so mancher Sommernacht dort am Strand grillte. Es gab dort nur ein paar verwitterte Gemäuer, die sehr viel früher einmal als Quarantäne-Station bei einer Typhuswelle genutzt worden waren. Eigentlich war das Betreten der Insel seit ein paar Jahren verboten, weil dort ein Vogelschutzgebiet erklärt worden war. Natürlich nicht für Pfauen, die es niemals dort gegeben hatte, sondern wegen irgendwelcher Viecher, deren Namen Gendarm Pauly noch nie gehört hatte.

(145) Benedikt hatte schließlich eingewilligt, ein paar Tage mit seinem Vater, Kardinal Galero, zu verbringen.

Benedikt hatte schließlich eingewilligt, ein paar Tage mit seinem Vater, Kardinal Galero, zu verbringen. Er begleitete seine Freunde zurück zum Boot, das wieder am ursprünglichen Platz lag. Als er sich von ihnen verabschiedete, der Kardinal stand etwas abseits, sagte er, dass alles in Ordnung sei und er in ein paar Tagen wieder zu ihnen stoßen würde. Besonders Celia war besorgt um ihn, was ihm den Abschied schwerer machte. Sie versprach, auf ihn zu warten. Benedikt schob das Boot zurück ins Meer und winkte ihnen hinterher.

Dann gingen er und der Kardinal zurück ins Haus. Dort stand das Abendessen auf dem Tisch und sie setzten sich zum Speisen nieder. Galero sprach ein Tischgebet und Benedikt senkte den Kopf dabei.

“Was genau ist dein Angebot?”, fragte Benedikt den Kardinal. Er hatte sich vorgenommen, seinen Vater zu duzen, obwohl es ihm nicht leicht fiel.

Galero spießte ein Stück von seinem Steak auf die Gabel und beobachtete Benedikt, während er es in den Mund führte. “Benedikt”, sagte er dann, “ich habe beschlossen, dir zu vertrauen. Wenn ich nicht dir vertraue, wem denn sonst? Deshalb erzähle ich dir die Wahrheit und dann bin ich voll in deiner Hand. Du kannst dann entscheiden, was mit deinem Vater passiert. Und du kannst entscheiden, ob du sehr reich werden willst.” Benedikt hielt dem Blick seines Vaters stand. Er spürte, dass er etwas sagen musste und so antwortete er: “Ich höre.”

Kardinal Galero holte etwas weiter aus. Er erzählte von seiner Jugend, von seiner Entscheidung, Priester zu werden. Dann die Schwäche, als er Benedikts Mutter kennenlernte, aber auch die Freude, dass daraus ein so stattlicher Junge geworden sei. Das hatte ihm auch viel Kraft gegeben. “Auch heute noch, jeden Tag”, sagte der Kardinal und trank einen Schluck Rotwein. Galero erzählte von seinem Aufstieg in der Kurie. Er wurde Bischof, dann der Ruf nach Rom. Und dann wieder eine Schwäche, als er in die Kommission der Vatikanbank berufen wurde. Auf Nachfrage von Benedikt erklärte Galero, dass man an ihn herantrat und er seine Position dazu nutzte, um Gelder zu waschen. Dafür bekam er einen Prozentsatz. Galero wollte aber nicht sagen, für wen er das Geld wusch und behauptete, nicht zu wissen, woher es stammte. Als Benedikt still blieb, fuhr der Kardinal fort und sagte, dass sein Anteil auf Nummernkonten im Ausland lag und dass er jemand brauchte, um sie zu verwalten und um ihn später zu beerben. Er habe natürlich daran gedacht, selbst unterzutauchen, aber er sei zu alt dafür und wollte auf keinen Fall die Ewige Stadt verlassen.

Nach dem Abendessen saßen die beiden mit Cognacschwenkern am Kamin in der Bibliothek.

“Nun, mein Sohn?”, fragte der Kardinal, “bist du mit mir oder nicht?”

(144) Als die vier Studenten mit dem Picknick fertig waren, wollten sie wieder aufbrechen und zurückrudern…

Als die vier Studenten mit dem Picknick fertig waren, wollten sie wieder aufbrechen und zurückrudern, denn der Wind frischte auf. Als sie zur Landestelle zurückkamen, war ihr Boot weg. Es gab keine Schleifspuren, es war so, als ob das Boot einfach davongeflogen wäre. Leider hatten sie auch kein Telefon dabei und auf der anderen Küstenseite war niemand zu sehen. “Lass uns mal schauen, was es sonst auf der Insel gibt”, schlug Elli vor. Da es sonst nichts zu tun gab, stimmten die anderen ihr zu.

Nachdem sie durch die Barriere von Bäumen und Gesträuchern in Richtung Inselinnere durchgestoßen waren, fanden sie nach kurzer Zeit ein Haus aus roten Ziegelsteinen. Sie riefen, aber keiner antwortete. Georg probierte die Tür: Sie war nicht verschlossen und gut geölt. Sehr wohl fühlten sie sich nicht dabei, aber sie gingen hinein. Das Haus schien zwar voll möbliert, aber unbewohnt. Als sie noch einmal riefen, ob jemand im Haus sei, antwortete eine tiefe angenehme Männerstimme hinter ihnen “Aber ja doch.” Sie zuckten zusammen. Hinter ihnen stand ein alter, aber drahtiger Mann mit silbergrauen Haaren und einen Spitzbart in gleicher Farbe. Trotz der warmen Temperaturen draußen trug er einen schwarzen Rollkragenpullover und eine Stoffhose. “Wer sind Sie?”, fragte Benedikt. Der Alte schaute ihn intensiv an, blickte dann zu den anderen. “Könntet Ihr bitte nach draußen gehen. Ich muss etwas mit Benedikt besprechen.” – “Sie kennen meinen Namen?”, fragte Benedikt. Der Alte nickte und sagte: “Keine Angst, es ist alles in Ordnung. Ich will nur mit Benedikt alleine sprechen.” Georg, Celia und Elli berieten sich kurz mit den Augen untereinander und mit Benedikt. Dann gingen sie hinaus.

Der Alte führte Benedikt in ein holzgetäfeltes Wohnzimmer, in dem neben einem großen, aber kalten Kamin eine Ritterrüstung stand. Der Alte schenkte Rotwein aus einer Flasche in zwei Gläser, wovon er eines an Benedikt reichte. Sie setzten sich in tiefe Ledersessel. Sie tranken. Der Wein war stark und brannte Benedikt etwas in der Kehle.

“Mein Name ist Giordano Galero”, sagte der Alte. Er erzählte, dass er das Haus für Benedikt gemietet hatte, das Boot und den Picknick hatte organisieren lassen und auch das Boot hatte verschwinden lassen. “Aber keine Sorge, ich will nichts Böses, im Gegenteil.” – “Wer sind sie?”, fragte Benedikt. “Ich bin dein Vater!”, sagte Galero.

Benedikt glaubte ihm nicht und so musste Galero weiter ausholen. Er hatte Benedikts Mutter geliebt, konnte sie aber nicht heiraten, denn er war ein Mann der Kirche. “Pfarrer?”, fragte Benedikt erstaunt. “Nun ja, damals schon. Mittlerweile bin ich… was soll’s, Kardinal. Ich bin Kardinal Galero.” Der Kardinal erklärte, dass er Benedikt gerne früher kennengelernt hätte, aber das sei nicht möglich gewesen. “Was ist jetzt anders?”, fragte Benedikt. “Eine Verschiebung der Prioritäten und: Ich brauche dich. Wenn du ein paar Tage hier auf der Insel mit mir verbringst, werde ich es dir erklären. Dann kannst du immer noch ablehnen. Aber es ist ein gutes Angebot”, sagte Galero und beobachtete die Reaktion seines Sohns. Benedikts Gefühle waren völlig durcheinander. Einerseits hatte er immer seinen Vater kennenlernen wollen, aber seine Mutter hatte nie mit ihm darüber reden wollen. Einerseits wollte er Kardinal Galero glauben, aber irgendetwas in seinem Inneren blieb skeptisch.

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